Sommermärchen kann Dax-Talfahrt nicht bremsen

von Notker Blechner

Stand: 13.08.2010, 20:07 Uhr

Trübes Ende einer schwachen Börsenwoche: Bereits den vierten Tag in Folge schloss der Dax im Minus - obwohl die deutsche Wirtschaft so stark wächst wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Die nachlassende Lust auf italienische Anleihen und die Konsumflaute in den USA verunsicherten die Anleger. Immerhin gab's einen kleinen Lichtblick.

An der Wall Street besserte sich die Stimmung. Der Dow Jones drehte am Freitagabend nach Xetra-Schluss ins Plus, nachdem er lange hin- und hergeschwankt war. Der S&P 500 notierte ebenfalls leicht höher. Das gab den Kursen im späten Parketthandel etwas Auftrieb. Der L-Dax schloss bei 6.127 Punkten - und damit fast auf dem Niveau des Vortags. Zu Xetra-Schluss hatte es noch deutlich schlechter ausgesehen. Der Dax beendete den Handel am Freitag, den 13. um 0,4 Prozent tiefer bei 6.110 Zählern.

Schwache Börsenwoche
Damit ist ein Ende der viertägigen Talfahrt in Sicht. In der abgelaufenen Börsenwoche hat der Dax 2,4 Prozent eingebüßt, nachdem er am Montag noch ein neues Jahreshoch erreicht hatte. Schlechte Daten und pessimistische Äußerungen der US-Notenbank hatten die Befürchtungen vor einer Eintrübung der US-Konjunktur weiter angeheizt.

Konsumlust der Amerikaner stockt

Daran änderten auch die neuesten Konjunkturdaten am Freitag nichts. Die Konsumlust in den USA bleibt nach wie vor zurückhaltend. Die Einzelhändler nahmen im Juli weniger ein als erwartet. Die Erlöse stiegen um lediglich 0,4 Prozent. Prognostiziert worden war ein Plus von 0,5 Prozent. Immerhin: Die Befürchtungen, dass die Verlangsamung des US-Wirtschaftswachstums zu einer Deflation führen, wurden am Freitag gedämpft. Die Verbraucherpreise stiegen um 0,3 Prozent. Volkswirte hatten mit einem Anstieg von 0,2 Prozent gerechnet.

Ein etwas besser als erwartet ausgefallener Index zum Verbrauchervertrauen reichte nicht aus, um die Anleger zu beschwichtigen. Zwar hellte sich das von der Universität Michigan ermittelte US-Konsumklima auf. Die Stimmung bleibe aber auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau, klagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. Der Index stieg nach vorläufigen Berechnungen von 67,8 Zählern im Juli auf 69,6 Punkte im August. Die Prognose von 69,3 Punkten wurde nur leicht übertroffen.

Stärkstes Wachstum des deutschen BIP seit Wiedervereinigung
Hoffnung auf einen positiven Börsen-Tag hatten am Morgen erfreuliche Konjunktursignale aus Deutschland gemacht: Die Wirtschaft hierzulande ist im zweiten Quartal um 2,2 Prozent gewachsen - so stark wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Das trieb zeitweise die Aktienkurse nach oben."Die Zahlen waren sensationell, sind aber jetzt schon wieder Vergangenheit", meinte Marktanalyst Jochen Intelmann von der Hamburger Sparkasse nüchtern.

Bund Future auf Höchststand
Die enttäuschend verlaufene Auktion italienischer Staatsanleihen ließ die gute Laune der Börsianer schnell wieder verfliegen. Die Nachfrage für die fünf- und fünfzehnjährigen Anleihen mit einem Volumen von fast sechs Milliarden Euro war unerwartet gering. Die Emissionen waren jeweils nur 1,2-fach überzeichnet. In den vorangegangenen Auktionen waren italienische Staatspapiere deutlich stärker gefragt gewesen. Dies weckte erneut Zweifel an der Stabilität der Staatsfinanzen einiger hoch verschuldeter Staaten in Europa. Der Euro fiel auf unter 1,28 Dollar. Der Bund-Future erreichte mit 131,50 Punkten ein neues Rekordhoch.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
15,75
Differenz relativ
-2,14%

ThyssenKrupp-Zahlen machen gute Laune
Angesichts der anhaltenden Konjunktursorgen in Europa und den USA rückten die Quartalszahlen deutscher Unternehmen etwas in den Hintergrund. Dabei konnten die sich sehen lassen. Beispiel ThyssenKrupp: der Stahlkonzern präsentierte mit einem Umsatz von 11,7 Milliarden Euro und einem Vorsteuergewinn von 414 Millionen Euro das beste Ergebnis seit sieben Quartalen. Außerdem hob ThyssenKrupp die Prognose für das Ende September ablaufende Geschäftsjahr an. Die Aktien legten um zwei Prozent zu und zählten zu den größten Dax-Gewinnern.

K+S an der Dax-Spitze
Nur die Titel von K+S waren noch stärker gefragt im Dax. Sie stiegen um rund 2,5 Prozent - dank einer Hochstufung durch Exane BNP Paribas. Die Analysten beurteilen die Aktie nun mit "neutral", nachdem sie zuvor nur ein "underperform" übrig hatten. Am Donnerstag hatte der Kali- und Salzkonzern Quartalszahlen vorgelegt, die von der Börse negativ aufgenommen wurden.

HeidelbergCement: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
58,50
Differenz relativ
-1,22%

Konjunktursorgen lasten auf HeidelCement
Erneut nach unten ging es mit der Aktie des Zementherstellers HeidelCement. Der Titel verlor ein Prozent und fiel auf den tiefsten Stand seit einem Jahr. Händler begründen den Kursrutsch mit den trüben Konjunkturaussichten in den USA. Nordamerika gilt neben Osteuropa als der wichtigste Markt für die Heidelberger.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
145,76
Differenz relativ
-0,65%

Absatzrekord von VW
Auch die VW-Aktien gaben um ein Prozent nach. Dabei konnten die Wolfsburger einen Absatzrekord vermelden. In den ersten sieben Monaten verkaufte VW vier Millionen Autos - so viel wie noch nie. Am Nachmittag wurde zudem bekannt, dass VW nach langer Suche endlich einen Partner auf dem wichtigen Automarkt in Südostasien gefunden hat. Der Autobauer vereinbarte mit dem malaysischen Unternehmen DRB-Hircom die Produktion von VW-Modellen in Malaysia ab 2012. Jahrelang hatte VW vergeblich versucht, sich mit dem malaysischen Autohersteller Proton zu verbünden.

Bauer schafft Wende
Während mit ThyssenKrupp nun die Quartalssaison der Dax-Firmen beendet ist, läuft sie in der zweiten Reihe weiter auf Hochtouren. Aus dem MDax, SDax und TecDax meldeten sich am Freitag über ein halbes Dutzend Firmen mit Quartalszahlen. Besonders gut kam die Bilanz von Bauer an. Die Aktie legte 2,7 Prozent zu und gehörte zu den größten MDax-Gewinnern. Nach einem Verlust im ersten Quartal ist der Tiefbauspezialist im zweiten Quartal wieder in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Auch der Auftragseingang entwickelte sich stark.

Anleger docken bei Hamburger Hafen an
Gut läuft es ebenfalls beim Hamburger Hafenbetreiber HHLA. Der Aufschwung in der Containerschifffahrt hat den Hanseaten im zweiten Quartal einen kräftigen Zuwachs beschert. Der Containerumschlag zog spürbar an. HHLA erhöhte daher seine Jahresziele, die Zahl der bewegten Container dürfte nun zweistellig wachsen. Die Aktien schlossen leicht im Plus nach einer Berg- und Talfahrt.

IVG zu vorsichtig
Deutlich skeptischer äußerte sich dagegen IVG zu den Zukunftsaussichten. Der Konjunkturaufschwung sei noch nicht auf dem Gewerbeimmobilien-Markt angekommen, erklärte Finanzchef Wolfgang Schäfers. Der Konzern müsse immer noch hartnäckig um Mieter werben. Deshalb traut sich IVW weiter keine konkrete Prognose für das Gesamtjahr zu, obwohl die am Freitag veröffentlichten Quartalszahlen überraschend stark waren. Das Immobilienunternehmen hat es geschafft, wieder einen Gewinn von 18 Millionen einzufahren - nach einem Verlust von 55 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Wegen der fehlenden Jahresprognose gingen die IVG-Aktien mit einem Minus aus dem Handel.

Conti denkt an neue Hochzinsanleihe
Der Autozulieferer Conti will indes erneut den Kapitalmarkt anzapfen. Laut Insiderquellen plant das hochverschuldete MDax-Unternehmen für September eine neuerliche Hochzinsanleihe mit einem Volumen von unter einer Milliarde Euro. Bereits im Juli hatte Conti eine Anleihe platziert und 750 Millionen Euro eingenommen. Der Zinssatz lag bei 8,5 Prozent. Die Conti-Aktien schlossen ein Prozent höher.

HeidelDruck unter Druck
Schlusslicht im MDax war erneut HeidelbergerDruck mit einem Minus von 3,5 Prozent. Seit Mittwoch haben die Titel rund 18 Prozent eingebrochen. Laut Händlern sorgen Spekulationen um eine vorgezogene Kapitalerhöhung für Verunsicherung. Bisher war eine solche Kapitalmaßnahme für Anfang des kommenden Jahres angekündigt.

Homag zeigt, wie's geht
Im SDax fielen die Homag-Aktien positiv auf. Sie legten rund zwei Prozent zu. Der Hersteller von Maschinen und Anlagen traut sich im Gesamtjahr mehr zu. Wegen des guten Auftragseingangs rechnet der Vorstand jetzt mit Erlösen von über 650 Millionen Euro bis Ende 2010. Im zweiten Quartal wurde ein Umsatzplus von nahezu 50 Prozent erzielt, der Gewinn lag bei 181 Millionen Euro.

Wacker Neuson wieder erstarkt
Erfreut reagierten Anleger ebenfalls auf die Zahlen von Wacker Neuson. Die Aktien zogen 1,6 Prozent an. Der Baumaschinenhersteller hat die Krise überstanden und ist im ersten Halbjahr wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt. Daraufhin erhöhte das Unternehmen seine Jahresprognose. 2009 hatte der deutsch-österreichische Konzern den ersten Verlust in seiner gut 160-jährigen Firmengeschichte erlitten.

MVV profitiert von kaltem Frühjahr
Dagegen konnte MVV Energie mit seinen Neun-Monatszahlen wenig an der Börse bewegen. Die Aktie notierte etwas leichter. Der Mannheimer Versorger hat in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres (Oktober 2009 bis Juni 2010) seine Erlöse um drei Prozent auf 2,6 Milliarden Euro gesteigert. Das um Sondereinflüsse bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag mit 251 Millionen Euro in etwa auf Vorjahresniveau. Dabei half das unerwartet kühle Wetter in den Monaten April und Mai.

H&R Wasag nicht gut genug
Die Spezialchemiefirma H&R Wasag hat im ersten Halbjahr dank des höheren Ölpreises das Betriebsergebnis um 50 Prozent und den Umsatz um 60 Prozent gesteigert. Die Niedersachsen blicken deshalb zuversichtlicher auf das Gesamtjahr und haben die Prognose angehoben. Das reichte den Anlegern nicht. Die Aktien brachen um über sieben Prozent ein und waren Schlusslicht im SDax. Gewinnmitnahmen?

Koenig & Bauer halbiert Verluste
Auch die Aktien des Druckmaschinenbauers Koenig & Bauer konnten von den Quartalszahlen nicht profitieren. Sie fielen um fast vier Prozent. Koenig & Bauer hat den Verlust in den ersten sechs Monaten deutlich von 46,8 Millionen auf 20,3 Millionen Euro reduzieren können. Der Umsatz stieg um knapp fünf Prozent auf 473,2 Millionen Euro.

Schatten über den Solarwerten
Für Solar-Aktien stand der Freitag, der 13. unter einem schlechten Stern. Fast alle Solartitel notierten im Minus. Besonders Börsenliebling SMA Solar wurde abgestraft: die Aktie verlor rund zwei Prozent. Zwar hat der Hersteller von Solarwechselrichtern den Gewinn im ersten Halbjahr versechsfacht. Doch angesichts des anhaltenden Solarbooms hatten Anleger offenbar noch etwas mehr erwartet.

Dagegen konnte Branchenkollege Roth & Rau die Anleger positiv überraschen. Der auf die Solarindustrie spezialisierte Anlagenbauer steigerte seinen Gewinn im zweiten Quartal um rund ein Viertel auf 5,6 Millionen Euro. Die Aktie drehte im Tagesverlauf trotzdem ins Minus.

Schwacher Ausblick von Sunways
Ganz hart traf es den Solarzellenhersteller Sunways. Die Aktie brach um acht Prozent ein. Sunways konnte zwar Umsatz und Gewinn deutlich steigern, Anleger hatten sich aber noch mehr versprochen. Zudem war der Ausblick sehr verhalten. Sunways rechnet lediglich mit einem Umsatzplus von 13 Prozent für das Gesamtjahr.

KSB verdient weniger
Der Pumpenhersteller KSB konnte ebenfalls die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Auftragseingang und Umsatz sanken. Das Ergebnis schrumpfte um 18,5 Millionen Euro auf 49 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr rechnet KSB mit einem Umsatz auf Vorjahresniveau und einem deutlich niedrigeren Konzernergebnis. Die Aktien von KSB verloren rund zehn Prozent.

Berentzen-Bilanz schmeckt Anlegern
Dagegen konnte der Schnaps- und Getränkespezialist Berentzen mit seinen Zahlen überzeugen. Das Ergebnis im ersten Halbjahr kletterte um 45 Prozent auf 5,1 Millionen Euro - bei rückläufigem Umsatz. Unterm Strich verdiente Berentzen 4,6 Millionen Euro. Die Aktien legten fast drei Prozent zu.

Größter Börsengang der Welt
Im Ausland sorgte die Agricultural Bank of Chjina für Schlagzeilen. Mit einem Volumen von 22 Milliarden Euro legte sie den größten Börsengang der Welt hin. Damit knackte sie den bisherigen Rekord der heimischen Konkurrentin Industrial & Commercial Bank of China (ICBC). Diese hatte bei ihrem Sprung auf das Parkett vor vier Jahren 21,9 Milliarden Dollar eingenommen.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat