Ruhe vor dem (Gipfel-)Sturm?

Stand: 20.07.2011, 20:04 Uhr

Am Tag vor dem mit Spannung erwarteten EU-Krisengipfel zeigten sich die Anleger vorsichtig. Trotz starker Apple-Zahlen konnte der Dax nur leicht zulegen. Die Zweifel an einem entscheidenden Schritt zur Lösung der Schuldenkrise halten an.

Schaffen sie es oder schaffen sie es nicht? Das ist die große Frage, die sich die Börsianer mit Blick auf die europäischen Staats- und Regierungschefs stellen. Sie hoffen darauf, dass Merkel, Sarkozy & Co am Donnerstag ein klares Signal an die Welt senden, wie die Politiker die Krise in den Griff bekommen wollen. Noch freilich ist keine Einigung bei dem geplanten neuen Griechenland-Rettungspaket in Sicht. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy treffen sich am Abend in Berlin, um ihre Meinungsunterschiede zu überwinden. EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso forderte die Staats- und Regierungschefs eindringlich zu "ehrgeizigen" Entscheidungen bei dem Gipfel auf.

Euphorie über Apple hält nur kurz

Die Hoffnung auf ein klares Signal vom Gipfel hielt den Dax im Plus. Er schloss im Xetra-Handel um 0,4 Prozent höher bei 7.221 Punkten. Im späten Parketthandel änderte sich so gut wie nichts. Der L-Dax beendete den Tag bei gut 7.221 Zählern. Von den US-Börsen gab es keinen Rückenwind. Der Dow notierte fast unverändert, die Nasdaq gab leicht nach. Am Morgen hatte alles noch nach einem sehr freundlichen Börsentag ausgesehen. Die phänomenalen Quartalszahlen von Apple trieben den Dax zunächst um über ein Prozent nach oben.

Im Vorfeld des Euro-Sondergipfels legte der Euro auf über 1,42 Dollar zu. Dagegen rutschte der Goldpreis wieder unter die Marke von 1.600 Dollar. Das gelbe Edelmetall kostete am Abend "nur" noch 1.597 Dollar.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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9,56
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Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Run auf Bankentitel
Vor allem die Finanzwerte gaben dem Dax Auftrieb. Die Aktien der Commerzbank legten über sechs Prozent zu und waren Dax-Spitzenreiter, gefolgt von den Titeln der Deutschen Bank, die über drei Prozent gewannen. Für zusätzlichen Schub bei der Commerzbank sorgte eine positive Studie der WestLB. Die Analysten hoben die Papiere der Commerzbank auf "add" an und setzten das Kursziel auf 2,80 Euro. Die Commerzbank-Aktien hätten nach dem jüngsten Rückgang das Potenzial, sich besser als der Sektor zu entwickeln, meinten sie.

Münchener Rück erhöht Preise
Auch die Aktien der Münchener Rück erholten sich kräftig. Der weltgrößte Rückversicherer hat es geschafft, nach den Tornado-Serien im ersten Halbjahr in den USA höhere Preise für Katastrophenversicherung durchzusetzen. Bei der Vertragserneuerung seien die Preise um etwa zehn Prozent gestiegen, gab die Münchener Rück auf dem Kapitalmarkt in New York bekannt. Konzernchef Nikolaus von Bomhard erklärte zudem in einem Interview mit dem "Manager Magazin", dass der Sex-Skandal bei Ergo das Neugeschäft nicht belastet habe. Lediglich 500 von 20 Millionen Kunden hätten wegen der Vorfälle ihre Verträge gekündigt. Von Bomhard vermutet hinter dem aufgedeckten Skandal eine Erpressung von ehemaligen Versicherungsvermittlern. Handelsvertreter der Hamburg-Mannheimer hatten 2007 in einer Budapester Therme eine Sex-Party gefeiert.

Alstom verdirbt Siemens den Tag
Auf der Verliererseite befanden sich dagegen die Titel von Siemens. Sie litten unter den schwachen Zahlen des französischen Konkurrenten Alstom. Dieser hat im ersten Quartal seines Geschäftsjahres einen überaschenden Umsatzeinbruch hinnehmen müssen. Immerhin bekräftigte Alstom für das Gesamtjahr die bisherigen Erwartungen.

Ceconomy ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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6,19
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Metro unter Druck
Noch deutlicher nach unten ging es mit den Titeln von Metro. Sie büßten fast ein Prozent ein und sind inzwischen so billig wie im Frühjahr 2010. Die Analysten der Credit Suisse haben das Kursziel von 50 auf 45 Euro gesenkt, die Experten von Jefferies gar von 54 auf 44 Euro. Zudem lähmt der Rechtsstreit um die Macht bei den Elektronikketten Media Markt und Saturn den Metro-Konzern. Das Landgericht Ingolstadt hat festgestellt, dass in dem von Metro geplanten Media-Saturn-Beirat Entscheidungen wohl mit einer Mehrheit von 80 Prozent fallen müssten. Damit würden die Media-Markt-Gründer Erich Kellerhals und Leopold Stiefel ihre Sperrminorität behalten.

Muss BASF warnen?
Die Aktien von BASF rutschten um über ein Prozent ab. Schuld daran sind laut Händlern Spekulationen um eine bevorstehende Gewinnwarnung des Chemie-Konzerns. Die Royal Bank of Scotland schätzt, dass die BASF ihre Ziele womöglich verfehlen werde, und hat vorsorglich die Aktien auf "hold" heruntergestuft.

ThyssenKrupp-Aktien auf Talfahrt
Die Titel von ThyssenKrupp setzten ihre Talfahrt fort und stürzten auf den tiefsten Stand seit Anfang Mai. Händler verwiesen auf fallende Preise für Industriemetalle in London und schlechte Zahlen des finnischen Stahlkochers Outokumpu. Der Konzern erlitt einen unerwartet hohen Quartalsverlust und warnte vor roten Zahlen auch im dritten Quartal.

Infineon größter Dax-Verlierer
Nicht profitieren von den Apple-Zahlen konnte der Chipkonzern Infineon. Im Gegenteil. Die Aktien waren Schlusslicht im Dax mit einem Minus von über drei Prozent. Händler zeigten sich ratlos und verwiesen auf schlechte Nachrichten des taiwanesischen Herstellers Nanya. Dieser berichtete über fallende Preise für DRAM-Speicherchips. Zudem zogen die schwachen Autowerte im Dax Infineon mit nach unten. Infineon hat sein Chipgeschäft auf die Autobranche fokussiert.

Praktiker-Chef geht, die Börse jubelt
An die MDax-Spitze katapultierten sich die Aktien von Praktiker. Sie gewannen rund acht Prozent, nachdem Praktiker-Chef Wolfgang Werner seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte. Anleger atmen offenbar auf. "Von dem aktuellen Management wurde offenbar nicht mehr viel gehalten", meinte ein Händler. Schließlich habe sich der Kurs seit Anfang Juli mehr als halbiert. Die Börse hofft nun, dass Praktiker eine passende Strategie findet, um sich im Verdrängungswettbewerb der Baumarktketten zu behaupten.

Riesenorder für EADS
Ein Großauftrag aus den USA beflügelte die Aktien der Airbus-Muttergesellschaft EADS im MDax, sie gewannen drei Prozent. Die US-Gesellschaft American Airlines hat mit 460 Kurz- und Mittelstreckenjets die größte Order in der Luftfahrt-Geschichte getätigt. Den Auftrag teilen sich Airbus und Boeing.

"Apple-Effekt" bei Dialog und Balda
Im Sog der starken Apple-Zahlen zogen mehrere deutsche Hightech-Werte kräftig an. Papiere der Chip-Firma Dialog Semiconductor, Zulieferer von Apple, sprangen um rund sechs Prozent nach oben. Der Handy-Zulieferer Balda wurde ebenfalls vom "Apple-Effekt" erfasst. Die SDax-Aktie verbuchte Kursgewinne von rund fünf Prozent. Das Unternehmen gab zudem bekannt, dass die UBS ihre Beteiligung von über fünf auf jetzt 3,7 Prozent reduziert hat.

Dürr: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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38,87
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Dürr überrascht
Spitzenreiter im SDax war Dürr mit einem Plus von sechs Prozent. Die Schwaben übertrafen mit ihren Quartalszahlen die Erwartungen und hoben die Jahresprognose an. Dürr steigerte das operative Ergebnis (Ebit) um über das 30-fache auf 32 Millionen Euro, der Umsatz erhöhte sich um die Hälfte auf 783 Millionen Euro gestiegen. Der Lackieranlagenspezialist rechnet nun mit einem Jahresumsatz von 1,75 Milliarden Euro. Erst vor kurzem hatte Dürr Erlöse von 1,65 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.

Zooplus macht Herrchen und Frauchen froh
Stark gefragt waren ebenfalls die Papiere von Zooplus, die um knapp vier Prozent stiegen. Der Tierbedarfshändler Zooplus hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz um 45 Prozent auf 112,3 Millionen Euro gesteigert. Dank eines neuen Logistikzentrums soll die Kapazität soll von 300 auf 400 Millionen Euro gesteigert werden.

MVV steigt in Walldorf ein
Unter den größten SDax-Verlierern befanden sich hingegen die Titel von MVV. Der Versorger baut seinen Stadtwerke-Verbund aus und beteiligt sich mit 25 Prozent an den Stadtwerken Walldorf. Der Gemeinderat gab grünes Licht. Zum MVV-Netz gehören die Kommunalversorger in Offenbach, Ingolstadt, Kiel und Solingen.

Phoenix Solar wird bestraft
Im TecDax waren Adva Optical und Dialog Semicondur gefragt. Top-Verlierer war dagegen Phoenix Solar. Börsianer sprachen von einer Art Gewinnwarnung. Vorstandschef Andreas Hänel hatte gegenüber der Presse gesagt, dass Phoenix mit Herausforderungen auf der Ebit-Seite zu kämpfen habe. Trotzdem werde hart daran gearbeitet, einen Gewinn zu erzielen. Die Aktien brachen um über sieben Prozent ein.

Millionen-Abschreibungen bei Solon
Auch von einer anderen Solarfirma gab es am Abend eine Hiobsbotschaft. Die angeschlagene Modulhersteller Solon muss 18 Millionen Euro wegen der Insolvenz der österreichischen Blue Chip Energy abschreiben. Solon ist mit gut 18 Prozent an den Österreichern beteiligt. Die Aktien büßten drei Prozent ein.

Pfleiderer muss wieder bangen
Kurz vor der entscheidenden außerordentlichen Hauptversammlung erlitt Pfleiderer einen neuerlichen Rückschlag. Eine Rechtsanwaltskanzlei hat beim Landgericht Frankfurt eine Anfechtungsklage gegen Beschlüsse einer Gläubigerversammlung im Juni eingereicht, bei der die Rettung des Holzverarbeiters beschlossen worden war. Die Kanzlei vertritt rund ein Dutzend Anleger. Auf einer außerordentlichen HV sollen am Donnerstag die Aktionäre auf ihre Forderungen verzichten.

Spanische Sparkasse rutscht an die Börse
Im Ausland sorgte das Börsendebüt der spanischen Sparkasse Bankia für Gesprächsstoff. Zwar fiel die Aktie am ersten Handelstag unter den Ausgabekurs, trotzdem herrschte Erleichterung in der Bankenbranche. Die spanischen Bankentitel legten zu. "Wir haben es inmitten eines echten Sturms auf den Märkten geschafft", jubelte Bankia-Verwaltungsratschef Rodrigo Rat und stieß mit Champagner auf das Börsendebüt an.

United Technologies glänzt, Altria hustet
Aus den USA meldeten neben Apple United Technologies und Altria ihre Quartalszahlen. Während United Technologies die Erwartungen übertraf und die Prognose anhob, fielen die Zahlen von Altria unspektakulär aus. Wegen rückläufigen Zigarettenverkäufen und einer Steuerbelastung brach der Überschuss um 57 Prozent auf 312 Millionen Euro ein. United Technologies steigerte hingegen den Umsatz um neun Prozent und den Gewinn um satte 19 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet der Hersteller von Otis-Aufzügen und Pratt&Whitney-Triebwerken mit einem Gewinnzuwachs von 13 bis 15 Prozent. Trotzdem gaben die Aktien fast drei Prozent nach. Am Donnerstag geht die Flut von US-Quartalszahlen mit Morgan Stanley, Pepsico, Eli Lilly und Microsoft weiter.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)