Quartalszahlen und Politik treiben die Kurse

Stand: 10.11.2011, 20:05 Uhr

Bereits einen Tag vor dem Beginn der fünften Jahreszeit ging es ziemlich närrisch zu an den Aktienmärkten. Der Dax schwankte heftig. Die Anleger waren hin- und hergerissen zwischen starken Quartalszahlen vieler Firmen und dem politischen Hickhack in Rom und Athen. Für Entspannung sorgten die Einigung in Griechenland auf eine neue Regierung und sinkende Renditen italienischer Staatsanleihen.

Die Aussicht auf starke neue Regierungschefs in Griechenland und Italien stimmte die Anleger etwas zuversichtlicher. Der Dax beendete den Xetra-Handel 0,6 Prozent höher bei 5.867 Punkten. Im späten Parketthandel ging es noch weiter nach oben. Der L/E-Dax schloss bei fast 5.900 Zählern - angetrieben von Kursgewinnen an der Wall Street. Der Dow Jones stieg um gut ein Prozent.

Habemus Papademos!
Ausgerechnet ein Banker übernimmt die Macht in Griechenland. Lucas Papademos, Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), wird neuer Ministerpräsident Griechenlands als Nachfolger von Giorgos Papandreou. Er soll die neue griechische Übergangsregierung bis zu Neuwahlen im Februar führen. "Ich bin kein Politiker", räumte der 64-jährige Papademos ein. Der Ex-Banker rief seine Landsleute zu "Einheit, Verständigung und Vernunft" auf.

"Super-Mario" neuer Regierungschef von Italien?

Auch in Italien könnte künftig ein europaerfahrener Mann das Land regieren. Der ehemalige EU-Kommissar Mario Monti ("Super-Mario") wird als neuer italienischer Ministerpräsident gehandelt. Der noch amtierende Regierungschef Silvio Berlusconi hatte erklärt, eine Übergangsregierung sei unumgänglich. Bis Samstag soll das Parlament das zugesagte Reformpaket verabschieden, dann will Berlusconi wohl seinen Stuhl räumen.

Europa droht Rezession
Zuvor hatten die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds in dramatischen Worten die Angst vor einer Eskalation der Krise in Europa geschürt. Sie forderten Griechenland und Italien auf, endlich für politische Klarheit zu sorgen. Die Wirtschaftsflaute, Schuldenprobleme und der anfällige Finanzsektor scheinen sich in einem Teufelskreis gegenseitig zu beeinträchtigen, warnte Brüssel. "Das Wachstum in Europa ist zum Stillstand gekommen, und es besteht das Risiko einer erneuten Rezession", erklärte EU-Währungskommissar Olli Rehn.

Stark warnt
Nicht ganz so drastisch analysierte EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark die Lage. Europa steuere auf eine längere konjunkturelle Talfahrt zu, allerdings sei es noch zu früh, von der Gefahr einer Rezession zu sprechen. Die Situation in Italien sieht er mit Sorge, die Lösung der Schuldenkrise müsse aber die Politik schaffen. Die EZB sei dafür nicht da, sie dürfe nicht "Kreditgeber der letzten Instanz" werden, forderte der Ende des Jahres ausscheidende Chefvolkswirt auf einer Tagung der deutsch-amerikanischen Handelskammer.

Gerüchte über eine Krisensitzung zur angespannten Refinanzierungssituation Italiens kommentierte er nicht. Nur die Bundesbank gab ein klares Dementi. "Es gab weder gestern noch heute ein Krisentreffen", sagte ihr Sprecher.

USA senkt ihr Defizit
In den USA hat sich derweil die Konjunkturlage etwas entspannt. Das Handelsbilanzdefizit der USA ist im September überraschend gesunken. Es betrug nur noch 43,1 Milliarden US-Dollar. Volkswirte hatten zuvor mit einem Defizit von 46 Milliarden Euro gerechnet. Auch vom Arbeitsmarkt gibt es Hoffnungssignale. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe gingen um 10.000 auf 390.000 zurück. Volkswirte hatten eine Stagnation der Anträge vorausgesagt.

Neben den Neuigkeiten aus Italien und Griechenland hielt am Donnerstag eine Flut von Quartalszahlen die Anleger im Atem. Allein vier Dax-Konzerne veröffentlichten ihre Bilanzen. Diese fielen weitgehend positiv aus.

Telekom spart sich reich
Die Deutsche Telekom zum Beispiel überraschte positiv. Der Umsatz ging dank eines starken Deutschlandgeschäfts weniger stark als erwartet von 11,5 Milliarden auf 11,0 Milliarden Euro zurück. Beim Ebitda sank der Gewinn von vier auf 3,9 Milliarden Euro nur leicht. Kosteneinsparungen verhinderten einen härteren Gewinneinbruch. Folglich waren die T-Aktien heiß begehrt. Sie gewannen knapp vier Prozent.

RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
19,17
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-0,67%

Energieschub für Versorgertitel
Trotz eines Gewinneinbruchs legten die Aktien von RWE kräftig zu. Beim operativen Ergebnis erfüllte der Versorger die Erwartungen. Für Optimismus sorgte zudem die Nachricht, dass die Essener mit drei Gaslieferanten eine Einigung erzielt habe, die Preise auf Spotnotierungen umzustellen. Bislang leidet RWE darunter, an Lieferanten Gaspreise zahlen zu müssen, die an den hohen Ölpreis gebunden sind. Im Sog von RWE zogen auch die Aktien von Eon über vier Prozent an und eroberten den Dax-Thron.

Solide Siemens-Bilanz
Nicht ganz so aufregend waren die Zahlen des Siemens-Konzerns. Das Dax-Schwergewicht konnte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 seinen Umsatz um sieben Prozent auf 73,5 Milliarden Euro steigern. Der Nettogewinn kletterte um rund die Hälfte auf 6,3 Milliarden Euro. Gewinntreiber war das Energie- und Industriegeschäft. Abschreibungen im Solargeschäft drückten dagegen den Gewinn. 2011/12 will Siemens um drei bis fünf Prozent wachsen. Der Gewinn soll stagnieren. Die Siemens-Aktie schloss fast unverändert.

Investitionsflaute belastet K+S
Nur der Düngemittelhersteller K+S enttäuschte die Anleger mit seinem Ausblick. Weil sich viele Agrarhändler wegen der unsicheren Konjunkturlage mit Bestellungen zurückhielten, senkte K+S leicht die Umsatzprognose für das Gesamtjahr. Die Aktie wurde dafür mit einem Minus von rund fünf Prozent abgestraft und nahm die rote Laterne im Dax ein. Im dritten Quartal legten die Erlöse um 17 Prozent auf 1,17 Milliarden Euro zu. Das operative Ergebnis stieg um 69 Prozent auf 198,5 Millionen Euro.

Lufthansa im Sog von Air France
Unter der drohenden Gewinnwarnung von Konkurrent Air France-KLM litten die Aktien der Lufthansa. Sie büßten 0,5 Prozent ein. Zeitweise waren die Verluste noch größer vgewesen.

Stada verspricht Jahresgewinn
Im MDax war Stada der Star. Die Aktie kletterte um fast 13 Prozent nach oben. Der Generikahersteller hat für das Gesamtjahr einen Gewinn im deutlich zweistelligen Millionenbereich angekündigt. Und das obwohl nach neun Monaten ein Verlust von 6,5 Millionen Euro in der Bilanz steht - wegen Abschreibungen auf Forderungen gegen serbische Großhändler. Der Umsatz stieg um sechs Prozent auf 1,25 Milliarden Euro.

Auftragsboom bei EADS
Die Aktie des Airbus-Mutterkonzerns gewann rund fünf Prozent. EADS hat in den ersten neun Monaten den Umsatz um vier Prozent auf 32,7 Milliarden Euro gesteigert. Unter dem Strich verdiente EADS mit 421 Millionen Euro rund doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Das Geschäft brummt, die Aufträge florieren. Für das Gesamtjahr erwartet Airbus Aufträge für 1.500 Maschinen - nahezu das Dreifache der Jahresproduktion. EADS hob deshalb die Jahresprognose an. Da war auch die neuerliche Verspätung des A350 zu verschmerzen. Er soll nun erst spätestens Mitte 2014 ausgeliefert werden.

Eine Änderung bahnt sich bei der Aktionärsstruktur an: Großaktionär Daimler will die Hälfte seiner EADS-Anteile an den Bund abtreten. Die Schwabenbehalten 7,5 Prozent Anteile am Luftfahrt- und Rüstungskonzern.

Bauern machen BayWa-Kasse voll
BayWa hat im dritten Quartal von der Kauflaune der Bauern profitiert. In den ersten neun Monaten stieg der Umsatz von Europas größtem Agrarhändler um 18 Prozent auf 2,457 Milliarden Euro, das operative Ergebnis legte um 16 Prozent auf 34,4 Millionen zu - mehr als Analysten erwartet hatten. Die Aktie stieg um vier Prozent.

ElringKlinger gut in der Spur
Auch die Aktien des Autozulieferers konnten leicht zulegen. Dank des Verkaufs eines Gewerbeparks hat das Unternehmen den Gewinn auf 41,1 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Wegen der starken Auto-Konjunktur kletterten die Erlöse um knapp ein Drittel auf 264,4 Millionen Euro.

Fraport träumt von Izmir
Frohe Kunde auch bei Fraport: Um 40 Prozent auf 226 Millionen Euro steigerte der Flughafenbetreiber Fraport seinen Gewinn in den ersten neun Monaten. Auf allen Airports des Unternehmens konnte Fraport in dem Zeitraum 75,6 Millionen Passagiere begrüßen - ein Zuwachs von zehn Prozent. Die Jahresprognose bekräftigte Fraport-Chef Stefan Schulte. Der Umsatz soll auf über 2,3 Milliarden Euro steigen. Künftig will Fraport noch stärker im Ausland expandieren. Schulte signalisierte Interesse am Betrieb dreier Flughäfen in Brasilien sowie ein Airport in Costa Rica. Außerdem will sich das Unternehmen für den Betrieb des türkischen Flughafens Izmir bewerben.
Die Fraport betreibt bereits 13 internationale Flughäfen.

Deutz kann nicht ganz überzeugen
Das MDax-Ende zierte indes die Aktie des Motorenbauers Deutz mit einem Minus von über acht Prozent - trotz solider Zahlen. Im dritten Quartal kehrte das Unternehmen in die schwarzen Zahlen zurück und erzielte einen Gewinn von 20,7 Millionen Euro. Der Auftragseingang sei aber hinter den Erwartungen zurückgeblieben, meinte ein Analyst der DZ Bank. Er bekräftigte seine Verkaufsempfehlung für den MDax-Titel.

Sky halbiert Verluste
Die Aktien von Sky schlossen ebenfalls um fünf Prozent tiefer - nach einer Berg- und Talfahrt. Der Pay-TV-Betreiber ist auch im dritten Quartal nicht aus den Miesen gekommen. Der Verlust konnte immerhin auf 47 Millionen Euro halbiert werden. Die Erlöse kletterten um 17 Prozent auf 284,5 Millionen Euro. Sky hofft auf ein gutes Weihnachtsgeschäft und will an die Marke von drei Millionen Kunden herankommen.

Dämpfer von Rational
Die Aktien des Großküchen-Herstellers verloren rund drei Prozent. Die Einführung eines neuen "Kombidämpfers" hat das Ergebnis des Großküchenherstellers belastet. Das MDax-Unternehmen verbuchte beim Ebit einen Rückgang um zehn Prozent, steigerte aber die Erlöse um sieben Prozent auf 92,4 Millionen Euro.

Lanxess wird vorsichtig
Die hohe Nachfrage nach High-Tech-Kunststoffen und künstlichem Kautschuk hat dem Spezialchemieunternehmen im dritten Quartal einen Gewinnsprung um 31 Prozent auf 154 Millionen Euro beschert. Die Umsätze stiegen um 26 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro. Der Ausblick für das Gesamtjahr wurde bekräftigt, eine Prognose für 2012 wagte aber Lanxess nicht. Die hohe Staatsverschuldung in Europa und den USA würden die Verbraucher zunehmend verunsichert und das Wachstum dämpfen, befürchtet das MDax-Unternehmen. Bei der Bauwirtschaft und der Elektronikbranche spüre Lanxess bereits eine Abschwächung. Aufträge würden gestückelt und Lagerbestände heruntergefahren. Die Lanxess-Aktie büßte fast vier Prozent ein.

Biotest kassiert Millionen-Gewinn
Im SDax zählten die Aktien von Biotest zu den größten Gewinnern. Das Unternehmen profitierte von der Partnerschaft mit dem US-Pharmakonzern Abbott und dem Verkauf des Pharmabiologiegeschäfts an Merck. In den ersten neun Monaten des Jahres erhöhte Biotest den Gewinn um fast ein Drittel auf 40,5 Millionen Euro. Der Umsatz stieg nur leicht um knapp zwei Prozent auf 312 Millionen Euro.

MLP bleibt auf Lebensversicherungen sitzen
Die Aktien des Finanzberaters MLP legten rund ein Prozent zu. Das ehemalige Dax-Unternehmen musste im dritten Quartal eine Gewinnschrumpfung um drei Viertel auf 1,7 Millionen Euro hinnehmen, vor allem weil das Geschäft mit Lebensversicherungen nur schleppend lief. Die Erlöse sanken um zwei Prozent auf 62,7 Millionen Euro.

Evotec und die Gewinnmitnahmen
Im TecDax büsste die Aktie des Biotechunternehmens Evotec gut vier Prozent ein. Ein klarer Fall von Gewinnmitnahmen, denn der Konzern hat sein operatives Ergebnis von einer auf 9,5 Millionen Euro und seinen Umsatz um 54 Prozent auf 60 Millionen Euro gesteigert. Firmenchef Werner Lanthaler bekräftigte zudem die Prognose für das laufende Geschäftsjahr.

United Internet rechnet mit mehr Kunden
Bereits am Vorabend hatte das TecDax-Schwergewicht United Internet seine Neunmonatszahlen präsentiert. Der Telekom-Dienstleister schaffte mit Umsätzen von 1,54 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert. Vor Steuern verdiente United Internet 210,2 Millionen Euro - ein Plus von 16 Prozent. Die Prognose für das Kundenwachstum erhöhte das Unternehmen auf 900.000 für das laufende Jahr. Die Aktie drehte zum Handelsschluss leicht ins Plus.

Freenet gut verbunden
Ebenfalls am Mittwochabend hatte der Mobilfunkspezialist Freenet seine Erwartungen für das Gesamtgeschäftsjahr angehoben. Freenet erwartet nun ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 355 Millionen Euro. In den ersten neun Monaten 2011 erreichte das Unternehmen einen Umsatz von 2,38 Milliarden Euro (minus vier Prozent) sowie einen um sieben Prozent gesteigerten Gewinn von 77,8 Millionen Euro. Die Aktie schloss nahezu unverändert.

Schatten über der Solarbranche
Wie groß die Krise in der Solarbranche ist, zeigten am Donnerstag die Quartalszahlen von Phoenix Solar und Conergy. Die Photovoltaikfirma Phoenix erlitt einen Verlust von 19 Millionen Euro nach einem Gewinn von 2,3 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Auch operativ war das Ergebnis mit 13,2 Millionen Euro negativ. Dank des Auslandsgeschäfts stieg der Umsatz um fast 19 Prozent.

Noch schlimmer sieht es bei Conergy aus. Die Solarfirma rutschte ganz tief in die roten Zahlen. Der Verlust in den ersten neun Monaten summierte sich auf 103,2 Millionen Euro. Der Umsatz schrumpfte um 14 Prozent auf rund 571 Millionen Euro.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat