Neue Hoffnung

Detlev Landmesser

Stand: 10.04.2008, 20:24 Uhr

Auf einmal setzten sich an der Wall Street die Optimisten durch, und prompt hechelte der Dax hinterher. Von einzelnen US-Unternehmen gab es bemerkenswerte Neuigkeiten. Im SDax war dagegen der Teufel los.

Nachdem der Dax am Vormittag bis zu 1,7 Prozent eingebüßt hatte, beschloss der L-Dax den Frankfurter Parketthandel 0,27 Prozent höher bei 6.722,73 Punkten.

Die New Yorker Börsen lagen nach verhaltenem Start am Abend komfortabel im Plus. Besonders erfreut nahmen die Marktteilnehmer die erhöhten Gewinnprognosen des weltgrößten Einzelhändlers Wal-Mart und des Chemieriesen DuPont auf. Dazu kamen beruhigende Worte von Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein. Die weltweite Finanzkrise sei wohl schon in einem späten Stadium, erklärte er auf der Hauptversammlung der Investmentbank. Der Top-Manager mahnte allerdings weiter zur Vorsicht. Die Krise könne auch noch "in die Verlängerung gehen".

Auch die Wendung im Milliarden-Monopoly um Yahoo stützte den Markt. Der Internet-Konzern verhandelt mit dem Konkurrenten AOL über einen Pakt zur Abwehr der drohenden Übernahme durch Microsoft, berichteten US-Medien. Microsoft selbst wolle den Medienmogul Rupert Murdoch als Partner für einen gemeinsamen Kauf von Yahoo gewinnen.

Derweil fiel das US-Handelsdefizit im Februar zwar mit 62,3 Milliarden Dollar deutlich höher aus als erwartet. Die Anleger trösteten sich aber damit, dass die wöchentliche Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe geringer als gedacht ausfiel.

Wie erwartet, beließ der geldpolitische Rat der EZB auf seiner heutigen Sitzung den Leitzins unverändert bei 4,00 Prozent. Ebenfalls wie erwartet verwies EZB-Präsident Jean-Claude Trichet auf den anhaltenden Inflationsdruck. Das derzeitige Leitzinsniveau werde dazu beitragen, Preisstabilität zu gewährleisten - im Klartext: Auf absehbare Zeit ist keine Zinssenkung der EZB zu erwarten. "Die Finanzmarktturbulenzen könnten länger andauern als erwartet", ließ sich Trichet weiter entlocken.

Euro und Öl kurz auf neuen Rekorden

Der Euro hatte vor der EZB-Entscheidung ein neues historisches Hoch von 1,5912 Dollar erklommen. Nach Trichets Aussagen bröckelte er jedoch ab und notierte am Abend sogar unter 1,5740 Dollar.

Auch der Ölpreis erreichte vorübergehend ungekannte Höhen. Ein Barrel der richtungsweisenden US-Sorte WTI zur Lieferung im Mai kostete bis zu 112,21 Dollar. Dann gab die Notierung aber deutlich auf unter 110 Dollar nach.

Banken leiden erneut, Daimler ex Dividende
Im Dax gehörten am Donnerstag erneut die Banken zu den größten Kursverlierern. Hypo Real Estate verloren über drei Prozent an Wert. In den USA wurde unter anderem über höher als bekannte Abschreibungen bei Merrill Lynch spekuliert. Die Daimler-Aktie schloss dagegen genau genommen im Plus, denn heute wurde die Dividende zwei Euro pro Aktie gezahlt.

Allianz und MüRü ziehen Dax nach oben
Viel besser als die Banken schlugen sich die Versicherer. Die Aktie der Allianz sprang am Nachmittag ins Plus. Die russische Nachrichtenagentur Interfax hatte berichtet, dass der russische Branchenprimus Sberbank den Kauf des Investmentarms DKIB der Allianz-Tochter Dresdner Bank erwäge. Die Aktie der Münchener Rück profitierte offenbar weiter von dem Einstieg der Investment-Ikone Warren Buffett, und setzte sich nach einem Ausflug ins Minus sogar an die Dax-Spitze.

Branchenfantasie beflügelt Merck
Fast gleichauf mit der MüRü lag die Aktie der Merck KGaA. Ein Händler betonte: "Durch die Übernahme von Millennium durch Takeda steht die gesamte Pharma-Branche im Fokus". Nach einem Übernahmeangebot von Takeda sprang die Aktie von Millennium Pharmaceuticals um fast 50 Prozent nach oben. Der größte japanische Pharmakonzern biete 8,8 Milliarden Dollar oder 25 Dollar in bar pro Aktie, teilte der Konzern am Donnerstag mit.

RWE vor Milliardenkauf?
Unter Kursverlusten von fast drei Prozent litt die RWE-Aktie. Laut der "Financial Times" bietet der Dax-Konzern für den britischen Kraftwerksbetreiber British Energy 700 Pence je Aktie in bar. Damit würde British Energy mit bis zu elf Milliarden Pfund (13,7 Milliarden Euro) bewertet. An British Energy ist auch der einheimische Stromkonzern Centrica interessiert.

Tui setzt auf Russland
Nur einen Tag, nachdem die Anteilsaufstockung von Großaktionär Alexej Mordaschow bekannt wurde, machen Tui und der russische Investor Nägel mit Köpfen: Die Reisetochter Tui Travel und Mordaschows Gesellschaft S-Group kündigten ein Gemeinschaftsunternehmen für den russischen Markt an. Ziel sei es, Marktführer in dem schnell wachsenden russischen Freizeit- und Touristikmarkt zu werden.

Neue Gerüchte um MLP
Zeitweise war die MLP-Aktie stärkster MDax-Wert. Nach Angaben des Magazins "Börse Online" ist die Postbank an einer Übernahme des Finanzdienstleisters interessiert. Das Blatt schreibt, der Deal solle noch diese Woche über die Bühne gehen. Händler hielten das Szenario allerdings für eher unwahrscheinlich.

Thielert-Aktie stürzt dramatisch ab
Die bewegte Börsengeschichte von Thielert ist um ein dramatisches Kapitel reicher. Der SDax-Titel stürzte am Donnerstag um bis zu 46 Prozent ab. Der Flugzeugmotoren-Hersteller braucht mehr Geld - und neues Führungspersonal. Am Mittwochabend hatte das Unternehmen mitgeteilt, dass Vorstandschef Frank Thielert und Finanzvorstand Roswita Grosser ihre Posten räumen. Das Unternehmen sei seit "Anfang März 2008 von einer akuten Liquiditätskrise bedroht". Mit einer Kapitalerhöhung von rund 24 Millionen Euro will Thielert den künftigen Liquiditätsbedarf bis 2009 decken. Die Finanzaufsicht BaFin, die bereits in einem anderen Fall einer möglicherweise verschleppten Ad-hoc-Mitteilung gegen Thielert ermittelt, will sich auch diesen Vorgang ansehen.

Escada-Aktie aus der Mode
Auch SDax-Kollege Escada brach erneut zweistellig ein. Die Ratingagentur Standard & Poor's senkte ihre Note für die langfristigen Verbindlichkeiten des Unternehmens von bislang "BB-" auf "B+". Der Modekonzern hatte am Mittwochabend eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Zuvor hatte die Beteiligungs-Gesellschaft Apax ein Interesse an einem Einstieg bei Escada dementiert.

Wacker Construction kürzt Dividende
Der Baumaschinenhersteller Wacker zahlt nach einer Gewinnstagnation 2007 weniger Dividende. Der Überschuss wurde um drei Prozent auf 75 Millionen Euro gesteigert, während der Umsatz um 10,6 Prozent auf 979,5 Millionen Euro kletterte. Als Dividende sollen 50 Cent je Aktie gezahlt werden, nach 62 Cent im Vorjahr. Der SDax-Titel verlor über elf Prozent.

Wilex macht weniger Verlust
Das Biotechunternehmen Wilex hat seinen Verlust im ersten Quartal 2008 etwas verringert. Wilex habe mit seinen drei Medikamenten-Kandidaten in klinischen Studienphasen Meilensteine erreicht, teilte das Münchener Unternehmen mit. Zwar seien die Forschungsaufwendungen um 5,7 Prozent auf 4,73 Millionen Euro gesunken, wegen neuer Studien würden sie sich aber schon im nächsten Quartal wieder erhöhen. Der Vorsteuerverlust verringerte sich in den ersten drei Monaten auf 4,88 (Vorjahr: 4,93) Millionen Euro. Umsätze macht das Unternehmen nicht, da es noch kein Medikament auf dem Markt hat. Wilex testet seinen ausgereiftesten Medikamentenanwärter Rencarex zur Behandlung von Nierenzellkrebs in der letzten klinischen Phase.

Combots schlüpft in neue Rolle
Combots schlägt ein neues Kapitel auf: Der Internet-Dienstleister, der dutzende Millionen Euro mit einer gescheiterten Kommunikations-Software verloren hatte, will sich in Kizoo AG umbenennen und ein neues Geschäftsmodell verfolgen. Künftig will das Unternehmen in Firmen mit dem Schwerpunkt Online-Dienste und Kommunikationsprodukte investieren. Dafür sind bis 2009 bis zu fünf Millionen Euro vorgesehen. Obwohl Combots derzeit keine Umsätze vorzuweisen hat, will es eine Dividende von 1,20 Euro pro Aktie ausschütten. Möglich wird das durch Reserven von mehreren hundert Millionen Euro, die aus dem Verkauf des Portals Web.de im Jahr 2005 stammen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 15. Oktober

Unternehmen:
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Konjunktur:
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USA: Lagerbestände, 16 Uhr