Sechs-Tage-Rennen komplett

Detlev Landmesser

Stand: 23.07.2008, 20:25 Uhr

Mit sechs Gewinntagen in Folge hat sich der Dax um mehr als 500 Punkte von seinem Jahrestief entfernt. Dafür gab es am Mittwoch mit erfreulichen Unternehmensdaten und einem schwachen Ölpreis auch Gründe.

"Die Stimmung hat sich definitiv wieder gebessert", kommentierte ein Händler. "Allerdings traue ich dem Braten nicht so ganz. Schließlich haben wir jetzt in den vergangenen Tagen rund 500 Punkte gutgemacht - das geht mir einfach zu schnell."

Auch an der Wall Street dominierten bis zum Abend erneut die Pluszeichen. Dazu trug auch die Ankündigung von US-Präsident Bush bei, das Rettungspaket für die angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac zu unterzeichnen.

Da konnte auch die Fed nicht mehr schrecken: In ihrem am Abend veröffentlichten jüngsten Konjunkturbericht teilte die US-Notenbank mit, das Tempo der Wirtschaftsaktivität habe sich bis Mitte Juli etwas verlangsamt. Zudem sei der Preisdruck landesweit hoch oder gar gestiegen. Auch auf dem Markt für Wohnimmobilien gebe es keine Besserung.

Der US-Ölpreis sank nach den jüngsten Lagerbestandsdaten weiter. Die US-Vorräte gingen in der vergangenen Woche nicht ganz so deutlich wie erwartet zurück. Ein Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im September kostete am Abend 125,00 Dollar und damit mehr als drei Dollar weniger als am Vortag. Spiegelbildlich dazu büßte der Euro weiter Terrain ein und fiel am Abend unter die Marke von 1,57 Dollar.

US-Zahlen vorwiegend gut aufgenommen

Am Abend gab die EU-Kommission grünes Licht für die geplante Übernahme von Volkswagen durch Porsche. Der Wettbewerb in Europa werde durch das Vorhaben nicht erheblich beeinträchtigt, erklärte die Brüsseler Behörde.

Schon zuvor hatte VW Furore gemacht. Im zweiten Quartal steigerte Europas größter Autobauer seinen Gewinn um 35 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro. Der Umsatz legte um 4,5 Prozent auf 29,4 Milliarden Euro zu. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit einem Überschuss von 1,3 Milliarden und Erlösen von 28,9 Milliarden Euro gerechnet.

Die im Dax notierten Stammaktien sprangen zeitweise um 7,1 Prozent auf 210,00 Euro und damit auf ihr höchstes jemals erreichtes Kursniveau. "Dass der Gewinn bei VW trotz weiter hohem Ölpreis und hoher Rohstoffkosten so gestiegen ist, beruhigt die Gemüter", sagte ein Marktbeobachter.

Conti-Aufsichtsrat weist Schaeffler-Gebot zurück
Kurz nach Xetra-Schluss teilte Conti-Chef Manfred Wennemer mit, dass auch der Aufsichtsrat die Übernahmeofferte der Schaeffler-Gruppe ablehnt. Auf der heutigen Krisensitzung des Kontrollgremiums hatte der Vorstandschef seine Abwehrstrategie gegen die Übernahmepläne von Schaeffler vorgestellt. Laut der "Financial Times Deutschland" will er die Übernahme auch mit einer Kapitalerhöhung verhindern.

Post in allen Sparten auf Kurs
Am Abend baute die Post-Aktie ihren Tagesgewinn aus. Überraschend legte die Deutsche Post Eckdaten zum zweiten Quartal vor. "Alle Unternehmensbereiche haben die Ergebnisse des Vorjahreszeitraums vor Einmaleffekten erreicht oder übertroffen", teilte der Konzern mit. Obwohl sich das Wachstum in der Luftfrachtbranche und im Expressmarkt verlangsamt habe, habe die Post ihr Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Sondereffekten (Ebit) um 18 Prozent gesteigert. Der Umsatz sei um vier Prozent gestiegen. Die Jahresprognose bekräftigte der Konzern. Detaillierte Zahlen zum ersten Halbjahr will die Post am 31. Juli vorlegen.

Merck fällt in Ungnade
Die Merck-Aktie war der mit Abstand größte Dax-Verlierer. Der Pharma- und Spezialchemiekonzern hat im zweiten Quartal sein operatives Ergebnis um 15 Prozent auf 321 Millionen Euro verbessern können. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten hatten mit einem Wert von 326 Millionen Euro gerechnet. Der Umsatz wuchs um sechs Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Laut Finanzvorstand Michael Becker ist die Obergrenze der der Renditeprognose für die hochprofitable Flüssigkristallsparte kaum noch erreichbar.

Strabag kauft Telekom-Tochter
Der österreichische Baukonzern Strabag kauft DeTeImmobilien, den Immobilienverwalter der Deutschen Telekom. Über die finanziellen Details der Transaktion hätten die Partner Stillschweigen vereinbart, teilte Strabag am Mittwoch mit. Parallel dazu sei ein Dienstleistungsvertrag mit einer Laufzeit von zunächst zehn Jahren abgeschlossen worden. Damit werde gesichert, dass auch künftig die benötigten Dienstleistungen für die Telekom durch DeTeImmobilien erbracht würden. 2007 setzte die Telekom-Tochter, die Gebäude verwaltet und bewirtschaftet (Facility Management), rund eine Milliarde Euro um.

Tui mit Hapag-Geboten offenbar unzufrieden
Angesichts offenbar niedriger Gebote erwägt Tui angeblich, seine Reederei Hapag-Lloyd doch nicht zu verkaufen. "Ein Preis mit einer Drei vor dem Komma würde den Wert der Containersparte in keiner Weise wiedergeben", sagte eine Person aus dem Unternehmensumfeld der Nachrichtenagentur Reuters. Laut der "Financial Times Deutschland" gibt es für Hapag-Lloyd sechs bis sieben Bieter. Diese hätten drei bis mehr als vier Milliarden Euro für das Hamburger Traditionsunternehmen geboten. Tui bezeichnete die genannten Summen als Spekulationen.

Praktiker warnt
Erst auf-, dann abwärts ging es mit der Praktiker-Aktie im MDax. Die Baumarktkette hat ihren Gewinn im zweiten Quartal deutlich gesteigert und damit die Analystenerwartungen übertroffen. Der Quartalsüberschuss legte um rund acht Prozent auf 55,7 Millionen Euro zu. Allerdings reduzierte das Unternehmen seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr. Praktiker rechnet nicht mehr mit einer mittleren, sondern nur noch mit einer niedrigen einstelligen Wachstumsrate.

K+S vorerst aus der Mode
Mit Abstand stärkster MDax-Verlierer war die Aktie des Kali-Spezialisten K+S. "Angeblich platziert Morgan Stanley K+S-Papiere zum Preis von 68,25 Euro", berichtete ein Händler. Andere Marktteilnehmer sprachen dagegen von Gewinnmitnahmen, die auch Wettbewerber wie Potash und Yara erfassten.

Software AG kommt gut an
Im TecDax gewann die Software AG fast zehn Prozent an Wert. Das Darmstädter Unternehmen hat im zweiten Quartal sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um elf Prozent auf 41 Millionen Euro verbessert. Der Umsatz des zweitgrößten deutschen Softwareunternehmens stieg von 154,8 auf 168,8 Millionen Euro.

Wirecard bleibt volatil
Die Wirecard-Aktie setzte ihren Erholungskurs fort. Der Zahlungsabwickler kommt nicht aus den Schlagzeilen. Laut einem Bericht der "Wirtschaftswoche" hat die häufig als "Bilanzpolizei" bezeichnete Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) bereits Ende Juni ein Prüfverfahren gegen das TecDax-Unternehmen eingeleitet. Wichtiger war den Anlegern aber, dass der stellvertretende Vorstandschef der Aktionärsvereinigung SdK, Markus Straub, wegen seiner umstrittenen Short-Position in Wirecard-Aktien zurückgetreten ist. Unterdessen will sich die Aufsichtsbehörde BaFin auch ansehen, woher Wirecard Informationen über die Geschäfte Straubs hatte.

Morphosys gewinnt zehn Prozent
Bester TecDax-Titel war die Aktie von Morphosys mit einem Plus von zehn Prozent. Das Biotech-Unternehmen baut seine Zusammenarbeit mit dem japanischen Pharmakonzern Astellas aus. Astellas wird eine weitere Technologie von Morphosys zur schnelleren Optimierung von Antikörpern einsetzen.

Solarwerte gefragt
Die meisten Solaraktien lagen zur Wochenmitte auf der Sonnenseite. Das "Handelsblatt" berichtete, Investoren wie die Investmentgesellschaft des Emirats Abu Dhabi, Mubadala Development, interessierten sich für deutsche Unternehmen aus dem Bereich der alternativen Energien.

Bei Payom Solar half außerdem der Halbjahresbericht. Das Unternehmen hat von Januar bis Juni seine Umsatz auf 14,5 Millionen Euro vervierfacht. Das Ebit sprang von 0,27 auf 0,95 Millionen Euro.

SKW profitiert vom Stahlboom
Die SKW Stahl-Metallurgie Holding AG im zweiten Quartal ihren Umsatz um 83 Prozent auf 102,3 Millionen Euro nach oben geschraubt. Der Zulieferer für die Stahlindustrie konnte außerdem sein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) um 84 Prozent auf 9,5 Millionen Euro verbessern.

Kursgewinne bei kleinen Titeln
Die Aktie von Xing zeigte sich kräftig erholt. Analysten zeigten sich angetan von den Halbjahreszahlen des Online-Netzwerkes. Die WestLB stufte das Papier von "Add" auf "Buy" hoch, senkte das Kursziel aber von 48 auf 45 Euro. Auch die DZ Bank sprach von einem "starken Ergebnis". Im ersten Halbjahr hat Xing den Umsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 15,9 Millionen Euro fast verdoppelt. Das operative Ergebnis (Ebitda) verdreifachte sich auf 5,76 Millionen Euro.

Der SAP-Berater und Software-Anbieter Realtech wartete mit einem Umsatzplus von 17 Prozent auf 18,1 Millionen Euro auf. Der Quartalsgewinn legte von 0,9 auf 1,5 Millionen Euro zu.

Ebenfalls gut aufgelegt war die Aktie von Heiler Software. Das Unternehmen hat im abgelaufenen Quartal mit 3,59 Millionen Euro 44 Prozent mehr umgesetzt als vor Jahresfrist und mit einem Gewinn von 440 Millionen Euro wieder schwarze Zahlen geschrieben.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 17. August

Unternehmen:

Grand City Properties: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
Volkswagen: Absatz 07/18
Maersk: Halbjahreszahlen
Schindler: Halbjahreszahlen, 6:30 Uhr

Konjunktur
Deutschland: Verarbeitendes Gewerbe 06/18, 8 Uhr
EU: Verbraucherpreise 07/08 endgültig, 11:00 Uhr
USA: Frühindikatoren 07/18, 16 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen 08/18 vorläufig, 16 Uhr