Rot dominiert die Börsen

Stand: 11.08.2009, 20:01 Uhr

Die Konjunkturpessimisten schwingen wieder das Zepter. Der Dax beendet die Börsensitzung mit 2,4 Prozent Verlust, an den US-Börsen prangen ebenfalls dicke Minuszeichen. Das Bild von der allmählichen Stabilisierung der Wirtschaft hat Risse bekommen.

Die tief sitzenden Ängste der Anleger wurden wach gekitzelt durch Nachrichten aus dem Großhandel. Die Händler leeren nämlich ihre Lager stärker als gedacht. Die Lagerbestände im Großhandel fielen im Juni gegenüber dem Vormonat um 1,7 Prozent, Volkswirte hatten nur mit einem Rückgang um 0,9 Prozent gerechnet. Das könnte man so deuten, dass die Unternehmen nicht an eine wachsende Nachfrage glauben.

Weitere Belastungsfaktoren: Die Lohnstückkosten sanken deutlich. Das könnte nun wieder den US-Konsum abwürgen - die wichtigste Stütze der amerikanischen Wirtschaft. Zwar gibt es auch positive Konjunktursignale aus den Vereinigten Staaten, die Produktivität verbesserte sich schließlich im Umfeld von Lohnkürzungen und Entlassungen. Doch das nimmt mancher zum Anlass, steigende Zinsen ins Gespräch zu bringen.

Angst vor der Fed

Anleger sind außerdem sehr vorsichtig vor der Sitzung der Notenbank Fed am Mittwoch. Nicht, dass ein Zinsentscheid erwartet würde. Vielmehr ist man auf den Konjunkturausblick der Fed gespannt. Der könnte die Märkte bewegen. Investoren sind auch unsicher, ob die Fed ihre alternativen geldpolitischen Maßnahmen noch einmal ausweitet oder aber auslaufen lässt.

Belastend wirkte auch die mögliche Insolvenz des US-Finanzdienstleisters CIT. Zudem sprachen viele Experten von einer überfälligen Korrektur.

Minus, minus, minus
Allerdorten dominieren die Minuszeichen, wobei sie in den USA zum New Yorker Mittagshandel noch mäßig ausfallen. Der Dow Jones gibt 0,9 Prozent nach bis auf 9.255, der Nasdaq Composite sinkt 1,2 Prozent bis auf 1.968. Der Dax beendet den Tag im Xetrahandel mit einem Minus von 2,4 Prozent und 5.286 Punkten, der L-Dax auf dem Frankfurter Parkett schließt ein wenig höher bei 5.297.

"Viele warten auf den Einstieg"
"Heute ist es wirklich schwierig, etwas zum Markt zu sagen", kommentierte Fidel Helmer, Chefhändler bei Hauck & Aufhäuser. "Es tut sich angesichts der auslaufenden Berichtssaison sehr wenig und die Umsätze sind so gering wie lange nicht mehr." Nachdem die Kurse fünf Wochen lang fast ungebrochen zugelegt hätten, "kann eine technische Korrektur auch einmal zwei oder drei Tage lang dauern". Einen Belastungsfaktor sah Helmer zudem im schwächelnden Euro. Längerfristig ist der Experte für die Börsen jedoch optimistisch: "Viele institutionelle Anleger sind noch nicht investiert und warten auf solche günstigen Einstiegsgelegenheiten wie heute."

Alle Dax-Titel im Minus
Im Dax gab es nicht eine Aktie, die ein Plus in den Feierabend retten konnte. Abwärts ging es vor allem für konjunkturabhängige Unternehmen wie Adidas. Und für Aktien aus der Finanzbranche, CIT hatte eben Breitenwirkung. Neuigkeiten gab es von der angeschlagenen Privatbank Sal. Oppenheim, sie erhöhte ihr Eigenkapital mit Hilfe der Deutschen Bank um 300 Millionen Euro.

Aktien von ThyssenKrupp verloren aus charttechnischen Gründen, der Aufwärtskanal ist angekratzt. Bei Bayer belasten Gerüchte über eine Kapitalerhöhung in Höhe von sechs bis sieben Milliarden Euro, obwohl der der Pharma- und Chemiekonzern diese dementiert.

Der Lufthansa hat zwar über steigende Passagierzahlen im Juli berichtet. Das nützt der Aktie aber nichts. Selbst Allianz-Papiere, die sich aus charttechnischen Gründen lange an der Spitze der Dax-Gewinnerliste hielten, tauchen ab.

Continental: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
135,45
Differenz relativ
-0,37%

Ende der Querelen bei Conti?
Während im Dax überall rote Vorzeichen prangen, gibt es im MDax durchaus einige Gewinner. Conti verbuchen sogar stattliche sechs Prozent Kurszuwachs und sind damit Spitzenreiter in dem Nebenwerteindex. Anleger setzen darauf, dass nun Ruhe in das Unternehmen einkehrt. Denn es zeichnet sich ein Ende des monatelangen Machtkampfes zwischen dem Autozulieferer und seinem Großaktionär Schaeffler ab. Wie aus Aufsichtsratskreisen verlautete, sieht der geplante Kompromiss vor, dass Conti-Chef Karl-Thomas Neumann abberufen wird.

Gagfah, Tognum und Leoni verlieren
Auf der MDax-Verliererliste finden sich dagegen Gagfah und Tognum mit Kursverlusten zwischen acht und zehn Prozent. Bei dem Immobilienkonzern Gagfah belastet eine Platzierung von zehn Millionen Aktien durch Goldman Sachs. Bei dem Motorenhersteller Tognum drückt der schlechter als erwartet ausgefallene Quartalsbericht und die pessimistischere Jahresprognose. Leoni enttäuschte ebenfalls durch die Bank mit seinen Zahlen, zudem kündigte der Autozulieferer einen Fehlbetrag für 2009 von rund 130 Millionen Euro an. Hier halten sich die Kursverluste aber in Grenzen. Tui muss sich darauf einstellen, dass die Ex-Tochter Hapag-Lloyd mehr Geld braucht als gedacht - das schickt Tui-Aktien sechs Prozent in den Keller.

Heideldruck sucht weiter nach Investor
Ganz anders Heideldruck, die nach Quartalszahlen 11 Prozent einknicken. Hier werden Gewinnmitnahmen als Grund genannt. Die Quartalsbilanz des angeschlagenen Druckmaschinen-Hersteller ist indes in Teilen ganz passabel ausgefallen, so konnte die Auftragserosion im ersten Geschäftsquartal gestoppt werden. Das Unternehmen sucht weiter nach einem finanzkräftigen Investor, konkrete Pläne für eine Kapitalerhöhung gibt es aber laut Vorstandschef Bernhard Schreier nicht. Wenig kursbewegend waren die Quartalsbilanzen von Rational und Douglas. Bei Celesio kursierten Gerüchte über eine bevorstehende Gewinnwarnung. Das Unternehmen dementierte zwar, die Aktie blieb dennoch unter Druck.

Qiagen wachstumsstark
Erstaunlicherweise koppelt sich der TecDax von der Börsenschwäche ab. An der Indexspitze thront die Qiagen-Aktie mit etwa acht Prozent Kursgewinn. Der Biotech-Zulieferer hat im zweiten Quartal ein über den Markterwartungen liegendes Gewinnwachstum verbucht und seine Jahresziele leicht erhöht.

Aixtron hochgestuft
Aufwärts schwingt sich auch die Aixtron-Aktie - eine positive Studie der Deutschen Bank ist der Kurstreiber, sie stufte den Wert von "Hold" auf "Buy" herauf. Die Analysten setzen auf den LED-Boom.

Bechtle schwächelt
Auf der Verliererseite steht dagegen TecDax-Kollege Bechtle. Bei dem IT-Dienstleister sind im zweiten Quartal die Erlöse und das Vorsteuerergebnis zurückgegangen. Immerhin stieg die operative Ergebnismarge. Die Aktie reagiert jedoch mit Kursverlusten.

Was geschieht mit Escada?
Die Börse stellt sich auf die Pleite des Luxusmode-Herstellers Escada ein. Die Aktien des schwer angeschlagenen Münchner Unternehmens stürzten am Dienstag zeitweise um 44 Prozent ab auf 1,30 Euro und waren damit einer der größten Kursverlierer am Kapitalmarkt. Um 15 Uhr endete die Umtauschfrist für eine 200 Millionen Euro schwere Unternehmensanleihe. Davon hängt die Zukunft des Modeunternehmens ab. Wenn nicht mindestens 80 Prozent der Gläubiger dem Angebot zustimmen und damit auf große Teile ihrer Forderungen verzichten, droht Escada nach eigenen Angaben noch in dieser Woche die Insolvenz. Das Ergebnis lag am Abend noch nicht vor.

Aktien des Konkurrenten Hugo Boss profitieren von den Pleite-Spekulationen, der Kurs des MDax-Papiers schraubt sich mehr als acht Prozent hoch. "Dann wäre ein Konkurrent weg, zumal Boss ja verstärkt in den Bereich Damenmode expandieren will", sagte ein Händler.

Aareal überzeugt, Patrizia nicht
Im SDax bilden Aareal die beiden Gegenpole. Die Aktie des Immobilienunternehmens Patrizia rauscht neun Prozent abwärts. Ein heftiger Gewinnrückgang im zweiten Quartal belastet. Damit das Unternehmen sein Ziel, das Gesamtjahr mit einem Ergebnis an der Gewinnschwelle abzuschließen, erreichen könne, bedürfe es eines kräftigen Anstieg beim Verkauf größerer Immobilienportfolios, betonte Unicredit-Analyst Andre Remke.

Dagegen schießt die Aareal-Aktie sechs Prozent in die Höhe. Das staatlich gestützte Institut bleibt trotz einer höheren Risikovorsorge im zweiten Quartal bei seiner Prognose. Die Zahlen waren im Rahmen der Erwartungen. Andreas Pläsier von M.M.Warburg sprach zudem von einer weiter guten Kostendisziplin und will seine Schätzungen für die Risikovorsorge nach unten korrigieren.

Der SDax-Kollegen Grammer kreiert nach Quartalszahlen zeitweise ebenfalls hohe Kursgewinne. Der Autozulieferer berichtet zwar von Umsatzeinbußen und Verlusten. Doch der eingeschlagene Sparkurs beginnt zu greifen. "Mit den eingeleiteten Anpassungsmaßnahmen ist der Grammer-Konzern allerdings zukünftig gut aufgestellt, um für die Zeit nach der Krise wieder profitabel wachsen zu können", sagte Grammer-Chef Kempis.

Freenet gibt Drillisch Schub
Drillisch-Aktien legen nach Quartalszahlen deutlich zu. Die Beteiligung an Freenet hat dem Mobilfunkanbieter im ersten Halbjahr einen Rekordgewinn beschert. Dank der Anteile an dem größeren Konkurrenten verfünffachte sich der Konzernüberschuss von 11 Millionen Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum auf 56 Millionen Euro. "Die Zahlen sind besser als erwartet", lobte ein Händler. Zudem habe Drillisch das Jahresziel für den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) bestätigt, der über den Konsensschätzungen der Analysten liege. Lediglich die rückläufige Entwicklung der Kundenzahl sehe "ein wenig schwach" aus. Da die Aktie auch charttechnisch gut aussehe, habe sie Aufwärtspotenzial bis zum nächsten wichtigen Widerstand bei 4,20 Euro.

Zahlenflut aus den hinteren Reihen
Außerhalb der Indizes gab es ebenfalls eine Flut von Zwischenbilanzen, so von KWG, Masterflex, Centrosolar und Manz. Der Solarmodulhersteller Centrosolar rutschte im ersten Halbjahr tief in die Verlustzone wegen der Pleite des Gemeinschaftsunternehmens Itarion. Der Solar- und Maschinenhersteller Manz Automation verbuchte im zweiten Quartal einen massiven Umsatzeinbruch verzeichnet und rutschte tiefer in die roten Zahlen. Ebenso schauen Anleger bei Masterflex in die Röhre. Der Spezialist für Kunststoff-Schläuche erleidet kräftige Umsatzeinbußen, und Restrukturierungskosten sorgen für Verluste. Als recht wachstumsstark erweist sich dagegen KWG, die Immobilienfirma baute Umsatz und Ergebnis deutlich aus.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"