Mit angezogener Bremse nach oben

Stand: 10.07.2012, 20:05 Uhr

Die viertägige Verlustserie ist gestoppt. Der Dax rappelte sich am Dienstag wieder auf und kletterte über 6.400 Punkte. Gegenwind von der Wall Street und die Euro-Schwäche bremsten aber die Kauflust der Anleger.

Gespannte Ruhe herrschte am Dienstag an den Börsen. Die Börsianer warteten auf neue Impulse aus den USA, China und ... Karlsruhe. Dort befasst sich das Bundesverfassungsgericht mit der Frage, ob der ESM und das neue EU-Fiskalpakt gegen das Grundgesetz verstoßen. Zeitweise gab es Gerüchte an den Börsianer, die Richter hätten dem ESM-Rettungspakt ihren Segen erteilt. Ein Händler hielt die Spekulationen für "völlig aus der Luft gegriffen". Mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wird erst frühestens Ende Juli gerechnet.

Technische Gegenbewegung
Die wirren Gerüchte trugen neben charttechnischen Faktoren und guten Konjunkturdaten zur Industrieproduktion in Großbritannien zur Kurserholung bei. Der Dax schloss im Xetra-Handel um 0,8 Prozent höher bei 6.438 Punkten. Im späten Parketthandel veränderte sich kaum etwas. Der L-Dax beendete den Tag bei 6.436 Zählern.

In der Spitze war der Dax bis auf 6.491 Zähler geklettert. Die schwache Wall Street, die im Laufe des Nachmittags ins Minus drehte, ließ die Kursgewinne aber wieder etwas zusammenschmelzen. Der Dow Jones notierte am Abend 0,5 Prozent tiefer.

Ring frei für die Berichtssaison
Der Beginn der US-Berichtssaison konnte den Märkten keinen neuen Schwung bringen. Zwar waren die Zahlen von Alcoa etwas besser als erwartet. Ein eindeutiges Bild sahen Marktteilnehmer wie Analyst Uwe Streich von der LBBW aber nicht. Damit dürfte die Angst vor einer schwachen Quartalszahlen-Saison weiter andauern. Die niedrigen Aluminiumpreise und die weltweite Konjunkturflaute trafen Alcoa nicht so hart wie befürchtet. Der Verlust fiel niedriger aus als prognostiziert. Trotzdem rutschte die Aktie in New York ins Minus.

Euro rutscht wieder ab
Der Euro legte eine Berg- und Talfahrt hin. Nachdem er zunächst auf über 1,23 Dollar geklettert war, rutschte er ab und fiel mit 1,2242 Dollar auf ein neues Zweijahres-Tief.

Die Renditen für spanische Staatsanleihen fielen unter die wichtige Marke von sieben Prozent. Die Euro-Finanzminister hatten sich in der Nacht über eine erste Hilfstrance von 30 Millionen Euro für spanische Banken geeinigt. Sie soll im Juli an die spanische Regierung fließen.

Norwegen bewegt den Ölpreis
Im Blickpunkt stand am Dienstag auch der Ölpreis. Nach dem verordneten Streik-Ende in Norwegen kostete ein Barrel der Nordseesorte Brent zeitweise weniger als 100 Dollar. Der Arbeitskampf in Norwegen hatte seit Tagen den Ölpreis in die Höhe getrieben. In der Nacht zum Dienstag hatte Arbeitsministerin Hanne Bjurstroem eine Zwangsschlichtung des Streits angeordnet - unmittelbar vor Inkrafttreten einer Aussperrung aller Ölarbeiter. "Eine Aussperrung hätte die komplette Ölproduktion des achtgrößten Ölexportlandes von bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag lahmgelegt", schrieb Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch.

Warten auf die Fed
Anleger hoffen auf neue Signale aus USA und China zur geldpolitischen Lockerung. Am Mittwochabend veröffentlicht die US-Notenbank Fed ihr jüngstes Sitzungsprotokoll.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,40
Differenz relativ
-0,67%

ThyssenKrupp auf dem Dax-Thron
Ganz oben auf dem Kaufzettel der Anleger stand die Aktie von ThyssenKrupp mit einem Plus von knapp vier Prozent. Der Titel profitierte von einer Hochstufung durch Macquarie. Die Analysten haben ihre Empfehlung von "Neutral" auf "Outperform" angehoben. Da störten auch schlechte Nachrichten vom deutschen Stahlverband nicht. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl stellte am Dienstag ihre Produktionsprognose für das Gesamtjahr in Frage. Sie könnte nach der Sommerpause gesenkt werden, warnte der Verband. "Thyssen hat ja noch andere Geschäftsfelder", meinte ein Händler. Langfristig werde es für Thyssen wieder aufwärts gehen, der aktuelle Kurs böte eine gute Einstiegsgelegenheit.

Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
17,10
Differenz relativ
-2,98%

Infineon im ASML-Sog
Unter den Dax-Gewinnern befanden sich auch die Aktien von Infineon, die 2,5 Prozent zulegten. Der Einstieg von Intel beim niederländischen Zulieferer ASML sorgte hier offenbar für neue Kursfantasie. Die ASML-Aktien sprangen um acht Prozent nach oben. Eine Kursbelastung für Infineon waren hingegen die verheerenden Quartalszahlen von AMD. Der zweitgrößte Prozessorhersteller der Welt hatte einen unerwarteten Umsatzrückgang im zweiten Quartal um elf Prozent vermeldet. Die Aktien brachen um zehn Prozent ein.

Linde: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
222,40
Differenz relativ
-0,58%

Linde holt sich frisches Geld
Zeitweise der einzige Verlierer im Dax war Linde. Der Gase-Konzern hat zur Finanzierung der Lincare-Übernahme eine Kapitalerhöhung gestemmt. Das brachte Linde nach eigenen Angaben rund 1,4 Milliarden Euro. Institutionelle Anleger
zahlten für die rund 12,8 Millionen neuen Aktien einen Stückpreis von 109
Euro.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
143,92
Differenz relativ
-2,52%

Zweistelliges Absatzplus von VW
Der Wolfsburger Autobauer bleibt in der Erfolgsspur. In den ersten sechs onaten setzte VW 2,79 Millionen Fahrzeuge der Kernmarke ab. Das ist ein Zuwachs von über zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Vertriebsvorstand Christian Klinger warnte aber vor weiterhin erheblichen Unsicherheiten in Europa. Laut Berichten der lokalen chinesischen Presse planen die Wolfsburger auch den Bau eines neuen Werks in Zentralchina in Zusammenarbeit mit dem Partner China FAW Group. Die VW-Aktie schloss knapp zwei Prozent fester.

Autozulieferer-Aktien begehrt
Im MDax waren Autozuliefer unter den größten Gewinnern. Die Aktien von Elring Klinger stiegen um fast vier Prozent, die Papiere von Leoni knapp drei Prozent. Die Papiere von Kuka und Conti gewannen 2,5 Prozent.

Boeing stiehlt Airbus die Show
Dagegen schlossen die EADS-Aktien 0,5 Prozent tiefer. Die EADS-Tochter Airbus hängt offenbar immer mehr Konkurrent Boeing hinterher. Auf der Luftfahrtmesse in Farnborough zogen die Amerikaner den zweiten Großauftrag an Land. Die GE-Leasingtochter Gecas will 100 Flugzeuge des Typs 737 bestellen. Die Orders haben einen Wert von rund 9,3 Milliarden Dollar. Airbus konnte lediglich einen Erfolg bei den Langstreckenmaschinen vermelden. Die Fluggesellschaft Cathay Pacific will 26 Maschinen der Langversion des Großraumjets A 350 mit einem Gesamtwert von 3,4 Milliarden Euro anschaffen.

Tom Tailor zieht an
Im SDax zählten die Tom-Tailor-Aktien zu den Favoriten mit einem Plus von über drei Prozent. Das Bekleidungsunternehmen hat im zweiten Quartal den Umsatz kräftig gesteigert. Wie Tom Tailor am Morgen überraschend bekannt gab, stiegen die Erlöse im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent. Vor allem in den E-Shops war die Nachfrage groß. Den detaillierten Halbjahresbericht gibt es am 8. August.

Bilfinger: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
31,02
Differenz relativ
-2,02%

Bilfinger schielt auf Post-Tochter
Zuversichtliche Töne kamen auch vom Mannheimer Bau-Dienstleister Bilfinger. Das Unternehmen hält daran fest, das Konzernergebnis bis zum Jahr 2016 auf 400 Millionen Euro fast zu verdoppeln. "Wir gehen mit erheblichem Optimismus in die Zukunft der nächsten Jahre", sagte Firmenchef Roland Koch. Zudem kündigte Bilfinger an, bei der Immobilientochter der Post einsteigen zu wollen.

CropEnergies: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
3,78
Differenz relativ
+2,72%

CropEnergies produziert mehr Bioethanol
Die Südzucker-Tochter ist gut in ihr erstes Geschäftsquartal im Geschäftsjahr 2012/13 gestartet. Der Umsatz stieg um 22 Prozent auf 160 Millionen Euro, das operative Ergebnis lag mit 14,9 Millionen leicht unter dem Rekordniveau des Vorjahres. Crop Energies produzierte gut ein Fünftel mehr Bioethanol, weil sich die Spritsorte E10 immer mehr an der Zapfsäule durchsetzt. Die Aktie legte leicht zu.

Evotec: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
20,01
Differenz relativ
+2,62%

Evotec hat neuen Diabetes-Partner
Aktien des Biotech-Unternehmens Evotec waren der Star im TecDax. Sie schossen um 18 Prozent nach oben. Evotec ist mit der Johnson & Johnson-Tochter Janssen Pharmaceuticals eine strategische Allianz in der Diabetes-Forschung eingegangen und hat eine Vorabzahlung von acht Millionen Dollar erhalten. Je nach Forschungsfortschritt werden weitere Meilensteinzahlungen fällig, die bis zu 300 Millionen Dollar betragen können.

Briten erobern CineMaxx
Den wohl größten Kurssprung legten am Dienstag die Aktien von Cinemaxx hin mit einem Zuwachs von rund 43 Prozent. Der britische Kinobetreiber Vue will die deutsche Kinokette für 174 Millionen Euro übernehmen und bietet 6,45 Euro je CineMaxx-Aktie. Großaktionär Herbert Kloiber hat der Offerte zugestimmt und will seinen 85-prozentigen Anteil verkaufen.

Tomorrow schluckt Reisebewertungsportal
Nach Xetra-Schluss gab der Internet-Konzern Tomorrow Focus einen Millionenschweren Zukauf in den Niederlanden bekannt. Die Münchner übernehmen für 21 Millionen Euro die Mehrheit an Webabssets, dem Betreiber des größten niederländischen Hotel- und Reisebewertungsportals Zoover und der Wetterplattformen von Meteovista. Ein Großteil der Zoover-Kunden kommt aus dem Ausland. Stiftung Warentest hat 2012 Zoover.de zum zweitbesten Hotelbewertungsportal in Deutschland gekürt. Tomorrow stärkt damit das internationale Geschäft von HolidayCheck. Vor der Bekanntgabe des Deals notierte die Aktie über vier Prozent höher.

Blackberry: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
7,95
Differenz relativ
+2,71%

Coca-Cola-Aktie wird gesplittet
Neben Alcoa und AMD stand Coca-Cola in den USA im Blickpunkt. Die Aktionäre haben dem ersten Aktiensplit des Unternehmens seit 16 Jahren zugestimmt. Die Zahl der Anteilsscheine des Unternehmens wird von 5,6 auf 11,2 Milliarden verdoppelt. Jeder Aktionär erhält pro gehaltene Aktie eine weitere.

Kleiner Denkzettel für RIM-Manager
Glimpflich davon kam das Management des Blackberry-Herstellers Research in Motion (RIM) auf der Hauptversammlung in Waterloo. Alle vorgeschlagenen Kandidaten wurden in den Verwaltungsrat gewählt. Sie erhielten aber einen kleinen Denkzettel. Firmenchef Thorsten Heins erhielt 85 Prozent der Stimmen. Der deutschstämmige Top-Manager zeigte Verständnis dafür, "dass viele Aktionäre frustriert sind". Er selbst sei auch nicht zufrieden mit der Leistung des Unternehmens. Die RIM-Aktie verlor binnen eines Jahres drei Viertel an Wert.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"