Mut oder Leichtsinn?

von Angela Göpfert

Stand: 16.03.2009, 20:03 Uhr

Der Dax hat die Woche ganz erquicklich begonnen und unter dem Eindruck einer anfangs starken Wall Street seine Aufwärtstendenz weiter fortgesetzt. Risikobereite Anleger deckten sich vor allem mit Finanztiteln ein. Marktbeobachter warnen aber vor möglichen Rückschlägen.

Die Kurssteigerungen der vergangenen Tage seien mit Vorsicht zu genießen. Die niedrigen Umsätze zeigten, dass vielen Anlegern doch noch das Vertrauen fehlt, kommentierten Händler. Auch Charttechniker zeigten sich skeptisch und sprachen von einer Bärenmarktrally, während Sentiment-Experten hervorhoben, dass die Stimmung unter den Anlegern für eine Trendwende einfach noch zu gut sei. Die Märkte hätten die endgültige Kapitulationsphase und neue Tiefststände noch vor sich.

Wall Street war gute Stütze
Anleger zeigten sich am Montag aber von derlei mahnenden Worten völlig unbeeindruckt: Der Dax ging mit einem Aufschlag von 2,3 Prozent auf 4.044 Punkte aus dem Xetra-Handel und konnte dieses Plus auch im späten Parketthandel weitestgehend verteidigen; der LDax beendete den Handel bei einem Stand von 4.041 Zählern. Zum Parketschluss notierten in den USA der Leitindex Dow Jones und der marktbreite S&P-500-Index jeweils rund ein Prozent höher. Einzig die Computerbörse Nasdaq lag mit 0,6 Prozent leicht im Minus.

Wie in den USA lagen auch im deutschen Leitindex Dax die Finanzwerte vorne. Aktien von Allianz, Deutsche Bank und Commerzbank kletterten um bis zu 6,7 Prozent. Auslöser für die Kursrally bei Finanztiteln waren Nachrichten, wonach der US-Versicherer AIG aus Mitteln der US-Regierung mehr als 90 Milliarden Dollar an diverse Banken gezahlt hat.

Von Barclays und Ben beflügelt
Auch die britische Großbank Barclays trug zur guten Stimmung im Finanzsektor bei. Barclays spricht jetzt wie zuvor bereits zahlreiche andere Großbanken von einem guten Geschäft in den ersten Monaten des Jahres 2009. Zudem kündigte die Bank an, ihre Investmenttochter iShares zu verkaufen und damit einen Staatseinstieg zu verhindern. Barclays-Aktien sprangen um über 25 Prozent in die Höhe. Experten führten die teils extremen Kurssteigerungen bei Finanztiteln auch auf Short-Eindeckungen zurück.

Fed-Chef Ben Bernanke trug ebenfalls sein Scherflein zum allgemeinen Optimismus bei. Die schwere Rezession in den USA könne nach seiner Einschätzung schon 2009 enden. Die Währungshüter um Bernanke entscheiden am Mittwoch über ihre weitere Strategie.

Neue Hiobsbotschaften von US-Konjunkturfront
Selbst die US-Konjunkturdaten taten der Kauflaune der Anleger keinen Abbruch. Dabei fielen diese eigentlich verheerend aus: So drosselte die Industrie ihre Produktion im Februar um 1,4 Prozent und damit stärker als erwartet. Zudem verlangsamte sich die Industrietätigkeit im US-Bundesstaat New York - die als landesweiter Vorläufer gilt - im März so stark wie nie zuvor. "Von einer konjunkturellen Trendwende in der US-Industrie ist bislang noch nichts zu sehen", sagte Heinrich Bayer von der Postbank. Auch unter den US-Häuserbauern hat sich die Stimmung nicht aufhellen können, sie blieb laut dem NAHB-Hausmarktindex auf niedrigem Niveau stabil.

Ölpreis profitiert von neuem Wagemut der Anleger
Im Schlepptau der Erholung an den Aktienmärkten und der nachlassenden Risikoaversion der Anleger zog auch der Ölpreis wieder an. Der Preis für ein Barrel der leichten US-Sorte WTI stieg am Abend um 1,5 Prozent auf knapp 47 Dollar. Der Ölpreis profitierte dabei auch von der OPEC-Einschätzung, wonach die Förderkürzungen vom vergangenen Jahr nun ihre Wirkung zeigten.

Pssst, geheim: Chinesen an Qimonda interessiert
Unterdessen tat sich im deutschen Leitindex Dax neben den Bankentiteln die Aktie des Halbleiterherstellers Infineon mit einem Plus von knapp 16 Prozent hervor. Die hochspekulative Qimonda-Aktie stieg im Freiverkehr der Frankfurter Börse gar um 53 Prozent. Das chinesische Server- und Software-Unternehmen Inspur hat Medienberichte über ein Interesse an dem insolventen Speicherchiphersteller Qimonda bestätigt. Die Verhandlungen liefen. Details der geplanten Kooperation seien allerdings noch "ein Geheimnis".

Platz zwei im Dax ergatterten Aktien von Eon: Sie machten einen Teil ihrer Verluste in der Vorwoche von rund neun Prozent wieder gut, kletterten um knapp 7 Prozent auf 19,65 Euro.

Deutsche Börse in der Gerüchteküche
Papiere der Deutschen Börse zogen um 4,7 Prozent an. Das Magazin "Wirtschaftswoche" berichtete, dass die beiden Hedgefonds TCI und Atticus Ende 2008 einen großen Teil ihrer Beteiligung an der Deutschen Börse von 19,3 Prozent über Finanzinstrumente abgegeben hätten. Solange nicht bekannt ist, an wen die Aktien gegangen sind, schürt dies einerseits Ängste vor einem Aktienüberangebot. Andererseits dürften die Gerüchte Übernahmespekulationen anheizen. Alles in allem seien die Spekulationen für die Kursentwicklung positiv, betonen die Analysten von Equinet.

Linde wird pessimistischer
Negatives hatte dagegen der Dax-Konzern Linde zu berichten. Der Industriegase-Spezialist sieht derzeit keine Anzeichen einer "nachhaltigen" Trendwende. Eine konkrete Prognose für das laufende Geschäftsjahr wollte Unternehmenschef Wolfgang Reitzle wegen der unsicheren weltwirtschaftlichen Entwicklung nicht geben. Ein Rückgang bei Umsatz und Ergebnis sei aber nicht auszuschließen. Die ursprünglich für das Geschäftsjahr 2010 avisierten Ziele wurden einkassiert. Der Titel verlor 0,3 Prozent.

FMC weiter auf absteigenden Ast
Am Dax-Ende notierte erneut die Aktie von Fresenius Medical Care, die heute 2,9 Prozent einbüßte. Die unsicheren Geschäftsaussichten ob der geplanten Reform des US-Gesundheitssystems belasten den Titel seit Tagen, noch dazu spricht die Charttechnik gegen den Titel.

SGL-Aktie mit Klatten-Bonus
An der MDax-Spitze brillierte die SGL-Aktie mit einem Aufschlag von 18,4 Prozent. Die Quandt-Erbin Susanne Klatten war völlig unerwartet bei dem Kohlenstoff-Spezialisten eingestiegen. Über ihre Beteiligungsgesellschaft Skion sicherte sie sich knapp acht Prozent an den Wiesbadenern und will nun die Beteiligung ausbauen -allerdings auf unter 25 Prozent.

Bauer erwartet Umsatzrückgang
Am MDax-Ende fand sich dagegen die Aktie des Tiefbau- und Maschinenbaukonzerns Bauer mit einem Abschlag von 4,1 Prozent wieder. Unternehmenschef Thomas Bauer erwartet für das laufende Jahr einen "Umsatzrückgang im höheren einstelligen Bereich".

Conergy büßt erneut Sachverstand ein
Die Aktie des Solar-Unternehmens Conergy wurde durch einen Zeitungsbericht belastet, sie büßte am TecDax-Ende 2,6 Prozent ein. Nach Informationen der "Financial Times Deutschland" wird der für das Projektgeschäft verantwortliche Vorstand Nikolaus Krane das angeschlagene Solarunternehmen Anfang April verlassen. Mit Krane gehe der letzte der fünf Vorstände, der über ein großes Solar-Know-how verfüge. Als Grund wurden Differenzen mit Vorstandschef Dieter Ammer genannt.

Von Analysten beflügelt
An der TecDax-Spitze haussierte dagegen die Smartrac-Aktie mit einem Plus von zehn Prozent. Die Deutsche Bank hatte ihre Kaufempfehlung für den Titel bekräftigt, allerdings das Kursziel von 19 auf 15 Euro gesenkt. Qiagen-Papiere profitierten gleich von mehreren Analysteneinschätzungen und kletterten um 4,7 Prozent: UBS und Commerzbank hatten die Aktie auf "Buy" hochgestuft.

Arques überrascht nach Xetra-Schluss
Nach Xetra-Schluss wartete die im SDax notierte Beteiligungsfirma Arques mit der Nachricht auf, sie habe die Sommer-Fahrzeugbau-Gruppe verkauft. Käufer sei ein Konsortium aus strategischen Partnern der mittelständischen deutschen Fahrzeugindustrie und Finanzinvestor BSG Consulting. Über Details der Transaktion wurde Stillschweigen vereinbart. Die Aktie schoss daraufhin im späten Parketthandel um 7,8 Prozent in die Höhe, nachdem sie den Xetra-Handel noch auf Vortagesniveau beendet hatte.

Madoff-Besitztümer im Visier der Behörden
Im wohl größten Betrugsfall der Wirtschaftsgeschichte wollen die US-Behörden nun Vermögenswerte von Bernard Madoff und seiner Frau Ruth beschlagnahmen lassen. Dazu zählen Immobilien in New York, Florida und Frankreich sowie mehrere Jachten und ein Wertpapierdepot im Umfang von etwa 45 Millionen Dollar. Madoff hatte sich in der vergangenen Woche des Diebstahls, der Geldwäsche und Urkundenfälschung schuldig bekannt und war daraufhin in Haft genommen worden. Seine Frau und Söhne waren Mitarbeiter seiner Firma, wurden bislang aber nicht angeklagt.

Tagestermine am Montag, 17. Dezember

Unternehmen:
Hennes & Mauritz: Q4-Umsatz, 08:00 Uhr

Konjunktur:
EU: Handelsbilanz 10/18, 10:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 11/18 (vorl.), 11:00 Uhr
USA: Empire-State-Index 12/18, 14:30 Uhr
USA: NAHB-Index 12/18, 16:00 Uhr