Schwarzer Montag

Lothar Gries

Stand: 17.03.2008, 20:02 Uhr

Der Notverkauf der fünftgrößten US-Investmentbank Bear Stearns hat bei den Anlegern für Ausverkaufsstimmung gesorgt. Vor allem Finanzwerte wurden massiv abgestoßen. Am Dienstag richten sich die Blicke wieder auf die Notenbank Fed.

Der Dax verliert im Abendhandel 147 Punkte oder 2,3 Prozent auf 6236 Zähler.

Es war vor allem die Übernahme US-Investmentbank Bear Stearns durch den Konkurrenten JPMorgan zum Schleuderpreis von zwei Dollar je Aktie, der die Aktienmärkte am Montag europaweit belastet hat. Für Unruhe sorgten auch Spekulationen über finanzielle Probleme der US-Investmentbank Lehman Brothers, die morgen ihre Quartalszahlen veröffentlichen wird. Auch die Aktien des Hedge Fonds Man Group gerieten massiv unter Druck.

"Jeder fragt sich: Wer wird als nächstes übernommen? Gibt es ein nächstes Bear Stearns in Europa?", fragt der Analyst Edmund Shing von BNP Paribas. Das Misstrauen unter den Instituten sei enorm. So kam die Bereitstellung von Krediten zwischen den Banken am Montag nahezu zum Erliegen.

Öl und Gold fallen zurück

Unterdessen haben die Anleger neue Rekordpreise für Rohöl und Gold für Gewinnmitnahmen genutzt. Die US-Ölsorte WTI verbilligte sich auf bis zu 105,11 Dollar je Barrel (159 Liter) und lag damit knapp sieben Dollar unter dem am Morgen markierten Höchststand. Nordseeöl der Sorte Brent verlor 2,4 Prozent auf 103,63 Dollar, nachdem es zeitweise 1,7 Prozent im Plus notiert hatte. Gold konnte sein Rekordhoch von 1030,80 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) ebenfalls nicht halten und rutschte in der Spitze auf 999,80 Dollar ab.

Senkt die Fed um 100 Basispunkte?
Die US-Notenbank dürfte auf ihrer nächsten Sitzung an diesem Dienstag eine weitere Leitzinssenkung um mindestens 0,75 Prozentpunkte vornehmen. Der Leitzins könnte dann von derzeit 3,00 Prozent auf 2,25 Prozent fallen. Vor der jüngsten Zuspitzung der Krise war eine Mehrheit der Experten noch von einer Zinssenkung um lediglich 0,50 Punkte ausgegangen, während einige Analysten mittlerweile sogar eine Lockerung um 100 Basispunkte nicht ausschließen.

Tui will sich von Hapag-Lloyd trennen
Die Tui gibt dem Druck von Aktionären nach und bereitet die Abspaltung ihrer Schifffahrtstochter Hapag-Lloyd vor. Gut zehn Jahre nach der Übernahme der Container-Schifffahrtslinie sollen nun alle Optionen geprüft werden, darunter die Fusion mit einem anderen Unternehmen, der Verkauf als Ganzes und die Übertragung der Hapag-Lloyd an Dritte, wie Tui am Montag mitteite. Damit verabschiedet sich der Konzern von der Zwei-Säulen-Strategie aus Schifffahrt und Touristik, die Konzernchef Michael Frenzel jahrelang vehement verteidigt hatte. Künftig bestünde die Tui dann nur noch aus dem Reisegeschäft, das bereits 2007 größtenteils als Tui Travel ausgegliedert und an die Londoner Börse gebracht worden war. Die Aktie rutschte um 4,7 Prozent ab.

VW steigen nach Goldman-Empfehlung
Die Aktien von VW haben trotz eines deutlich fallenden Marktes mit einem Kursplus brilliert. Händler nannten eine Heraufsetzung des VW-Kursziels durch die Analysten von Goldman Sachs als Grund. Diese haben das Kursziel auf 175 von 170 Euro erhöht und das Rating bei "Neutral" belassen. Vermutungen, dass auch Porsche als Käufer auftritt, haben sich nicht bestätigt. Der Sportwagenhersteller teilte mit, er werde seinen Anteil an Volkswagen nicht eher aufstocken bis alle Regulierungsbehörden zugestimmt haben Die VW-Aktie gewinnt 4,3 Prozent.

Siemens-Börsenwert stürzt um 14 Milliarden Euro
Noch stärker als die Finanzwerte erwischte es die Siemens-Aktie. Die Bewältigung von Altlasten hat dem Technologiekonzern Siemens die Aussichten für das laufende Jahr verdorben. Wegen einer Vielzahl unrentabler Großprojekte im Kraftwerksbau, der Zugsparte und dem IT-Segment gab das Münchener Unternehmen am Morgen seine Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2007/08 auf. Allein im laufenden Quartal werde der Gewinn dadurch mit 900 Millionen Euro belastet. Die Anleger nahmen Siemens-Chef Peter Löscher die böse Überraschung übel: Die Aktie brach um mehr als 17 Prozent auf 66,42 Euro ein. Damit verlor Siemens rund 14 Milliarden Euro an Börsenwert.

MLP will Dividende anheben
Dank des erfolgreichen Geschäftsjahres 2007 schlägt der Vorstand des Finanzdienstleisters MLP eine Erhöhung der Dividende um 25 Prozent auf 50 Cent je Aktie vor (Vorjahr: 40 Cent). Vorbehaltlich der Zustimmung von Aufsichtsrat und Hauptversammlung steigt die Ausschüttungssumme damit auf 49 Mio. Euro (2006: 40 Mio. Euro).

Aareal Bank auf tiefsten Stand seit 2003
Aareal Bank verloren knapp 13 Prozent. Ein Händler sagte: "Da steht Bank drauf und aufgrund des nachhaltigen Vertrauensverlusts durch die Übernahme von Bear Stearns für nur zwei Dollar je Aktie fliehen die Investoren aus Bankwerten." Hinzu komme der Chart, ergänzte ein Börsianer. Die Aktie ist auf den tiefsten Stand seit September 2003 gefallen und mit dem Bruch der 20-Euro-Marke wurde ein negatives Signal gegeben.

Linde bleibt zuversichtlich
Der Industriegasespezialist Linde peilt im laufenden Geschäftsjahr erneut einen Umsatz- und Ergebniszuwachs an. "Für das laufende Geschäftsjahr 2008 rechnen wir auf Konzernebene erneut mit einer Steigerung des Umsatzes und einer überproportionalen Ergebnisverbesserung", sagte Konzernchef Wolfgang Reitzle. Die mittelfristigen Ziele wurden bestätigt. Die Aktie notiert als einzige neben Volkswagen im Plus.

Telekom expandiert nach Griechenland
Die Deutsche Telekom kauft knapp 20 Prozent am griechischen Telekomkonzern OTE. Der Kaufpreis liegt bei rund 2,5 Milliarden Euro. Die griechische Regierung denkt offenbar darüber nach, Teile ihres 28-prozentigen Anteils am Telekommunikationskonzern OTE an die Deutsche Telekom zu verkaufen. Dies sagte ein hoher Beamter des Athener Finanzministeriums.

Klöckner & Co mit großen Plänen
Der Stahl- und Metallhändler Klöckner & Co will in den nächsten Jahren kräftig wachsen. "Mittelfristiges Ziel innerhalb der nächsten fünf Jahre ist die Verdopplung des Umsatzes. Nicht weil wir größenwahnsinnig sind, sondern weil ich glaube, dass wir auf Augenhöhe mit den Produzenten sprechen müssen", sagte Vorstandschef Thomas Ludwig. Die Titel verlieren trotzdem.

Solarwerte unter Druck
Angeführt von Centrotherm und Q-Cells müssen die im Texdax notierten Solarwerte am Nachmittag massive Einbußen von bis zu zehn Prozent verbuchen. Bereits am Vormittag hatte der unter Druck stehende Solaranlagenbauer Conergy bekannt gegeben, dass Vorstandschef Dieter Ammer nun auch das operative Geschäft übernehmen werde.

Morphosys kooperiert
Das Biotech-Unternehmen Morphosys arbeitet mit dem niederländischen Unternehmen Crucell und dessen Technologiepartner DSM Biologics bei der Produktion von klinischem Antikörpermaterial zusammen. Finanzielle Details wurden nicht mitgeteilt.

Balda-Aktie nach Ausstieg von Wyser-Pratte auf Talfahrt
Der Handyausrüster Balda hat nach dem Ausstieg der US-Investmentbank Morgan Stanley auch den streitbaren Großaktionär Guy Wyser-Pratte verloren. Daraufhin suchten am Montag weitere Anleger das Weite: Die Balda-Aktie brach zeitweise um 15 Prozent und schloss acht Prozent schwächer bei 2,18 Euro. Das "Handelsblatt" hatte berichtet, Wyser-Pratte habe seinen Anteil von rund fünf Prozent verkauft.

Kein Kurseinbruch bei DBAG
Das Kursminus bei der Deutsche Beteiligungs AG von über 20 Prozent sieht auf den ersten Blick dramatisch aus. Allerdings wird die Aktie des SDax-Mitglieds ex Dividende gehandelt. Die Beteiligungsgesellschaft schüttet 3,50 Euro je Aktie aus.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)