Spannender Schlagabtausch

Detlev Landmesser

Stand: 17.04.2008, 20:27 Uhr

Enttäuschende Zahlen zweier Weltmarktführer, durchwachsene Konjunkturdaten sowie Hoffnungssignale vom US-Kreditmarkt zerrten die Kurse am Donnerstag hin und her.

Der L-Dax beschloss die nervöse Sitzung nur einen Punkt unter dem Vortag bei 6.706,31 Punkten. Die US-Börsen berappelten sich am Abend wieder etwas, was vor allem an einem Versuch der US-Finanzwirtschaft lag, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen. Der US-Hypothekenkonzern Freddie Mac hat dem Kauf von Hypothekenkrediten von Banken im Wert von insgesamt zehn bis 15 Milliarden Dollar zugestimmt. Es handle sich um Hypothekenkredite im Umfang von bis zu 729.750 Dollar, teilte Freddie Mac mit.Verkäufer sind Hypothekentöchter der Citigroup, JP Morgan, Wells Fargo sowie Washington Mutual.

Normalerweise kauft Freddie Mac nur Kredite im Wert von bis zu 417.000 Dollar auf. Die Erlaubnis zum Kauf von Hypotheken über diese Summe hinaus wurde im "Economic Stimulus Act" im Februar erteilt. Die US-Regierung will damit den Hypothekenmarkt stabilisieren. Je weniger Problemkredite eine Banken in der Bilanz hat, desto mehr Vertrauen darf sie vom Markt erwarten. Beruhigend wirkte zudem, dass der angeschlagene Hypothekenversicherer MGIC im ersten Quartal mit 34,4 Millionen Dollar deutlich weniger Verlust einfuhr als befürchtet.

Die Daten von der Konjunkturfront hielten sich in etwa die Waage. Der Philadelphia-Fed-Index brach im April unerwartet stark von minus 17,4 auf minus 24,9 Punkte ein - von Thomson Financial befragte Volkswirte hatten mit einer Verbesserung auf minus 15,0 Punkte gerechnet. Dagegen legte der Index der Frühindikatoren im März überraschend um 0,1 Prozent zu, der erste Anstieg seit sechs Monaten. Experten hatten einen unveränderten Wert erwartet.

Neue Rekorde bei Euro und Öl

Der Euro konnte sein Rekordniveau am Nachmittag nicht halten. Nach einem neuen Höchststand von 1,5983 Dollar am Vormittag bröckelte die Notierung unter 1,59 Dollar ab.

Spiegelbildlich zur Dollar-Schwäche setzten auch die Ölpreise ihre Rekordjagd fort. Zeitweise notierte der Preis für Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im Mai auf 115,56 Dollar und damit so hoch wie nie zuvor.

Schreck aus Finnland
Am meisten belastete Nokia die Aktienmärkte. Die Aktie des Handyriesen brach um mehr als 13 Prozent ein. Am Mittag hatten die Finnen für das erste Quartal ein operatives Ergebnis von 1,531 Milliarden gemeldet, nach 1,271 im gleichen Vorjahreszeitraum. Das war zwar ein kräftiges Plus, lag aber noch unter den Analystenerwartungen von durchschnittlich 1,791 Milliarden Euro.

Auch Pfizer enttäuschte, was der Aktie ein neues mehrjähriges Tief einbrachte. Der weltgrößte Pharmakonzern hat im ersten Quartal wegen der Konkurrenz durch Nachahmermedikamente bei einem rückläufigen Umsatz weniger verdient als im Vorjahr.

Ins Plus drehte dagegen die Aktie von Merrill Lynch. Die drittgrößte US-Investmentbank hat im ersten Quartal einen heftigen Verlust von 2,14 Milliarden Dollar erlitten und streicht insgesamt rund 4.000 Jobs. Die Bank musste wegen der Kreditkrise erneut milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. Die Wertberichtigungen summieren sich damit auf mittlerweile rund 30 Milliarden Dollar. Offenbar hatten die Investoren aber mit noch schlimmeren Daten gerechnet.

Stützend wirkten auch Ebay und IBM. Die beiden US-Aushängeschilder hatten bereits am Mittwochabend über ihr erstes Quartal berichtet. Beide Konzerne übertrafen die Erwartungen der Analysten und erfreuten mit einer Anhebung ihrer Jahresprognose.

Neue Fronten bei Tui
Stärkster Dax-Titel war die Tui-Aktie. Der Machtkampf beim Touristik- und Reederei-Konzern hat sich offenbar verschärft. Nach Informationen von "Welt Online" hat der norwegische Reeder John Fredriksen seinen Anteil an der Tui inzwischen auf 11,747 Prozent aufgestockt. Er sei damit größter Anteilseigner, noch vor Alexej Mordaschow. Der russische Milliardär hatte kürzlich seinen Anteil auf rund zehn Prozent verdoppelt. Durch die Aufstockung der beiden Lager bahnt sich auf der Hauptversammlung am 7. Mai eine Kampfabstimmung über die künftige Besetzung des Aufsichtsrates an. "Ein solcher Machtkampf ist letztlich immer gut für die Aktionäre", sagte ein Händler.

Autowerte wie BMW und Volkswagen schnitten besser ab als der Gesamtmarkt. Händler verwiesen auf Überlegungen in der Europäischen Union zu den neuen CO2-Grenzwerten. Danach müsse im Jahr 2012 wohl nur ein Teil der gesamten Fahrzeugflotte die Vorgabe erfüllen.

Studie belastet Telekomtitel
Die T-Aktie sowie die europäischen Konkurrenten wie France Telecom oder Telefonica waren nicht gut aufgelegt. Die Analysten von Lehman Brothers haben ihre Einstufung für den europäischen Telekomsektor von "Neutral" auf "Negative" gesenkt. Das Gewinnmomentum habe sich massiv verlangsamt und die Prognosen blieben anfällig, hieß es zur Begründung.

Gewinnmitnahmen bei HRE
Lange war das Papier der Hypo Real Estate schwächster Dax-Titel, was nach dem Kurssprung von fast 25 Prozent am Mittwoch kaum verwunderlich war. Die Kursgewinne waren vom bevorstehenden Einstieg des US-Finanzinvestors JC Flowers bei der Immobilienbank ausgelöst worden.

Münchener Rück deutet Gewinnrückgang an
Leicht im Minus tendierte die Aktie der Münchener Rück. Das lag wohl daran, dass Vorstandschef Nikolaus von Bomhard auf der Hauptversammlung von einem schlechten ersten Quartal sprach. Der weltweit zweitgrößte Rückversicherer stellt sich nach Belastungen durch Unwetter auf einen Gewinnrückgang in der Zwischenbilanz ein.

Freenet-Debitel-Deal fast durch?
Offenbar ist die Übernahme des Mobilfunkdienstleisters Debitel durch den kleineren Wettbewerber Freenet fast in trockenen Tüchern. "Der Vertrag ist weitestgehend ausgehandelt", sagte ein Freenet-Aufsichtsratsmitglied am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Der Aufsichtsrat werde am Freitag darüber entscheiden. Debitel-Eigner Permira solle im Zuge einer Kapitalerhöhung mit 24,9 Prozent an Freenet beteiligt werden.

Unterdessen droht Freenet-Großaktionär United Internet nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" mit einer Klage. Werde der Plan der Debitel-Übernahme beibehalten, könne er "auch persönliche Ansprüche gegen die handelnden Organmitglieder nicht ausschließen", zitierte die Zeitung vorab aus einem Brief von UI-Chef Ralph Dommermuth an den Freenet-Vorstand.

Fantasie für QSC
Ohne fundamentale Neuigkeiten setzte sich die QSC-Aktie an die TecDax-Spitze. Offenbar wirkten die positiven Aussagen des DSL-Anbieters von Mittwoch nach. "Als kurstreibender Faktor sind aber auch Übernahmefantasien nicht ausgeschlossen", sagte ein Händler, auch wenn das Unternehmen seine Eigenständigkeit im laufenden Konsolidierungsprozess betont habe.

Apax kauft bei D+S weiter zu
Der US-Finanzinvestor Apax stockt seine Beteiligung an D+S Europe weiter auf, zitierte Reuters so genannte Finanzkreise. Apax habe am Mittwoch über den Markt ein Paket von 15 Prozent erworben. Im Laufe des Vormittags seien weitere Papiere dazu gekauft worden, so dass Apax inzwischen auf einen Anteil an D+S von rund 45 Prozent komme, sagte ein Informant. Der US-Investor hatte sich zuvor bereits 27 Prozent an dem Callcenter-Betreiber gesichert und den Aktionären ein Übernahmeangebot für 13 Euro je Aktie unterbreitet.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"