Noch ein verrückter Tag

Detlev Landmesser

Stand: 29.10.2008, 20:36 Uhr

Nach der Zinssenkung der Fed fuhr die Wall Street Achterbahn. Der deutsche Markt erlebte dagegen spektakuläre Kursgewinne. Doch der Dax taugte auch am Mittwoch nicht dazu, diese abzubilden.

Was erneut an der VW-Aktie lag. Denn noch ist das Indexgewicht von VW derart hoch, dass der Kurseinbruch der Aktie von 45,3 Prozent den Dax ins Minus zwang. Dennoch legten allein vier Dax-Titel um mehr als ein Fünftel zu, allen voran Indexschwergewicht Allianz mit einem Plus von 26,2 Prozent.

Im Angesicht der Krise senkte die US-Notenbank ihren Leitzins am Mittwoch erneut. Wie von Beobachtern weithin erwartet, wurde der Zins um 0,5 Prozentpunkte auf nunmehr 1,00 Prozent zurückgenommen. Die Wall Street reagierte hektisch, ohne dass sich eine klare Tendenz durchsetzte. Die Fed erklärte in ihrem Begleitkommentar, die wirtschaftliche Aktivität scheine sich merklich abgeschwächt zu haben. Zugleich werde sich die Inflation in den kommenden Quartalen wahrscheinlich abschwächen.

VW-Gewicht wird gekappt

Für die Kursverluste der VW-Aktie gab es vor allem zwei Gründe. Die Deutsche Börse hat auf die extremen Kurssteigerungen der vergangenen Tage reagiert und will das Gewicht des VW-Papiers ab nächsten Montag deckeln. Der Anteil soll von 27 Prozent zum Börsenschluss am Dienstag auf zehn Prozent am Montagmorgen fallen. Auch der Index-Anbieter Stoxx greift durch. Hier soll der Anteil bereits ab Freitag sinken.

Großaktionär Porsche brachte den Kurs zusätzlich unter Druck. Der Autobauer will je nach Marktlage Kurssicherungsgeschäfte im Umfang von bis zu fünf Prozent der VW-Stammaktien auflösen, um weitere Marktturbulenzen zu vermeiden. Erste Positionen seien bereits aufgelöst worden. Deren Umfang sei "gering", sagte ein Porsche-Sprecher. "Wir sind daran interessiert, möglichst wenig aufzulösen", ergänzte er. "Wir verkaufen keine Stammaktien, nur Optionen." Schließlich halte Porsche unverändert an seinem Ziel fest, 2009 seinen Anteil auf 75 Prozent zu erhöhen.

Am Donnerstag wird eine Reihe gewichtiger Dax-Konzerne Quartalszahlen veröffentlichen. Neben Volkswagen werden die Daten von der Deutschen Bank, Conti, BASF, Metro und MAN erwartet.

Privatbanken nehmen endlich Bundeshilfe an
Am Abend erklärte Bundesfinanzminister Steinbrück, in den nächsten vier bis fünf Tagen werde "eine ganze Reihe von Instituten" das Hilfspaket der Bundesregierung in Anspruch nehmen. Die "Süddeutsche Zeitung" meldete vorab aus ihrer Donnerstagsausgabe, dass mehrere führende Privatbanken bei der Inanspruchnahme der Bundesbürgschaft zusammenarbeiten wollen. Mit diesem Schritt vermieden die Konzerne, dass einer von ihnen den ersten Schritt allein machen müsse und dafür mit massiven Kursverlusten an der Börse bestraft wird.

HRE zapft den Staat noch mehr an
Der angeschlagene Immobilien- und Staatsfinanzierer Hypo Real Estate preschte als erste Privatbank vor. Die HRE hat nach eigenen Angaben bereits am Dienstag eine Staatsgarantie für einen kurzfristigen Kredit über 15 Milliarden Euro beim Finanzmarktstabilisierungsfonds beantragt. Zudem werde sie eine "weitergehende, umfassende Unterstützung - einschließlich etwaiger Kapitalmaßnahmen" bei dem Fonds beantragen. Die Verhandlungen für das bisher schon vereinbarte Rettungspaket in Höhe von 50 Milliarden Euro sollen bis Mitte November abgeschlossen werden.

Audi sieht sich auf Kurs...
Von der VW-Tochter Audi kam ein eher beruhigendes Signal. Trotz der weltweiten Nachfragekrise rechnet der Autobauer in diesem Jahr weiter mit Zugewinnen. Zwar könne sich auch Audi der Marktlage nicht ganz entziehen, dank neuer Modelle und der Erschließung neuer Märkte laufe das Geschäft aber nach wie vor rund, teilte das Unternehmen mit. Das Absatzziel von mehr als einer Million verkaufter Autos bis Jahresende stehe. Außerdem sollen Umsatz und Gewinn steigen.

... Bayer auch
Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer hat im dritten Quartal einen Ergebnisrückgang verbucht. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sowie vor Sondereinflüssen schrumpfte um 4,2 Prozent auf 1,49 Milliarden Euro. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit 1,53 Milliarden Euro gerechnet. Der Umsatz wuchs um zwei Prozent auf 7,95 Milliarden Euro. An seinem Geschäftsausblick für dieses Jahr hält der Konzern fest.

BASF kommt bei Ciba voran
Die BASF-Aktie rückte um 19,3 Prozent vor. Der weltgrößte Chemiekonzern hat mit seinem Übernahmeangebot für den Schweizer Spezialchemiekonzern Ciba Erfolg. Man halte nach Ablauf der Angebotsfrist mindestens 66,665 Prozent an Ciba, teilte BASF mit. Das Angebot stand unter dem Vorbehalt, dass BASF mindestens zwei Drittel aller Ciba-Namensaktien angedient werden.

Merck investiert in die Krebsforschung
Der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck hat von der US- Biotechfirma Lpath die exklusiven weltweiten Rechte zur Entwicklung und Vermarktung des Antikörpers Asonep gekauft. Der Wirkstoffkandidat befindet sich in der ersten Phase der klinischen Entwicklung. Mit Asonep sollen verschiedene Tumorarten behandelt werden.

Lufthansa leidet auch unter Lehman
Die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers trifft auch die Lufthansa. Die Treibstoffabsicherung für das laufende Jahr habe sich durch den Ausfall eines Kontrahenten von zuvor 85 auf 72 Prozent des Bedarfs reduziert, teilte die Fluggesellschaft mit. Für 2009 habe sich der Sicherungsgrad auf 57 Prozent reduziert. Außerdem will die Lufthansa ihr Flugangebot deutlich langsamer als bisher geplant ausbauen. Die Fluglinie hatte bereits gestern eine Gewinnwarnung ausgesprochen. Die Lufthansa übernimmt außerdem die Mehrheit an ihren Beteiligungen BMI und Eurowings einschließlich des Billigfliegers Germanwings.

Krones gibt nicht nach
Der Abfüllanlagenhersteller Krones hat in den ersten neun Monaten seinen Umsatz um 12,5 Prozent auf 1,77 Milliarden Euro verbessert. Der Gewinn stieg um 31,3 Prozent auf 86,8 Millionen Euro. Von dpa-AFX befragte Analysten hatten mit Werten von 1,75 Milliarden Euro bzw. 88,7 Millionen Euro gerechnet. Trotz der Krise bestätigte der MDax-Konzern seine Prognose für das laufende Jahr. Für 2009 rechnet Krones mit einer möglichen Delle im ersten Halbjahr und einem geringen Wachstum im zweiten Halbjahr.

Kurz nach Börsenschluss meldete Krones, es sei von der US-Leasinggesellschaft CIT vor einem US-Gericht verklagt worden, Die Klage stehe im Zusammenhang mit einem Streit um das amerikanische Unternehmen Le-Nature's, für das Krones im Zeitraum 2005/2006 Abfüllanlagen geliefert hatte. Der Vorstand betrachte die Klage als unbegründet und werde sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr setzen.

Roth & Rau auf gutem Weg
Einer der besten TecDax-Titel war Roth & Rau. Das Solarunternehmen hat in den ersten neun Monaten 2008 seinen Umsatz um 84 Prozent auf 197 Millionen Euro nach oben geschraubt. Das Ebit sprang sogar um 97 Prozent auf 20,8 Millionen Euro. Die Gesamtjahresziele bestätigte der Konzern.

Elexis dämpft Erwartungen
Elexis nahm seine Gesamtjahresprognose dagegen zurück. Der Maschinenbauer rechnet nur noch mit einem Umsatz von 172 bis 177 Millionen Euro nach zuvor 180 bis 190 Millionen. Die Umsatzrendite vor Zinsen und Steuern (Ebit-Marge) soll nur noch zwischen 14 und 15 Prozent liegen, anstatt zwischen 15 und 16 Prozent. In den ersten drei Quartalen kletterte der Umsatz um 14 Prozent auf 132,3 Millionen Euro und das Ebit um 15 Prozent auf 20 Millionen Euro.

Balda enttäuscht mal wieder
Auch Balda hat seine Jahresprognose zurückgenommen. Der angeschlagene Handy-Zulieferer rechnet nicht mehr damit, den geplanten Umsatz von 414 Millionen Euro zu erreichen. Außerdem geht Balda von roten Zahlen aus.

IKB-Verkauf "perfekt"
Gut 14 Monate nach der Beinahe-Pleite der Mittelstandsbank IKB ist die staatliche KfW endgültig als Mehrheitseigentümerin der kriselnden Düsseldorfer Bank ausgestiegen. Planmäßig wurde am Mittwoch der Verkauf der 90,8 Prozent IKB-Anteile der KfW an den US-Finanzinvestor Lone Star rechtskräftig abgeschlossen, teilte die KfW mit. Beide Seiten hatten sich im August auf die Transaktion geeinigt. Der Kaufpreis wird in Branchenkreisen auf 115 Millionen Euro geschätzt - deutlich weniger als die zunächst erwarteten 800 Millionen Euro. Unter dem Strich musste die KfW sogar noch draufzahlen: Zum Abschied pumpte die staatliche Bank mehr als eine Milliarde Euro frisches Kapital in die IKB.

Telegate bekräftigt Jahresziel
Der Auskunftsanbieter Telegate hat nach Zuwächsen in den ersten neun Monaten sein Gewinnziel bekräftigt. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) kletterte von Januar bis September um fünf Prozent auf 32,2 Millionen Euro. Darin nicht berücksichtigt sind Sondereffekte wie die Kosten für die Integration des früheren Konkurrenten Klicktel. Für das Gesamtjahr geht Telegate weiter davon aus, auf dieser Basis 35 bis 40 Millionen Euro zu verdienen. Beim Umsatz trat Telegate in den vergangenen neun Monaten allerdings mit 133,3 (Vorjahr: 131,5) Millionen Euro fast auf der Stelle.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 20. Juli

Unternehmen:
Faurecia: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Hermès: Q2 Umsatz, 07:00 Uhr
Rémy Cointreau: Q4-Zahlen
Thales: Q1 Umsatz, 07:30 Uhr
Stanley Black & Decker: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
General Electric: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Schlumberger: Q2-Zahlen, 13:00 Uhr
Honeywell: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise für Juni, 01:30 Uhr
Deutschland: Juli-Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Deutschland: Erzeugerpreise im Juni, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Euro-Zone im Mai, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Farnborough: Fortsetzung der Internationalen Messe für die Luft- und Raumfahrt (bis 22. Juli)