Richtungslos in die Halbzeit

Notker Blechner

Stand: 30.06.2010, 20:11 Uhr

Die Entwicklung des Dax am letzten Juni-Tag war symptomatisch für das erste Halbjahr: der Leitindex trat auf der Stelle. Am Mittwoch wurden Anleger hin- und hergerissen zwischen schwachen US-Konjunkturdaten und guten Nachrichten aus der Bankenwelt.

Mit 5.966 Punkten schloss der Dax im Xetra-Handel und 5.969 Zählern im späten Parketthandel (L-Dax) nahezu auf dem Niveau, wo er Anfang des Jahres begonnen hatte. Eine Null-Performance! Kleiner Trost: der große Bruder, Dow Jones entwickelte sich schlechter, er büßte in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres rund fünf Prozent ein. Die Griechenland-Krise und die Sorgen um die weitere Konjunkturentwicklung bremsten die Börsen im ersten Halbjahr.

Ob der Dax in der zweiten Jahreshälfte wieder an Schwung gewinnt, ist fraglich. Viele Anleger hätten sich wegen der hohen Volatilität zurückgezogen und würden sich auch weiterhin zurückhalten angesichts der zu erwartenden dünnen Umsätze im Sommergeschäft, sagte DWS-Fondsmanager Udo Rosendahl gegenüber boerse.ARD.de. Optimisten und Pessimisten liegen inzwischen gleichauf. Laut der wöchentlichen Umfrage von Deutsche Börse und Cognitrend unter institutionellen Investoren setzen nur 39 Prozent der Anleger auf steigende Kurse. 40 Prozent rechnen kurzfristig mit fallenden Kursen. Es bleibt also spannend!

Geldnot der Banken weniger groß als befürchtet

Nach dem gestrigen Kurseinbruch hatte es am Mittwochvormittag zunächst nach einer kräftigen Erholung ausgesehen. Der Dax lugte zeitweise über die Marke von 6.000 Punkten. Die Befürchtungen vor Refinanzierungsproblemen der Banken wegen des morgen auslaufenden Jahrestenders der Europäischen Zentralbank (EZB) erwiesen sich als unbegründet. "Viel Wind um nichts", meinte ein Börsianer. Die Notenbank teilte den Banken des Euroraums für drei Monate mit 131,9 Milliarden Euro fast 80 Milliarden Euro weniger zu als erwartet. Das deutet darauf hin, dass die Branche hinreichend mit Liquidität gesegnet ist. Am Donnerstag wird ein Ein-Jahres-Tender der EZB über 442 Milliarden Euro fällig. Das heißt: die Bankenbranche muss der Notenbank diese beachtliche Summe überweisen.

Der Euro reagierte ebenfalls positiv und kletterte auf über 1,23 Dollar. Nach der Veröffentlichung des Chicago-Einkaufsmanagerindex purzelte die Gemeinschaftswährung aber wieder nach unten und notierte am Abend bei 1,2230 Dollar.

Kalte Dusche aus den USA

Am Nachmittag kam die Ernüchterung aus den USA: die neuesten Arbeitsmarktdaten enttäuschten. Nach Angaben des Dienstleisters Automatic Data Processing (ADP) stieg im Juni die Zahl der Beschäftigten im Privatsektor um lediglich 13.000. Volkswirte hatten mit einem deutlich höheren Anstieg von 60.000 Stellen gerechnet.

Keine Überraschung dagegen war, dass sich der Chicago-Einkaufsmanagerindex leicht eintrübte - von 59,7 Punkten im Mai auf 59,1 Zähler im Juni. Analysten hatten mit einem noch stärkeren Rückgang auf 59,0 Punkten gerechnet. Die Zahlen signalisieren ein anhaltendes Wachstum im verarbeitenden Gewerbe im Großraum Chicago an. Die Daten sind wegweisend für den nationalen US-Einkaufsmanagerindex (ISM), der morgen veröffentlicht wird.

Moody's prüft Herabstufung Spaniens
Am Abend nach dem Börsenschluss in Frankfurt trudelten noch Nachrichten zu Spanien ein. Die Ratingagentur Moody's prüft derzeit das AAA-Rating auf eine mögliche Herabstufung. Wegen der sich verschlechternden Wirtschaftsaussichten sei eine Herabstufung um eine oder maximal Stufen möglich. Die Prüfung soll innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden.

Wahl-Drama in Berlin
Neben den USA blickten die Anleger auch nach Berlin, wo der neue Bundespräsident gewählt wird. Die Schlappe für den Unions-Kandidaten Christian Wulff, der in den beiden ersten Wahlgängen die absolute Mehrheit verpasste, sorgte Händlern zufolge am Markt für leichte Verunsicherung. "Jetzt kracht es zwischen schwarz und gelb", meinte ein Händler. Am Abend findet der entscheidende dritte Wahlgang statt, dann reicht die einfache Mehrheit.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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10,54
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+1,60%

Banken-Aktien obenauf
An den Aktienmärkten waren vor allem Bankentitel gefragt. Die Aktien der Deutschen Bank legten 1,5 Prozent zu und zählten zu den größten Dax-Gewinnern. Die unerwartet niedrige Nachfrage nach dem EZB-Tender sorgte für Entspannung. Zudem zeigten sich die Banken offen für einen Stresstest in Deutschland.

MAN erobert die Spitze
Dax-Spitzenreiter war allerdings MAN mit einem Plus von über zwei Prozent. Der Konzern spürt die Konjunkturerholung und will die Kurzarbeit an seinen deutschen Standorten stark reduzieren. Die Nachfrage nach Lkw, Bussen und Motoren wachse, erklärte der Konzern.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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57,61
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Daimler hat noch Potenzial
Gut lief es ebenfalls für die Aktien der Premium-Autobauer. Eine positive Studie von JP Morgan beflügelte Daimler. Die Erwartungen an das Pkw-Geschäft von Daimler seien zu konservativ, hieß es. Auch das Lkw-Geschäft sieht man positiv. Der Markt unterschätze zudem die Gewinnaussichten für den Autokonzern. Die Analysten hoben ihr Kursziel von 50 auf 55 Euro an. Die Daimler-Aktien stiegen um 1,7 Prozent. Im Sog von Daimler gewannen auch die BMW-Papiere 0,4 Prozent.

FMC zieht es nach Russland
Neuigkeiten gab's von Fresenius Medical Care (FMC). Der Dialyse-Spezialist kauft in Russland zu. Das Unternehmen übernimmt KNC, einen privaten Betreiber von Dialysekliniken. Der jährliche Umsatzbeitrag aus der Transaktion liegt bei 25 Millionen Dollar. Die Anleger reagierten nüchtern: die Aktien von Fresenius Medical Care schlossen fast unverändert.

Stahlwerte unter Druck
Die Talfahrt bei den Stahlwerten setze sich am Mittwoch fort. ThyssenKrupp und Salzgitter büßten rund ein Prozent ein. Die EU-WEettbewerbshüter verdonnerten mehrere Stahlkonzerne zu einer Geldbuße von fast einer halben Milliarden Euro wegen Preisabsprachen. 276 Millionen Euro muss allein der weltgrößte Stahlkonzern ArcelorMittal blechen. ThyssenKrupp und Salzgitter waren von der Kartellstrafe nicht betroffen.

Sticht Rheinmetall EADS aus?
Aus dem MDax ragte die Rheinmetall-Aktie mit einem Plus von über vier Prozent heraus. Laut einem Medienbericht will die Bundeswehr offenbar Rheinmetall den Zuschlag für neue Drohnen geben. Bisher hatte sich EADS mit seiner Drohne "Talarion" Hoffnungen gemacht, von der Bundeswehr auserwählt zu werden. Die EADS-Aktie fiel dagegen leicht.

Zusätzlich litt EADS unter einer Entscheidung der Welthandelsorganisation WTO. Diese verurteilte die staatlichen Hilfen für Airbus bei der Finanzierung des A 380. Boeing forderte deshalb Airbus aus, die vier Milliarden Dollar erhaltene Anschubfinanzierung zurückzuzahlen.

Kann Leoni überraschen?
Ganz oben im MDax standen auch die Leoni-Papiere mit einem Plus von fast vier Prozent. Die Commerzbank hat das Kursziel des Autozulieferers von bisher 20 Euro auf 21,50 Euro angehoben und die Kaufempfehlung bekräftigt. Zur Begründung hieß es, Leoni werde wohl seine Jahresprognose deutlich übertreffen.

Arques mit kleinem Quartalsgewinn
Die Beteiligungsgesellschaft Arques ist im vergangenen Geschäftsjahr 2009 noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Der Verlust lag bei 153 Millionen Euro. Die mittlerweile aus dem SDax entfernte Firma nannte die "notwendige Bereinigung von Altlasten und die risikoreduzierende Portfoliobereinigung" als Grund. Immerhin konnte das Unternehmen im ersten Quartal 2010 einen Gewinn von gut einer Million Euro ausweisen. Das beflügelte die Aktie. Sie stieg um fast sechs Prozent.

Portugal lehnt Telefonica-Offerte ab
Im Ausland sorgte die spanisch-portugiesische Telefonschlacht für Schlagzeilen. Telefonica hat am Mittwoch sein Angebot für die Übernahme des brasilianischen Mobilfunkbetreibers Vivo um zehn Prozent auf 7,15 Milliarden Euro aufgestockt. Dies sei das letzte und definitive Angebot. Doch am Nachmittag lehnte die portugiesische Regierung die neuerliche Offerte von Telefonica ab und berief sich auf die "Goldene Aktie", die Lissabon ein Veto-Recht bei strategisch wichtigen Entscheidungen des einstigen Staatsunternehmens Portugal Telecom einräumt. Die Vivo-Anteile befinden sich in der Hand von Portugal Telecom. Die Aktien von Telefonica gaben ihre Kursgewinne ab, die Papiere von Portugal Telecom büßten rund drei Prozent ein.

Biotech-Fusion in den USA
In den USA bahnt sich derweil eine neue Groß-Fusion in der Biotech-Branche an. Celgene will den Rivalen Abraxis BioScience für knapp drei Milliarden Dollar in bar und Aktien schlucken. Die Aktien von Abraxis schossen um 21 Prozent in die Höhe, während die Papiere von Celgene vier Prozent nachgaben.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

Unternehmen:
Lonza Group: Kapitalmarkttag
Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklimindex 9/18, 10:00 Uhr
USA: CFNA-Index 8/18, 14:30 Uhr

Sonstiges:
Japan/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen