Rally Monte Carlo

Detlev Landmesser

Stand: 28.10.2008, 20:20 Uhr

Dem Vorurteil, die Börse sei ein Casino, konnten Experten wenigstens an diesem Tag wenig entgegnen: Die VW-Aktie lief mit einem absurden Plus von 81,7 Prozent regelrecht Amok und ließ den Dax nur scheinbar haussieren.

Auf Xetra-Basis schnellte der deutsche Leitindex um 11,3 Prozent nach oben - obwohl die meisten Dax-Titel empfindliche Kursverluste von bis zu 14,8 Prozent erlitten.

Die VW-Stammaktie gewann dagegen zeitweise sogar 93 Prozent auf 1.005 Euro. Zu diesem Kurs waren die Stammaktien des Wolfsburger Konzerns rund 300 Milliarden Euro wert und damit mehr als alle 29 weiteren Dax-Werte zusammen genommen. Volkswagen wurde dadurch zum teuersten börsennotierten Konzern weltweit. Allein diese Kursveränderung sorgte im Dax für 700 Punkte Zuwachs. Ohne die Kursexplosion bei VW hätte der Index zeitweise rund neun Prozent eingebüßt.

Dax-Performance verzerrt

Die Zahl der frei verfügbaren VW-Aktien sei so gering geworden und das Gewicht im Dax so hoch, dass eine enorm hohe Zahl von Investoren zu Käufen gezwungen werde, berichteten Marktbeobachter: "Nicht nur die Anleger mit Short-Positionen, sondern auch alle Fonds, die ihre Performance am Dax messen." Eigentlich darf ein Dax-Wert in dem Index nur zehn Prozent Gewicht einnehmen. Die VW-Aktie hat aber infolge ihrer historisch beispiellosen Rally ein deutlich höheres Gewicht von rund 20 Prozent erreicht. Kritiker fordern nun eine Anpassung des Gewichts schon vor dem turnusmäßigen Verkettungstermin am 3. Dezember - zumal der faktische Zugriff von Porsche den Streubesitz bereits deutlich unter den von der Börse angesetzten Wert von knapp 45 Prozent gedrückt hat.

"Solche Exzesse sind eines Dax-Index, der zu den fünf bis zehn bedeutendsten Aktienindizes der Welt gehört, unwürdig", sagte Robert Halver von der Baader Bank.

Gigantische Verluste für Short-Spekulanten
Die Kursexplosion der VW-Aktie soll bereits am Montag Marktteilnehmern, die auf fallende Kurse spekuliert haben, geschätzte Verluste von 10 bis 15 Milliarden Euro beschert haben, berichtete die "Financial Times". Vor allem Hedge-Fonds seien betroffen. Nach Informationen des "Handelsblatts" (Mittwochsausgabe) hat allein der Londoner Hedge-Fonds Marshall Wace mittlerweile mehr als fünf Milliarden Euro verloren.

Die katastrophal gescheiterten Spekulationen mit VW-Aktien dürften eine ganze Reihe von Leerverkäufern in den Ruin getrieben haben. Am Dienstag wurde zudem spekuliert, dass die völlig unerwartete Kursreaktion der Aktie auch in den Handelsabteilungen einzelner Banken verheerende Verluste erzeugte.

Miese US-Daten
Wenigstens erholte sich die Wall Street am Dienstag von ihren gestrigen Verlusten und ignorierte damit - bis zum Abend - die schwachen US-Konjunkturdaten des Tages. Der Verbrauchervertrauensindex des Forschungsinstituts Conference Board fiel mit 38 Punkten im Oktober deutlich schwächer aus als gedacht. Volkswirte hatten im Schnitt mit 52 Punkten gerechnet. Der Case-Shiller-Hauspreisindex für den August, der die Immobilienpreise in den 20 größten Ballungsgebieten der USA misst, lag mit einem Minus von 16,6 Prozent im Jahresvergleich auf einem neuen Rekordtief.

GfK-Index unerwartet gestiegen
Der aktuelle Wert des deutschen Konsumklima-Index des Marktforschers GfK stieg dagegen unerwartet um 0,1 auf 1,9 Punkte. "Das Konsumklima trotzt der Finanzkrise", sagte GfK-Experte Rolf Bürkl. Von Reuters befragte Analysten hatten mit einem Rückgang auf 1,5 Zähler gerechnet.

Gewinnwarnung von der Lufthansa
Am Nachmittag veröffentlichte die Lufthansa einen Tag früher als erwartet ihre Neunmonatszahlen. Nicht nur, dass das operative Ergebnis in den ersten neun Monaten unter den Prognosen lag. Der Dax-Konzern schraubte wegen der Konjunkturschwäche auch seine Geschäftserwartungen zurück. Der Vorstand rechne für 2008 nur noch mit einem operativen Ergebnis von 1,1 Milliarden Euro, teilte die größte deutsche Fluggesellschaft mit. Bislang hatte die Lufthansa noch an den Vorjahreswert von 1,378 Milliarden Euro anknüpfen wollen. Das operative Ergebnis lag in den ersten neun Monaten mit 984 Millionen Euro 9,3 Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreswert.

SAP stellt sich auf die Rezession ein
Die SAP-Aktie konnte ihre zeitweise starken Verluste bis zum Xetra-Schluss etwas eindämmen. Der Softwarekonzern hat nach einem schwachen Quartal seine Prognose für das Gesamtjahr einkassiert. Wegen des "unsicheren wirtschaftlichen Umfelds" sei in diesem Jahr ohne Berücksichtigung von Wechselkurseinflüssen nur noch mit einer Ergebnismarge von rund 28 Prozent zu rechnen, teilte SAP mit. Bislang hatten die Walldorfer 28,5 bis 29,0 Prozent in Aussicht gestellt.

Conti-Pakete im Angebot
Der Familienkonzern und Conti-Großaktionär Schaeffler sucht Co-Investoren für sein Aktienpaket an dem Autozulieferer, um Schulden abzubauen, berichtet die "Financial Times Deutschland". "Schaeffler fahndet nach Partnern, die einen Teil der 90 Prozent an Conti abnehmen", berichtet die Finanzzeitung weiter. Schaeffler will nicht mehr als 49,99 Prozent an Conti übernehmen.

Symrise kappt Prognose
Im MDax setzte die Aktie von Symrise ihren Abstieg beschleunigt fort. Der Duft- und Aromenhersteller hat in den ersten drei Quartalen seinen Umsatz um zwei Prozent auf rund eine Milliarde Euro verbessert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank dagegen um zwei Prozent auf 158,5 Millionen Euro. Außerdem senkte das Unternehmen seine Gesamtjahresziele. Die Rendite vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll nur noch 20, anstatt 21 Prozent erreichen. Das Ebitda soll währungsbereinigt nur noch das Niveau des Vorjahres erreichen. Bislang hatte Symrise plus sechs Prozent angestrebt.

Will Merckle HeidelCement ganz?
Bester MDax-Titel war HeidelbergCement. Der jüngste Zukauf des Großaktionärs Adolf Merckle befeuerte die Spekulationen um eine Komplettübernahme des Zementherstellers. Zuletzt hatte Merckle fast 500.000 Aktien an Deutschlands größtem Baustoffkonzern erworben. Zuletzt hielt Merckle über ein Firmengeflecht und seine Familie insgesamt rund 80 Prozent an HeidelCement. HeidelbergCement wollte sich zu den Spekulationen nicht äußern.

IDS bestätigt Gewinneinbruch
Nach der Gewinnwarnung vor zwei Wochen wurden die Quartalszahlen von IDS Scheer gnädig aufgenommen. Das Software- und Beratungshaus verdiente im dritten Quartal vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) rund 4,4 Millionen Euro, nach 8,3 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Der Umsatz stieg von 92,2 auf 97,7 Millionen Euro. Der Überschuss brach von 4,6 auf 2,4 Millionen Euro ein.

Verluste für die DAB
Die Direktbank DAB ist wegen der Finanzkrise in die roten Zahlen gerutscht. Der Verlust lag im dritten Quartal bei 14,2 Millionen Euro. Die Bank verlor allein mit Anlagen bei der Pleite-Bank Lehman Brothers 28 Millionen Euro. Wegen der schwachen Entwicklung zog das SDax-Unternehmen auch seine Gesamtjahresprognose zurück.

Übernahmespekulation um Biotest
Der Mehrheitsaktionär des Pharma- und Diagnostikunternehmens Biotest will seinen derzeitigen Anteil von gut 50 Prozent reduzieren. Die Ogel GmbH führe Gespräche über einen Verkauf von Teilen ihres Aktienpakets, teilte Biotest mit. "Sollte es zu einem Kontrollwechsel bei Biotest kommen, sei der Erwerber verpflichtet, allen übrigen Aktionären ein öffentliches Angebot zu unterbreiten", teilte das Unternehmen mit. Die im SDax notierten Vorzugsaktien machen einen Riesen-Satz nach oben.

Sartorius wird unsicher
Sartorius sieht sich wegen der unsicheren Lage nicht mehr in der Lage, seine bisherigen Jahresziele zu bestätigen. Das Medizintechnikunternehmen konnte in den ersten neun Monaten seinen Umsatz um 2,8 Prozent auf 453 Millionen Euro verbessern. Der Gewinn sank aber von 16,2 auf nur noch zehn Millionen Euro.

Villeroy & Boch befürchtet Gewinneinbruch
Die Vorzugsaktie von Villeroy & Boch setzt dagegen ihren Abstieg fort. Der Geschirr- und Badkeramik-Hersteller hat seine Jahresprognosen nach einem schwachen dritten Quartal drastisch nach unten korrigiert. Hoffte das saarländische Traditionsunternehmen bislang auf leichte Zuwächse bei Gewinn und Umsatz, befürchtet Villeroy & Boch nun, dass das Vorsteuerergebnis 2008 um die Hälfte einbrechen könnte. Der Umsatz werde wohl nur auf Vorjahresniveau liegen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr