Schuldencocktail verdirbt Börsenstimmung

Notker Blechner

Stand: 18.04.2011, 20:03 Uhr

Die Schuldenkrise droht nach Europa nun auch in die USA überzuschwappen. Die Ratingagentur S&P gab am Montag einen kräftigen Warnschuss Richtung Amerika ab. Das versetzte die Börsen in Angst und Schrecken. Zumal auch noch Gerüchte um eine Umschuldung Griechenlands die Stimmung drückten.

Nichts ist mehr sicher - auch nicht das "AAA" der USA. Die mächtige Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat am Montagnachmittag den Daumen gesenkt und den Ausblick für die Bewertung der Kreditwürdigkeit der USA von "stabil" auf "negativ" heruntergesetzt. S&P warnte Amerika mit dem Entzug der Bonitäts-Bestnote "AAA". Es sei unklar, wie Washington den ausufernden Schuldenberg reduzieren könne, erklärten die Kreditwächter. Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco, forderte die USA auf, "ihr finanzpolitisches Schicksal stärker in die Hand zu nehmen, wenn sie ihre zentrale Rolle als Herzstück der Weltwirtschaft behalten wollen". Die Verschuldung der USA hat sich inzwischen auf mehr als 60 Prozent des Bruttosozialprodukts erhöht.

Wackelndes US-Rating zieht Börsen nach unten
Die Warnschuss von S&P beschleunigte die Kurstalfahrt an den Aktienmärkten. Der Dax schloss im Xetra-Handel über zwei Prozent tiefer bei 7.027 Punkten. Im späten Parketthandel reduzierten sich die Kursverluste etwas. Der L-Dax beendete den Tag bei 7.050 Zählern. Dow Jones und Nasdaq gaben bis zum Abend rund1,5 Prozent nach. Der Goldpreis kletterte dagegen auf ein neues Rekordhoch von fast 1.500 Dollar.

Immer wieder Griechenland
Neben den USA hielt auch die europäische Schuldenkrise die Anleger in Atem. Spekulationen über eine Umschuldung Griechenlands verunsicherten die Anleger. Angeblich soll die griechische Regierung die EU und den IWF um eine Umschuldung der Verbindlichkeiten gebeten haben. Die Zeitung "Die Welt" zitierte einen griechischen Minister mit dem Satz: "Es ist nicht mehr die Frage, ob wir umschulden, sondern nur noch wann." Zudem könnte der Wahlsieg der Rechtspopulisten in Finnland die Portugal-Hilfen blockieren. Die euroskeptische Partei "Wahre Finnen", die wahrscheinlich an der neuen Regierung beteiligt wird, hatte angekündigt, den Rettungsmaßnahmen der EU für Portugal nicht zuzustimmen. "Griechenland, der Rechtsruck in Finnland mit den Konsequenzen für Portugal und dann auch noch S&P, da sind Aktienverkäufe angebracht", meinte ein Händler.

Der Euro legte eine Berg- und Talfahrt hin. Erst rutschte er unter 1,43 US-Dollar, dann legte er nach dem gesenkten Ausblick für die USA deutlich zu, bevor er erneut einbrach. Am Abend notierte die Gemeinschaftswährung wegen der Sorgen um Griechenland und des Wahlausgangs in Finnland bei 1,4230 Dollar.

Gemischte Quartalszahlen
Die Fortsetzung der US-Berichtssaison geriet in den Hintergrund. Dabei konnten sich die Zahlen der Citigroup durchaus sehen lassen. Die drittgrößte US-Bank schaffte den fünften Quartalsgewinn in Folge, auch wenn dieser mit drei Milliarden Dollar niedriger ausfiel als im Vorjahreszeitraum, Analysten hatten freilich noch schlerchtere Zahlen befürchtet. Die Aktie legt fast zwei Prozent zu.

Eine enttäuschende Bilanz legte hingegen Eli Lilly vor. Restrukturierungs- und Entwicklungskosten drückten den Gewinn von Eli Lilly um 15 Prozent auf 1,056 Milliarden Dollar. Der Umsatz legte um sechs Prozent auf 5,84 Milliarden Dollar zu. Die Aktie notiert über ein Prozent im Minus.

Infineon schraubt Prognose nach oben
Im Dax gab es nur zwei Gewinner. Spitzenreiter war Infineon mit einem Plus von 1,6 Prozent. Der Konzern hob am Montag überraschend seine Umsatzprognose für das zweite Quartal 2010/11 an. Statt 922 Millionen Euro rechnet der Chiphersteller nun mit einem Umsatzsprung auf 994 Millionen Euro. Auch das Ergebnis soll besser ausfallen als geplant. Infineon peilt inzwischen eine Gesamtergebnismarge von 20 Prozent an.

Blackrock treibt Merck-Kurs
Die Aktien von Merck konnten ebenfalls leicht zulegen - dank Blackrock. Der US-Vermögensverwalter hat die meldepflichtige Schwelle von fünf Prozent überschritten und hält nun 5,06 Prozent am Pharma- und Spezialchemiekonzern.Die Ziele von Blackrock seien zwar unklar, dennoch werde die Anteilsaufstockung positiv gesehen, sagte ein Börsianer.

Finanzwerte im Sog der griechischen Tragödie
Die Diskussion um die Umschuldung Griechenlands lastete dagegen schwer auf den Finanzwerten. Die Aktien der Commerzbank und der Allianz gaben rund fünf Prozent nach. Anleger befürchten , dass im Falle eines Hair-Cuts auf die Branche Abschreibungen zukommen könnten. Zudem bestünde die Gefahr für Bankenb, dass die Liquidität austrocknet. "Keiner weiß, wie viele griechische Staatsanleihen der jeweils andere in den Büchern hat", sagte Banken-Analyst Konrad Becker von Merck Finck. Banken und Versicherungen gehören zu den größten Gläubigern Griechenlands.

Commerzbank auf Zwei-Jahres-Tief
Die Commerzbank litt zusätzlich unter den Nachwirkungen der Pflichtwandelanleihe (Comen), die am Montag erstmals gehandelt wurde. Die Comen rutschte unter ihren Bezugspreis von 4,25 Euro und notierte am Abend bei 3,97 Euro. Das sorgte für Verkaufsdruck, der sich auf die Aktie übertrug, meinte ein Händler. Der Commerzbank-Titel waren mit 4,18 Euro so billig wie seit Jahren nicht mehr.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,26
Differenz relativ
-0,54%

Deutsche Bank behält BHF Bank
Schlechte Nachrichten gab es auch zur Deutschen Bank: Der Verkauf der BHF-Bank ist überraschend geplatzt. Das Institut wird doch nicht an die Liechtensteiner LGT-Bank veräußert. Nach Gesprächen mit den zuständigen Aufsichtsbehörden seien beide Seiten zu dem Schluss gekommen, die Transaktion nicht weiter zu verfolgen, hieß es. Stattdessen will man nun die BHF behalten. Experten gehen davon aus, dass die Bank umstrukturiert wird. Die Belastung für den Kurs der Deutschen Bank sollte sich in Grenzen halten, die Aktien des Branchenprimus verloren weniger als drei Prozent. Am Nachmittag wurde die Deutsche Bank zudem im Prozess um die Pleite des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat freigesprochen.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
21,85
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-3,06%

Stahlaktien auf der Verkaufsliste
Neben den Finanzwerten standen die Stahltitel mächtig unter Druck. Die Aktien von ThyssenKrupp und Salzgitter verloren überdurchschnittlich. Grund war eine negative Branchenstudie von Goldman Sachs. Thyssen-Papiere hätten nach den jüngsten Kursgewinnen kaum noch Luft nach oben, hieß es in der Studie. Bei Salzgitter bezweifelten die Goldman-Experten, dass das Unternehmen steigende Rohstoff-Kosten an die Kunden weiterreichen könne.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
57,26
Differenz relativ
-2,35%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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144,66
Differenz relativ
-2,26%

Wettrennen in Shanghai
Mit zahlreichen neuen Modellen auf der Automesse in Shanghai umwerben VW, Daimler & Co das Milliardenvolk im Reich der Mitte. China ist der größte Wachstumsmarkt. VW setzt auf den neuen Beetle und den "New Passat", Daimler zeigt die neue kompakte A-Klasse. "A wie Angreifen", gab Daimler-Chef Dieter Zetsche als Devise aus. Mercedes verkaufte im ersten Quartal 86 Prozent mehr Autos in China. Die Aktien von VW, Daimler und BMW verloren etwas weniger als der Gesamtmarkt.

ProSiebenSat.1 trotzt dem Markt
Zu den wenigen Gewinnern im MDax zählte ProSiebenSat.1. Die Aktien legten 0,2 Prozent zu. Laut Medienberichten wollen die Finanzinvestoren KKR und Permira ihre Anteile an der TV-Fernsehsenderkette an die Börse bringen. Damit, so hieß es, würden die Chancen des Medienkonzerns zum Aufstieg in den Dax steigen.

Japaner mischen bei Gildemeister mit
Der japanische Großaktionär Mori Seiki hat seine Anteile bei Gildemeister auf über 20 Prozent aufgestockt. Das teilte der Werkzeugmaschinenbauer mit. Gildemeister will die Japaner enger an sich binden, um sich vor einer feindlichen Übernahme zu schützen. Die Gildemeister-Aktien schlossen leicht im Minus.

Hochtief-Finanzchef geht
Ähnlich stark gaben die Titel von Hochtief nach. Am Mittag wurde bekannt, dass nach dem Vorstandschef Herbert Lütkestratkötter auch der Finanzchef Burkhard Lohr seinen Posten bald räumt. Er galt wie Lütkestratkötter als überzeugter Verfechter der Unabhängigkeit von Hochtief. Der spanische Großaktionär ACS strebt die Macht bei Hochtief an und besitzt inzwischen knapp 43 Prozent an dem Baukonzern.

Hannover Rück baut US-Geschäft aus
Die Hannover Rück hat indes ihr US-Lebensversicherungsgeschäft gestärkt. Der Rückversicher kündigte am Montag an, die Verträge aus dem US-Geschäft der Scottish Re zu übernehmen. Pro Jahr würden so 80 Millionen Dollar an zusätzlichen Einnahmen erzielt. Die Aktien der Hannover Rück gaben wegen der Sorgen um die Griechenland-Umschuldung um knapp drei Prozent nach.

Conti fährt nach Indien
Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental expandiert auf den indischen Subkontinent. Der MDax-Konzern hat Modi Tyres übernommen, die Reifensparte von Modi Rubber. Noch ist der Deal aber nicht ganz in trockenen Tüchern. Es müssten noch einige Bedingungen erfüllt werden, hieß es. Zum Preis für die Übernahme äußerte sich Conti nicht. Die Aktien verloren zwei Prozent.

Optische Täuschung bei der Aareal Bank
Die Aktie der Immobilienbank Aareal war größter Verlierer im MDax. Grund war allerdings in erster Linie der Abschlag wegen des heute gestarteten Bezugsrechtshandels im Rahmen der laufenden Kapitalerhöhung.

Schwacher Ausblick von Phoenix Solar
Das TecDax-Unternehmen Phoenix Solar hat die Anleger mit seinem vorsichtigen Ausblick für das laufende Jahr enttäuscht. Trotz der erwarteten Energiewende rechnet die Photovoltaik-Firma mit stagnierenden Umsätzen - wegen Fördereinschnitten in Deutschland und Frankreich. Im kommenden Jahr soll es dagegen wieder besser laufen. Dann rechnet Phoenix mit einem stärkeren Zuwachs bei Umsatz und dem Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit). Die Aktien verloren fast vier Prozent.

BVB fast schon Meister
Die Aktien des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund waren am Montag zunächst gefragt, schlossen aber dann doch leicht im Minus. Nach dem Sieg gegen Freiburg und der Niederlage des Verfolgers Bayer Leverkusen beim FC Bayern ist die Meisterschale den Dortmundern kaum noch zu nehmen. Der BVB führt die Tabelle vier Spieltage vor Saisonende mit acht Punkten an. Seit Saisonbeginn haben die Aktien 160 Prozent gewonnen.

AS Rom im Börsenabseits
Dagegen brachen die Aktien des italienischen Fußball-Erstligisten AS Rom um bis zu 38 Prozent auf 72 Cents ein. Schließlich wurden die Papiere vom Handel ausgesetzt. Der bisherige Mehrheitsaktionär Italpetroli hat seine Anteile zum Preis von nur 0,6781 Euro je Aktie an die Unicredit und den US-Geschäftsmann Thomas di Benedetto verkauft. Di Benedetto hält auch Anteile am britischen Traditionsklub FC Liverpool.

Rote Zahlen bei Vita 34
Der Spezialist von Einlagerung von Nabelschnurblut ist im ersten Quartal in die roten Zahlen gerutscht. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern lag bei minus 0,4 Millionen, das Konzernergebnis bei minus 0,3 Millionen Euro. Der Umsatz stieg leicht von 3,5 auf 3,7 Millionen Euro. Die Anleger hatten sich wohl mehr versprochen. Die Aktien büßten über sechs Prozent ein. In den letzten vier Wochen hatten sie allerdings kräftig um 25 Prozent zugelegt.

LVMH glänzt im ersten Quartal
Aus Europa meldete sich der Luxusgüter-Konzern LVMH mit Umsatzzahlen zu Wort. Die konnten sich sehen lassen. LVMH glänzte mit einem Zuwachs von 17 Prozent auf 5,25 Milliarden Euro. Analysten hatten nur mit fünf Milliarden gerechnet. Das Jahrhundertbeben in Japan wirkte sich bislang nicht negativ aus. Immerhin neun Prozent seines Umsatzes macht der Champagner-, Luxusuhren- , Mode- und Parfumanbieter in Japan.

Philips zieht den Stecker
Der niederländische Elektronikkonzern hat die Konsequenzen aus seinem schwächelnden TV-Geschäft gezogen. Philips will seine TV-Sparte in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem chinesischen Bildschirmhersteller TPV ausgliedern. An dem Unternehmen wird Philips noch 30 Prozent halten. Im ersten Quartal verdiente der Konzern mit 138 Millionen Euro rund ein Drittel weniger als noch ein Jahr zuvor. Grund war die schwache Entwicklung der TV-Sparte. Die Philips-Aktien schlossen 2,5 Prozent tiefer.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr