Mit frischem Mut in den April

Detlev Landmesser

Stand: 01.04.2008, 20:26 Uhr

Zum Beginn des neuen Quartals konnten viele Anleger einfach nicht mehr still halten: Trotz neuer Krisenmeldungen kauften sie Aktien. "Die Anleger gewöhnen sich an die Risiken", fasste ein Marktteilnehmer die Stimmung zusammen.

So ließen sich die Investoren weder von einem gigantischen Quartalsverlust bei der UBS noch von weiteren Milliardenabschreibungen der Deutschen Bank beunruhigen. Mit den konkreten Zahlen hat der Markt ein Stück mehr Klarheit über das Ausmaß der Krise erhalten. Das heißt nicht, dass die Börse jede neue Krisenmeldung verkraften könnte.

Die UBS erwartet im gerade abgelaufenen ersten Quartal wegen hoher Abschreibungen einen Verlust von etwa zwölf Milliarden Schweizer Franken. Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel nicht daher mehr zu Wiederwahl antreten. Um die Konzernkasse wieder aufzufüllen, will die Bank ihr Kapital um 15 Milliarden Franken erhöhen.

Die Deutsche Bank rechnet für das erste Quartal mit Belastungen von etwa 2,5 Milliarden Euro auf Kredite, Kreditzusagen und Immobilienfinanzierungen. Die Bedingungen hätten sich in den vergangenen Wochen weiter "erheblich" verschlechtert. Dennoch gewann das Dax-Schwergewicht 3,9 Prozent. Noch stärker verteuerten sich die Papiere von Hypo Real Estate und Commerzbank.

Wall Street feiert Kapitalspritzen

Auch an der Wall Street zeigten sich die Investoren mit den Neuigkeiten aus dem Finanzsektor zufrieden. Bis zum Abend stiegen alle drei großen Indizes über 2,5 Prozent. Vor allem Lehman Brothers half den Indizes nach oben. Die viertgrößte US-Investmentbank konnte sich durch die Ausgabe wandelbarer Vorzugsaktien vier Milliarden Dollar beschaffen und damit ihre Kapitalausstattung verbessern. Auch der taumelnde US-Hypothekenfinanzierer Thornburg konnte sich im zweiten Anlauf frisches Kapital in Höhe von 1,35 Milliarden Dollar besorgen. Die kreditgebenden Banken von Thornburg hatten ein Ultimatum gestellt und das Geld zur Bedingung für einen weiteren Zahlungsaufschub gemacht.

Die aktuellen Konjunkturdaten kamen ebenfalls gut an. Die Stimmung der Einkaufsmanager im Verarbeitenden Gewerbe der USA hellte sich im März überraschend auf. Der entsprechende Index stieg von 48,3 Punkten im Februar auf 48,6 Punkte. Von Thomson Financial befragte Experten hatten mit einem Rückgang auf 48,0 Punkte gerechnet. Zudem gingen die Bauausgaben im Februar weniger als befürchtet zurück.

Auch vom Devisen- und Ölmarkt gab es Entlastung. Der Euro notierte am Abend mit unter 1,56 Dollar rund drei Cent niedriger als am Vortag. Auch der Ölpreis schwächelt. Der Terminpreis für ein Barrel leichtes US-Öl fiel zeitweise unter 100 Dollar.

Hoffnung für Infineon
9,4 Prozent Plus katapultierten die Infineon-Aktie an die Dax-Spitze. Rückenwind kam vom südkoreanischen Wettbewerber Samsung, der höhere Speicherchip-Preise erwägt. "Wir denken, dass wir einen Tiefpunkt erreicht haben", hieß es vom Weltmarktführer. Am Vortag hatte bereits der größte japanische Hersteller Elpida seine Preise um 20 Prozent angehoben. Im TecDax profitierte der Bauelemente-Hersteller Epcos von der Nachricht.

RWE konkretisiert Börsenpläne für American Water
Die RWE-Aktie rückte um 2,4 Prozent vor. Der Energiekonzern bringt seine Tochter American Water an die Börse. 64 Millionen Anteile des US-Unternehmens werden zu einem Preis zwischen 24 und 26 Dollar angeboten. Einschließlich einer Mehrzuteilungsoption von 9,6 Millionen Aktien kann der Börsengang damit ein Volumen von 1,91 Milliarden Dollar erreichen. Wann die Transaktion über die Bühne geht, ließ RWE aber weiter offen. RWE-Chef Jürgen Großmann hatte im Januar erklärt, der Versorger könne bereits Ende April an die Börse gebracht werden. Alternativ hatte er den September/Oktober in Aussicht gestellt.

Deutsche Post versilbert Immobilien
Die "Aktie Gelb" gewann 1,6 Prozent. Der Logistikkonzern verkauft Immobilien für eine Milliarde Euro an den US-Investor Lone Star und mietet sie anschließend großenteils zurück. Der Großteil der Gelder wird dem Konzern voraussichtlich Ende des Jahres zufließen.

Mehr US-Absatz bei Volkswagen
Auffallend schwach präsentierte sich die VW-Aktie, was Händler vor allem mit Gewinnmitnahmen begründeten. Die jüngsten US-Absatzzahlen konnten den Dax-Titel nicht stützen. Insgesamt habe Volkswagen of America im März 19.587 Fahrzeuge der Marke VW verkauft, 12,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, teilte der Konzern mit.

Porsche rollt zurück
Bei Porsche hat sich dagegen der Absatzrückgang in Nordamerika beschleunigt. Insgesamt seien im März in den USA und Kanada 2.624 Neuwagen verkauft worden, 24 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, teilte der Sportwagenbauer mit. Porsche hatte angekündigt, seine US-Verkäufe zu drosseln, um mehr Fahrzeuge in andere Märkte liefern zu können.

Gewinnwarnung von Heideldruck
Im MDax brach die Aktie von Heidelberger Druck um mehr als neun Prozent ein. Der Druckmaschinenhersteller schraubte zum zweiten Mal binnen weniger Wochen seine Prognose zurück. Der Umsatz des Ende März ausgelaufenen Geschäftsjahres 2007/08 werde drei Prozent unter den bisher prognostizierten 3,8 Milliarden Euro liegen, hatte der Konzern in der Nacht zu Dienstag mitgeteilt. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) werde nur noch mindestens 260 Millionen Euro erreichen. Im Februar hatte der Konzern prognostiziert, das Ebit werde den Vorjahreswert von 302 Millionen Euro gerade noch übertreffen.

Insidervorwürfe bei EADS erhärtet
Die EADS-Aktie zeigte sich ungerührt von neuen Details zum Insiderskandal bei dem europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern. Die französische Börsenaufsicht AMF hat nach eigenen Angaben Beweise für Insiderhandel gefunden. Außerdem habe EADS der Börse irreführende Informationen zukommen lassen. Die AMF hatte den Aktienhandel von Managern und Großaktionären vor Bekanntwerden von Verzögerungen beim Bau des A380 im Juni 2006 untersucht.

Freenet-Paket wechselt den Besitzer
Zeitweise sprang die Freenet-Aktie an die TecDax-Spitze. Die Marktteilnehmer reagierten erleichtert auf einen Wechsel im Aktionärskreis des Mobilfunk-Providers. Die zuletzt reichlich glücklose Beteiligungsgesellschaft Vatas hat ihren Anteil von 22,1 Prozent verkauft, wie am Nachmittag bekannt wurde. Zugleich teilte Freenet mit, Vatas halte Optionen, die ihr am 20. Juni den Kauf von 25,2 Prozent an Freenet ermöglichten. In einer weiteren Mitteilung hieß es, Credit Suisse habe 16,5 Prozent an Freenet erworben. Die Transaktion dürfte im Zusammenhang mit der zuletzt neu angestoßenen Konsolidierungsfantasie in der Branche liegen. Vergangene Woche hatte Freenet verkündet, den Konkurrenten Debitel kaufen zu wollen.

Cewe Color kriegt die Kurve
Der Fotodienstleister Cewe Color hat dank eines starken vierten Quartals seinen Umsatz 2007 um 4,4 Prozent auf 413,5 Millionen Euro gesteigert. Das weiterhin starke Wachstum bei der Digitalfotografie habe den Rückgang der analogen Fotografie fast vollständig kompensiert, teilte das Unternehmen mit. Allerdings fiel das Vorsteuerergebnis von 21,1 auf 12,8 Millionen Euro zurück.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 15. August

Unternehmen:

Zur Rose Group: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
Stratec: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
ADO Properties: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
Leoni: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
LPKF: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Cisco Systems: Q4-Zahlen, 22:05 Uhr
MVV Energie: Q3-Zahlen
Vestas: Q2-Zahlen

Konjunktur
Großbritannien: Verbraucherpreise 07/18, 10:30 Uhr
USA: Produktivität Q2, 14:30 Uhr
USA: Empire State Index 08/18
USA: Einzelhandelsumsatz 07/18, 14:30 Uhr
USA: Industrieproduktion 07/18, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung 07/18, 15:15 Uhr
USA: Lagerbestände 06/18, 16:00 Uhr
USA: NAHB-Index 08/18, 16:00 Uhr
USA: Energieministerium Ölpreise (wöchentl.), 16:30 Uhr

Sonstiges:
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