Nervosität auf Sparflamme

von Detlev Landmesser

Stand: 23.08.2007, 20:39 Uhr

Die Börsen bleiben wackelig, wenn die nervösen Zuckungen auch deutlich geringer ausfallen als zuvor. Die US-Kreditkrise köchelt derzeit auf kleinerer Flamme.

Der L-Dax schloss fast unverändert auf 7.487 Punkten. Im Tagesverlauf hatte der deutsche Leitindex noch bis zu 1,2 Prozent im Plus gelegen.

Die New Yorker Börsenindizes drehten nach positivem Start ins Minus, konnten aber bis zum Abend einen Teil der Verluste wieder wettmachen. Zunächst hatte eine milliardenschwere Rettungsaktion die Kurse beflügelt. Die Bank of America hilft dem angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Countrywide Financial aus der Klemme. Die Bank will zwei Milliarden Dollar in Form von Wandelvorzugsaktien investieren. Händler bezeichneten die Finanzspritze als Vertrauensbeweis für die gesamte Kreditbranche.

"Sehr ernste Situation"

Gar nicht gut kam dagegen die Äußerung von Countrywide-Chef Angelo Mozilo an, die Krise am Häusermarkt könne die USA sogar in eine Rezession schlittern lassen. Mozilo sprach am Donnerstag im Fernsehsender CNBC von einer "sehr ernsten Situation". "Diese Umgebung bessert sich im Moment sicherlich nicht", erklärte Mozilo. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies nicht eine erhebliche Wirkung auf die Psyche der Amerikaner und schließlich auf ihr Portemonnaie hat."

In China schien die Krise dagegen gar keine Rolle mehr zu spielen. Erstmals hat die chinesische Leitbörse in Shanghai am Donnerstag die Marke von 5.000 Punkten geknackt. Der Shanghai Composite Index schloss 1,05 Prozent höher bei 5.032 Punkten. Damit hat sich sein Stand in den vergangenen gut eineinhalb Jahren glatt vervierfacht.

HSH Nordbank auch direkt betroffen
Die Krise köchelte unterdessen auch in Deutschland weiter. Mit der HSH Nordbank räumte eine weitere deutsche Landesbank ein, mit 1,8 Milliarden Euro am US-Immobilienmarkt investiert zu sein. Dabei gebe es fremdgemanagte Investments von 300 Millionen Euro, bei denen sich die Bank "nicht ganz so komfortabel" fühle. Unterdessen verließ ein Vorstand der SachsenLB "auf eigenen Wunsch" mit sofortiger Wirkung die Bank.

Auch wenn die US-Kreditkrise keine weiteren Kreise mehr ziehen sollte - eine gewisse Bremswirkung für die wirtschaftliche Aktivität ist jetzt schon unübersehbar. So halten sich auch die europäischen Banken noch immer stark zurück, wenn es um Ausleihungen geht - die Refinanzierung für die Wirtschaftsakteure ist also zumindest vorübergehend deutlich teurer geworden. Ob das bereits in den Aktienkursen enthalten ist, vermag niemand zu sagen.

Spekulationen um Deutsche Post
Im Dax zählten zuletzt verschmähte Titel wie Deutsche Börse und Hypo Real Estate zu den Favoriten. Die Aktie der Deutschen Post wurde zeitweise von neuen Gerüchten nach oben gespült. "Angeblich will Apax zusammen mit UPS 28 Euro je Aktie für den KfW-Anteil an der Post bieten", berichtete ein Händler. Zuvor hätten Spekulationen an der Börse die Runde gemacht, dass die KfW im Laufe des Tages bekanntgeben wolle, was sie mit ihrem rund 30-prozentigen Anteil an der Post vorhabe.

Tui weiter gefragt
Vortagessieger Tui baute seine Gewinne weiter aus. Der Dax-Titel hatte schon am Mittwoch Auftrieb durch die Nachricht über den neuen Großaktionär Geveran Trading aus Zypern erhalten. Das nährte Aufspaltungshoffnungen.

SAP-Mittelstandssoftware schon im September?
Die SAP-Aktie profitierte zeitweise von einem Medienbericht, nach dem die Mittelstandssoftware mit dem Arbeitstitel "A1S" im September an den Start gehen werde. Dies werteten Händler positiv, nachdem der Softwarekonzern die Markteinführung bereits einige Male verschoben hatte. Zuletzt sei befürchtet worden, dass A1S erst zum Jahresanfang 2008 kommen werde.

Übernahmegerücht um Altana
Im MDax setzte sich zeitweise die Altana-Aktie mit mehr als sechs Prozent Plus an die Spitze. Gegen Mittag war das Gerücht aufgekommen, der US-Chemiezulieferer Sigma-Aldrich wolle für den Spezialchemiekonzern bieten und 22 Euro pro Aktie bezahlen. Ein Altana-Sprecher dementierte daraufhin Kontakte zu Sigma-Aldrich, und der US-Konzern bezeichnete das Gerücht als falsch. Altana ist zu etwas mehr als 50 Prozent im Besitz der Quandt-Erbin Susanne Klatten.

Insider-Käufe beflügeln Rheinmetall
Zukäufe des Vorstands beflügelten die Rheinmetall-Aktie. Vorstandschef Klaus Eberhardt, Automotive-Vorstand Gerd Kleinert und Finanzvorstand Herbert Müller hätten Aktien und Call-Optionen im Gesamtwert von knapp 380.000 Euro erworben, teilte der Autozulieferer und Rüstungskonzern mit.

HeidelCement macht Hanson-Übernahme perfekt
Deutschlands größter Zementhersteller HeidelbergCement hat die milliardenschwere Übernahme seines Konkurrenten Hanson abgeschlossen. Die zuständigen Gerichte in England und Wales hätten als letzte Hürde grünes Licht für den Kauf des britischen Baustoffherstellers gegeben, sagte Vorstandschef Bernd. HeidelbergCement besitzt nun 100 Prozent der Hanson-Anteile. Für den Kauf hat der MDax-Konzern insgesamt 11,7 Milliarden Euro in die Hand genommen. Mit der Übernahme will HeidelCement zur Nummer drei auf dem Weltmarkt aufsteigen.

Nordex verbucht Gewinnsprung
Im TecDax stand erneut die Aktie von Nordex an der Spitze. Der Windkraftanlagen-Bauer hat sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) im ersten Halbjahr von 7,6 auf 15,3 Millionen Euro gesteigert. Der Umsatz kletterte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 28 Prozent auf 323 Millionen Euro und der Überschuss von 3,7 auf 13,6 Millionen Euro.

Am Abend meldete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vorab aus ihrer Freitagausgabe, die Großaktionäre Goldman Sachs und CMP wollten ihren Nordex-Anteile noch in diesem Jahr verkaufen. Mindestens drei Angebote seien aus Sicht der beiden attraktiv. Die Großaktionäre hatten Ende Mai erklärt, sie ließen einen Verkauf ihrer Anteile von zusammen 44,1 Prozent prüfen. Über einen Pool-Vertrag könnten insgesamt mehr als 50 Prozent an Nordex zum Verkauf stehen.

GPC setzt Rotstift an
Die Aktie von GPC Biotech konnte ihre Gewinne nicht halten. Nach dem jüngsten Rückschlag für das Krebsmittel Satraplatin geht das TecDax-Mitglied auf Sparkurs. 46 Mitarbeiter werden entlassen, was etwa 15 Prozent der gesamten Belegschaft entspricht. Alle Betroffenen arbeiten in den USA. GPC beschäftigt derzeit noch 316 Mitarbeiter. Das Unternehmen hatte Anfang August seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr senken müssen, nachdem die US-Zulassungsbehörde FDA eine beschleunigte Zulassung von Satraplatin abgelehnt hatte.

Freenet-Chef erwartet Zerschlagung
Die Freenet-Aktie fiel wieder etwas zurück. Am Mittwoch hatte das Papier deutlich zugelegt, nachdem der Mobilfunk-Dienstleister Drillisch den Ausbau seiner Beteiligung an Freenet von 10,08 auf 28,56 Prozent gemeldet hatte. Drillisch will mit dem Kauf des Aktienpakets den Druck auf Freenet erhöhen, sich von dem DSL-Geschäft zu trennen. Im Gegenzug soll Freenet Drillisch übernehmen. Freenet-Vorstandschef Eckhard Spoerr schloss dies nicht aus. "Wir werden Gespräche führen, um durch Teilverkäufe den Shareholder Value zu steigern", sagte Spoerr zu Reuters. Er gehe davon aus, dass das im Interesse des neuen Hauptaktionärs sei. Die Drillisch-Aktie verteuerte sich weiter.

Arques voller Zuversicht
Im SDax konnte die Arques-Aktie ihr Kursplus von bis zu 5,4 Prozent nicht halten. Die Beteiligungsgesellschaft hob ihre Jahresprognosen an. Sie erwartet nun einen Umsatz von zwei Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis (Ebitda) von 200 Millionen Euro. Bislang hatte sie ein Umsatzziel von 1,5 Milliarden Euro und ein Ebitda von 180 Millionen Euro ausgegeben. Für das kommende Jahr rechnet Arques bei einem Umsatz von 5,1 Milliarden Euro mit einem Ebitda von 275 Millionen Euro. Am Nachmittag teilte Arques noch mit, es habe seinen Anteil an der Druckholding Arquana von 49,7 Prozent auf auf 19,78 Prozent reduziert. Käufer ist die britische Printec Investments.

Geratherm steigert Ergebnis
Geratherm hat im ersten Halbjahr seinen Gewinn bei fast gleichbleibendem Umsatz deutlich gesteigert. Er erwirtschaftete in den ersten sechs Monaten knapp 4,47 Millionen Euro Umsatz, 1,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, teilte der Medizintechnik-Hersteller mit. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um knapp zwölf Prozent auf 255.000 Euro. Der Gewinn des Experten für Thermometer und Blutdruckgeräte lag mit 196.000 Euro mehr als 40 Prozent höher als 2006. Als Gründe nannte das Unternehmen Produkte mit höheren Gewinnspannen sowie Maßnahmen zur Kostendämpfung.

Umsatzeinbrüche bei I-D Media...
Die Aktie von ID Media verlor rund 1,7 Prozent. Das Unternehmen hat gestern Abend seine Halbjahresbilanz präsentiert. Demnach brach der Umsatz in den ersten sechs Monaten um rund ein Drittel ein. Das Ergebnis wurde negativ: Vor Zinsen und Steuern (Ebit) wurden minus 2,07 Millionen Euro ausgewiesen, im Vorjahr hatte noch ein positives Ebit von 1,1 Millionen in den Büchern gestanden.

... und bei Bio-Gate
Auch die Halbjahreszahlen von Bio-gate wurden mit Abgaben quittiert. Bei dem Nanotech-Unternehmen schrumpfen Umsatz und Ergebnis ein. Die Erlöse gingen rund 74 Prozent in den Keller. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) verschlechterte sich auf minus 1,8 Millionen Euro von minus 1,2 Millionen im gleichen Vorjahreszeitraum. Gleichwohl sieht Bio-Gate operative Fortschritte, weshalb man auch hofft, den Umsatz auf Vorjahreshöhe bringen zu können. Das Ergebnis soll 2007 negativ bleiben.

Tagestermine am Montag, 17. Dezember

Unternehmen:
Hennes & Mauritz: Q4-Umsatz, 08:00 Uhr

Konjunktur:
EU: Handelsbilanz 10/18, 10:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 11/18 (vorl.), 11:00 Uhr
USA: Empire-State-Index 12/18, 14:30 Uhr
USA: NAHB-Index 12/18, 16:00 Uhr