O tempora, o mores!

Detlev Landmesser

Stand: 19.12.2007, 20:28 Uhr

Das sind wahrhaft merkwürdige Zeiten: Die größte Unterstützung für die Wall Street und damit den deutschen Markt kam ausgerechnet vom kommunistischen China. Der chinesische Staatsfonds kauft weiter zu.

Die Chinesen, die auf milliardenschweren Devisenreserven sitzen, gehen dabei strategisch vor und sehen die derzeitige Krise offenbar als gute Einstiegsmöglichkeit in den amerikanischen Finanzsektor: Der Staatsfonds CIC kauft für fünf Milliarden Dollar knapp zehn Prozent an der US-Investmentbank Morgan Stanley. Das ließ deren Aktie kräftig steigen, obwohl das Geldhaus rekordhohe Abschreibungen von 9,4 Milliarden Dollar vermeldet hatte - natürlich wegen der Kreditkrise, die der Bank anders als dem Rivalen Goldman Sachs auch einen Quartalsverlust einbrachte.

Zwischenzeitlich tauchte auch die Wall Street wieder ins Minus ab, was dem L-Dax ein leichtes Minus von 0,17 Prozent auf 7.824,87 Punkte bescherte. Händler beklagten die vorweihnachtliche Ruhe, die die Umsätze dünn werden ließ. Am Abend hatten sich die großen US-Indizes wieder ins Plus vorgearbeitet.

Auch in Europa Stagflationssorgen

Schon zuvor hatte der Dax mit Konjunktursorgen zu kämpfen - diesmal hausgemachten. So sank der Ifo-Index, das wichtigste Konjunkturbarometer für die deutsche Wirtschaft, von 104,2 Punkten im November auf 103,0 Zähler. Volkswirte hatten einen nur ungefähr halb so starken Rückgang erwartet. "Die konjunkturelle Dynamik lässt weiter nach", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Der Ifo setzte den Euro weiter unter Druck. Am Abend notierte die Gemeinschaftswährung um 1,4380 Dollar.

Auch die Aussagen von Jean-Claude Trichet vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments waren nicht dazu angetan, die Kurse zu beflügeln. Der EZB-Chef betonte, die Risiken für die Preisstabilität seien mittelfristig nach oben gerichtet. Dagegen bestünden Abwärtsrisiken für die Konjunktur.

Merck stärkt sein Krebsprogramm
Die Aktie von Merck verbuchte leichte Abschläge. Der Pharma- und Spezialchemiekonzern weitet sein Krebsforschungsprogramm aus. Die Biopharmasparte Merck Serono habe mit dem US-Biotechunternehmen Idera Pharmaceuticals eine weltweite Lizenz- und Kooperationsvereinbarung zur Forschung, Entwicklung und Vermarktung zweier Krebswirkstoffe abgeschlossen, teilte der Darmstädter Dax-Konzern mit. Merck werde eine Lizenzgebühr von 40 Millionen Dollar an Idera zahlen. Darüber hinaus erhalte das US-Biotechunternehmen Meilensteinzahlungen von bis zu 381 Millionen Dollar sowie eine prozentuale Umsatzbeteiligung. Merck arbeitet im Bereich Onkologie bereits mit Unternehmen wie ImClone und ZymoGenetics zusammen.

Brüsseler CO2-Pläne gelassen aufgenommen
Die Aktien der deutschen Autobauer reagierten recht gelassen auf den Gesetzesvorschlag der EU-Kommission, der den CO2-Ausstoß aller neuen Pkw ab 2012 auf durchschnittlich nur noch 120 Gramm pro Kilometer begrenzen will. Denn nicht nur von Autokonzernen und -verbänden, auch von der Bundesregierung gab es heftigen Widerspruch.

VW mit starken Zielen
Volkswagen sieht seine Profitabilität durch die Pläne offenbar nicht gefährdet. Der Wolfsburger Autokonzern will seine Kapitalrendite bis zum Jahr 2018 auf 21 Prozent vervierfachen, sagte ein Unternehmenssprecher zu Reuters. Auf einer Strategiekonferenz in Dresden habe Konzernchef Winterkorn dieses Ziel vor über 1.000 Führungskräften ausgegeben.

Affi blickt vorsichtig nach vorn
Der Kupferhersteller Norddeutsche Affinerie hat im vergangenen Geschäftsjahr 2006/07 Umsatz und Ergebnis auf neue Rekordstände gesteigert. Allerdings rechnet das MDax-Mitglied erst einmal nicht mit weiteren Rekorden. "Es wird aus heutiger Sicht schwer möglich sein, das herausragende Ergebnisniveau des Geschäftsjahres 2006/07 wieder zu erreichen", teilte Europas größte Kupferhütte mit.

Symrise verspricht mehr
Die Aktionäre von Symrise können bei der ersten Dividendenzahlung des Duft- und Aromenherstellers auf mehr hoffen als bislang in Aussicht gestellt. Symrise plane für das laufende Geschäftsjahr eine Ausschüttungsquote von etwa 35 Prozent, sagte Symrise-Chef Gerold Linzbach am Dienstagabend. "Vielleicht können wir auch etwas mehr zahlen." Bislang hatte der Vorstand des vor einem Jahr an die Börse gegangenen Unternehmens angekündigt, rund 30 bis 35 Prozent des Gewinns auszuschütten. "Wir können Dividenden zahlen und einige kleine Akquisitionen machen", ergänzte Finanzvorstand Dominique Yates. Diese könne Symrise aus dem laufenden Cash-Flow finanzieren. Größere Übernahmen jenseits einer Milliarde Euro habe der MDax-Konzern derzeit nicht im Blick.

Epo gibt's jetzt auch von Stada
Die Stada-Aktie legte rund 0,7 Prozent zu. Der Generikahersteller hat die EU-Zulassung für das Medikament Erythropoetin-zeta (Epo-zeta) zur Behandlung von Anämie infolge von chronischem Nierenversagen und Chemotherapie erhalten. Die Vermarktung erfolge ab dem ersten Quartal 2008. Analyst Karl-Heinz Scheunemann vom Bankhaus Metzler bewertete die Zulassung positiv. Für ein Generikaunternehmen wie Stada sei es eine gute Leistung, ein biotechnologisch erzeugtes Produkt an den Markt zu bringen.

Deutsche Lösung für Airbus-Werke
Die EADS-Aktie verhielt sich unauffällig. Die drei zum Verkauf stehenden deutschen Airbus-Werke gehen an das deutsche Unternehmen MT Aerospace. Das teilte die Airbus-Mutter EADS nach einer Verwaltungsratssitzung in Toulouse mit. Damit setzte sich das deutsche Unternehmen, das zur Bremer OHB-Gruppe gehört, gegen die US-Firma Spirit AeroSystems durch. Die Aktie von OHB Technologies gewann fast zehn Prozent. Die Bundesregierung und die beteiligten Bundesländer hatten im Vorfeld ein Finanzpaket geschnürt, um über Darlehen und Forschungsgelder die Vorentscheidung für den Bremer Konzern zu unterstützen.

Springer gibt Pin vorerst auf
Nun ist es offiziell: Für den Briefdienstleister Pin gibt es nach Angaben des Medienkonzerns Axel Springer "kein gemeinsames tragfähiges Finanzierungskonzept". Springer rechnet daher mit einem voraussichtlichen Abschreibungsbedarf von bis zu 620 Millionen Euro. Der angeschlagene Postdienstleister soll bis auf Weiteres von einem erfahrenen Sanierungsexperten am Leben erhalten werden.

Balda besorgt sich frisches Geld
Die Aktie von Balda konnte sich merkwürdigerweise nicht im Plus halten. Dabei hat der Handy-Zulieferer einen namhaften neuen Großaktionär und sich erfolgreich frisches Eigenkapital beschafft. Georg Kofler, Gründer und ehemaliger Großaktionär von Premiere, hat mehr als sechs Prozent der Balda-Aktien gekauft. Am Nachmittag meldete das Unternehmen zudem den erfolgreichen Verlauf seiner Kapitalerhöhung. Die neuen Aktien seien für jeweils zehn Euro an die Investoren gebracht worden, was dem Handyausrüster rund 68 Millionen Euro einbrachte. Außerdem meldete Balda den bereits angekündigten Verkauf seiner Produktionsstätten für Handyschalen in Deutschland und Ungarn, ohne finanzielle Details mitzuteilen. Käufer ist die KS Plastic Solutions.

Zuversicht für Demag
Einer der besten SDax-Titel war Demag Cranes, was an einer neuen Studie von JP Morgan lag. JP-Analystin Julia Varesko erhöhte das Kursziel leicht von 48,00 auf 49,00 Euro und wiederholte ihre Empfehlung "Overweight". Sie habe mehr Vertrauen gewonnen, dass die Kehrtwende von Demag Cranes wie geplant verlaufe. Zudem habe das Unternehmen seinen Ausblick für 2008 bestätigt.

HanseYachts auf Gewinnkurs
Die Aktie von HanseYachts zeigte sich leicht erholt. Der Bootshersteller hat von August bis Oktober seine Gesamtleistung um 45 Prozent auf 25,6 Millionen Euro nach oben geschraubt. Das Vorsteuerergebnis liegt mit rund 89.000 Euro um 215.000 Euro über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr