Nervöse Zuckungen

Detlev Landmesser

Stand: 19.06.2008, 20:23 Uhr

Nicht nur wegen des anstehenden EM-Viertelfinales waren die Anleger am Donnerstag ziemlich nervös. Schwache US-Konjunkturdaten, Neues von der Finanzkrise und eine Entspannung am Ölmarkt sorgten für Kurskapriolen.

Der L-Dax ging nach einer nervösen Sitzung 0,2 Prozent höher bei 6.733,49 Punkten aus dem Handel. An der Wall Street wechselten die Vorzeichen bereits mehrmals. Am Abend überwogen die Pluszeichen, nachdem der US-Ölpreis unter 133 Dollar pro Barrel zurückgefallen war. Saudi-Arabien hatte eine Produktionserhöhung von etwa 200.000 Barrel pro Tag in Aussicht gestellt.

Die Citigroup-Aktie rutschte in New York um mehr als vier Prozent ab. Sollte der derzeitige Trend anhalten, könnten die Abschreibungen im Geschäft mit schlecht besicherten Hypotheken höher ausfallen als im Vorjahr, erklärte Citigroup-Finanzchef Gary Crittenden. Möglich sei eine Wertberichtigung ähnlich der des letzten Quartals.

Zuvor hatten die US-Börsen noch relativ robust auf den schwachen Konjunkturindex der Fed von Philadelphia reagiert, der um 1,5 Punkte auf minus 17,1 Punkte zurückfiel. Der Index der Frühindikatoren fiel dagegen mit einem Plus von 0,1 Prozent besser als gedacht aus.

Zeitweise hatte die Allianz-Aktie bis zu 2,4 Prozent zugelegt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters ist sowohl die Deutsche Bank als auch die spanische Großbank Santander an der Allianz-Tochter Dresdner Bank interessiert. Die Deutsche Bank interessiere sich vor allem für das Private Banking des Instituts. Ansonsten wird weiter über Gespräche zwischen der Commerzbank und der Allianz spekuliert, was aber den Banktiteln diesmal nicht auf die Sprünge half.

Eon und RWE weiter gefragt

Die beiden Versorgertitel Eon und RWE zeigten sich wie schon gestern robust gegenüber dem Gesamtmarkt. Eon will zusammen mit der italienischen Enel in Rumänien expandieren. Die Partner wollen gemeinsam ein Kohlekraftwerk mit einer Kapazität von 800 Megawatt errichten, teilte Enel mit.

Merck will Erbitux-Zulassung erweitern
Am Nachmittag schob sich Aktie der Merck KGaA auf die Dax-Gewinnerliste. Der Pharma- und Spezialchemiekonzern will sein wichtiges Medikament Erbitux gegen weitere Krebsarten einsetzen. Merck habe heute bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMEA eine Zulassungserweiterung in der Erstlinientherapie von Kopf-Hals-Tumoren beantragt, teilte das Darmstädter Unternehmen mit.

Milliarden-Kummer bei EADS
Das Papier der Airbus-Muttergesellschaft EADS verlor über drei Prozent. Damit reagierte der MDax-Titel auf die Nachricht, dass der Großauftrag für Tankflugzeuge von der US Air Force in Frage gestellt ist. Am Mittwochabend hatte die US-Rechenschaftsbehörde GAO nahegelegt, den Auftrag an Airbus für Tankflugzeuge im Wert von 35 Milliarden Dollar neu auszuschreiben. EADS hatte den Zuschlag gemeinsam mit dem US-Konzern Northrop Grumman erhalten.

Premiere und ProSieben im Fußballfieber
Die beiden Fernsehkonzerne aus dem MDax, ProSiebenSat.1 und Premiere, haben von der UEFA Europapokal-Übertragungsrechte bis 2012 gesichert. Während ProSiebenSat.1 den Zuschlag für die Übertragung von UEFA Cup und Champions League für die Spielzeiten 2009/10 bis 2011/12 im frei empfangbaren Fernsehen (Free TV) erhielt, gingen die Pay-TV-Rechte an Premiere. Die Aktien der beiden reagierten unterschiedlich auf die Einigung: Während die Premiere-Aktie bis zum Xetra-Schluss um 2,2 Prozent zulegte, konnte das Papier von ProSieben seine Verluste kaum reduzieren und ging 5,5 Prozent tiefer aus dem Handel.

Repower zieht den TecDax
Der TecDax wurde vor allem von den in Sachen Neue Energien tätigen Unternehmen gestützt. Größter Gewinner war ohne Nachrichten Repower mit 6,3 Prozent Plus.

Freenet erwartet Gebote für DSL-Geschäft
Der geplante Verkauf des DSL-Geschäfts von Freenet geht in die nächste Runde. Freenet meldete nach Xetra-Schluss, jetzt Interessenbekundungen von potenziellen Käufern einholen zu wollen. "An diese zunächst unverbindliche erste Phase kann sich ein Verkauf dieses Geschäfts anschließen", hieß es in der Mitteilung. Anfang Mai hatte Freenet-Chef Eckhard Spoerr angekündigt, das Breitbandgeschäft verkaufen zu wollen. Als Zeitrahmen für die Vorbereitungen des Verkaufs nannte er damals vier bis acht Wochen. Als mögliche Bieter für das DSL-Geschäft gelten Versatel, Telefonica sowie der Freenet-Rivale und Großaktionär United Internet.

Herz bereits Escada-Großaktionär?
Im SDax sprang die Escada-Aktie am Abend an. Das "Handelsblatt" berichtete vorab aus seiner Freitagausgabe, der Tchibo-Miteigentümer Michael Herz habe den geplanten Einstieg bei dem Modekonzern bereits vollzogen. Herz habe sich in den vergangenen Wochen zwölf Prozent der Anteile gesichert. Er sei mit dem größten Escada-Aktionär Rustam Aksenenko übereingekommen, auf der Aufsichtsratssitzung am Dienstag eine Kapitalerhöhung um zehn Prozent zu beschließen. Die daraus erwarteten 30 Millionen Euro sollten in den Umbau des Unternehmens fließen. Nach Informationen des Blatts soll zudem der im Frühjahr zurückgetretene Hugo-Boss- Bruno Sälzer zum 1. Juli Jean-Marc Loubier an der Spitze von Escada ablösen.

KWS-Aktie leidet unter hohen Erwartungen
Schwächster SDax-Titel war KWS Saat mit einem Minus von zehn Prozent. Händler sprachen von Zweifeln am Markt, ob der Saatguthersteller im kommenden Geschäftsjahr die Prognosen der Analysten erreichen kann. KWS hatte am Morgen die Vorgaben für das zu Ende gehende Geschäftsjahr noch einmal bestätigt, musste aber am Mittag einräumen, dass es schwierig sei, weitere Preiserhöhungen durchzusetzen.

Koenig & Bauer bei Prognose vorsichtiger
Der Druckmaschinen-Hersteller Koenig & Bauer rechnet nach der Branchenmesse Drupa mit einer deutlichen Umsatzbelebung im zweiten Geschäftshalbjahr. Das Vorhaben, in diesem Jahr einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro zu erreichen, sei "ein ambitioniertes, sportliches, aber realistisches Ziel". Beim Gewinn vor Steuern wolle Koenig & Bauer "möglichst nahe" an das Vorjahr (2007: 63,2 Millionen Euro) herankommen, teilte der Konzern anlässlich seiner Hauptversammlung mit. Bisher hatte Vorstandschef Albrecht Bolza-Schünemann einen Vorsteuergewinn auf Vorjahresniveau prognostiziert.

Wildes Auf und Ab bei Thielert
Zwischenzeitlich 55 Prozent im Plus, am Ende nur noch fünf: Die Thielert-Aktie legte am Donnerstag bemerkenswerte Kapriolen aufs Parkett. Anleger reagierten euphorisch auf eine Meldung von Vortag, wonach der insolvente Flugzeugmotorenhersteller seine Produktion wieder aufgenommen hat. Zudem hatte der Insolvenzverwalter am Mittwoch ein Kaufinteresse mehrerer Investoren für die Fertigung signalisiert.

GK Software stolpert an die Börse
Im Prime Standard wurde der erste Börsenneuling des Jahres begrüßt. Zum Xetra-Schluss notierte die Aktie von GK Software um zehn Cent über ihrem Ausgabepreis von 21,00 Euro. Der erste Kurs hatte ebenfalls bei 21,00 Euro gelegen. Die deutlich gesenkte Preisspanne hatte von 21 bis 23 Euro gereicht. Zuvor war der Börsengang bereits einmal verschoben und das Emissionsvolumen gesenkt worden.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr