Solo für die Jammerharfe

Detlev Landmesser

Stand: 23.10.2008, 20:27 Uhr

Wie tief wird die Rezession werden? Angesichts dieser Unsicherheit waren die Weltbörsen auch am Donnerstag nicht zu beruhigen. Die US-Börsen drehten am Abend wieder ins Minus.

Nur weil die Wall Street am Nachmittag nach einer Berg- und Talfahrt gerade mal wieder im Plus notierte, konnte der Dax bis zum Ende des Computerhandels das Tagesminus auf moderate 1,1 Prozent eindämmen. Dennoch waren die 4.519,70 Punkte der tiefste Schlussstand des Jahres. Der L-Dax schloss dagegen um 20:00 Uhr mit 4.406 Punkten, was nicht mehr allzu weit vom bisherigen Jahres-Verlaufstief bei 4.308 Punkten entfernt war.

Greenspan: "Jahrhundert-Tsunami"

Am Abend lagen die US-Börsen dann doch wieder deutlich im Minus. Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan deutete an, was der Weltwirtschaft blüht. Er bezeichnete die Finanzkrise als "Kredit-Tsunami, den es nur einmal in hundert Jahren gibt". In der Folge sei ein "bedeutsamer Anstieg" der Arbeitslosigkeit zu erwarten, sagte Greenspan, dem Kritiker eine erhebliche Mitschuld an der Blase auf den US-Kreditmärkten geben, vor einem Ausschuss des US-Kongresses. Erst wenn sich die Lage im Immobiliensektor entspanne, werde es wieder zu bedeutsamen Investitionen am Aktienmarkt kommen, prognostizierte der frühere Fed-Chef.

Unterdessen bereitet die US-Regierung nun auch ein milliardenschweres Paket für Hausbesitzer vor. Darlehensgarantien sollen die Banken dazu bewegen, verschuldeten Eigentümern günstigere Konditionen einzuräumen. Nach Medienberichten sind für das Programm 40 Milliarden Dollar vorgesehen.

An der Wall Street belastete unter anderem der trübe Ausblick von Amazon.com. Der weltgrößte Online-Einzelhändler blickt trotz eines kräftigen Gewinnsprungs im dritten Quartal sehr zurückhaltend auf das wichtige Weihnachtsgeschäft.

Biotech und Pharma krisenresistent
Dagegen konnte die Amgen-Aktie deutlich zulegen. Der weltgrößte Biotechkonzern nach einem überraschend gut verlaufenen Quartal seine Jahresprognose erneut angehoben. Auch Bristol-Myers Squibb kam gut an. Der US-Pharmariese hat wegen eines Sonderertrags die Prognose erhöht. Auch Konkurrent Eli Lilly erhöhte die Gewinnprognose. Der weltgrößte Paketzusteller UPS war ebenfalls gefragt, weil der Gewinneinbruch im vergangenen Quartal geringer ausfiel als befürchtet.

Daimler senkt Prognose...
Die Daimler-Aktie verlor nach der Bekanntgabe der Quartalszahlen um 12:00 Uhr bis zu neun Prozent aus, verringerte ihren Verlust dann aber deutlich. Der Umsatz des Gesamtkonzerns sank im dritten Quartal um sieben Prozent auf 23,8 Milliarden Euro. Beim Ergebnis enttäuschte vor allem das Geschäftsfeld Mercedes Benz. Hier erzielte Daimler ein Ebit von nur noch 112 Millionen Euro. Vor einem Jahr lag das Ergebnis bei 1,3 Milliarden Euro. Wegen der schwachen Marktentwicklung reduzierte der Konzern seine Ebit-Prognose für 2008 zudem von über sieben auf sechs Milliarden Euro.

... und wird an der Börse immer weniger wert
Mittlerweile entsprechen die Barmittel des Stuttgarter Autobauers fast schon der Hälfte seines Börsenwerts. Aus dem aktuellen Quartalsbericht geht hervor, dass der Bestand an Barmitteln Ende September 10,2 Milliarden Euro betrug. Damit wird das Auto- und Finanzierungsgeschäft an der Börse derzeit nur noch mit gut zwölf Milliarden Euro bewertet. Bei einer Übernahme von Daimler könnte ein Investor die Barmittel zumindest zum Teil zur Refinanzierung des Kaufpreises nutzen.

Unterdessen veröffentlichte die Ex-Tochter Chrysler für das zweite Quartal einen Verlust von mindestens 565 Millionen Dollar. Daimler hatte die Chrysler-Mehrheit im vergangenen Jahr an den US-Finanzinvestor Cerberus und verhandelt gerade über den Verkauf des Restanteils von 19,9 Prozent.

Volkswagen vor Entlassungswelle?
Volkswagen wies am Abend einen Zeitungsbericht zurück, wonach sich der Autobauer von einem Großteil oder sogar allen seiner 25.000 Leiharbeiter trennen will. Ein Konzernsprecher bezeichnete entsprechende Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" als falsch. Wie viele Leiharbeiter als Folge von Produktionskürzungen entlassen würden, sei noch nicht entschieden. Die Zeitung berichtet in ihrer morgigen Ausgabe, Konzernchef Martin Winterkorn sehe VW vor einer schweren Durststrecke. "Wir kommen um harte Einschnitte nicht herum", sagte Winterkorn laut der "FAZ" vor 500 Führungskräften in Wolfsburg.

Metro aus der Mode
Besonders stark litt aber die Metro-Aktie, die 12,4 Prozent tiefer aus dem Xetra-Handel ging. Die Analysten von Société Générale, Citigroup und Morgan Stanley senkten Kursziel oder Rating. Außerdem verdüstern sich in den Augen von Händlern die Aussichten für das Osteuropageschäft des Einzelhandelskonzerns. "Dabei war das immer der Fantasieträger."

Verwirrung um AUA
Ab 16:45 Uhr wurde die Aktie der österreichischen Fluggesellschaft Austrian Airlines (AUA) in Frankfurt wieder gehandelt - mit einem zweistelligen Aufschlag. Die Wiener Übernahmekommission hatte am Morgen eine Handelsaussetzung des Papiers erwirkt. Sie teilte mit, dass die Deutsche Lufthansa termingerecht ein Angebot für die Übernahme der angeschlagenen österreichischen Fluggesellschaft vorgelegt hat. Das Zustandekommen der Transaktion sei allerdings unsicher. Die Behörde habe sich zur Bekanntgabe des Angebots entschlossen, nachdem am Mittwoch zahllose Gerüchte um die Übernahme der AUA zu einem massiven Kurssturz der Aktie geführt hatten. Die Lufthansa, die sich für die zum Verkauf angebotenen 42,75 Prozent an der AUA interessiert, wollte die Angelegenheit nicht kommentieren.

Siemens leidet unter ABB
Der schwache Auftragseingang des Schweizer Elektrokonzerns ABB belastete die Siemens-Aktie zusätzlich. ABB hat im dritten Quartal zwar mehr verdient und umgesetzt, aber die Erwartungen beim Auftragseingang verfehlt.

Gewinnwarnung von Rheinmetall
Am Nachmittag weitete die Rheinmetall-Aktie im MDax ihre Verluste aus. Der Düsseldorfer Konzern hat seine Jahresprognose wegen der schwächelnden Automobilzuliefer-Sparte gesenkt. Rheinmetall erwartet für 2008 nun nur noch ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 250 bis 260 (Vorjahr: 270) Millionen Euro, nachdem bislang 280 bis 290 Millionen Euro angepeilt wurden. Nach neun Monaten liege das vorläufige Ebit auf dem Niveau des Vorjahres.

Praktiker verdient mehr
Ganz anders erging es der Praktiker-Aktie, die sich mit einem Plus von 16,2 Prozent an die MDax-Spitze setzte. Die Baumarktkette hat im dritten Quartal deutlich mehr verdient und ihre Jahresprognose bestätigt. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen stieg auf 50,2 Millionen Euro, der Umsatz fiel leicht auf 1,02 Milliarden Euro.

MTU erhöht Jahresprognose
Die MTU-Aktie konnte ihren Tagesgewinn nicht halten, obwohl der Triebwerkshersteller gute Quartalszahlen bekannt gegeben hatte. MTU erhöhte zudem die Jahresprognose und rechnet nun mit einem Umsatz von 2,65 Milliarden Euro und einem operativen Ergebnis von mindestens 400 Millionen Euro. In den ersten neun Monaten des Jahres stieg das Ebitda um fünf Prozent auf 295 Millionen Euro, der Umsatz legte um ebenfalls fünf Prozent auf 1,98 Milliarden Euro zu.

Comdirect besser als gedacht
Der Onlinebroker Comdirect hat seit Jahresbeginn seine Kundenzahl um 28 Prozent auf 1,285 Millionen gesteigert. Im dritten Quartal bilanzierte Comdirect jedoch weniger Gewinn als vor einem Jahr. Der Gewinn fiel mit 14,8 Millionen Euro deutlich höher aus als Analysten erwartet hatten. Für 2008 erwartet die Bank ein Vorsteuerergebnis von 70 Millionen Euro, 2010 sollen es dann 100 Millionen sein.

Puma wächst
Der Sportausrüster Puma hat im dritten Quartal ein deutliches Umsatzplus verzeichnet. Die Puma-Erlöse seien währungsbereinigt um 9,2 Prozent auf 713 Millionen Euro gestiegen, teilte die französische Konzernmutter PPR mit. Der Luxusgüterkonzern verzeichnete insgesamt einen leichten Umsatzanstieg im Quartal von knapp zwei Prozent auf 4,94 Milliarden Euro. Puma will seine detaillierte Quartalsbilanz Ende nächster Woche veröffentlichen.

Amadeus Fire will seine Prognose übertreffen
Amadeus Fire hat bei der Vorlage seiner Neunmonatszahlen die bisherige Jahresprognose nach oben korrigiert. Man sei sich sicher, den bisher erwarteten Umsatz von 100 Millionen Euro und das operative Ergebnis von 13,7 Millionen Euro zu übertreffen, teilte der Zeitarbeitsdienstleister mit. Nach neun Monaten steht bereits ein Umsatz von 83,7 Millionen Euro in den Büchern, eine Steigerung von 22,7 Prozent. Das Betriebsergebnis betrug 13,3 Millionen Euro und damit ein Drittel mehr als vor einem Jahr.

Sanofi-Schlankmacher vor dem Aus?
Die Aktie von Sanofi-Aventis geriet im Nachmittagshandel unter Druck. Die EU-Behörden hätten den Verkauf der Schlankmacher-Pille Acomplia "mit sofortiger Wirkung" vorläufig ausgesetzt, hatte der französische Pharmakonzern zuvor mitgeteilt. Der Stopp gelte für alle 18 EU-Länder, in denen das Medikament derzeit vertrieben werde, sagte ein Sanofi-Sprecher. Der viertgrößte Pharmakonzern der Welt schloss nicht aus, dass der Verkauf auch weltweit ausgesetzt wird.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr