Optimisten setzen sich durch

Notker Blechner

Stand: 14.05.2009, 20:20 Uhr

Starke Nerven brauchten die Anleger am Donnerstag. Lange hatte es nach dem dritten Verlust-Tag in Folge ausgesehen. Doch dann wachte der Dax aus seiner Frühjahrs-Lethargie auf und drehte ins Plus. Eine Flut von Quartalszahlen sorgte für viel Bewegung.

Die entscheidende Schützenhilfe kam aus den USA. Kursgewinne an der Wall Street hievten den Dax zunehmend nach oben. Der deutsche Leitindex, der bis zum Nachmittag im Minus gelegen hatte, schloss mit 0,23 Prozent im Plus bei 4738 Punkten. Im späten Parketthandel konnten dank der guten Vorgaben der US-Börsen die Kursgewinne weiter ausgebaut werden. Der L-Dax gewann über ein Prozent. Der Dow Jones stieg um 0,8 Prozent, der Nasdaq gar um 1,7 Prozent. Technologiewerte und defensive Titel waren gefragt.

Keine klare Richtung

Trotzdem überwog die Unsicherheit. Zwar gebe es weiter Hoffnungen auf eine Konjunktur-Stabilisierung, andererseits wurde durch die Rally der vergangenen Wochen schon viel in den Kursen eingepreist, meinte Aktienstratege Christian Schmidt von der Helaba. Zudem dämpften für kurze Zeit Konjunkturdaten die Stimmung. Die auf ein Rekordhoch gestiegene Anzahl der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe machten Hoffnungen auf eine Wende am Arbeitsmarkt und ein Ende der Rezession zunichte. Doch schließlich setzte sich die Meinung der Optimisten durch, dass ein Sondereffekt, nämlich die Chrysler-Insolvenz die Arbeitslosenhilfe-Anträge kurzfristig nach oben getrieben hätten.

GM-Insolvenz "wahrscheinlich"
Eine weitere Insolvenz rückt gleichzeitig immer näher: die von General Motors. GM-Chef Fritz Henderson nannte in einem Fernsehinterview den Antrag auf Insolvenz "wahrscheinlich". Derweil versicherte Ford auf der Hauptversammlung, die Rezession ohne fremde Hilfe zu meistern. Für 2011 stellte der Autobauer eine Rückkehr in die Gewinnzone in Aussicht. Die Aktien von Ford stiegen um fünf Prozent, während GM um vier Prozent nachgab.

Von der Krise weitgehend verschont ist bislang Wal-Mart geblieben. Allerdings musste der weltgrößte Einzelhändler dem stärkeren Dollar Tribut zollen. Wegen des Wechselkurseffekts schrumpfte der Umsatz leicht, der Gewinn je Aktie stagnierte bei 0,77 Dollar. Die Aktie verlor rund zwei Prozent.

Erfreuliches von Salzgitter und RWE
Deutsche Anleger schauten vor allem auf die unzähligen Quartalszahlen, die am Donnerstag hereinprasselten. Aus dem Dax meldeten sich zwei Unternehmen: Salzgitter und RWE. Beide schnitten besser ab als erwartet. Bei Salzgitter sorgte die ausgebliebene Gewinnwarnung für Erleichterung. Die Salzgitter-Aktie führte die Liste der Dax-Gewinner mit einem Plus von fünf Prozent an. Die RWE-Aktie dagegen schloss leicht im Minus. Dabei konnte der Energiekonzern seine Erlöse und das Betriebsergebnis stärker steigern als Analysten vorhergesagt hatten. Dennoch hält RWE-Chef Jürgen Großmann am bescheidenen Ziel fest, 2009 einen Gewinn in Vorjahreshöhe zu erzielen. Indes wächst der Widerstand gegen die milliardenschwere Übernahme des niederländischen Energieversorgers Essent. Die führende Arbeitgeberorganisation des Landes sprach sich gegen einen Verkauf an einen ausländischen Konzern aus.

Post verkauft Millionen Deutsche-Bank-Aktien
Am Abend gab die Deutsche Post bekannt, die Hälfte ihres Aktienpakets an der Deutschen Bank verkauft zu haben. Der Anteil sei damit von acht auf vier Prozent gesunken. Die Platzierung der 25 Millionen Aktien habe einen zusätzlichen Mittelzufluss gegenüber dem ursprünglich vereinbarten Preis von 100 Millionen Euro gebracht. Die andere Hälfte der Aktien soll ab Juni marktschonend abgegeben werden. Die Aktien der Post und der Deutschen Bank zogen im späten Handel an.

BMW kündigt neue Modellfamilie an
Zu den Dax-Gewinnern zählte auch BMW. Der Autobauer kündigte auf der Hauptversammlung in München an, bis 2015 ein Stadtfahrzeug "Megacity Vehicle" auf den Markt zu bringen. Es soll den Auftakt für eine ganz neue Familie emissionsarmer Fahrzeuge bilden, versprach BMW-Chef Norbert Reithofer. Derweil forderten Aktionärsschützer eine Verschlankung und Kooperationen mit anderen Herstellern. Nur so ließen sich Kosten sparen. Im April verkaufte BMW fast ein Drittel weniger Fahrzeuge in Europa.

Commerzbank vor turbulenter Hauptversammlung
Unter Druck standen die Aktien der Commerzbank. Sie büßten über drei Prozent ein. Händler verwiesen auf eine Studie von JP Morgan, wonach das Geldinstitut nicht um eine Kapitalerhöhung herumkomme. Am Freitag wird mit Spannung die Hauptversammlung erwartet. Die Aktionäre sollen über den Einstieg des Bundes bei der Commerzbank abstimmen. Einige von ihnen werden aber erst einmal kräftig Dampf ablassen und die Commerzbank-Führungsriege rügen. Die Aktionärsschützer wollen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat vertagen. Vorsorglich ist die HV auf zwei Tage angesetzt.

Grünes Licht aus Brüssel für Lufthansa-Deal
Ähnlich starke Kursverluste wie die Commerzbank verzeichnete die Lufthansa. Nachbörslich erholte sich der Kurs leicht. Am Abend gab Brüssel grünes Licht für die Übernahme der britischen Fluggesellschaft BMI. Trotz Überschneidungen auf bestimmten Flugrouten werde der Wettbewerb nicht erheblich beeinträchtigt. Außerdem hat sich die Lufthansa 88 Prozent der Anteile an der österreichischen Fluggesellschaft AUA gesichert. Hier müssen allerdings die EU-Wettbewerbshüter dem Deal noch zustimmen.

ProSieben und Springer trotzen der Werbeflaute
Mehrere Medienkonzerne legten am Donnerstag ihre Bilanz vor. Während ProSiebenSat.1 und Axel Springer überraschend gute Zahlen vermeldete, enttäuschte Premiere. Vor allem die Fernsehsendergruppe ProSiebenSat.1 zeigte, wie sie der Werbeflaute trotzt. Dank Einsparungen konnte der Verlust im ersten Quartal überraschend deutlich auf 1,7 Millionen Euro verringert werden. Die Aktie schnellte um über 13 Prozent nach oben und war größter MDax-Gewinner.

Die im SDax notierten Aktien von Axel Springer legten drei Prozent zu. Der Medienverlag kompensierte die Werbedelle größtenteils durch Zuwächse im Internet-Geschäft. Die Erlöse schrumpften um drei Prozent, das Ergebnis stieg um zwei Prozent. Nur Premiere blieb hinter den Erwartungen zurück. Der Pay-TV-Sender rutschte im ersten Quartal tiefer in die roten Zahlen. Der Verlust wurde fast verdreifacht auf 80 Millionen Euro. Trotzdem stieg die Aktie um fast sechs Prozent.

Immobilien-Aktien auf dem Vormarsch
Neben den Medienunternehmen verkündeten auch viele Immobilienfirmen ihre Bilanzen. Vor allem Colonia Real Estate erfreute die Anleger mit ihrer Rückkehr in die schwarzen Zahlen. Die Aktie zählte zu den gefragtesten Werten im SDax. Einen etwas kleineren Sprung um zwei Prozent machte die Aktie der Deutschen Euroshop im MDax. Wegen vieler Neueröffnungen stiegen Umsatz und Ebit zweistellig. Damit lag der Konzern leicht über den Erwartungen des Marktes.

Stada und Celesio übertreffen Erwartungen
Zu den Top-Gewinnern im MDax gehörten auch Stada und Celesio. Zwar ging bei Stada der Gewinn im ersten Quartal zurück, fiel aber besser aus als erwartet. Auch Europas größter Pharmahändler Celesio ist in das Jahr mit einem Ergebnisminus gestartet. Schuld waren das schwache Pfund und eine geringere Nachfrage nach rezeptfreien Medikamenten. Analysten hatten aber Schlimmeres befürchtet.

Leoni schürt Hoffnung
Zuversicht verbreitete ebenfalls Leoni. Der Autozulieferer will 2010 wieder zu Wachstum und Profitabilität zurückkehren. Das versprach Vorstandschef Klaus Probst auf der Hauptversammlung. Mit Einsparungen und mehr Unabhängigkeit vom Autogeschäft soll die Wende geschafft werden. Im ersten Quartal fiel ein Verlust von fast 50 Millionen Euro an. Die Aktie legte neun Prozent zu.

HeidelCement bekommt Überbrückungskredit
Kräftig aufgemischt wurde dagegen HeidelbergCement. Die Aktie brach um 14 Prozent ein. Der hoch verschuldete Baustoffkonzern leidet unter Finanzierungsproblemen und hat einen kurzfristigen Überbrückungskredit in Höhe von 600 Millionen Euro erhalten.

Escada vor Verkauf von Primera?
Neue Hoffnung gibt es für den angeschlagenen Luxusmodekonzern Escada. Die Rettung rückt offenbar näher. Für die verlustreiche Tochter soll es Kaufinteressenten geben, sagte Vorstandschef Bruno Sälzer dem Handelsblatt in einem Vorab-Bericht. Vor einer Woche hatte es Gerüchte gegeben, dass LVMH Escada übernehmen wolle.

Großer "Solartag" im TecDax
Seinem Ruf als "Solar-Dax" wurde mal wieder der TecDax am Donnerstag gerecht: Centrotherm, Phoenix, Conergy und Roth& Rau trieben den Index ins Plus. Alle vier Unternehmen überzeugten mit ihren Quartalszahlen. Sie berichteten von wieder anziehenden Geschäften seit März. Vor allem die Orderbücher der Zulieferer Centrotherm und Roth&Rau sind offenbar prall gefüllt. Selbst Sorgenkind Conergy kommt mit der Sanierung offenbar voran. Der Verlust reduzierte sich um 70 Prozent.

CTS und Delticom im Internet-Rausch
Im SDax notierten die CTS-Eventim-Aktien hinter SKW ganz oben. Der Ticketverkäufer trotzt der Krise - und profitiert vom Internet. Der Gewinn hat sich im Auftaktquartal verdoppelt. Ähnlich macht es Delticom. Der Reifenhändler setzt komplett aufs Internet - und wächst weiter. Laut vorläufigen Zahlen kletterte der Umsatz um rund ein Fünftel auf 51 Millionen Euro.

GfK: Marktforschungen auf dem Prüfstand
Auf der Verliererseite stand dagegen die GfK-Aktie. Der Marktforscher hat nicht nur einen herben Gewinneinbruch einstecken müssen. Der Konzern enttäuschte auch mit der Prognose: Viele Kunden nehmen aus Kostengründen ihre Marktforschungsbudgets derzeit unter die Lupe. Die Aktie rauschte fast sechs Prozent abwärts.

Vivendi verdient mehr
Aus dem Ausland kam am Abend noch Vivendi mit Zahlen. Der französische Medien- und Telekom-Konzern steigerte im ersten Quartal das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen um 15 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro. Der Umsatz stieg um über 20 Prozent auf 6,5 Milliarden Euro. Die Prognosen wurden übertroffen.

Sony macht wieder Verluste
Der japanische Elektronik-Riese Sony ist dagegen tief in die roten Zahlen geschlittert. Im Geschäftsjahr 2008/2009, das bis Ende März ging, erlitten die Japaner einen Verlust von umgerechnet 761 Millionen Euro. Der Umsatz schrumpfte um 13 Prozent auf 59,5 Milliarden Euro. Vor allem Foto- und Videokameras sowie Computer erwiesen sich als Ladenhüter.

Zieht sich Schweizer Staat aus UBS zurück?
In der Schweiz schließlich machten Spekulationen die Runde, dass sich der Staat möglicherweise schneller als geplant aus der UBS zurückziehe. Bern ist über eine Pflichtwandelanleihe an der Großbank beteiligt. Laut einem Medienbericht würden Bank und Regierung auf eine rasche Wandlung der Anleihe und eine Weiterplatzierung der Aktien hinarbeiten. Die Schweizer Regierung hatte die Anleihe im Herbst gezeichnet, um der UBS frisches Kapital zu verschaffen. Die Schweizerische Nationalbank übernahm zudem von der UBS ein milliardenschweres Paket illiquider Wertpapiere. Die UBS-Aktien legten um rund drei Prozent zu.

Tagestermine am Dienstag, 20. November

Unternehmen:
Dermapharm: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Westwing: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Easyjet: Jahreszahlen, 8 Uhr
Porsche Automobil Holding: Q3-Zahlen
The Gap: Q3-Zahlen
BASF: Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise gewerbliche Produkte, 8 Uhr
Deutschland: Baugenehmigungen, 8 Uhr
USA: Baubeginne, -genehmigungen, 14.30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"