Pessimisten am Zug

Detlev Landmesser

Stand: 12.02.2009, 20:42 Uhr

Hat die Börse noch jüngst selbst die grellsten Krisensignale erfolgreich ignoriert, so stellte sie sich am Donnerstag gegenüber vereinzelten Hoffnungssignalen taub. Der Optimismus scheint also derzeit aufgebraucht.

Der L-Dax schloss zwei Prozent unter dem Vortag bei 4.405,51 Punkten. An der Wall Street fiel das Minus bis zum Abend etwas moderater aus. Überraschend setzte der amerikanische Einzelhandel im Januar mehr um. Das Plus von 1,0 Prozent gegenüber Dezember war der erste Anstieg der Einzelhandelsumsätze seit sieben Monaten. Volkswirte hatten mit einem Minus von 0,8 Prozent gerechnet. Das erfreuliche Ergebnis wurde allerdings dadurch geschmälert, dass wieder einmal die Zahl des Vormonats nach unten revidiert wurde: Den Rückgang vom Dezember von zunächst 2,7 Prozent gab das US-Handelsministerium nun mit minus 3,0 Prozent an.

Die Zahl der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe scheint sich indessen über der 600.000er-Marke festzusetzen. Mit 623.000 lag die Zahl noch über der Erwartung von 610.000.

Gestützt wird der Markt dagegen von Coca-Cola. Der Dow-Jones-Konzern lag mit seinem Gewinnplus im vergangenen Jahr über den Analystenerwartungen.

Gold zeitweise über 950 Dollar

Angesichts der allgemeinen Unsicherheit geht es mit dem Goldpreis weiter aufwärts. Die Feinunze notierte zeitweise bei 953 Dollar. In Euro gerechnet stieg das Edelmetall mit über 740 Euro je Feinunze auf ein neues historisches Hoch. Die weiter schwindende Hoffnung auf eine baldige Konjunkturerholung drückte dagegen den Ölpreis. Die führende US-Ölsorte WTI kostete am Abend 34 Dollar je Barrel und notierte damit auf dem tiefsten Stand seit drei Wochen.

Infineon-Chefs nur knapp entlastet
Auf der heutigen Hauptversammlung von Infineon mussten sich Management und Aufsichtsrat herbe Kritik ihrer Aktionäre anhören. Während Vorstandschef Peter Bauer nur mit 61 Prozent des anwesenden Kapitals entlastet wurde, entging Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley mit 50,03 Prozent der Stimmen nur denkbar knapp einem Misstrauensvotum. Die Kapitalpläne des Managements wurden dagegen mit großer Mehrheit abgesegnet.

Auch für das laufende Geschäftsjahr rechnet der Halbleiterhersteller mit massivem Gegenwind. "Wir gehen in jedem Fall von einer Umsatzeinbuße von mindestens 15 Prozent aus", sagte Vorstandschef Peter Bauer. Das werde sich entsprechend im Ergebnis niederschlagen. Angesichts des schwachen Aktienkurses von weniger als einem Euro rechne er außerdem mit einem Abstieg aus dem Dax.

Siemens weitet Kurzarbeit aus
Vom deutschen Industieflaggschiff Siemens kam ein weiteres Krisensignal. Statt derzeit 4.600 will der Konzern nun bis April 7.400 der insgesamt 131.000 heimischen Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" droht sogar bis zu 10.000 Beschäftigten in den nächsten Monaten Kurzarbeit.

VW-Aktie unter Druck
Schwächster Dax-Titel war die Volkswagen-Aktie, die offenbar unter den enttäuschenden Jahreszahlen des französischen VW-Rivalen Renault litt. Dessen Gewinn schmolz von mehr als 2,7 Milliarden Euro im Vorjahr auf knapp 600 Millionen Euro.

Gildemeister unerwartet robust
Die Aktie von Gildemeister profitierte von einem "überraschend positiven" Ausblick. Der Werkzeugmaschinenbauer hat im vergangenen Jahr wie erwartet seinen Umsatz von 1,56 auf 1,90 Milliarden Euro und den Gewinn von 50,1 auf 81,1 Millionen Euro in die Höhe geschraubt. Im vierten Quartal brach der Auftragseingang allerdings von 461 auf 289 Millionen Euro ein. Eine konkrete Prognose für das Gesamtjahr 2009 will das Unternehmen noch nicht geben. Immerhin soviel: "Die Umsatzentwicklung wird im ersten Quartal zufriedenstellend verlaufen. Das Ergebnis wird positiv sein."

Rhön-Klinikum krisenresistent
Der Klinikbetreiber Rhön-Klinikum hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz um fünf Prozent auf 2,13 Milliarden Euro verbessert. Der Gewinn lag wie geplant bei rund 123 Millionen Euro. Außerdem bestätigte der MDax-Konzern seine Umsatz- und Gewinnziele für das Gesamtjahr. Rhön erwartet Erlöse von rund 2,3 Milliarden Euro und einen Gewinn zwischen 125 und 135 Millionen Euro.

Affi mit ungewohntem Verlust
Die Norddeutsche Affinerie (NA) hat im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2008/09 erstmals seit fünf Jahren rote Zahlen geschrieben. Der Quartalsverlust betrug 98 Millionen Euro. Analysten hatten allerdings mit einem noch größeren Minus gerechnet. Europas größte Kupferhütte rechnet im weiteren Jahresverlauf mit einer "langsamen Erholung". Das operative Ergebnis dürfte "deutlich unter den Rekordergebnissen des Vorjahres liegen". Der Dax-Konzern Salzgitter dementierte unterdessen Gerüchte, er strebe eine Übernahme der NA an. Salzgitter hielt zuletzt 22 Prozent an der Affinerie und strebt eine Sperrminorität, also mindestens 25 Prozent plus eine Aktie an.

Arcandor kassiert Prognose
Der Handels- und Touristikkonzern Arcandor hat seine Prognose für das Geschäftsjahr 2008/09 zurückgezogen. "Wie viele andere Unternehmen in konsumnahen Bereichen halten wir wegen der fehlenden Visibilität in Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise eine Ergebnisprognose nicht für sinnvoll und seriös", sagte der scheidende Vorstandschef Thomas Middelhoff. Im ersten Quartal fiel ein Verlust von 58 Millionen Euro an.

Keine Lösung für die HRE
Die Aktie der Hypo Real Estate verhielt sich unauffällig. Beim ersten Treffen von Vertretern des Bundes mit dem HRE-Großaktionär J.C. Flowers gab es kein konkretes Ergebnis. Bei dem Gespräch seien die gegenseitigen Positionen vorgestellt und erörtert worden, hieß es am Donnerstagabend aus Finanzkreisen. Der Bund prüft die Übernahme der Flowers-Anteile von etwa 25 Prozent.

Conti MDax-Schlusslicht
Am MDax-Ende notierte die Continental-Aktie. Händler verwiesen auf eine Nachricht des Autozulieferers, in der neue Kennnummern für neue Aktien angekündigt wurden. Das habe am Markt Sorgen geschürt, dass der Konzern Kapitalmaßnahmen plane. Conti wies die Spekulationen aber zurück.

Freenet beziffert Synergien neu
Der Mobilfunkanbieter Freenet rechnet mit höheren Einsparungen durch die Übernahme des Rivalen Debitel als bisher. Freenet-Interimschef Joachim Preisig sagte am Donnerstag, aus der Integration der zu Debitel gehörenden Läden unter dem Markennamen "dug" in den Serviceprovider Talkline alleine würden für 2011 rund 112 Millionen Euro an Synergien erwartet. Hinzu kämen ab 2011 jährlich 100 Millionen aus der Integration von Debitel und Freenet. Der kürzlich ausgeschiedene Vorstandschef Eckhard Spoerr hatte die erwarteten Synergien auf jährlich bis zu 100 Millionen Euro frühestens 2010 beziffert.

Grenkeleasing kauft sich eigene Bank
Am Abend meldete Grenkeleasing den Kauf der Hamburger Privatbank Hesse Newman & Co. Hesse Newman solle die Partnerbank für die rund 130.000 Grenkeleasing-Kunden in Deutschland sein, erklärte Finanzvorstand Uwe Hack. Das Kreditportfolio der Bank betrage rund 20 Millionen Euro. Der Kauf habe keine wesentlichen Auswirkungen auf die Eigenkapitalquote von Grenkeleasing, hieß es weiter. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden.

CTS-Aktie erholt
Bester Titel im SDax war CTS Eventim. Der Ticketvermarkter hat 2008 nach vorläufigen Zahlen 404 Millionen Euro umgesetzt, fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um knapp sieben Prozent auf 50,3 Millionen Euro. Der Vorstand erwartet auch im laufenden Geschäftsjahr eine konstant hohe Nachfrage.

Gesco sieht sich auf Kurs
Die Beteiligungsgesellschaft Gesco hat in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2008/09 ihren Umsatz um 17 Prozent auf 293 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis je Aktie kletterte von 4,57 auf 6,07 Euro. Außerdem bestätigte das SDax-Unternehmen seine Gesamtjahresziele.

Analytik Jena demonstriert Zuversicht
Das Medizintechnikunternehmen Analytik Jena hat im ersten Quartal 2008/09 seinen Umsatz um 17 Prozent auf 17,1 Millionen Euro verbessert. Das operative Ergebnis im fortgeführten Instrumentengeschäft erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent auf 2,3 Millionen Euro. "Das Unternehmen blickt aufgrund des starken ersten Quartals und des aktuellen Auftragsbestands optimistisch auf den weiteren Verlauf des Geschäftsjahres", teilte Analytik Jena mit.

Vorstandswechsel bei Beate Uhse
Der Sexartikelkonzern Beate Uhse bekommt nach neun Jahren einen neuen Chef. Otto Christian Lindemann, Finanzvorstand und Vorstandssprecher, werde das Flensburger Unternehmen Ende März auf eigenen Wunsch verlassen, teilte Beate Uhse am Nachmittag mit. Sein Nachfolger wird Serge van der Hooft, der seit Anfang 2008 im Vorstand für das operative Geschäft zuständig war.

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