Schuldenkrise bringt Märkte ins Wanken

Stand: 11.07.2011, 20:02 Uhr

Die Angst vor einem Übergreifen der Schuldenkrise auf Italien hat zum Wochenauftakt die Finanzmärkte europaweit in einen Abwärtsstrudel gezogen. Auch an der Wall Street kommt es zu massiven Kursverlusten.

Bei Börsenschluss in Frankfurt steht der Dow Jones-Index der amerikanischen Standardwerte gut 150 Punkte tiefer bei 12.505, ein Verlust von 1,2 Prozent. Noch schlimmer trifft es die Märkte in Europa. Der Dax verliert im Abendhandel 2,5 Prozent - rund 184 Punkte - und schließt bei 7.219. Im Tagesverlauf war das Börsenbarometer zeitweise bis 7.189 Zähler in die Tiefe gerauscht.

Der Standardwerte-Index der Mailänder Börse schloss vier Prozent im Minus, in Athen verlor der Leitindex ATG 2,6 Prozent. Der EuroStoxx50 sackte um 2,9 Prozent ab. "Kurzfristig braut sich wegen dieser Sorgen - es handelt sich ja nicht um Fakten, sondern Sorgen - ein perfekter Sturm für Investoren zusammen", sagte Oliver Pursche von Gary Goldberg Financial Services

Nach Ansicht von Antonio Vigni, Vorstandsmitglied der italienischen Banca Monte Paschi di Siena sind die Kurseinbrüche Folge eines Angriffs von Spekulanten. Sie würden den Fundamentaldaten der betroffenen Länder nicht gerecht, sagte der Banker.

Auch USA in Schuldenfalle
Derweil hat die Schuldenkrise auch die USA fest im Griff. Präsident Barack Obama warnte am Abend vor einem Rückfall in die Rezession. Falls es nicht bald eine Einigung mit dem Kongress gebe, drohe die Zahlungsunfähigkeit der USA. Nach zwei ergebnislosen Schuldengipfeln werde es nun jeden Tag ein Treffen mit führenden Kongressmitgliedern im Weißen Haus geben, kündigte Obama an.

Mit Spannung werden nach Börsenschluss an der Wall Street die Quartalszahlen des Aluminiumherstellers Alcoa erwartet, der traditionell die Berichtssaison eröffnet. Experten zufolge komme es dabei aber weniger auf die Zahlen an als auf den Ausblick auf die kommenden Monate.

Euro zeitweise unter 1,40 Dollar
Der Euro leidet ebenfalls unter den Italien-Sorgen. Die Gemeinschaftswährung rutscht am Nachmittag kurzzeitig unter die Marke von 1,40 Dollar, zwei Cent tiefer als am Morgen, kann sich danach aber stabilisieren. "Die Sorgen um Italien schüren die Angst vor einer Eskalation der Schuldenkrise in der Eurozone", sagte Ulrich Wortberg, Devisenexperte bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). So sind die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen in den vergangenen Tagen dramatisch gestiegen. Verstärkt wurde die Unsicherheit durch Berichte, nach denen die EZB angeblich eine Verdopplung des Rettungsschirms EFSF fordert.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Commerzbank stürzt ab
An den Aktienmärkten werden Banken- und Finanztitel am meisten von den Sorgen um die Schuldenproblematik Italiens belastet. Dabei gerät vor allem die Aktie der halbstaatlichen Commerzbank unter die Räder. Sie weitet im Handelsverlauf ihre Verluste immer weiter aus und büßte am Ende 8,6 Prozent ein, auf 2,70 Euro. Aber auch Deutsche Bank und Allianz büßen bis zu fünf Prozent ein. Bei der Münchener Rück sorgt eine Kurszielsenkung durch Analysten der HSBC dafür, dass auch dieser Titel fast vier Prozent verliert.

Auch die Aktien der italienischen Banken Unicredit und San Paolo gerieten wegen der Schuldendebatte heftig unter Druck.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Ackermann dementiert raschen Abgang
Bei der Deutschen Bank wird weiter über die Nachfolge für Vorstandschef Josef Ackermann spekuliert. Einen Bericht der "Bild-Zeitung", wonach Ackermann durch eine Doppelspitze aus Deutschland-Chef Jürgen Fitschen und Investmentbanker Anshu Jain beerbt werden soll und danach schnell das Institut verlassen werde, hat die Bank inzwischen dementiert.

Volkswagen mit Absatzrekord
Zu den größten Verlierern gehört auch die Aktie von Volkswagen. Dabei hat der Konzern im ersten Halbjahr einen neuen Absatzrekord eingefahren. Erstmals seien in diesem Zeitraum mehr als vier Millionen Fahrzeuge ausgeliefert worden, sagte Konzernchef Martin Winterkorn. Erfolgsgarant ist die Kernmarke Volkswagen. "Die Marke Volkswagen hat im ersten Halbjahr erstmals mehr als 2,5 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert, so viel wie nie zuvor", sagte Winterkorn.

Lufthansa mit gemischter Bilanz
Zu den überdurchschnittlichen Verlierern im Dax gehört auch die Aktie der Lufthansa. Dabei hat die Airline im Juni dank einer starken Nachfrage und zusätzlicher Flüge erneut deutlich zugelegt. Zusammen mit ihren Töchtern Swiss, Austrian Airlines (AUA), British Midland (BMI) und Germanwings kam die Fluggesellschaft auf 9,6 Millionen Passagiere, 3,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zuvor hatte die UBS die Aktie von "buy" auf "neutral" zurückgestuft. Nach starken Kursgewinnen in den vergangenen Monaten habe das Papier nicht mehr genügend Aufwärtspotenzial, hieß es zur Begründung.

Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Bayer und Infineon ebenfalls unter Druck
Bei Bayer geht das Auf und Ab der Aktie weiter. Nach der Erholung in der letzten Woche folgt prompt der nächste Dämpfer: der Leverkusener Konzern verliert das Patent für die "Anti-Baby-Pillen" Yasmin und Yaz. Damit drohen Umsatzeinbußen in dem Bereich. Die Investmentbank Equinet hat Bayer allerdings auf "Buy" mit einem Kursziel von 70,00 Euro belassen. Auch die Deutsche Bank empfiehlt die Aktie weiter zum Kauf.

Auch für die Aktie von Infineon geht es nach dem kräftigen Plus zu Beginn der vergangenen Woche wieder abwärts, unter die Marke von acht Euro. Grund sind nach Experteneinschätzungen schwache Vorgaben aus den USA. Dort hatten Halbleiterwerte am Freitag mit Verlusten zu kämpfen, was den Sektor nun auch in Europa belaste, so ein Händler.

Metro stemmt sich gegen Gesamtmarkt
Als einziger Dax-Wert hat sich Metro gegen den Abwärtstrend am Aktienmarkt gestemmt. Die Titel des Einzelhandelskonzerns notieren 1,16 Prozent im Plus bei 40,23 Euro. Einige Händler begründeten die Aufwärtsbewegung der Metro-Papiere mit einer Erholung, nachdem die Titel seit Anfang Juli 4,8 Prozent verloren haben. Ein Börsianer verwies auf einen Analystenkommentar von JP Morgan, in dem der jüngste Kursrückgang als übertrieben beschrieben wurde.

Baywa will Praktiker nicht
Dementierte Übernahmegerüchte haben die zuletzt schon schwer gebeutelten Aktien von Praktiker nach einem zwischenzeitlichen Plus wieder ins Minus rutschen lassen. Zuvor hatte der Agrarhändler Baywa in einer Mitteilung klargestellt, nicht an einer Übernahme der Baumarktkette interessiert zu sein. Das habe den Kurs wieder auf Talfahrt geschickt, sagte ein Marktteilnehmer.

Wacker Neuson mit neuem Chef
Der Baumaschinenhersteller Wacker Neuson bekommt als eines von wenigen börsennotierten Unternehmen in Deutschland einen türkischstämmigen Chef. Die im SDax notierte Firma berief am Montag den Bosch-Manager Cem Peksaglam als neuen Vorstandvorsitzenden. Der 43-Jährige übernimmt den Chefposten ab September von Richard Mayer, der das deutsch-österreichische Unternehmen nach dem überraschenden Rücktritt des langjährigen Vorstandschefs Georg Sick knapp ein Jahr kommissarisch geleitet hatte. Die Aktie notiert leicht im Minus und ist damit besser als der Gesamtmarkt.

Qiagen kauft zu
Ins Minus gerutscht ist auch die Aktie von Qiagen. Das Biotechnunternehmen hat am Morgen seine Übernahmeofferte für die australische Diagnostikfirma Cellestis aufgestockt und will sich damit die Zustimmung der Aktionäre zu dem Geschäft sichern. Der Konzern, der auf Laborgeräte und Tests zum Nachweis von Krankheiten spezialisiert ist, will nun sieben Prozent mehr zahlen, 3,80 Australische Dollar je Aktie. Das Volumen der Übernahme steigt damit auf rund 262 Millionen Euro.

Nestlé nascht jetzt auch in China
Der weltgrößte Lebensmittelkonzern Nestle hat einen 60-Prozent-Anteil an der chinesischen Hsu Fu Chi International übernommen und sich damit einen der führenden Süßwaren- und Gebäckhersteller des Landes einverleibt. Knapp 1,7 Milliarden US-Dollar will sich Nestle die Kontrolle über die chinesische Firma kosten lassen, die im vergangenen Jahr mit Erdnuss-Snacks und Gummibärchen einen Umsatz von rund 669 Millionen Franken (knapp 800 Millionen Dollar) erzielte. Und was macht die Aktie? Sie legt leicht zu.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"