Schaukelbörse hält an

Detlev Landmesser

Stand: 23.04.2008, 20:29 Uhr

Nur nicht schwindelig werden! Auch am Mittwoch setzte sich das Wechselbad an der Börse angesichts einer Fülle unterschiedlicher Impulse fort. Das dürfte so bleiben, so lange die Quartalssaison derartige Überraschungen bietet.

Der L-Dax beschloss den Tag 1,2 Prozent höher bei 6.782,89 Punkten. Gegen Mittag hatten noch Gerüchte, bei der italienischen HVB-Mutter UniCredit gebe es einen Abschreibungsbedarf von bis zu 50 Milliarden Dollar, den Markt hart getroffen. Der Dax verlor bis zu 1,1 Prozent, bis ihm die stabilen US-Futures wieder aufhalfen. Ein Analyst bezeichnete die Spekulationen als "kompletten Unsinn".

Den US-Märkten gelang es dagegen bis zum Abend, tatsächliche Hiobsbotschaften weitgehend auszublenden. Dazu trug auch die leichte Entspannung am Ölmarkt nach den zuletzt gestiegenen US-Lagerbeständen bei. Nach US-Börsenschluss werden noch Apple und Amazon über das abgelaufene Quartal berichten, was dem Markt wieder eine völlig neue Richtung geben könnte.

Einen heftigen Einbruch von über 30 Prozent erlebte die Aktie von Ambac. Der krisengeschüttelte Anleiheversicherer hat im ersten Quartal die Erwartungen der Analysten deutlich verfehlt. Unter dem Strich meldete Ambac am Mittwoch nach Abschreibungen von 3,06 Milliarden Dollar einen Verlust von 1,66 Milliarden Dollar. Wie Anleger allerdings bei dem zweitgrößten US-Monoliner auf einen positiven Geschäftsverlauf setzen konnten, bleibt schleierhaft.

Auch die UPS-Zahlen kamen nicht gut an. Der weltgrößte Paketdienst hat im ersten Quartal wegen hoher Spritpreise und der abflauenden US-Konjunktur einen Gewinnrückgang verbucht und die Jahresprognose gesenkt. Der Quartalsausweis von Boeing wurde dagegen positiv aufgenommen. Der Flugzeugbauer hat trotz eines überraschend schwachen Umsatzwachstums einen besser als erwarteten Gewinn erwirtschaftet.

Infineon-Aktie trotzt Milliardenverlust

Trotz eines Milliardenverlustes gewann die Infineon-Aktie satte 8,4 Prozent. Einschließlich der Verluste bei Qimonda und der Abschreibung von einer Milliarde Euro fiel bei Infineon ein Quartalsverlust von 1,4 Milliarden Euro an. Gerüchteweise ist aber der Finanzinvestor KKR an Infineon interessiert, was die Aktie in den Augen von Händlern antrieb. Infineon dementierte diese Gerüchte, was der Kauffreude aber keinen Abbruch tat.

Merck gefeiert
Im täglichen Dax-Rennen glänzte auch die Aktie von Merck. Der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern verdiente im ersten Quartal deutlich mehr als erwartet. Das operative Ergebnis stieg um fast die Hälfte auf 359,6 Millionen Euro. Analysten hatten durchschnittlich mit 293 Millionen Euro gerechnet. Merck verwies auf das gute Geschäft mit Flüssigkristallen sowie den Medikamenten Erbitux und Rebif.

Nachsicht für RWE
Mit der Gewinnwarnung bei RWE ging der Markt recht nachsichtig um. Der Dax-Titel schloss sogar deutlich im Plus, wobei der Auslöser der Prognosesenkung für 2008 bereits vorher durchgesickert war. Hintergrund ist der Börsengang der US-Tochter American Water, der RWE 1,25 Milliarden Dollar und damit wesentlich weniger als erwartet einbrachte. Daher könne die bisher gültige Prognose "nicht aufrechterhalten werden", teilte RWE mit. Der Essener Konzern rechnet nun mit einem Nettoergebnis leicht unter dem Niveau des Vorjahres.

Zahlen belasten VW-Aktie
Rund zwei Prozent büßte die VW-Aktie ein. Einen Tag vor der mit Spannung erwarteten Hauptversammlung hatte Volkswagen überraschend die Quartalsbilanz bekannt gegeben. Das operative Ergebnis lag mit 1,3 Milliarden Euro leicht unter der Analystenprognose von 1,38 Milliarden, war aber deutlich höher als im Vorjahr. Außerdem will VW den Anteil am schwedischen Lkw-Bauer Scania von derzeit knapp 38 auf 68,6 Prozent anheben.

UAL-Bilanz belastet Lufthansa
Größter Verlierer im Dax war die Lufthansa-Aktie mit einem Abschlag von 3,5 Prozent. Händler führten das auf die Zahlen der US-Fluglinie United Airlines zurück. Deren Mutterkonzern UAL hatte gestern einen Millionenverlust bekannt gegeben.

Neuer Rücktritt bei Siemens
Die verlogene Debatte um Schmiergeldzahlungen von Siemens hat ein weiteres Opfer gefordert. Der für die Medizintechnik zuständige Vorstand Erich Reinhardt trete zum 30. April zurück, teilte der Konzern am Nachmittag mit. Er ziehe damit die Konsequenz aus neuen Erkenntnissen zu Compliance-Vorfällen in der Sparte. Reinhardt, der letzte aus der einstigen Vorstandsriege um Heinrich von Pierer, soll dem Konzern als Berater erhalten bleiben. Vertriebsexperten halten es übrigens für kaum denkbar, etwa in Afrika Großaufträge ohne entsprechende Gefälligkeiten ergattern zu können.

TCI-Einstieg beflügelt Salzgitter
Mit einem Kurssprung von mehr als zehn Prozent reagierte die Salzgitter-Aktie im MDax auf eine Stimmrechtsmitteilung. Der britische Hedge Fonds TCI hält nach Angaben des Unternehmens 3,03 Prozent an Salzgitter. "TCI hat den Ruf eines klugen Investors", kommentierte ein Händler. Andere Investoren könnten deshalb dem Beispiel folgen.

Praktiker tiefer in Rot
Die Aktie von Praktiker legte ebenfalls kräftig zu, nachdem sie zunächst deutlich verloren hatte. Die Baumarktkette hat im ersten Quartal weniger umgesetzt und daher auch mehr Verlust gemacht als vor einem Jahr. Der operative Verlust stieg von 19,9 auf 20,8 Millionen Euro, teilte das MDax-Unternehmen mit. Als Grund für die roten Zahlen nannte Praktiker den Wintereinbruch im ansonsten umsatzträchtigen Monat März und weniger Verkaufstage im Quartal. Hinzu komme eine strategische Neuausrichtung mit weniger Rabattaktionen.

Sonderkonjunktur für SGL
Zu den stärksten MDax-Titeln zählte die SGL Group. Der Grafitspezialist hat im ersten Quartal das Ergebnis vor Zinsen und Steuern um 21,1 Prozent auf 69,4 Millionen Euro gesteigert, was etwas besser war als Analysten erwartet hatten. Der Umsatz kletterte um 9,1 Prozent auf 343,2 Millionen Euro. Angesichts weiterhin hoher Nachfrage nach Grafitelektroden aus der Aluminium- und Stahlbranche stellte SGL für das zweite Quartal ein noch stärkeres Umsatzwachstum in Aussicht.

Gea wächst im ersten Quartal kräftig
Der Bochumer Maschinenbauer Gea hat das Jahr mit deutlichen Zuwächsen begonnen. Im Kerngeschäft kletterte der Umsatz im ersten Quartal nach ersten Berechnungen um rund 20 Prozent, sagte Vorstandschef Jürg Oleas auf der Gea-Hauptversammlung. Das operative Ergebnis wuchs um 35 Prozent. Für das Gesamtjahr bekräftigte Oleas die Prognose eines Umsatzanstiegs von zehn Prozent.

IKB hat sich verrechnet
Die IKB-Aktie erholte sich zweistellig. Die angeschlagene Mittelstandsbank teilte mit, dass der operative Verlust im Geschäftsjahr 2007/08 sehr viel geringer ausfallen wird als bisher berechnet. Bisher ging die IKB von einem Jahresverlust von 800 Millionen Euro aus, jetzt, bei der Erstellung des Konzernjahresabschlusses, habe sich ein Verlust von lediglich 200 Millionen Euro ergeben. Das Ganze beruht allerdings auf einem Bilanzierungseffekt, weswegen die UniCredit ihre Verlaufsempfehlung für den Titel bestätigte - mit dem Kursziel 0,20 Euro.

Gegenwind für IDS Scheer
Mit über zehn Prozent Minus ging es im TecDax der Aktie von IDS Scheer an den Kragen. Das Software- und Beratungshaus hat sein Gewinnziel für 2008 gesenkt. Die Ebitda-Rendite werde in diesem Jahr nur um acht bis neun Prozent wachsen, teilte das Unternehmen gestern Abend mit. Bisher war IDS Scheer von etwa zehn Prozent ausgegangen. Im ersten Quartal lag die Rendite sogar nur bei vier Prozent. Im ersten Quartal sank auch der Konzernumsatz leicht auf 94,3 Millionen Euro.

Neues zu Freenet und Debitel
Zu den Übernahmeverhandlungen Freenets mit dem Debitel-Eigner Permira gab es neue Details. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte "Verhandlungskreise", offen sei nur noch die Zustimmung der Netzbetreiber T-Mobile und Vodafone D2, die in Kürze erfolgen solle. Die Freenet-Großaktionäre United Internet und Drillisch forderten unterdessen in einem erneuten Brief an Freenet, die Hauptversammlung über den Erwerb abstimmen zu lassen, was Freenet aus naheliegenden Gründen verhindern will. Die beiden Gesellschaften kontrollieren rund ein Viertel der AG und lehnen die Übernahme von Debitel ab, da sie selbst Freenet übernehmen und zerschlagen wollen.

Neue Hiobsbotschaft von Thielert
Am Abend gab es einen weiteren Tiefschlag für die verbliebenen Aktionäre von Thielert. "Der Aufsichtsrat der Thielert AG hat am 23. April 2008 die Bestellung der Vorstände Frank Thielert und Roswitha Grosser aus wichtigem Grund widerrufen und deren Anstellungsverträge außerordentlich gekündigt", teilte die Gesellschaft um 19:35 Uhr mit. Die Kursfeststellung im Frankfurter Parketthandel wurde daraufhin bei einer Notiz von 1,98 Euro ausgesetzt. Thielert und Grosser hatten ihre Ämter bereits Anfang des Monats zur Disposition gestellt. Die Gesellschaft begründete ihre Entlassung mit den laufenden Ermittlungen zur Bilanzierung der Jahre 2003 bis 2005. Gleichzeitig wackelt nun das Sanierungskonzept für das SDax-Unternehmen.

DAB Bank trotzt der Krise
Die Direktbank DAB hat trotz der Finanzkrise und Verunsicherung an den Börsen im ersten Quartal ein Rekordergebnis erwirtschaftet. Der Vorsteuergewinn stieg um sieben Prozent auf 13,5 Millionen Euro. Die Tochter der Münchner HVB profitierte unter anderem von Kostensenkungen. Die Finanzkrise hinterließ dennoch Spuren: Die DAB führte für ihre 1,1 Millionen Kunden im ersten Quartal nur noch 2,38 Millionen Wertpapiertransaktionen aus, nachdem es vor einem Jahr noch gut 3,2 Millionen waren.

M.A.X. Automation meldet Rekordquartal
Mit "Rekordwerten bei Konzernumsatz und Ergebnis" im ersten Quartal wartete die M.A.X. Automation AG auf. Der Quartalsumsatz habe um 4,9 Prozent auf 53,2 Millionen Euro zugelegt, während das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) 4,0 Millionen Euro erreicht habe, ein Anstieg von 8,7 Prozent. Auch für das Gesamtjahr 2008 stellte der Vorstand ein Rekordergebnis in Aussicht.

Tagestermine am Montag, 12. November

Unternehmen:
Lanxess: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Infineon: Q4-Zahlen, 7:30 Uhr (Jahres-Pk: 11:00 Uhr)
Euronext: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
QSC: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Talanx: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 8:00 Uhr)
Cancom: Neun-Monats-Zahlen (endgültig), 10:00 Uhr

Konjunktur:
Italien: Industrieproduktion 9/18, 10:00 Uhr
Deutschland: Ifo-Wirtschaftsklima Welt
Großbritannien: BIP Q3/18 (1. Veröffentlichung), 10:30 Uhr