Misstöne überwiegen

von Detlev Landmesser

Stand: 04.12.2007, 20:28 Uhr

Noch eine Woche müssen die Finanzmärkte warten, ob die Fed den Leitzins tatsächlich weiter senkt. Am Dienstag reichte diese Hoffnung nicht, den Börsen ins Plus zu verhelfen. Doch die Anzeichen für eine Zinssenkung verdichten sich.

Der L-Dax schloss nach einer recht unspektakulären Sitzung 0,35 Prozent tiefer bei 7.813,41 Punkten. Die US-Börsen konnten ihre Anfangsverluste zunächst verringern, fielen am Abend aber wieder zurück. Die US-Bank JP Morgan Chase hatte ihre Gewinnerwartungen für mehrere Wettbewerber gekürzt, was den ganzen Sektor unter Druck brachte.

Düstere Töne von den Notenbankern...

Für Zurückhaltung sorgten auch Aussagen mehrerer Notenbanker dies- und jenseits des Atlantiks. "Der Markt hat weiter Zweifel angesichts der Auswirkungen auf die Gewinne von Banken und Bilanzen", sagte der griechische Notenbankchef Nicholas Garganas. Sein EZB-Ratskollege Christian Noyer sprach von einem "großen Schock", den die Märkte verarbeiten müssten. Die Verschlechterung einiger Konjunkturdaten stelle die mögliche Entkoppelung Europas von den US-Märkten in Frage.

... doch Zinshoffnung wächst
In den USA warnt die Notenbank Fed bereits, dass sich die Anzeichen für Abwärtsrisiken verdichten. "Seit der Sitzung des Offenmarktausschusses im Oktober haben sich die Finanzierungsbedingungen verschlechtert und wir haben einige überraschend schwache Wirtschaftsdaten gehabt", erklärte Fed-Bankerin Janet Yellen. Das wiederum hörten die Börsianer eher gern - lässt es doch erwarten, dass die Fed auf ihrer Sitzung am nächsten Dienstag die Zinszügel weiter lockert, um die Wirtschaft zu stabilisieren und ein Abgleiten in die Rezession zu verhindern.

ThyssenKrupp muss für Ausblick büßen
Die Aktie von ThyssenKrupp rutschte mit minus sechs Prozent ans Dax-Ende. Der größte deutsche Stahlproduzent hatte am Morgen seine Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr und einen Ausblick auf das laufende Jahr bekannt gegeben. "Die Zahlen waren eigentlich gar nicht so schlecht. Nur der Ausblick war etwas schwächer, was vielleicht einige enttäuscht hat", sagte ein Händler. Auch andere Stahlwerte standen im Anschluss auf den Verkaufslisten: Die im MDax notierte Aktie des Duisburger Stahlhändlers Klöckner & Co fiel um mehr als sechs Prozent, die von Salzgitter gab über fünf Prozent nach.

Eon auf Rekordhoch
Eon konnte sich dagegen gut halten. Mit 142,25 Euro markierte der Versorgertitel zwischenzeitlich ein neues Rekordhoch. Neben der Anziehungskraft dieses Rekordstandes stütze die Aktie im weiter unsicheren Marktumfeld auch ihr eher defensiver Charakter, sagte ein Händler.

Dazu kam die Erlaubnis der spanischen Energieaufsicht CNE für den Kauf der Enel-Tochter Viesgo. Die Viesgo-Übernahme ist Folge der Übernahmeschlacht um den spanischen Energiekonzern Endesa. Die italienische Enel hatte zusammen mit dem spanischen Acciona-Konzern Eon dabei übertrumpft. Zum Ausgleich für den Rückzug der Deutschen hatten die beiden siegreichen Bieter Eon Geschäftsbereiche im Wert von damals geschätzten zehn Milliarden Euro angeboten, die sie im Zuge der Endesa-Übernahme abgeben müssen.

Deutsche Post im Fokus
Die "Aktie Gelb" musste im Verlauf ihren Tagesgewinn preisgeben. Zunächst hatte der Titel weiter von der Entscheidung für einen Mindestlohn für die Postzustellung profitiert, der die Wettbewerber unter Druck bringt. Zudem wirkte eine Heraufstufung von Sal. Oppenheim positiv, die ihre Anlageempfehlung von "Buy" auf "Strong Buy" erhöhte. Zudem gab es Spekulationen um den Einstieg chinesischer Investoren. "Es gibt das Gerücht, dass die Chinesen fünf Prozent an der Post kaufen wollen", sagte ein Händler. "Es ist heute wieder ein nachrichtenarmer Tag, da kommen Händler auf dumme Gedanken", meinte ein anderer Börsianer dazu.

Bayer in der Gerüchteküche
Zeitweise hatte die Bayer-Aktie an der Dax-Spitze gelegen - wegen des altbekannten Gerüchts, dass Novartis Interesse an Bayer habe. "Das kursiert jede Woche", kommentierte ein Händler. "Nachdem die Aktie gestiegen ist, wird jetzt das passende Gerücht dazu hinterhergeschoben."

Bei Adidas verflüchtigten sich dagegen die Übernahmespekulationen. Der japanische Sportschuhhersteller Asics wies Marktgerüchte über ein gemeinsames Angebot mit Nike für die Nummer zwei der Branche zurück. Das sei nie erwogen worden, teilte Asics mit. Die Spekulationen über eine 15 Milliarden Dollar schwere Offerte hatten die Adidas-Aktie am Montag getrieben.

Markt von Nokia-Zielen enttäuscht
Die Aktie von Nokia gab trotz einer Zielanhebung des Handy-Weltmarktführers für die kommenden ein bis zwei Jahre deutlich nach. Einige Marktteilnehmer hätten eine größere Anhebung erwartet, andere hätten mit Aussagen in der genannten Größenordnung gerechnet, hieß es am Markt. Nokia peilt nun eine operative Marge von 16 bis 17 Prozent an, während das Ziel bislang bei 15 Prozent gelegen hatte. Da die Aussagen wie erwartet ausgefallen seien, gebe es nun für Investoren derzeit keinen Grund zum Einstieg mehr, sagte ein Händler.

Macquarie hält knapp 90 Prozent an Techem
Macquarie ist bei Techem am Ziel: Nach Ablauf der Annahmefrist für das Übernahmeangebot halt die australische Investmentbank rund 89,08 Prozent an dem Energiedienstleister. Die Annahmefrist für die Offerte über 60 Euro je Aktie war am Montag um Mitternacht ausgelaufen.

Neuer GPC-Finanzchef soll Partnersuche forcieren
Der Rücktritt eines Finanzvorstands kommt an der Börse in der Regel schlecht an. Nicht so bei GPC Biotech, das die Meldung mit einem hoffnungsvollen Zusatz schmückte. Finanzchef Mirko Scherer verlasse das Unternehmen mit sofortiger Wirkung auf eigenen Wunsch, teilte das angeschlagene Biotechunternehmen mit. Sein Nachfolger Torsten Hombeck solle seine Erfahrung aus früheren Übernahmen von GPC ausspielen und bei den anvisierten Fusionsaktivitäten eine wichtige Rolle spielen, erklärte Firmenchef Bernd Seizinger. Hombeck arbeitet schon seit 1999 bei GPC. Die GPC-Aktie setzte sich daraufhin an die TecDax-Spitze. "GPC scheint bei der Partnersuche in den USA und Europa Dampf zu machen, das treibt den Kurs an", sagte ein Händler. Seizinger hatte zuvor erklärt, es gebe bereits Gespräche mit Partnern in einem sehr frühen Stadium. Innerhalb von ein bis zwei Jahren solle es zu einem Abschluss kommen.

Solartitel unter Druck
Die Aktie von Q-Cells rutschte zeitweise um mehr als sieben Prozent ab. Die Citigroup hatte den Wert auf "Hold" von zuvor "Buy" herabgestuft, setzte allerdings das Kursziel deutlich von 60 auf 102 Euro herauf. "Nach dem Kursanstieg der vergangenen Monate dient die Abstufung durch die Citigroup einigen Anlegern als Entschuldigung für Gewinnmitnahmen", meinte ein Händler. Belastend für den ganzen Sektor wirke offenbar die am Mittwoch erwartete Verabschiedung der Novelle des Erneuerbare-Energien- Gesetzes (EEG) durch das Bundeskabinett. "Dabei sollen Solarwerte relativ schlecht wegkommen und dies belastet zusätzlich", so der Händler. Conergy verlor sogar über neun Prozent.

Neuer Deal von Vivacon
Im SDax drehte die Vivacon-Aktie ins Minus. Die Kölner Immobilienfirma hatte den Verkauf eines Immobilienpaketes bekannt gegeben. 3.862 Wohn- und Geschäftseinheiten wurden für rund 180 Millionen Euro verkauft. Die über Erbbaurecht veräußerten Immobilien spülen der Firma neben dem Verkaufserlös jährlich Erbbauzinsen von anfänglich 1,5 Millionen Euro in die Kasse. Der Vorstand bekräftigte seine Gewinnplanung für 2007.

ABN stuft Air Berlin ab
Auch Air Berlin stand unter Druck. Die Analysten von ABN Amro hatten ihr Anlageurteil von "Buy" auf "Hold" gesenkt und Kursziel deutlich von 16,00 auf 11,50 Euro reduziert. Zwischenzeitliche Gerüchte um eine Gewinnwarnung des Billigfliegers nannte ein Händler "Unsinn".

KWS Saat setzt Erholung fort
Die Aktie von KWS Saat setzte sich mit einem Plus von 8,5 Prozent an die SDax-Spitze. Am Freitag hatte das Unternehmen erfreuliche Quartalszahlen vorgelegt. Die Analysten von Exane BNP erhöhten am Morgen geringfügig ihr Kursziel von 131 auf 133 Euro - was allerdings unter dem bereits erreichten Kurs liegt.

Rekord-Jackpot hilft Fluxx
Die Aktie von Fluxx konnte ihre Anfangsgewinne nicht halten. Das grassierende Lottofieber in Deutschland rette Fluxx in diesem Jahr voraussichtlich vor einem operativen Verlust, teilte der Online-Glücksspielvermittler mit. Wegen des Rekord-Jackpots von 43 Millionen Euro erwarte Fluxx bei der Auslosung am Mittwoch bis zu zehn Mal höhere Umsätze als sonst. Das werde sich "auch ergebnisseitig positiv auf den Geschäftsverlauf im Gesamtjahr 2007 auswirken", erklärte Fluxx. Ein Sprecher konkretisierte, das könne bedeuten, dass es in diesem Jahr doch nicht zu einem Verlust vor Steuern und Zinsen (Ebit) kommen werde. Erst kürzlich hatte sich Fluxx vom Ziel eines ausgeglichenen operativen Ergebnisses verabschiedet.

Bertelsmann will RTL vielleicht ganz
Der Fernsehkonzern RTL Group könnte schon bald vollständig zum Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann gehören. Bertelsmann erwäge, die restlichen Aktien zu übernehmen. Bisher hätten jedoch weder Vorstand noch Aufsichtsrat von Bertelsmann ein Angebot genehmigt. Für die Anteile an der Fernsehtochter RTL würde man jedoch nicht mehr als 82 Euro je Aktie zahlen wollen, teilte Bertelsmann mit.

Gegenofferte für Rio Tinto?
In London sorgten neue Übernahmefantasien für Bewegung. Der größte chinesische Stahlhersteller Baoshan Iron & Steel (Baosteel) wird laut einem Zeitungsbericht "sehr wahrscheinlich" ein Angebot für das anglo-australische Minenunternehmen Rio Tinto abgeben. Rio Tinto hatte zuletzt ein Angebot von BHP Billiton mit der Begründung abgelehnt, der Preis spiegele nicht den wahren Wert des Unternehmens wider.

Kein frisches Geld für IM Internationalmedia
Die Aktie von IM Internationalmedia fiel weiter zurück. Die außerordentliche Hauptversammlung am Montag hatte die vom Management vorgeschlagene Herabsetzung des Grundkapitals durch Zusammenlegung von Aktien beschlossen. Die darüber hinaus vorgeschlagene anschließende Barkapitalerhöhung war von den anwesenden Aktionären dagegen abgelehnt worden.

Tagestermine am Montag, 17. Dezember

Unternehmen:
Hennes & Mauritz: Q4-Umsatz, 08:00 Uhr

Konjunktur:
EU: Handelsbilanz 10/18, 10:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 11/18 (vorl.), 11:00 Uhr
USA: Empire-State-Index 12/18, 14:30 Uhr
USA: NAHB-Index 12/18, 16:00 Uhr