Miese Daten drücken die Kurse

Detlev Landmesser

Stand: 16.10.2008, 20:20 Uhr

Die latenten Rezessionssorgen erhielten am Donnerstag neue Nahrung, was die Börsen zeitweise heftig einbrechen ließ. In New York beruhigte sich die Lage am Abend etwas.

Der L-Dax schloss 2,1 Prozent tiefer bei 4.698, 51 Punkten. Zeitweise war der Dax um bis zu sieben Prozent abgestürzt. Die Konjunkturdaten des Tages waren derart düster, dass die Sorge zunahm, ob die Unternehmensgewinne nicht noch stärker einbrechen als in den Kursen "eingepreist". Dass die durchschnittlichen Gewinnschätzungen der Analysten ohnehin mit der Realität nichts mehr zu tun haben, macht die Einschätzung der kommenden Entwicklung nicht leichter.

Besonders die Daten zu den US-Industrieaufträgen im September dämpften die zwischenzeitlich wieder aufgehellte Stimmung. Mit minus 2,8 Prozent fielen sie deutlich schwächer aus als erwartet. Das war der größte Rückgang seit Dezember 1974. Volkswirte hatten mit einem Rückgang um 0,8 Prozent gerechnet. Für den Absturz wurden aber auch ein Streik bei Boeing sowie Produktionsausfälle durch die Hurrikans verantwortlich gemacht. Auch der Index der Fed von Philadelphia fiel mit minus 37,5 Punkten deutlich schwächer aus als gedacht.

Ölpreis nahe 70 Dollar

Vom Ölmarkt kam ein weiteres Rezessionssignal. Die deutlich stärker als erwartet gestiegenen US-Vorräte an Rohöl und Benzin ließen den richtungsweisenden US-Ölpreis mit Notierungen um 70,50 Dollar auf den niedrigsten Stand seit knapp 14 Monaten sinken. Auch die Bundesregierung senkte ihre Wachstumsprognose: Die Politiker erwarten für 2009 nur noch ein Wachstum von 0,2 statt bisher 1,2 Prozent.

Die New Yorker Börsen tendierten am Abend uneinheitlich und nur mit moderaten Kursabschlägen. An der Wall Street bewegten widersprüchliche Nachrichten zu Microsoft und Yahoo die Gemüter. Nach Medienberichten hält Microsoft-Chef Steve Ballmer eine Übernahme des Internet-Konzerns weiter für wirtschaftlich sinnvoll. Schließlich erklärte der Software-Riese aber dazu, Microsoft habe kein Interesse an einer Übernahme von Yahoo. Es gebe auch keine Gespräche.

Die Citigroup konnte ihr leichtes Plus zu US-Handelsbeginn nicht halten. Wieder musste die US-Großbank wegen milliardenschwerer Abschreibungen tiefrote Quartalszahlen melden. Der Verlust fiel aber in etwa so hoch wie erwartet aus, was das Schwergewicht zunächst gestützt hatte.

Auch die beiden größten Schweizer Banken erhalten millardenschwere Stützen. Branchenprimus UBS bekommt 60 Milliarden Franken staatliche Hilfen, um ihre Altlasten in der Bilanz zu eliminieren. Zusätzlich steigt die Schweiz mit sechs Milliarden Franken bei der Bank ein. Die zweitgrößte Bank des Landes Credit Suisse kann auf Staatshilfe verzichten - jedenfalls auf die der Schweiz. Die Bank bekommt zehn Milliarden Franken von einer internationalen Investorengruppe, darunter ist die Qatar Investment Authority. Credit Suisse meldete zudem für das dritte Quartal einen Verlust von 1,3 Milliarden Franken.

Nokia bleibt zuversichtlich
Die Aktie von Tech-Flaggschiff Nokia hielt sich noch vergleichsweise gut. Zwar brach der Gewinn im dritten Quartal um über ein Viertel auf 0,29 Euro pro Aktie ein. Die Finnen blicken aber trotz Preiskampf und flauer Nachfrage verhalten optimistisch in die Zukunft. Weltweit werden 2008 nach Einschätzung von Nokia 1,26 Milliarden Handys verkauft - 10,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

VW-Aktie verblüfft mal wieder
Einer der besten Dax-Titel - wie könnte es an einem derart schwachen Tag anders sein? - war wieder einmal die VW-Aktie. Am Markt wird seit geraumer Zeit darüber gerätselt, ob sich ein Investor mit der Aktie - womöglich über Optionsvereinbarungen mit dem VW-Käufer Porsche - verspekuliert hat und sich nun zu jedem Preis eindecken muss. Äußerungen seines türkischen Vertriebsparters Dogus, Volkswagen lege Investitionen in der Türkei auf Eis, dementierte der Autokonzern.

Die Post-Aktie wurde von negativen Aussagen von TNT belastet. Der niederländische Logistikkonzern hat deutliche Einbußen im europäischen Expressfracht-Geschäft zu beklagen und sprach von einer andauernden Nachfrageschwäche im vierten Quartal.

Die Bayer-Aktie litt vor allem unter einer Herabstufung auf "Neutral" durch Merrill Lynch. Die Analysten beurteilen angesichts der Konjunktureintrübung die Bayer-Sparten Material Science und CropScience skeptischer. Der Konzern gab unterdessen bekannt, dass er für seine neue Antibabypille Qlaira grünes Licht für die Vermarktung in Europa erhalten hat. Bayer traut dem Verhütungsmittel in der Spitze Jahresumsätze von 250 bis 500 Millionen Euro zu.

Arabische Fantasien für Eon
Die Eon-Aktie fiel im Einklang mit dem Gesamtmarkt. Mubadala, eine der wichtigsten staatlichen Investment-Gesellschaften des ölreichen Emirats Abu Dhabi, will in deutsche Firmen aus diesem Bereich einsteigen, berichtete das "Handelsblatt". Zudem teilte Eon mit, dass es einen Teil seiner Beteiligung an dem vor der Themsemündung geplanten Windpark "London Array" wieder abgibt. Die staatliche Ökostrom-Initiative Masdar aus Abu Dhabi habe einen Anteil von 20 Prozent übernommen. Damit verringert sich das Paket von Eon auf 30 Prozent. In Kreisen Masdars war von einem Kaufpreis in "mehrstelliger" Millionenhöhe die Rede. Eon und Masdar planen nach eigenen Angaben weitere Ökostrom-Projekte, etwa bei der Wind- oder Solarenergie.

Arcandor will 345 Millionen sparen
Schwächster MDax-Titel war Arcandor. Dabei hat sich der Handels- und Touristikkonzern mit dem Personal der Handelssparte auf die Höhe des Sparpaketes geeinigt. Arcandor will Personalkosten in Höhe von 115 Millionen Euro jährlich einsparen. Der Vertrag laufe über drei Jahre. Die Details des Paktes, also wie und wo gespart werden soll, werden noch ausgehandelt.

Salzgitter wird vorsichtig
Wie andere Hersteller will nun auch Deutschlands zweitgrößter Stahlkonzern Salzgitter angesichts der Krise Investitionen auf Eis legen. "Alles was verschiebbar ist, werden wir verschieben oder überlegen, es zu verschieben", sagte ein Firmensprecher zu Reuters. Davon ausgenommen seien die zum Teil schon begonnenen, gut eine Milliarde Euro schweren strategischen Investitionen in die niedersächsischen Stahlstandorte Salzgitter, Peine und Ilsenburg. Angesichts der Sorge um die weltweite Stahlnachfrage sind die Stahlpreise zuletzt teilweise um bis zur Hälfte abgestürzt.

Conergy wird Tochter nicht los
Im Abendhandel gab die Conergy-Aktie weiter nach. Das angeschlagene TecDax-Unternehmen teilte mit, dass der geplante Verkauf seiner Tochter Conergy Wind GmbH an den Investor Warburg Pincus geplatzt ist. Hintergrund sei eine überraschende Absage von Fördermitteln des Bundeslands Bremen. Conergy suche eine kurzfristige Lösung, wobei auch eine Abwicklung der Tochter nicht ausgeschlossen sei, teilte das Unternehmen weiter mit.

Deutz hat Ärger mit Finanzinvestor
Im SDax verlor die Aktie von Deutz zeitweise deutlich. Dem Kölner Motorenhersteller steht eine Klage des Finanzinvestors 3i ins Haus. Das Londoner Private-Equity-Unternehmen will nachträglich einen niedrigeren Kaufpreis für die 2007 von Deutz erworbene Tochter Power Systems durchsetzen. Sollte die Klage Erfolg haben, hätte diese erheblichen Einfluss auf die Höhe des betreffenden Jahresergebnisses, so Deutz.

Xing wächst und gedeiht
Die Xing-Aktie konnte dagegen zulegen. Der Betreiber des Netzwerkes für Geschäftskontakte hat nach vorläufigen Zahlen im dritten Quartal den Umsatz um 86 Prozent auf 9,18 Millionen Euro gesteigert. Das Ebitda lag bei 3,71 Millionen Euro, die Ebitda-Marge bei 40 Prozent.

Technotrans schnallt Gürtel enger
Die Aktie von Technotrans verlor über zehn Prozent. Der Druckmaschinenhersteller hat angesichts der Konjunktureintrübung einen Abbau von Arbeitsplätzen und die Ausweitung seines Sparprogramms angekündigt. Die Belegschaft soll schrittweise um bis zu 15 Prozent reduziert werden. Das im Halbjahresbericht veröffentlichte Maßnahmenpaket für Einsparungen in Höhe von drei Millionen Euro solle auf acht Millionen Euro ausgeweitet werden.

Schaltbau erhöht Jahresprognose
Der Aktienkurs von Schaltbau schnellte zeitweise um mehr als 22 Prozent nach oben. Der Anbieter von Verkehrstechnik erhöhte seine Geschäftsprognosen für dieses Jahr. So soll das Jahresergebnis 2008 auf 12,6 Millionen Euro steigen. Im Juni war Schaltbau noch von 11,5 Millionen Euro ausgegangen. Anders als die Analysten geht das Unternehmen aber für 2009 von einem unveränderten Ergebnis aus.

Dax-Chart realtime

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