Oh Schreck, ein neuer Crash-Tag

Stand: 10.08.2011, 20:05 Uhr

Der Tag begann recht vielversprechend mit Kursgewinnen. Doch dann kamen Zweifel auf, aus Zweifeln wurde Angst, aus Angst Panik. Fünf Prozent verlor der Dax am Ende. Viel schlimmer die Zwei-Wochen-Bilanz: 24 Prozent Verlust.

Wenigstens für ein paar Stunden sah es am Mittwoch aus nach heiler Börsenwelt. Es schien, als habe die mächtigste Notenbank der Welt dem Millionenheer von Anlegern und Spekulanten an den Finanzmärkten die Stirn geboten. Sie hatte angekündigt, sie werde "mindestens" zwei Jahre ihrer Nullzinspolitik beibehalten. Danach Kursgewinne auf breiter Front. Schnäppchenjäger schlugen zu. Wer will schon die Kehrtwende verpassen? Die die Wall Street gewann gestern vier Prozent. Asien folgte heute mit moderaten Kursgewinnen. Auch viele europäische Börsen verbuchten heute Kursgewinne. Der Dax startete mit drei Prozent Kursplus.

Der Crash auf Raten geht weiter
Doch am Nachmittag kam wieder Panik auf. Die Aktienkurse krachten ein, und weiter ging es mit dem Crash auf Raten. Der Dax macht mit einem Tagesminus von fünf Prozent beim Stand von 5.613 Punkten Feierabend, im Parketthandel konnte der L-Dax nur wenig Terrain zurückerobern. Der EuroStoxx 50 krachte sechs Prozent ein, die Börsen in Italien, Spanien und Frankreich ähnlich stark. Panik auch in New York, der Leitindex Dow Jones notiert derzeit zwei Prozent im Minus, es war zeitweise viel schlimmer.

"Kopflose Hühner" an der Wall Street
"Das war der schwankungsreichste Tag im Dow, an den ich mich erinnern kann" sagte David Buik, Marktstratege bei BGC Partners. "Und ich habe bereits seit 49 Jahren mit Märkten zu tun. Ich war da im Oktober 1987, wo es natürlich heftiger in nur eine Richtung ging, und ich habe den Oktober 2009 erlebt. Aber diese Volatilität im Dow am Dienstag, die hab ich noch nie erlebt. Händler rannten herum wie kopflose Hühner und versuchten zu interpretieren, was die Fed vorhat. Es kam zu Zwangsverkäufen am Aktienmarkt durch Hedgefonds, intensiven Programmhandel und Auktionen, die abgewickelt werden mussten."

Die große Angst der Fed
Denn einerseits waren Investoren begeistert über die Aussicht auf niedrige Zinsen für so lange Zeit. Das unterstützt die Wirtschaft. Andererseits zeigt die Festlegung bis 2013 - ein historisch einmaliger Schritt - wie alarmiert Fed-Chef Ben Bernanke ist. Wie groß die Gefahr ist, dass die US-Wirtschaft in eine neue Rezession abrutschen könnte.

Was hat den Kurssturz ausgelöst?
Am Nachmittag machten in Europa Gerüchte über eine mögliche Rating-Abstufung von französischen Staatsanleihen die Runde. Trotz der Bekräftigung der drei wichtigsten Ratingagenturen, an der "AAA"-Bewertung festzuhalten, machte sich Angst breit. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy versuchte, die Lage mit der Ankündigung zu beruhigen, den Schuldenabbau schneller voranzutreiben. Doch das nützte nichts.

Zusätzlich belasteten vage Gerüchte um eine mögliche Verstaatlichung der Societe Generale. Die Aktie der französischen Großbank ging mit einem Minus von 15 Prozent aus dem Handel, BNP-Paribas schlossen mit Abschlägen von 10 Prozent. Auch hier half das Dementi der Bank nichts.

Flucht in Gold, Franken und Yen
Das Misstrauen in die Entwicklung der Weltwirtschaft ist auch am Goldpreis abzulesen. Er kletterte auf ein neues Hoch von 1.779 Dollar. Auch die Anti-Krisen-Währungen Yen und Schweizer Franken blieben gefragt.

Beim Devisenpaar Euro / Schweizer Franken rückt die Parität immer näher. Trotz der Ankündigung der Schweizer Nationalbank, ihre Maßnahmen gegen den hohen Franken auszuweiten, verliert der Euro weiter an Wert. Bis auf 1,0261 Franken geht es heute nach unten, am Nachmittag bekommt man für einen Euro 1,0357 Schweizer Franken.

Eon tiefrot
Im Dax dominieren die Minuszeichen, noch dazu sind es recht dicke Minuszeichen. Eon als stärkster Dax-Verlierer bricht elf Prozent ein, RWE verliert beinah zehn Prozent. Eon hat den ersten Quartalsverlust in der Firmengeschichte ausgewiesen. Zudem kappte der Versorger seine Gewinnprognose 2011 - wie schon Konkurrent RWE am Vortag.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,94
Differenz relativ
+0,55%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,91
Differenz relativ
+0,56%

Commerzbank mit Problemen
Zu den großen Verlierern im Dax gehören auch Bankaktien. Doch es liegt nicht allein an Societe Generale, dass Deutsche Bank und Commerzbank zwischen sieben und acht Prozent an Wert einbüßen. Die Quartalsbilanz der Commerzbank trug ebenso dazu bei. Sie zeigt, dass die Frankfurter im zweiten Quartal nur mit Mühe die Gewinnzone erreichten. Sie korrigierte den Wert ihrer griechischen Staatsanleihen um 760 Millionen Euro nach unten. Die Hoffnung auf einen Gewinnsprung in diesem Jahr kann sie damit begraben.

Am Vorabend hatte die Bank zudem bekannt gegeben, dass Finanzvorstand Eric Strutz die Bank mit dem Auslaufen seines Vertrages im März 2012 auf eigenen Wunsch verlassen wird.

Henkel macht gute Figur
Einzelne Aktien konnten dennoch Kursgewinne verbuchen. So standen Fresenius und Fresenius Medical Care in der Gunst der Anleger ganz oben. Als dritter im Bunde verbuchte die Henkel-Aktie heute Kursgewinne. Anleger freuten sich vor allem über die leicht angehobene Umsatzprognose. Aber auch die Zwischenbilanz sah gut aus. Der Konsumgüterkonzern hat trotz gestiegener Rohstoffkosten im zweiten Quartal Umsatz und Gewinn gesteigert.

Heftige Turbulenzen im MDax
Im MDax fallen die extremen Kursverluste von Klöckner & Co aus dem Rahmen: 26 Prozent (!) rauscht die Aktie abwärts. Anleger sind entsetzt über den Gewinneinbruch im zweiten Quartal und über die gekappte Jahresprognose. Viele andere Aktie verlieren zwischen fünf und zehn Prozent, zum Beispiel Hochtief, Aarela Bank oder Celesio. Auch an Symrise findet die Börse wenig Gefallen. Bei dem Aromen- und Duftstoffhersteller sind Umsatz und Gewinn im zweiten Quartal stärker gesunken als erwartet.

Dagegen können die MDax-Kollegen Douglas, Aurubis und Brenntag mit ihren Zwischenbilanzen überzeugen. Der Handelskonzern Douglas kehrte vor Steuern wieder in die Gewinnzone zurück. Europas größte Kupferhütte Aurubis verdoppelte sogar ihre Gewinne - und stellte fest: Von Konjunktureinbruch keine Spur. Ähnlich positiv beurteilt auch der Chemikalienhändler Brenntag die Lage. Weder gab es Bremsspuren im vorigen noch in diesem Quartal.

Tom Tailor gefragt, Grammer nicht
Im SDax gab es ebenfalls eine Reihe von Bilanzen. Die Modekette Tom Tailor kann mit ihrem Zahlenwerk überzeugen. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um gut ein Viertel - gegenüber dem ersten Halbjahr beschleunigte sich das Wachstum. SDax-Kollege Grammer wächst zwar ähnlich stark, der Autozulieferer steigerte dank des weltweiten Autobooms seinen Umsatz im ersten Halbjahr um ein Fünftel. Das operative Ergebnis kletterte sogar um mehr als 70 Prozent. Doch die Aktie verliert heute rund zehn Prozent.

Aufruhr im TecDax
Im TecDax verbucht Q-Cells haushohe Kursverluste. 18 Prozent rauscht die Aktie abwärts. Das Solarunternehmen türmte im ersten Halbjahr haushohe Verluste auf. Zudem holte sich der Konzern den ehemaligen Conergy-Vorstand Andreas von Zitzewitz in den Vorstand. Q-Cells neue Therapie: Mehr Produktion in Malaysia, weniger in Bitterfeld.

Dagegen ist Freenet dick im Geschäft. So dick, dass der Mobilfunkanbieter seine Jahresprognose anhebt. Mit einem Kurssprung von fast acht Prozent war die Freenet-Aktie heute der beste Wert im TecDax. Die Singulus-Aktie war ebenfalls gefragt. Der Anlagenbauer für die Herstellung von DVDs und BluRay-Disks hat erstmals seit 2008 wieder einen Quartalsgewinn gemacht. Auch das Gesamtjahr soll mit schwarzen Zahlen abschließen.

Die Centrotherm-Aktie gewinnt ebenfalls. Der auf Solaranlagen spezialisierte Analgenbauer, verzeichnet hauptsächlich wegen guter Nachfrage aus Asien ein starkes erstes Halbjahr. Die Reaktion auf die Bechtle-Quartalszahlen ist zunächst ebenfalls positiv. Der IT-Dienstleister profitiert von den gestiegenen Investitionen seiner Kundschaft. Im zweiten Quartal kletterte der Umsatz um knapp 22 Prozent, das Vorsteuerergebnis sogar um mehr als 80 Prozent. Doch am Ende drehte die Aktie ins Minus.

Solon macht Kurssprung
Außerhalb der Indizes fällt das große Kursplus bei Solon auf. Dabei ist die Quartalsbilanz eher zum Weglaufen. Der Umsatz brach ein, der Verlust weitete sich aus. Allerdings versucht der Solarmodulhersteller mit Hilfe einer Beratungsgesellschaft seine Kosten zu senken. Dabei seien Potenziale in zweistelliger Millionenhöhe identifiziert worden, hieß es. Außerdem verhandelt der Konzern mit Banken über die Verlängerung eines Darlehens über 275 Millionen Euro.

Funkwerk kappt Jahresziele
Funkwerk trauen Anleger nach der heutigen Bilanz nicht. Das Unternehmen aus dem Prime Standard reduzierte seine Umsatz- und Ergebnisprognose für das Gesamtjahr 2011. Das liegt teils am schwachen Geschäft, teils an der Neuausrichtung. Funkwerk will unter anderem Randbereiche und bestimmte Produktlinien abstoßen.

Starker Franken tut Nestle weh
Auch aus dem Auslands gab es noch Bilanzen. So von Nestle. Der Nahrungsmittelriese bekommt den starken Franken negativ zu spüren. Im ersten Halbjahr fiel der Umsatz um 13 Prozent. Im Ausblick bleibt das Unternehmen verhalten optimistisch.

Walt Disney unter Druck
Die Titel von Walt Disney brechen elf Prozent ein. Der Unterhaltungskonzern hatte am Vorabend nachbörslich Zahlen vorgelegt und bei den Erlösen im Filmgeschäft enttäuscht. Davon abgesehen aber trieben die Fernsehstationen und die Freizeitparks das Geschäft an.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 19. September

Unternehmen
Manchester United: Q4-Zahlen
Adecco: Investor Day, 7 Uhr

Konjunktur:
Japan: Zinsentscheid der Bank von Japan
USA: Wohnbaubeginne, August, 14:30 Uhr
USA: Leistungsbilanz Q2, 14:30 Uhr