Ölpreis stört die Party

Detlev Landmesser

Stand: 30.07.2008, 20:30 Uhr

In Deutschland stiegen die Kurse dank guter Konzernzahlen, in Amerika dank erfreulicher Konjunkturdaten. Am Abend platzte aber ein alter Bekannter in die Party herein.

Der L-Dax schloss nur noch 0,1 Prozent höher bei 6.438,12 Punkten. Der US-Ölpreis notiert zur Stunde mit 126,70 Dollar pro Barrel um mehr als vier Dollar über dem Vortagesschluss. Experten begründeten das mit dem deutlichen Rückgang der Benzinbestände in den USA. Diese waren in der abgelaufenen Woche um 3,5 Millionen Barrel gesunken, während am Markt ein deutlich moderater Rückgang erwartet wurde.

Die Wall Street wurde daraufhin in ihrem Aufwärtsdrang gebremst, den sie vor allem neuen Daten vom Arbeitsmarkt zu verdanken hatte. Trotz der Wachstumsschwäche haben die Firmen in den USA im Juli offenbar Stellen aufgebaut. Laut der privaten Arbeitsagentur ADP nahm die Zahl der neuen Jobs in der Privatwirtschaft um 9.000 Stellen zu. Analysten hatten dagegen im Schnitt mit einem Minus von 60.000 neuen Stellen im privaten Sektor gerechnet.

Zudem verkündete die US-Börsenaufsicht SEC, ihre befristet strengeren Vorschriften für Wetten auf fallende Aktienkurse bis Mitte August zu verlängern - was vor allem die Aktionäre der maroden Finanztitel freute. Im Anschluss an die derzeitige Übergangsregelung will die SEC die bisher nur für bestimmte Aktien geltenden Beschränkungen auf den breiteren Markt ausweiten. Zudem teilte die US-Notenbank Fed mit, gemeinsam mit anderen Zentralbanken die Maßnahmen zur Liquiditätsversorgung der Finanzmärkte zu verlängern.

Arcelor treibt Thyssen

Im Dax führte die Aktie von ThyssenKrupp mit einem kräftigen Plus von 7,8 Prozent, obwohl der Mischkonzern überhaupt keine Zahlen vorlegte. Vielmehr half der hervorragende Quartalsbericht des Konkurrenten ArcelorMittal. Außerdem hat Merrill Lynch die Einstufung für den Dax-Titel von "Neutral" auf "Buy" hochgenommen und das Kursziel von 43 auf 54 Euro erhöht.

Siemens schlägt alle Prognosen
Um fast sechs Prozent ging es auch mit dem Dax-Schwergewicht Siemens nach oben. Der Technologiekonzern hat im dritten Geschäftsquartal in seinem Kerngeschäft deutlich besser als erwartet abgeschnitten. Das operative Ergebnis in den drei Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik kletterte um ein Drittel auf 2,08 Milliarden Euro. Der Umsatz stieg währungsbereinigt um 13 Prozent auf 19,2 Milliarden Euro. Von der Nachrichtenagentur dpa-AFX befragte Analysten hatten Werte von nur 1,72 bzw. 18,4 Milliarden Euro erwartet. "Die Jahresprognose für 2008 bekräftigen wir", sagte Konzernchef Peter Löscher. Allerdings warnte er: "Für das Geschäftsjahr 2009 rechnen wir mit einer schwächeren weltwirtschaftlichen Situation."

Postbank will Kurs halten
Bei der Postbank hat sich die Finanzkrise im zweiten Quartal deutlich bemerkbar gemacht. Das Vorsteuerergebnis sank um knapp 27 Prozent auf 171 Millionen Euro. Der Gewinn brach um rund 21 Prozent auf 119 Millionen Euro ein. Die Werte lagen im Rahmen der Analystenerwartungen. Die Post-Tochter bekräftigte, im Gesamtjahr vor Steuern 1,1 bis 1,2 Milliarden Euro verdienen zu wollen.

Bayer erhöht Umsatzprognose
Die Bayer-Aktie wurde dagegen im Handelsverlauf ans Dax-Ende durchgereicht. "Das Haar in der Suppe scheint wohl das Pharmageschäft zu sein", sagte ein Händler. Dieses habe viele Marktteilnehmer mit stagnierenden Umsätzen enttäuscht. Ansonsten waren die Nachrichten aus Leverkusen nicht schlecht: Bayer hat nach dem guten zweiten Quartal seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr angehoben. Der Pharma- und Chemiekonzern rechnet 2008 mit einem um Währungseffekte und Übernahmen bereinigten Umsatzplus von über fünf Prozent. Bislang hatte man "etwa" fünf Prozent angepeilt.

MAN meldet kräftige Zuwächse
Auch beim Lastwagen- und Maschinenbauer MAN schwand die Anfangseuphorie. "Offenbar setzt sich bei den Anlegern erst jetzt die Erkenntnis durch, dass sich wegen des schwachen Auftragseingangs die Aussichten verschlechtert haben - kräftiges Gewinnplus hin oder her", sagte ein Händler. MAN hat im zweiten Quartal seinen Umsatz um 23 Prozent auf 4,26 Milliarden Euro verbessert. Das operative Ergebnis stieg um 39 Prozent auf 562 Millionen Euro. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit einem Umsatz von 3,96 Milliarden und einem operativen Ergebnis von 503 Millionen Euro gerechnet.

Fresenius-Familie zufrieden
Fresenius Medical Care (FMC) hat seine Geschäftsziele bis zum Jahr 2010 bestätigt. Auch die endgültigen Zahlen zum zweiten Vierteljahr fielen nicht überraschend aus, nachdem der Dialyse-Dienstleister bereits vor zwei Wochen einen Einblick in die Geschäftsentwicklung gegeben hatte. Auch der im MDax notierte Mutterkonzern Fresenius bestätigte seine Prognosen.

Lufthansa muss immer mehr Flüge streichen
Klar, dass die Lufthansa-Aktie an diesem Tag nicht gut aufgelegt war. Die Gesellschaft muss wegen des Streiks in den kommenden fünf Tagen jeden zehnten Europaflug ausfallen lassen. Damit werden die Folgen des Arbeitskampfs immer schmerzhafter. Allein am Donnerstag streicht die Lufthansa nach Angaben eines Sprechers 128 Flüge. Am Mittwoch waren es 82, darunter erstmals auch Langstreckenflüge. Bereits am Dienstagabend hatte die Lufthansa ordentliche Quartalszahlen präsentiert. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen hält die größte deutsche Fluggesellschaft an ihrer Prognose für das Gesamtjahr fest.

Vossloh kommt gut an
An der MDax-Spitze thronte der einstige Index-Liebling Vossloh. Der Verkehrstechnikkonzern hat im zweiten Quartal seinen Umsatz um zwölf Prozent auf 302,5 Millionen Euro gesteigert. Der Ebit legte um 9,1 Prozent auf 35,9 Millionen Euro zu. Die Zahlen wurden um das zum Verkauf stehende Gleisbaugeschäft bereinigt. Von Reuters befragte Analysten hatten mit einem Umsatz von 283 Millionen Euro und einem Ebit von 32 Millionen Euro gerechnet.

Pfleiderer fällt zurück
Die Pfleiderer-Aktie rutschte um 7,3 Prozent ab. Der Bau- und Möbelzulieferer hat nach einem nicht sonderlich tollen ersten Halbjahr seine Jahresprognose gekappt. Die Umsatzprognose von zwei Milliarden Euro und die Marge für das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 15 Prozent dürften um 5 bis 15 Prozent unterschritten werden, teilte das MDax-Mitglied mit. Immerhin soll das Ebitda das Niveau des Vorjahres übertreffen.

EADS bleibt hinter Erwartungen zurück
EADS hat im ersten Halbjahr nicht so gut abgeschnitten wie erhofft. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Firmenwertabschreibungen und außerordentlichen Posten (bei EADS wird diese Ergebnisgröße Ebit genannt) konnte im Vergleich zum Vorjahr von 358 Millionen auf 1,16 Milliarden Euro verbessert werden. Von dpa-AFX befragte Analysten hatten im Schnitt aber mit 1,36 Milliarden Euro gerechnet. Der Luftfahrt- und Rüstungskonzern bestätigte dennoch seine Gesamtjahresprognose.

Versatel haussiert
Im TecDax gewannen gleich vier Titel mehr als zehn Prozent und trieben den Technologieindex um 4,2 Prozent nach oben. Bester Titel war Versatel mit einem Plus von 17,1 Prozent. "Das ist eine technische Erholung, nachdem die Aktie zuletzt stark verloren hatte", erklärte ein Händler. Der Versatel-Kurs hatte in den vergangenen Tagen stark geschwankt, ohne dass Händler eine fundamentale Begründung dafür hatten. Am Montag hatte die HSBC den Titel des Telekommunikationsanbieters von "Underweight" auf "Neutral" hochgestuft.

Solarworld "hochgeredet"
Die Solarworld-Aktie gewann 10,1 Prozent. Es kursiere zum wiederholten Male das Gerücht, General Electric (GE) könnte für das Solarunternehmen bieten, sagten Marktteilnehmer. Spekuliert werde mit einem Preis von 36,00 Euro. Ein Händler äußerte sich jedoch skeptisch: "Alle rechnen damit, dass spätestens mit den Zahlen am 14. August der Ausblick angehoben wird. Passend zur Positionierung wird jetzt die Aktie hochgeredet." Ein Firmensprecher trat den Spekulationen entgegen. Nach wie vor gelte, Solarworld-Chef Frank Asbeck werde sich von seinem rund 25-prozentigen Aktienpaket nicht trennen.

Balda nach dem Aufstand gefragt
Auf der Hauptversammlung des Handy-Zulieferers Balda am Dienstag sind Vorstand und Aufsichtsratschef nicht entlastet worden. Außerdem lehnten die Anteilseigner weitere Tagesordnungspunkte ab. Trotz der Nichtentlastung sieht Balda-Chef Joachim Gut keine Notwendigkeit eines Strategieschwenks. Das Management kann auch ohne Entlastung durch die Aktionäre das Geschäft fortführen. Die Balda-Aktie war am Mittwoch dennoch stark gefragt. Gut hatte für die zweite Jahreshälfte eine deutliche Geschäftsbelebung angekündigt.

Tagestermine am Dienstag, 23. Oktober

Unternehmen:
Sartorius: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Talanx: Telefon-Pk zum Kapitalmarkttag, 7:30 Uhr
Anglo American: Q3 Production Report, 8:00 Uhr
Eli Lilly: Q3-Zahlen, 12:25 Uhr
United Technologies: Q3-Zahlen, 12:55 Uhr
Lockheed Martin: Q3-Zahlen, 13:30 Uhr
Verizon Communications: Q3-Zahlen, 13:30 Uhr
Caterpillar: Q3-Zahlen, 13:30 Uhr
3M: Q3-Zahlen, 13:30 Uhr
McDonald`s: Q3-Zahlen, 14:00 Uhr
Texas Instruments: Q3-Zahlen, 22:01 Uhr
Logitech: Q3-Zahlen
Harley-Davidson: Q3-Zahlen
Biogen: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise 9/18, 8:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen 10/18 (vorab), 16:00 Uhr