Optimisten treiben weiter ihr riskantes Spiel

Angela Göpfert

Stand: 02.03.2010, 20:02 Uhr

Investoren feiern die Aussicht auf EU-Hilfen für Griechenland - und das schon den dritten Tag in Folge. Der Dax hat damit die im Februar angelaufenen Verluste bereits mehr als wett gemacht. Die Risikoneigung der Anleger ist mittlerweile so groß wie seit anderthalb Jahren nicht mehr!

Der Volatilitätsindex VDax fiel heute erneut auf nunmehr 18,77 Punkte. Ein solch niedriger Wert wurde letztmalig im Mai 2008 gemessen. Der VDax gilt als "Angstbarometer": Hohe Werte deuten auf Panik unter den Anlegern hin, niedrige Werte hingegen auf eine besonders hohe Risikoneigung.

Risikofreude treibt die Kurse
Ein sinkender VDax geht zumeist mit steigenden Kursen des deutschen Leitindex' einher, so auch am Dienstag: Der Dax setzte seine Gewinnserie der vergangenen Tage fort und beendete den Xetra-Handel 1,1 Prozent höher bei 5.776 Punkten. Den Parketthandel beschloss er etwas niedriger bei 5.767 Zählern.

Zu diesem Zeitpunkt standen die Kurse an der Wall Street ebenfalls höher: Der Dow-Jones-Index notierte 0,4 Prozent im Plus, für die Kurse an der Nasdaq und im S&P 500 ging es gar um 0,8 respektive 0,7 Prozent in die Höhe.

Verfrühter Jubel?
Die jüngsten Entwicklungen deuteten daraufhin, dass die EU den Haushaltssünder nicht im Regen stehen lassen werde und fieberhaft an einem "Bailout"-Programm für Griechenland arbeite - so zumindest die gängige Meinung der Optimisten. "Es scheint, als ob es Fortschritte gibt in Sachen Griechenland", sagte ein Händler.

Bislang fehlen aber Bestätigungen von offizieller Seite ebenso wie konkrete Details einer solchen Rettungsmaßnahme. Die Börsen jubilieren dennoch - oder vielleicht gerade deswegen? Überlegungen, welche negativen Folgen staatliche Hilfen etwa von Seiten Deutschlands oder Frankreichs für diese Staaten selbst und auch die gesamte Euro-Zone hätten, spielten heute an der Börse jedenfalls keine Rolle.

Die Euphorie der Marktteilnehmer erinnert damit stark an die Hoch-Zeiten der Finanzkrise, zu denen ebenfalls jedes Bankenrettungspaket an der Börse frenetisch begrüßt wurde - und im Anschluss Ernüchterung einsetze.

Renten, Devisen, Rohstoffe
Von Ernüchterung war heute jedoch an den Finanzmärkten keine Spur. Am Rentenmarkt verringerte sich der Spread zwischen zehnjährigen Bundesanleihen und entsprechenden griechischen Bonds erstmals seit dem 12. Februar auf unter 300 Basispunkte. Am Devisenmarkt konnte der Euro kräftig zulegen bis auf 1,3622 US-Dollar in der Spitze.

Der Dollarverfall und die steigende Risikoneigung der Anleger kamen auch dem Rohstoffmarkt zugute: Der Preis für ein Barrel der US-Referenzsorte WTI kletterte über die Marke von 80 Dollar. Der Goldpreis zog an bis auf ein neues Ein-Monats-Hoch von 1.137 Dollar je Feinunze.

BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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75,21
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Lufthansa hebt ab
Größter Gewinner im Dax war Lufthansa mit einem Aufschlag von 3,6 Prozent. Deutschlands größte Airline hatte am Dienstag zwar ein Minus von 112 Millionen Euro für 2009 bekanntgegeben, steht damit aber deutlich besser da als ihre großen Wettbewerber. Zudem schürten Aussagen des Branchenverbandes IATA, wonach im Januar die Passagierzahlen gestiegen seien, Hoffnungen auf eine Erholung im Flugverkehr.

BMW gefragt
BMW präsentierte sich ebenfalls stark und schloss 2,9 Prozent höher. Unter den deutschen Herstellern hat allein BMW im Februar den Absatz auf dem Heimatmarkt im Vergleich zum Vorjahresmonat steigern können. Alle anderen Autoproduzenten hätten bei den Neuzulassungen ein Minus verzeichnet, so das Kraftfahrt-Bundesamt. Auch in den USA konnte BMW mit einem deutlichen Absatzplus punkten: Hoffnungssignal vom US-Automarkt

Gute Aussichten für Infineon und Qualcomm?
Infineon profitierte von einer positiven Branchenstudie der UBS für die Halbleiter-Industrie und legte ebenfalls rund 2,9 Prozent zu. Infineon war in der Studie als einer von sieben "top global picks" genannt worden. Die UBS-Studie kam auch Qualcomm zugute. Zudem gab der US-Chipriese ein Aktien-Rückkaufprogramm über drei Milliarden Dollar und eine Erhöhung der Quartalsdividende bekannt.

Merck herabgestuft
Derweil hat der Milliarden-Zukauf von Merck in den USA Folgen: Die Ratingagentur S&P stufte Merck nach Ankündigung der Millipore-Übernahme von "A-" auf "BBB+" herab. Auch Moody's denkt über eine mögliche Herabstufung nach. Die Merck-Aktie gab im Parketthandel nach.

Moody's lobt Stahltitel
Wieder etwas positiver urteilt Moody's hingegen über zyklische Titel wie Salzgitter und ThyssenKrupp. Die Stahlindustrie lasse die Wirtschaftskrise langsam hinter sich. Die Ratingagentur hob ihren zuletzt negativen Ausblick für den Stahlsektor in Europa, dem Nahen Osten und Afrika auf "stabil" an, warnte aber vor Rückschlägen wegen möglichen Überkapazitäten.

T-Aktie bekommt Quittung
Auch die T-Aktie zeigte sich von Analystenstimmen bewegt: Mit einem Abschlag von rund 0,3 Prozent reagierte sie auf negative Studien im Nachgang an die Zahlenvorlage vergangene Woche. So stufte Barclays von "Overweight" auf "Equal Weight" herab und senkt das Kursziel von 12,52 auf 11,00 Euro. Auch JP Morgan senkte seine Prognosen nach den "glanzlosen" Ergebnissen.

Angst vor Adidas-Zahlen?
Neben der Telekom war Adidas heute der einzige Kursverlierer im Dax mit einem Minus von 0,1 Prozent ein. Der Dax-Konzern legt am Mittwoch seine Jahresergebnisse 2009 vor. Diese dürften laut Analysten vom schwierigen wirtschaftlichen Umfeld sowie von Einmalkosten durch Umstrukturierungen belastet sein. Im Mittelpunkt der Anleger wird die Prognose für das WM-Jahr 2010 stehen.

Vorschusslorbeeren für QSC
Im TecDax war die QSC-Aktie im Vorfeld der morgigen Zahlenvorlage hingegen größter Gewinner mit einem Aufschlag von 5,2 Prozent. Analysten rechnen damit, dass der Telekommunikationsanbieter QSC trotz Einbußen im Schlussquartal sein Gewinnziel für das Gesamtjahr 2009 erreicht haben dürfte.

Solar-Titel weiter auf Talfahrt
Bei den Solar-Titeln ging der Kursverfall in eine neue Runde: Die Konkurrenz aus China und die Kürzung der Förderung in Deutschland setzten der Branche gewaltig zu, sagten Händler. Größter Verlierer im TecDax waren Phoenix Solar mit einem Abschlag von mehr als sechs Prozent. Auch Solarworld, Centrotherm und Roth & Rau gerieten unter die Räder.

Tui und HHLA auf Höhenflug
Im MDax gingen Tui-Aktien auf Höhenflug, sie schlossen 5,5 Prozent höher. Die DZ Bank hatte die Aktien von TUI auf "schwacher Kauf" von "verkaufen" hochgestuft und zur Begründung auf den "sich auf längere Sicht abzeichnenden Turnaround in der Containerschifffahrt" verwiesen.

Für einen solchen Turnaround sprechen auch Aussagen der Reederei Neptun Orient Lines (NOL), wonach sich die Transportvolumina zuletzt weiter erholten. Das beflügelte die Aktie des Hafenbetreibers HHLA, die rund fünf Prozent im Plus schloss.

Aareal Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
34,42
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Analysten finden Stada toll
Auch die Stada-Aktie war heute über die Maßen gefragt. Die starken Quartalsergebnisse und der optimistische Ausblick vom Vortag hatten zahlreiche positive Analystenkommentare nach sich gezogen: Nun empfehlen Deutsche Bank, Unicredit, Cheuvreux und Commerzbank den Titel zum Kauf, die Kursziele rangieren zwischen 30 und 36 Euro. Den Xetra-Handel beendete der Titel bei 28,29 Euro.

Aareal an WestImmo interessiert?
Bei der wegen EU-Vorgaben zur Verkauf stehenden WestLB-Tochter WestImmo soll die vergleichsweise solide dastehende Aareal Bank laut Medienberichten zu den Bietern zählen. Die WestLB sei bereit, die WestImmo auch unter ihrem Buchwert zu verkaufen, hieß es in Kreisen. Das trieb die Aareal Bank um 1,7 Prozent in die Höhe.

Aufstiegskandidat Axel Springer?
Im SDax gewannen Aktien von Axel Springer 4,0 Prozent. Der Medienkonzern gilt für die Indexüberprüfung der Deutschen Börse am morgigen Mittwoch als einer der wenigen Aufstiegskandidaten. Die entsprechenden Kriterien - Marktkapitalisierung des Streubesitzes sowie Börsenumsatz - erfüllt Axel Springer laut Indexanalysten.

Übernahmekampf beflügelt Terra
Unter den ausländischen Titeln auf dem Frankfurter Börsenparkett machten Papiere des Düngemittelherstellers Terra Industries mit einem prozentual zweistelligen Kurssprung auf sich aufmerksam. Hier zeichnet sich ein Übernahmekampf zwischen Yara und CF Industries ab. Aktien der beiden Interessenten fielen hingegen deutlich.

Prudential setzt Talfahrt fort
Derweil machte Prudential erneut negativ auf sich aufmerksam. Nachdem die Aktie bereits am Montag zwölf Prozent niedriger geschlossen hatten, schmierten sie heute nochmals um bis zu elf Prozent ab. Experten befürchten nach der Ankündigung einer Kapitalerhöhung zur Finanzierung der Übernahme des asiatischen AIG-Lebensversicherungsgeschäfts eine massive Verwässerung der Prudential-Aktien.

Intercell fällt in Ungnade
Auch der österreichische Impfstoffentwickler Intercell hatte schon bessere Tage an der Börse gesehen. Das Unternehmen war im vergangenen Jahr wegen höheren Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen mit mehr als 18 Millionen Euro in die Minuszone gerutscht. Im Vorjahr hatte Intercell noch 17 Millionen Euro verdient.

Ergo-Zwangsabfindung unter Börsenkurs
Am späten Abend teilte die Münchener Rück mit, sie wolle die verbliebenen Ergo-Aktionäre zwangsweise mit einem Betrag von 97,72 Euro je Aktie abfinden. Der Preis orientiert sich am Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate. Vor der heutigen Bekanntgabe lag der Kurs der Ergo-Aktie bei 109,70 Euro. Nur noch 0,36 Prozent der Ergo-Aktien waren zuletzt nicht in Händen der Münchener Rück, nachdem diese ein fünfprozentiges Paket von der HypoVereinsbank (HVB) erworben hatte. Die Hauptversammlung von Ergo soll über den Abschied von der Börse am 12. Mai abstimmen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 16. Oktober

Unternehmen:
Merck: Kapitalmarkttag, 8.30 Uhr
Johnson & Johnson: Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Morgan Stanley: Quartalszahlen Q3, 13 Uhr
Goldman Sachs: Quartalszahlen Q3, 13.30 Uhr
Telekom Austria: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
IBM: Quartalszahlen Q3, 22 Uhr
Netflix: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
TomTom: Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
China: Erzeugerpreise / Verbraucherpreise, 3.30 Uhr
EU: Handelsbilanz, 11 Uhr
Deutschland: ZEW Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Industrieproduktion / Kapazitätsauslastung, 15.15 Uhr
USA: NAHB-Index, 16 Uhr