Psycho-Marke im Jahresendspurt geknackt

Notker Blechner

Stand: 28.12.2009, 20:01 Uhr

Börsen-psychologisch gesehen hätte die Woche nicht besser anfangen können: Der Dax setzte seine Jahresend-Rally fort und übersprang erstmals seit September 2008 wieder die Marke von 6.000 Punkten. Kurskosmetik war angesagt. Doch am späten Abend schmolzen die Gewinne.

Wegen des fehlenden Schubs von der Wall Street sackte der Dax im späten Parketthandel wieder unter die psychologisch wichtige Schwelle von 6.000 Zählern. Der L-Dax schloss bei 5.992 Punkten. An der Wall Street herrschte Lethargie. Dow Jones und S&P 500 traten nahezu auf der Stelle. Viele Investoren haben sich zwischen Weihnachten und Neujahr bereits in den Urlaub verabschiedet.

Nächstes Ziel 6.200 Punkte

Auch am deutschen Aktienmarkt waren die Umsätze dünn. Um so wichtiger war es, dass der Dax bereits am Morgen die ersehnte 6.000er-Schallmauer überwand. Zeitweise ging es bis 6.011 Zähler hoch. "Die Psychologie hat gesiegt", erklärte Aktienstratege Robert Halver von der Baader Bank. "Der Markt wollte die 6.000 Zähler vor dem Jahresende unbedingt noch einmal sehen, und das hat er nun geschafft", meinte ein Börsianer. Zuletzt hatte der deutsche Leitindex im September 2008 über 6.000 Punkte notiert.

Einige Händler sehen bei 6.000 Punkten noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Der Dax werde weiter Richtung 6.200 oder 6.300 Punkte marschieren, fasste ein Börsianer die Erwartung vieler Marktteilnehmer zusammen. Diesen Sprung werde er sich aber für den Jahresbeginn 2010 aufsparen.

Ölpreis auf Vier-Wochen-Hoch

Getrübt wurde die optimistische Börsen-Stimmung vom gestiegenen Ölpreis. Er kletterte am Montag auf ein neues Vier-Wochen-Hoch. Ein Barrel der US-Sorte WTI kostete am Abend 78,83 Dollar. Händler begründeten dies mit der sich ausbreitenden Hoffnung auf eine nachhaltige konjunkturelle Erholung und einer erwarteten Kältewelle im Nordosten der USA, der Region mit dem weltweit größten Energieverbrauch. Für Unruhe sorgte zudem zeitweise der Öl-Transit-Streit zwischen Russland und Ukraine. Russland hatte gedroht, die Erdöl-Lieferungen an mehrere osteuropäische EU-Staaten zu kappen, sollte die Ukraine auf einer Erhöhung von Transitgebühren bestehen. Am Abend kam die Entwarnung: Eine Sprecherin des russischen Energieministeriums teilte mit, dass der Konflikt mit der Ukraine beigelegt worden sei.

Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,76
Differenz relativ
-7,83%

Kurskosmetik bei Infineon?
Am deutschen Aktienmarkt stand offenbar vor allem die Kurskosmetik, das so genannte "Window Dressing" im Vordergrund. Dabei holen sich Fondsmanager die in diesem Jahr bereits gut gelaufenen Aktien, also Top-Performer, ins Depot und werfen die schwächsten Werte hinaus. Von diesen Maßnahmen profitierten Aktien wie Infineon im Dax. Infineon stieg um 1,5 Prozent. Der Kurs von Infineon hat sich in diesem Jahr vervierfacht. Als Kurstreiber dürfte sich aber auch die Nachricht erwiesen haben, dass sich der Chip-Konzern im Patentstreit mit seinem Rivalen Fairchild geeinigt hat.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,69
Differenz relativ
-0,54%
RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
18,44
Differenz relativ
-0,70%
Salzgitter: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
33,52
Differenz relativ
-2,27%
Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,80
Differenz relativ
-3,06%

Versorger- und Stahltitel obenauf
Nichts mit dem "Window-Dressing"-Effekt hatte das Plus bei den Versorgerwerten zu tun. Eon gewann über zwei Prozent, RWE über ein Prozent. Beide Aktien haben sich in diesem Jahr deutlich schlechter als der Dax entwickelt. Zu den größten Dax-Gewinnern zählten am Montag auch das Schwergewicht Siemens sowie Stahlwerte wie Salzgitter. Die Stahlbranche würde im Falle einer Konjunkturerholung als erste profitieren.

Deutsche Telekom: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
14,68
Differenz relativ
-0,07%

Telekom tüftelt an "Strategie 2.0"
Nur leicht im Plus notierte die T-Aktie. Die Anleger zeigten sich unbeeindruckt von der strategischen Neuausrichtung des Konzerns. Die Deutsche Telekom will laut einem Medienbericht im Frühjahr 2010 ihre "Strategie 2.0" vorstellen und damit auf die wachsenden Herausforderungen der neuen Multimedia-Welt antworten. Das sagte Konzernchef Rene Obermann dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

Skeptische Töne des Merck-Chefs
Unter Druck stand die Aktie von Merck. Vorstandschef Karl-Ludwig Kley hat in einem Interview angekündigt, dass eine Rückkehr zu Margen von mehr als 50 Prozent im Flüssigkristall-Geschäft ausgeschlossen sei. Derzeit erwirtschaftet der Pharma- und Spezialchemiekonzern eine Rendite von 30 Prozent bei Flüssigkristallen. 2010 soll die Marge steigen.

MAN ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
90,25
Differenz relativ
-0,06%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
145,84
Differenz relativ
-0,15%

Scania-Chef bremst MAN aus
Schlusslicht im Dax war die Aktie des LKW-Herstellers MAN. Der Vorstandschef des schwedischen Konkurrenten Scania hat sich gegen einen Zusammenschluss mit MAN ausgesprochen. "Bei einer Fusion von MAN und Scania ist es derzeit unrealistisch, Synergien von einer Milliarde Euro oder gar nur 500 Millionen Euro zu erreichen", sagte Leif Östling der "Welt am Sonntag". Aus industrieller Sicht mache ein Zusammengehen wenig Sinn. "Dieses Geschäft wäre wohl vor allem für Investmentbanker interessant, die an solchen Milliardendeals verdienen", sagte der Scania-Chef.

Audi investiert Milliarden
Derweil hat die VW-Tochter Audi ein milliardenschweres Investitionsprogramm präzisiert. Von den bis 2012 veranschlagten geplanten 7,3 Milliarden Euro an Investitionen sollen 5,9 Milliarden in neue Produkte und Zukunftstechnologien fließen. Bis 2015 soll die Palette von 34 auf 42 Modelle ausgeweitet werden. Bis dahin will Audi die Konkurrenten Mercedes und BMW überholen und zum führenden Premium-Autobauer der Welt aufsteigen. Die VW-Aktie legte um über ein Prozent zu.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
19,65
Differenz relativ
-2,92%

Terrorangst drückt Luftfahrtaktien
Im Sog der wieder angefachten Terrorangst standen die Luftfahrtaktien. An der Wall Street gaben die Aktien der US-Fluggesellschaften deutlich nach. Dagegen hielt sich die Lufthansa mit einem Minus von 0,17 Prozent noch ganz gut. Die Papiere von Fraport büßten 0,5 Prozent ein und zählten zu den größten MDax-Verlierern. Händler befürchten höhere Kosten für die verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Am ersten Weihnachtstag war durch das beherzte Eingreifen eines Passagiers ein Anschlag vereitelt worden. Ein Nigerianer hatte einen Airbus von Delta Airlines mit 278 Passagieren in die Luft sprengen wollen.

Airbus: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
94,35
Differenz relativ
-0,45%

Chinesen ordern 16 Airbus-Jets
Dagegen ging es mit dem Kurs des europäischen Flugzeugbauers EADS um rund 1,5 Prozent nach oben. China Eastern Airlines hat bei Airbus 16 Langstreckenjets des Typs A 330 bestellt. Als Kaufpreis nannte China Eastern 2,6 Milliarden Dollar. Das Potenzial für Flugzeug-Lieferungen im Reich der Mitte ist enorm. Es droht ein hartes Duell zwischen Airbus und Boeing.

Hochtief: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
132,70
Differenz relativ
-0,75%

Hochtief macht mit Immobilien Kasse
Leicht im Plus schloss die Hochtief-Aktie im MDax. Grund: Der Bau- und Dienstleistungskonzern hat sich zum Jahresende von einer Reihe von Immobilien getrennt. Der Verkaufserlös lag bei rund 550 Millionen Euro. "Wir haben unser Pulver in diesem Jahr bewusst trocken gehalten und nicht unter Wert verkauft", gab Hochtief bekannt.

Patrizia: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
18,65
Differenz relativ
+0,59%

Anleger bauen auf Immobilienaktien
Immobilien-Aktien standen am Montag ebenfalls ganz oben auf dem Kurszettel. Die Aktien von Patrizia Immobilien kletterten um sechs Prozent, die Papiere von Gagfah um zwei Prozent nach oben. Händler sprachen auch hier vom "Window-Dressing"-Effekt. Ein weiterer Profiteur der Kurskosmetik-Aktionen war offenbar auch Teleplan. Die Aktie schoss um fast zehn Prozent nach oben und war Top-Gewinner im SDax. Der Kurs hat sich seit Jahresbeginn verfünffacht.

Aixtron: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,26
Differenz relativ
-8,32%

TecDax-Highflyer werden verkauft
Dagegen standen im TecDax gut gelaufene Aktien wie Aixtron oder SMA Solar auf der Verkaufsliste. Aixtron büßte sechs Prozent, SMA über vier Prozent ein. Der TecDax verlor knapp ein Prozent und schloss bei knapp über 800 Punkten. Trotzdem hat er sich in diesem Jahr besser entwickelt als der Dax. Seit Jahresbeginn hat der TecDax rund 60 Prozent zugelegt.

Solarfirmen bekommen weniger
Für Gesprächsstoff sorgte mal wieder die Solarbranche. Die Anpassung der Subventionen für "Solarstrom" könnte früher kommen als geplant. Solarworld-Chef Frank Asbeck rechnet mit einer Kürzung der Solarsubventionen bereits im Sommer 2010. Der Bundesverband Solarwirtschaft habe der Politik vorgeschlagen, die Degression um ein halbes Jahr vorzuziehen, sagte ere in einem Interview. Mitte Januar lädt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) Vertreter der Solarwirtschaft und Verbraucherschützer ein, sich zu den Subventionskürzungen zu äußern. Die meisten Solaraktien standen im Minus.

Q-Cells verspricht schwarze Zahlen für 2010
Eine Ausnahme war die Q-Cells-Aktie. Sie drehte im späten Parketthandel ins Plus. Grund: Der Solarzellenhersteller will nach einem Milliardenverlust im kommenden Jahr wieder in die operative Gewinnzone zurückkehren. Das versprach Q-Cells-Chef Anton Millner gegenüber dem "Handelsblatt" in einem vorab verbreiteten Bericht.

Invision Software warnt
Nachbörslich gab der Softwareanbieter Invision am Montagabend eine Umsatz- und Gewinnwarnung bekannt. Wegen Verzögerungen bei einigen Großprojekten rechnet das im Prime Standard notierte Unternehmen nun nur noch mit einem Umsatz von rund 13 Millionen Euro und einem negativen Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von vier bis fünf Millionen Euro. Das dürfte die Aktie am Dienstag unter Druck setzen.

Eckert & Ziegler bietet für Belgier
Derweil hat die Eckert & Ziegler Strahlen- und Medizintechnik AG ein freiwilliges Übernahmeangebot für die belgischen Medizingerätehersteller International Brachytherapy (IBt) vorgelegt. Die Berliner bieten den Aktionären 3,64 Euro je Aktie. Bisher hatte sich Eckert & Ziegler gegen eine Übernahmeofferte gesträubt und versucht, IBt zu beherrschen. Die belgische Finanzaufsicht verlangte aber ein Übernahmeangebot in Höhe von 3,47 Euro pro Aktie. Die Eckert&Ziegler-Aktie gab am Montag um knapp zwei Prozent nach.

Amazon verkauft mehr E-Books als gedruckte Bücher
In den USA waren vor allem Aktien von Einzelhändlern gefragt. Nach Schätzungen von MasterCard Advisors haben die Läden im US-Weihnachtsgeschäft 3,6 Prozent mehr Umsatz erzielt. Besonders im Internet wurden Geschenke bestellt. Amazon verkaufte gar erstmals mehr E-Books als gedruckte Bücher. Die Aktien von Amazon legten rund zwei Prozent zu.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr