Schockwellen aus München

Stand: 29.09.2008, 20:10 Uhr

Die Beinahe-Pleite der Immobilienbank Hypo Real Estate hat die Anleger am deutschen Aktienmarkt am Montag kalt erwischt. Die HRE-Aktie brach um mehr als 70 Prozent ein, der Dax rutschte auf Zweijahrestief, Bank- und Immobilienaktien verzeichneten zweistellige Verluste.

Die Aktie der nun mit 35 Milliarden Euro geretteten Hypo Real Estate kann nach diesem denkwürdigen Montag einen unrühmlichen Rekord für sich verbuchen. Die Aktie verlor im Tagesverlauf fast 74 Prozent, in der 20-jährigen Geschichte des Dax ist ein Tagesverlust in dieser Höhe noch nie vorgekommen.

Immerhin scheint die HRE jetzt tatsächlich gerettet. Die lebensbedrohliche Schieflage der Bank gründete in Liquiditätsproblemen ihrer irischen Tochter Depfa Bank. Nun sei die Refinanzierung bis Ende 2009 gesichert, versicherte die HRE. Zwei Vorstände mussten gehen, Depfa-Chef Paul Leatherdale und HRE-Vorstand Bo Heide-Ottosen. Am Abend teilte HRE-Chef Georg Funke in einer Telefonkonferenz mit, dass seine Bank keine Kapitalerhöhung brauche. Aber: "In diesem Markt kann ich nichts garantieren".

Tiefe Verunsicherung
Die überraschende Notrettung der Bank verstärkte die tiefe Verunsicherung der Aktionäre. Quer durch alle Branchen waren am Ende des Tages Kursverluste zu verbuchen. Am schlimmsten traf es Bank- und Immobilientitel, im Dax gaben die Aktien von Postbank und Commerzbank mehr als 20 Prozent ab, das Papier der im MDax notierten Aareal Bank brach um mehr als 40 Prozent ein.

Immobilienaktien, von den Bankenproblemen eigentlich nicht betroffen, standen allein durch ihre Branchennähe zur HRE auf dem Verkaufszettel der Anleger. IVG-Immobilen und Gagfah im MDax, Patrizia, Vivacon, DIC Asset und Colonia im SDax, die Kurse brachen um bis zu 20 Prozent ein.

Andere, als "riskant" eingestufte Aktien verloren ebenfalls kräftig. Conergy und Wirecard im TecDax verbilligten sich um etwa ein Fünftel, Air Berlin-Papiere markieren nach einem Tagesverlust von mehr als 20 Prozent ein neues Allzeittief. Infineon-Aktien verloren 25,3 Prozent.

Am Ende des Tages blieb im Dax auf der Haben-Seite ein alter Bekannter: Die Volkswagen-Aktie setzte ihren unerklärlichen Kursaufschwung fort. Die Aktie gewann 7,3 Prozent. Kurstreibende Gründe konnten Beobachter dafür nicht ausmachen. Es sei ein "strategischer Käufer im Markt unterwegs", hieß es von den Händlern.

Dax verliert vier Prozent, MDax auf Dreijahrestief
Ohne die kräftigen Kursgewinne bei der Volkswagen-Aktie, die den schwachen Dax mit rund 24 Indexpunkten unterstützte, wäre der Leitindex unter die Marke von 5.800 Punkten gefallen. So blieb es bei 5.807 Zählern, einem Tagesverlust von 4,2 Prozent und einem neuen Jahrestief. Im späten Verlauf drückten weitere Kursverluste an der Wall Street den LDax noch unter die runde Marke. Der LDax beschloss den Abendhandel bei 5.751 Punkten, ein Minus von mehr als fünf Prozent.

Chaos an der Wall Street
Keine Unterstützung gab es aus den USA. Nachdem die Indizes dort am Nachmittag ebenfalls mit erheblichen Verlusten den Handel am Montag begonnen hatten, kam der Dax noch mehr unter Druck.

Am Abend, kurz vor Beendigung des Parketthandels, wurde bekannt, dass das US-Repräsentantenhaus gegen das US-Finanzpaket gestimmt habe. Der Dow Jones kurzzeitig und innerhalb weniger Minuten um 400 Punkte auf unter 10.450 Zähler. Der Euro schoss um zwei Cent nach oben.

Drei weitere Bankenrettungen
Die sehr überraschende Notrettung der Hypo Real Estate war an diesem schwarzen Montag aber nicht die einzige Bankenrettung. In den USA übernahm die Citigroup das operative Geschäft der US-Regionalbank Wachovia, sowie den Großteil der Vermögenswerte, Verpflichtungen sowie Schulden von bis zu 42 Milliarden Dollar.

Die drei Benelux-Länder retteten die gerade in Belgien sehr populäre Bank Fortis mit 11,2 Milliarden Euro. Die Aktie verlor 23,5 Prozent. Bei der französisch-belgischen Bank Dexia machten Gerüchte um eine bevorstehende Kapitalerhöhung die Runde, die Aktie verliert trotz eines Dementi durch den belgischen Finanzminister mehr als 30 Prozent.

Auch in Großbritannien ist eine weitere Bank vor dem Bankrott gerettet worden. Filialen und Spareinlagen der Hypothekenbank Bredford & Bingley werden an die spanische Bank Santander verkauft, der Rest von der britischen Regierung übernommen. Um den Verkauf zu ermöglichen, stellte das britische Finanzministerium umgerechnet rund 18 Milliarden Euro zur Verfügung.

Dass die US-Regierung und der US-Senat sich auf das 700 Milliarden Dollar schwere Kreditrettungspaket geeinigt haben, trat angesichts der Bankenkrise völlig in den Hintergrund.

Schlechte Konjunkturdaten
In den Hintergrund trat auch die Nachricht, dass die US-Verbraucher im August unerwartet wenig für ihren Konsum ausgegeben haben. Im Vergleich zum Juli stagnierten die Verbraucherausgaben. Experten hatten damit gerechnet, dass die Verbraucher 0,2 Prozent mehr ausgegeben hätten. Der Dax reagierte auf diese enttäuschende Nachricht nicht.

MUFG kauft Morgan Stanley
Die japanische Bank Mitsubishi UFJ steigt mit neun Milliarden Dollar bei der einstigen US-Investmentbank Morgan Stanley ein. Die US-Bank teilte heute kurz vor Börsenöffnung in den USA mit, dass die Japaner 9,9 Prozent der Stammaktien und 11,1 Prozent der Vorzugsaktien kaufen würden. MUFJ hatte bereits Anfang der vergangenen Woche angekündigt, sich an Morgan Stanley beteiligen zu wollen.

Hurrikane kosten eine halbe Milliarde
Der Rückversicherer Münchener Rück hat die Belastung aus den beiden jüngsten Hurrikanen geschätzt. Insgesamt würden Gustav und Ike zu Belastungen von etwa einer halben Milliarde Dollar vor Steuern führen, teilte der Münchener Konzern mit. MüRü wies ein weiteres Mal darauf hin, dass die Hurrikane und die Finanzkrise einen negativen Einfluss auf die Rückversicherungsbranche hätten, und dass nun ein "härterer Markt mit steigenden Preisen" beginne. Die Aktie verlor 2,6 Prozent.

Öl wird billiger
Der Preis für ein Fass WTI-Öl fällt am Montag um mehr als vier Prozent. Öl der Marke Brent verbilligte sich auf knapp unter 100 Dollar. Händler verwiesen auf die Erholung des Dollar gegenüber Euro und Yen, sowie der Befürchtung, dass die Bankenkrise eine rasche Erholung der Weltwirtschaft bremse.

Hapag-Lloyd-Verkauf geht in die Schlussrunde
Für den Logistikkonzern Hapag-Lloyd, eine Tochter des im MDax notierten Tui-Konzerns, haben zwei Bieter ein Angebot abgegeben. Das erste, vom so genannten Hamburger Konsortium um den Unternehmer Klaus-Michael Kühne, hat nach Medieninformationen einen Wert von etwa vier Milliarden Euro. Das andere kommt aus Singapur von der Neptune Orient Lines. Über die Höhe dieses Angebotes ist nichts bekannt. Tui-Aktien verloren 4,6 Prozent.

Fusion gescheitert, Gespräche gehen weiter
Die Verhandlungen über eine Fusion einer weiteren Tui-Tochter, der Fluggesellschaft Tuifly, mit der Thomas Cook-Beteiligung Condor und der Lufthansatochter Germanwings, sind gescheitert. Condor zog sich aus den Gesprächen zurück. Der Mutterkonzern Arcandor teilte mit, ein Dreierbündnis sei nicht attraktiv genug. Tui und Lufthansa wollen ihre Verhandlungen über einen Zusammenschluss der Töchter dennoch weiterführen.

Arcandor erhöht sein Kapital
Allen Widerrufen zum Trotz hat der angeschlagene Reise- und Handelskonzern Arcandor am Montag mitgeteilt, er plane eine Kapitalerhöhung. Die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim zeichnete die 23 Millionen Anteile zu 2,60 Euro komplett und übernahm zusätzlich Anteile der bisherigen Mehrheitseigentümerin, der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz. Damit hält Sal. Oppenheim fast 30 Prozent an Arcandor. Arcandor-Aktien schwankten am Montag stark und beendeten den elektronischen Handel mit einem Minus von zwei Prozent.

Morphosys verlängert Zusammenarbeit
Der im TecDax notierte Biotechkonzern Morphosys hat seine Zusammenarbeit mit dem japanischen Pharmakonzern Shionogi verlängert. Nach Berichten der "Euro am Sonntag" befindet sich das Unternehmen außerdem in Gesprächen über eine Zusammenarbeit mit einem weiteren Pharmaunternehmen. Die Aktie verlor 1,4 Prozent.

Schott Solar ist mutig
Der Mainzer Solarkonzern Schott Solar hat in der vergangenen Woche seine Börsenpläne um "unbestimmte Zeit" verschoben. Jetzt will Schott Solar doch am Donnerstag an die Börse. Bis Mittwoch können Aktien in der Spanne von 14,50 bis 19,50 Euro gezeichnet werden.

PWO senkt Umsatz- und Gewinnprognose
Der Autozulieferer Progress-Werk-Oberkirch hat seine Umsatz- und Gewinnprognose gesenkt. Bisher ging PWO für dieses Jahr von einem Umsatz- und Ergebniswachstum im hohen einstelligen Prozentbereich aus. Jetzt soll nur noch der Umsatz steigen, das Ergebnis aber sogar sinken. Die Aktie verlor elf Prozent.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 17. Juli

Unternehmen:
VW: Absatzzahlen Juni
Hella: vorläufige Zahlen Gj. 2017/18, 07:00 Uhr
DieboldNixdorf: Q4-Zahlen
CropEnergies: Hauptversammlung in Mannheim, ab 10:00 Uhr
Tomtom: Q2-Zahlen, 07:30 Uhr
Yara: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Rio Tinto: Q2 Operation Report
Goldman Sachs: Q2-Zahlen, 13:30 Uhr
Alstom: HV in Paris zum Zusammenschluss der Bahngeschäfte von Alstom und Siemens, 14:00 Uhr
Johnson & Johnson: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr
Telekom Austria: Q2 Trading Update, 18:00 Uhr
America Movil: Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
T-Mobile US: Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
EU: EZB-Wochenausweis, 15:00 Uhr
USA: Industrieproduktion im Juni, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Acea: Pkw-Neuzulassungen in Europa im Juni, 08:00 Uhr