Sorge vor der Zahlenflut

Detlev Landmesser

Stand: 12.01.2009, 20:21 Uhr

Mit der wohl schlechtesten Berichtssaison aller Zeiten vor Augen fällt es schwer, Aktien zu kaufen. Der Dax beendete den vierten Handelstag in Folge mit Verlusten. Zwei Milliardenübernahmen deutscher Konzerne beschäftigten die Gemüter.

Am Nachmittag meldete RWE, man habe sich mit dem niederländischen Energieversorger Essent über eine freundliche Übernahme geeinigt. Das Gebot beläuft sich auf rund 9,3 Milliarden Euro. In den vergangenen Tagen hatte es bereits Gerüchte gegeben, dass der deutsche Versorger im Rennen um Essent vorne liege. Die RWE-Aktie gab um 2,7 Prozent nach.

Der L-Dax schloss 1,65 Prozent tiefer bei 4.711,22 Punkten. Die Wall Street startete ebenfalls mit deutlichen Abschlägen in die Woche. Nach US-Börsenschluss wird Alcoa als erster großer Konzern die Berichtssaison zum vierten Quartal einläuten. Der Aluminiumriese hat bereits vor einem Ergebniseinbruch gewarnt.

Immerhin sind auch in den USA die Milliardentransaktionen noch nicht ausgestorben: Der Pharmakonzern Abbott Laboratories kündigte am Montag den Kauf des Medizintechnik-Konzerns Advanced Medical Optics für rund 1,4 Milliarden Dollar an.

Commerzbank meldet Vollzug

Von den schweren Kursverlusten in der vergangenen Woche konnte sich die Commerzbank-Aktie nur vorübergehend erholen. Sie reagierte auch kaum auf die Mitteilung des Instituts am Abend, die Übernahme der Dresdner Bank vollzogen zu haben. Die im August 2008 beschlossene Kapitalerhöhung sei am Montag ins Handelsregister eingetragen worden. Damit ist die Dresdner Bank nun eine 100-prozentige Tochter der Commerzbank. Noch im Frühjahr soll sie auf die Commerzbank verschmolzen werden. Diese zahlt der Allianz für die bisherige Tochter gut fünf Milliarden Euro. Der Abschluss war möglich geworden, nachdem die Commerzbank nochmals zehn Milliarden Euro Kapitalhilfen vom Staat bekommen hatte.

Lufthansa-Frachtvolumen bricht ein
Die Lufthansa-Aktie verlor 2,5 Prozent. Für den Dezember meldete die Fluggesellschaft weniger Passagiere. Die Zahl der Fluggäste sank im Vergleich zum Vorjahresmonat um 1,8 Prozent auf 5,05 Millionen. Im gesamten Jahr 2008 stieg die Zahl der Passagiere aber um zwölf Prozent auf 70,5 Millionen. Die Auslastung der Maschinen ging im Dezember um 1,1 Prozentpunkte auf 75,8 Prozent zurück. Besonders drastisch fiel der Rückgang im Frachtvolumen aus, das um 20 Prozent auf 131.000 Tonnen sank.

VW denkt an Kurzarbeit
Die VW-Aktie war mit einem Abschlag von 8,4 Prozent Tagesverlierer im Dax. Der größte europäische Autokonzern hat im vergangenen Jahr mit 6,23 Millionen verkauften Fahrzeugen so viel abgesetzt wie nie zuvor. Das waren 0,6 Prozent mehr als 2007, wie VW anlässlich der Detroit Motor Show mitteilte. Doch das ist Vergangenheit. Angesichts der schwierigen Auftragslage will Konzernchef Martin Winterkorn auch Kurzarbeit nicht ausschließen. Derzeit gebe es allerdings noch ausreichend Möglichkeiten, um über flexible Arbeitssysteme die Produktion an die sinkende Nachfrage anzupassen, sagte Winterkorn.

Auch vom Mutterkonzern Porsche gab es Neuigkeiten. Vorstandschef Wendelin Wiedeking kündigte einschneidende Maßnahmen und eine gedrosselte Produktion an. "Vor uns liegt ein steiniger Weg, von dem wir noch nicht wissen, wie lang er sein wird", so Wiedeking in einem Brief an die Mitarbeiter. Vor allem bei den Kosten sieht der Top-Manager "noch erhebliches Sparpotenzial, das wir heben wollen".

BMW baut wieder Autos
Die BMW-Aktie konnte ihren Tagesgewinn nicht halten. Goldman Sachs hatte das Kursziel für den Dax-Titel von 28 auf 35 Euro angehoben. BMW selbst will seinen Marktanteil in den USA in diesem Jahr trotz der schwachen Nachfrage zumindest halten. Der Konzern hat am Montag nach der verlängerten Weihnachtspause wieder mit der Produktion in drei bayerischen Werken begonnen.

EADS schon wieder verspätet
Im MDax ging es mit der EADS-Aktie talwärts. Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern hat mal wieder Probleme. Die Tochter Airbus kann die ersten Maschinen des neuen Militärtransporters A400M wohl frühestens im Jahr 2012 ausliefern. Damit deutet sich eine weitere Verspätung von zwei Jahren an. Der britische Verteidigungsminister erklärte dazu, weitere Verzögerungen bei der Auslieferung des A400M könne seine Regierung nicht akzeptieren.

Verkauft Fraport den Flughafen Hahn?
Für Fraport rückt der Ausstieg beim verlustreichen Hunsrück-Airport Hahn näher. Das Land Rheinland-Pfalz hat Interesse am Kauf der Fraport-Anteile, sagte Wirtschaftsminister Hendrik Hering am Montag in Mainz. Laut dem Minister hat Großkunde Ryanair seine Rückzugspläne gekippt. Fraport hält 65 Prozent an dem Flughafen. Ein Fraport-Sprecher sagte, das Unternehmen wolle sich zwar nicht von seiner Tochter trennen. Diese müsse aber wirtschaftlich werden. Zuvor hatte Fraport dem ehemaligen Militärflughafen ein Ultimatum bis 2010 gesetzt, um in die Gewinnzone zu kommen.

Immobilientitel fallen zurück
Deutlich stärker als der MDax verlor die IVG-Aktie. JPMorgan hat eine negative Studie über die Immobilienbranche veröffentlicht. Die jüngste Aufwärtsbewegung sei doch wohl eher die "Jagd nach einem Erholungsphantom", hieß es. Insbesondere IVG sehe überbewertet aus. Auch die Immobilientitel im SDax wie Deutsche Wohnen oder Vivacon mussten Federn lassen.

Gerry Weber verblüffend robust
Doch es gab auch positive Nachrichten aus dem SDax. Der Modehersteller Gerry Weber hat im vergangenen Geschäftsjahr 2007/08 seinen Umsatz um zwölf Prozent auf 570 Millionen Euro verbessert. Das operative Ergebnis schnellte sogar um 21 Prozent auf 62,7 Millionen Euro nach oben. Die Dividende soll daher von 50 auf 75 Cent steigen. Im laufenden Geschäftsjahr soll der Umsatz um weitere zwölf Prozent auf rund 640 Millionen Euro wachsen. Das Modeunternehmen will daneben die operative Umsatzrendite von elf auf zwölf Prozent verbessern.

Biotest feiert Zulassungs-Erfolg
Das Pharma- und Diagnostikunternehmen Biotest hat in sechs weiteren Ländern die Zulassung für das Plasmapräparat Albiomin erhalten. Mit dem Mittel lässt sich der Blutkreislauf nach starken Blutverlusten wieder auffüllen.

Sino steigert Nettogewinn
Der kleine Online-Broker Sino zog eine positive Bilanz seines Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2007/08. Der Überschuss konnte leicht um 0,7 Prozent auf 2,88 Millionen Euro erhöht werden. Dabei gingen die Orders um sieben Prozent auf 1,3 Millionen zurück. Die Zahl der Depotkunden stagnierte nahezu bei 615.

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