Neues Zweijahres-Tief

Stand: 06.09.2011, 20:08 Uhr

Der September wird bisher seinem Ruf als schlechter Börsenmonat gerecht. Seit Monatsbeginn hat der Dax fast 600 Punkte verloren. Am Dienstag rauschte er unter die Schwelle von 5.200 Punkten. Die Anbindung des Schweizer Franken an den Euro konnte die Anleger nicht beruhigen.

Tief, tiefer, Dax: der deutsche Leitindex setzte auch am Dienstag setzte seine Talfahrt fort und fiel den vierten Tag in Folge. Bis zum Ende des Xetra-Handels büßte er im Sog der schwächeren Wall Street rund ein Prozent ein. Mit 5.194 Punkten erreichte er den tiefsten Stand seit Juli 2009.

Am Abend gab es einen kleinen Lichtblick. Der Dow Jones reduzierte seine Verluste etwas und eroberte die Marke von 11.000 Punkten zurück. Der L-Dax schloss bei 5.244 Punkten. Laut Börsianern schlugen sich mit etwas Verzögerung die guten Konjunkturdaten vom Nachmittag positiv nieder und drängten die Sorgen um die europäische Schuldenkrise zurück. Der an den Finanzmärkten stark beachtete Service-Index des Institute for Supply-Management (ISM) stieg überraschend von 52,7 Punkten im Juli auf 53,3 Zähler. Analysten hatten mit einem Rückgang des ISM-Index gerechnet.

Schweiz bindet Franken an den Euro
Thema des Tages war die Ankündigung der Schweizer Nationalbank, den Franken künftig an den Euro zu binden. Die Währungshüter setzten als Grenze die Schwelle von 1,20 Franken für einen Euro an. Das löste ein Kursfeuerwerk an der Züricher Börse Der SMI Index legte um über vier Prozent zu. Schließlich schadet der starke Schweizer Franken der Exportindustrie.

Gegenüber dem Schweizer Franken legte der Euro daraufhin stark zu - auf 1,20 Franken. Gegenüber dem Dollar verlor dagegen die europäische Gemeinschaftswährung an Boden. Sie fiel unter die Marke von 1,40 Dollar.

Da der Schweizer Franken nun sein Image als "Sicherer Hafen" einbüßen könnte, dürfte der Goldpreis seine Rally fortsetzen. Am Dienstag fiel er leicht, nachdem er zunächst auf ein Rekordhoch von 1.920 US-Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) geklettert war.

Italien erhöht Mehrwertsteuer
Der Franken-Coup der Schweizer Währungshüter beflügelte den Dax nur am Vormittag. Danach hielt die europäische Schuldenkrise die Anleger wieder in Atem. Der überraschend deutliche Rückgang der Auftragseingänge in der deutschen Industrie um 2,8 Prozent drückte auf die Stimmung. Das Hin und Her beim italienischen Sparkurs verunsicherte die Anleger zusätzlich. Die Berlusconi-Regierung beschloss am Dienstag eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 21 Prozent und die Einführung einer "Superreichen-Steuer".

Als weitere Belastung erwies sich die Diskussion um eine Rekapitalisierung der Banken. Nach Angaben eines EU-Diplomaten werden in Kürze Vertreter der Finanzministerien zusammentreffen, um über Hilfen für schwächelnde Banken zu beraten. "Der Markt ist so nervös, dass der Dax bald deutlich unter 5.000 Punkte rutschen könnte", meinte ein Börsianer.

Suche nach sicheren Aktien
Angesichts der anhaltenden Unsicherheit favorisierten Anleger am Dienstag defensive Titel, allen voran die Fresenius-Medical-Care-Aktien. Sie gewannen über drei Prozent. Die Aktien der Konzernmutter Fresenius stiegen um 1,5 Prozent.

Henkel-Chef bekräftigt Prognose
Zu den Gewinnern zählte auch die Aktie von Henkel. Konzernchef Kasper Rorsted hat die Jahresprognose bekräftigt und Zuversicht verbreitet. "Die Lage ist ernst, aber nicht mit 2008 vergleichbar." Von einer Rezession könne keine Rede sein, die Henkel-Kunden in Asien und USA hätten volle Auftragsbücher. "Bei Henkel geht es uns inzwischen sehr, sehr gut", sagte Rorsted. Das beruhigte die Anleger. Die Aktie hat seit Anfang August über 20 Prozent eingebüßt.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
7,86
Differenz relativ
-3,26%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,15
Differenz relativ
-4,80%

Kursverfall der Finanzwerte
Die Flucht aus Finanzwerten hielt derweil an. Die Commerzbank-Aktien rutschten um über drei Prozent auf 1,75 Euro ab, die Papiere der Deutschen Bank büßten knapp ein Prozent ein. "Der Markt nimmt hohe Abschreibungen von Staatsanleihen vorweg", meinte ein Händler. Auf der "Handelsblatt"-Jahrestagung der Banken warnten mehrere Spitzenbanker vor stürmischen Zeiten. Frédéric Oudéa, Chef der französischen Société Générale, prophezeite schmelzende Gewinne in den nächsten Jahren. Ähnlich skeptisch zeigte sich Commerzbank-Chef Martin Blessing: Er rechne mit einem "blutleerem" Wirtschaftswachstum und künftig schwächeren Renditen bei den Banken.

Schock für Bayer
Für Gesprächsstoff sorgte Bayer. Die Aktie war mit einem Minus von 7,5 Prozent größter Dax-Verlierer. Zeitweise brach sie gar zweistellig ein. Die US-Gesundheitsbehörde FDA verunsicherte mit einer Mitteilung zum neuen Schlaganfall-Medikament Xarelto die Anleger. Die FDA erklärte, sie habe an Bayer und seinen US-Partner Johnson & Johnson noch weitere Fragen zum Zulassungsantrag für Xarelto. Damit könnte sich die Markteinführung des Bayer-Hoffnungsträgers verzögern. Händler hielten den Bayer-Kurssturz für übertrieben.

Infineon im Negativ-Sog von Fairchild
Unter den Top-Verlierern befanden sich ebenfalls die Infineon-Titel, sie büßten über zwei Prozent ein. Zeitweise betrug das Minus über fünf Prozent. Die Umsatz- und Gewinnwarnung des US-Rivalen Fairchild Semiconductor riss Infineon nach unten.

Gutachten gegen Börsen-Fusion
Der Betriebsrat der Deutschen Börse läuft Sturm gegen die transatlantische Fusion mit der New Yorker Börse. Am Dienstag hat ein Magdeburger Rechtsexperte ein Gutachten vorgelegt, das die Fusion der Deutschen Börse mit der NYSE Euronext für bedenklich hält. Die hessische Börsenaufsicht müsse die Fusion untersagen, da die Holding des geplanten neuen Konzerns wie ein amerikanisches Unternehmen geleitet werde und die öffentliche Aufgabe der Deutschen Börse als Trägerin der Frankfurter Börse in Frage stelle. Die Aktien der Deutschen Börse schlossen über ein Prozent im Plus.

Sprint klagt gegen US-Verkauf der Telekom
Neuer Gegenwind aus den USA gibt es für die Deutsche Telekom. Nach Börsenschluss wurde bekannt, dass auch der rivalisierende Mobilfunkanbieter Sprint Klage gegen den Milliarden-Verkauf von T-Mobile USA an AT/T eingereicht hat. In der vergangenen Woche klagte bereits das US-Justizministerium gegen den Deal. Die T-Aktie schloss ein Prozent tiefer.

Gagfah holt eigene Aktien zurück
Im MDax waren die Gagfah-Aktien stark gefragt. Sie legten sechs Prozent zu. Der Immobilienkonzern will nach dem starken Kursverfall seiner Aktien Papiere im Wert von bis zu 75 Millionen Euro zurückkaufen. Der Preis soll zwischen 3,50 bis 5,00 Euro pro Aktie liegen. In Zukunft seien weitere Rückkaufangebote und damit ein Rückzug von der Börse möglich, teilte das Unternehmen mit. Die für ein Delisting notwendige Schwelle werde Gagfah aber mit dem jetzigen Rückkauf "bei weitem" nicht erreichen, sagte ein Konzernsprecher.

Millionen-Schub für Evotec
Im TecDax katapultierten sich die Aktien von Evotec um 17 Prozent nach oben. Das Biotech-Unternehmen Evotec arbeitet künftig mit dem Pharmakonzern Roche zusammen, um ein Medikament zur Behandlung von Alzheimer zu entwickeln. Für die Unterzeichnung des Kooperationsvertrags überweisen die Schweizer zehn Millionen Dollar. Evotec darf auf erfolgsabhängige Zahlungen bis zu 820 Millionen Dollar hoffen. Dank der ersten Zahlung hob Evotec die Umsatzprognose für 2011 an.

Eli Lilly treibt Qiagen
Auch Qiagen hat einen starken Partner: Der Laborausrüster und Diagnostikkonzern entwickelt für den US-Pharmakonzern Eli Lilly einen therapiebegleitenden Test. Damit soll bestimmt werden, welche Patienten von einer Behandlung mit dem noch in der Entwicklung befindlichen Wirkstoff von Eli Lilly gegen Blutkrebs profitieren, teilte der TecDax-Konzern mit. Finanzielle Details wurden nicht veröffentlicht. Die Aktie legte leicht zu.

Air Berlin zählt mehr Passagiere
In den ersten acht Monaten des Jahres hat Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin die Zahl der Passagiere um 4,5 Prozent gesteigert. Die Auslastung erhöhte sich um 2,8 Punkte auf 78,0 Prozent. Im Monat August allein lag die Auslastung bei 85,1 Prozent, 1,7 Punkte höher als im August 2010. Die Aktie verlor trotzdem fast sechs Prozent.

Absteiger...
Nach der jährlichen Überprüfung der Index-Zusammensetzungen verabschieden sich die Baummarktkette Praktiker, der Kranbauer Demag Cranes und IVG Immobilien am 19. September aus dem MDax, teilte die Deutsche Börse mit. Praktiker und IVG steigen in den SDax ab. Wegen des geringen Streubesitzes wird Demag auch dort nicht gelistet. Im TecDax müssen der Solarindustrie-Zulieferer Roth & Rau und die Phoenix Solar ihre Plätze räumen. Die Aktien der Absteiger gaben teils kräftig nach.

... und Aufsteiger in der Dax-Familie
Die Plätze im MDax nehmen der Motorenbauer Deutz, der Industrieroboter-Hersteller Kuka und die GSW Immobilien ein. In den TecDax steigen PSI und das Karriere-Netzwerk Xing auf. Die Aktien von Xing und GSW stiegen, während die Papiere von Deutz und Kuka nachgaben.

Roth & Rau soll von der Börse genommen werden
Nach dem Abstieg aus dem TecDax dürfte Roth &Rau bald ganz vom Kurszettel verschwinden. Die Schweizer Solarfirma Meyer Burger will mit dem Spezialmaschinenbauer aus Sachsen einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag abschließen. Die restlichen Roth&Rau-Aktionäre sollen im Rahmen eines Squeeze-Out herausgedrängt werden.

Zumtobel im LED-Fieber
Im ersten Quartal hat der Osram-Konkurrent Zumtobel seinen Umsatz dank der hohen Nachfrage nach energiesparenden Beleuchtungssystemen und LEDs um über neun Prozent gesteigert. Der Überschuss stagnierte dagegen bei 13,7 Millionen Euro. Die Aktie trat auf der Stelle.

Fortschritte bei 4SC
Das im Prime Standard gelistete Biotechnologie-Unternehmen 4SC veröffentlichte heute positive Ergebnisse aus einer Medikamentenstudie. Das Papier legte um über drei Prozent zu.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat