Peinlicher Euphorieanfall

Detlev Landmesser

Stand: 09.01.2009, 20:27 Uhr

Ein kurioser Tag: Nur weil in den USA zuletzt etwas weniger Jobs wegfielen als befürchtet, kletterten vorübergehend die Kurse. Dann wurde den Investoren jedoch klar, dass die Daten trotzdem verheerend waren.

Der L-Dax ging 1,8 Prozent tiefer mit 4.790,21 Punkten ins Wochenende. Nach den amerikanischen Arbeitsmarktdaten, die das US-Arbeitsministerium um 14:30 Uhr veröffentlichte, hatte der deutsche Leitindex bis zu 1,1 Prozent gewonnen, während der Euro gegenüber dem Dollar unter 1,35 Dollar zurückfiel. Als die Wall Street selbst die Euphorie aber nicht teilte und tiefrot in den Tag startete, rutschten auch an den europäischen Märkten die Kurse ab.

Insgesamt fielen in den USA im Dezember 524.000 Arbeitsplätze weg. Von Reuters befragte Analysten hatten dagegen 550.000 weniger Stellen erwartet. Im Gesamtjahr 2008 kam es zu 2,6 Millionen Stellenstreichungen. Das ist der größte Abbau innerhalb eines Jahres seit 1945. Die Arbeitslosenquote stieg von revidiert 6,8 auf 7,2 Prozent. Das ist das höchste Niveau seit 16 Jahren.

Die Konjunktursorgen manifestierten sich auch am Ölmarkt, wo die wichtigste US-Ölnotierung zeitweise unter 40 Dollar rutschte.

Industrieproduktion schrumpft dramatisch

Die deutsche Industrieproduktion brach im November im Vergleich zum Vormonat um 3,1 Prozent ein - wie so oft, hatten Beobachter einen Einbruch in dieser Heftigkeit nicht erwartet. Dagegen waren die deutschen Einzelhandelsdaten des Statistischen Bundesamtes überraschend gut. Wie aus der Schätzung hervorgeht, hat der Einzelhandel das Jahr 2008 wohl mit einem Umsatzplus von 1,9 bis 2,4 Prozent abgeschlossen.

Durcheinander bei den Finanztiteln
Was den Staatseinstieg bei der Commerzbank angeht, waren die Börsianer hin- und hergerissen. Einerseits bedeutet der spektakuläre Schritt, dass die Milliardenlöcher bei der Commerzbank und der Dresdner Bank noch bedrohlicher waren als gedacht. Andererseits dürfte die Fusion der beiden Institute damit endgültig in trockenen Tüchern sein. Davon profitierte die Aktie der Allianz, die mit einem Plus von 6,2 Prozent an der Dax-Spitze lag. Die Commerzbank-Aktie stürzte dagegen um bis zu 14,9 Prozent auf ein neues Rekordtief von 4,47 Euro. Ein Händler rechnete vor, dass alleine die Zinsen, welche die Commerzbank für die stillen Einlagen des Rettungsfonds SoFFin leisten muss, den Gewinn eines guten Jahres auffressen würden. Auf eine Dividende dürfen Aktionäre für die nächsten Jahre jedenfalls nicht hoffen.

Gestern hatte die Commerzbank mitgeteilt, dass sich der Staat mit einem Anteil von 25 Prozent plus eine Aktie an der Bank beteilige. Der Bund will nun zwei Vertreter in den Aufsichtsrat entsenden.

Sorgen um Deutsche und Postbank
Die Postbank-Aktie verlor sechs Prozent. Die Bank gab am Morgen bekannt, dass das Ergebnis des vierten Quartals deutlich von den Auswirkungen der Finanzkrise beeinflusst sein werde. Für das vierte Quartal erwartet das Institut etwa eine halbe Milliarde Minus. Auch die Spekulationen, dass die Deutsche Bank im Eigenhandel einen hohen Verlust ausweisen werde, reißen nicht ab und belasteten die Aktie des Branchenprimus. Die Deutsche-Bank-Aktie konnte ihren Verlust aber eindämmen, als aus Insiderkreisen die Einschätzung herumgereicht wurde, dass die Bank ohne Staatsgeld die Krise kommen werde.

Spekulation um Deutsche Börse
Im Verlauf geriet auch die Aktie der Deutschen Börse unter verstärkten Druck, als Spekulationen über einen Ausstieg des Hedgefonds TCI aufkamen. Zuvor war der Weggang von TCI-Gründer Patrick bekanntgeworden. TCI und der Hedgefonds Atticus halten rund 20 Prozent der Anteile an der Deutschen Börse.

RWE vor Milliardenübernahme?
RWE hat sich offenbar die Finanzierung für die mögliche Milliarden-Übernahme des niederländischen Versorgers Essent gesichert. "Essent weiß, dass RWE das Geld hat. Die Entscheidungen werden am Wochenende getroffen", sagte ein mit der Kreditvergabe vertrauter Banker am Freitag. Nach niederländischen Medienberichten liegt der deutsche Energiekonzern im Bieterrennen um Essent vorne. Die bisherigen Gebote lägen bei zehn Milliarden Euro.

Infineon wieder Penny-Stock
Die Infineon-Aktie büßte fast neun Prozent auf 0,97 Euro ein. Schon gestern hatte der Chiptitel überdurchschnittlich verloren und damit auf schlechte Nachrichten aus der US-Technologiebranche reagiert.

BMW-Absatz stockt
Die BMW-Aktie stemmte sich gegen den Tagestrend. Wie zu erwarten war, brach der Absatz des Autobauers im Dezember deutlich ein. Weltweit sei der Absatz von Autos der Marken BMW, Mini und Rolls-Royce um 26,4 Prozent auf rund 112.000 zurückgegangen, teilte BMW mit. Wegen guter Geschäfte zu Beginn des vergangenen Jahres schrumpfte der Gesamtjahresabsatz aber nur um 4,3 Prozent. BMW gab keine Prognose für das laufende Jahr ab.

Holcim und HeidelCement?
Da der fast 80-prozentige Merckle-Anteil an HeidelbergCement offenbar zur Disposition steht, blühen nun die Spekulationen um eine Übernahme des im MDax notierten Zementherstellers. Am Freitag wurde über ein Interesse der Schweizer Holcim spekuliert, des zweitgrößten Baustoffkonzerns der Welt. Holcim selber dementierte die Gerüchte, wies aber darauf hin, dass man Gelegenheiten immer prüfe, "wenn sie kommen".

Wilex haussiert
Die Wilex-Aktie kletterte am Morgen um bis zu 42,9 Prozent. Der belgische Pharmakonzern UCB hatte zuvor mitgeteilt, dass er sich mit gut 13 Prozent an dem Münchener Biotechunternehmen beteiligt hat. Zugleich vereinbarten die beiden Firmen eine Partnerschaft zur Weiterentwicklung des gesamten präklinischen Krebs-Programms von UCB. Wilex wird damit drittgrößter Anteilseigner nach dem SAP-Gründer Dietmar Hopp und dem Finanzinvestor Apax.

Squeeze-out bei AWD
Swiss Life bietet den Minderheitsaktionären von AWD 30 Euro pro Aktie als Barabfindung. Die Abfindung sei für den Squeeze-out vorgesehen, teilten Swiss Life und AWD mit. Der Schweizer Lebensversicherer ist bereits zum größten Teil im Besitz des hannoverschen Finanzdienstleisters und will die verbliebenen freien Aktionäre herausdrängen. Auf der AWD-Hauptversammlung am 24. Februar soll über den Squeeze-out abgestimmt werden - was angesichts der Mehrheitsverhältnisse nur eine Formsache ist.

Bijou Brigitte wächst leicht
Die Aktie von Bijou Brigitte verlor gut drei Prozent. Die Modeschmuckkette hat im vergangenen Jahr ihren Umsatz gesteigert. Vor allem wegen der Eröffnung neuer Läden stiegen die Erlöse um 2,2 Prozent auf 375 Millionen Euro. Das Konzernergebnis nach Steuern lag indes leicht unter dem Niveau des Vorjahres. Bijou Brigitte eröffnete im vergangenen Jahr 80 neue Läden und verfügt nun über 1.085 Filialen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr