Marktbericht 20:16 Uhr

Vorsichtige Anleger Mario Draghi muss liefern

Stand: 02.12.2015, 20:16 Uhr

In Amerika deutet immer mehr auf eine unmittelbar bevorstehende Zinserhöhung hin und die EZB muss morgen einem großem Erwartungsdruck Stand halten. Die Anleger haben sich bei diesem Szenario erst einmal zurückgezogen, der Dax gab nach.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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In der Spitze war das deutsche Börsenbarometer dabei am späten Vormittag sogar bis auf 11.329 Punkte geklettert, nachdem schwache Inflationszahlen aus der Eurozone die latente Zinsfantasie zuvor angeheizt hatten. Aber der Aufschwung erwies sich letztlich als Strohfeuer, am Ende stand ein Verlust im Dax von 0,63 Prozent auf 11.190 Punkte an der Anzeigetafel. Damit schloss der Index nahe des Tagestiefs bei 11.188 Punkten.

Im Bann gleich zweier Notenbanken

Zu groß war dann im Handelsverlauf doch die Vorsicht der Anleger vor den anstehenden wichtigen Weichenstellungen durch die EZB und die Federal Reserve. Dabei ist eigentlich alles klar. Die EZB wird weiter expansiv bleiben und Amerika steht vor der Zinswende. Das ist wahrlich nicht neu und müsste doch eigentlich längst in den Kursen enthalten sein.

Eigentlich - denn ganz so klar ist die Sache dann wohl doch nicht, wie die Nervosität der Investoren zeigt. Es ist vor allem keineswegs klar, in welchem Umfang die EZB tätig wird. So wird darüber diskutiert, ob die Notenbank ihre Anleihekäufe im Volumen von derzeit 60 Milliarden Euro ausweitet, oder das bis September 2016 terminierte QE-Programm verlängert. Auch eine "Senkung" der bereits negativen Einlagenzinsen für Banken wird ins Spiel gebracht.

ARD-Börsenstudio: Jan Plate
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Börse 20.15 Uhr

Die Erwartungen, und damit auch das Rückschlagpotenzial, sind jedenfalls hoch. Schließlich ist der Dax im Hinblick auf neues Notenbankgeld schon kräftig vorgelaufen. "EZB-Chef Mario Draghi muss am morgigen Donnerstag sehr viel tun, um die Märkte nicht zu enttäuschen", erklärte Andreas Paciorek, Analyst des Online-Brokers CMC Markets.

Die Fed steht heute schon im Blick

Die Anleger müssen aber nicht nur Neues aus Europa verarbeiten, auch die US-Notenbank rückt wieder mal ins Interesse der Märkte. In Amerika haben sich heute nach stabilen Daten vom Arbeitsmarkt die Anzeichen für eine unmittelbar bevorstehende erste Zinserhöhung seit fast zehn Jahren verdichtet. Denn die jüngsten Daten des privaten Arbeitsvermittlers ADP weisen für den November ein Stellenplus von 217.000 aus, nur 190.000 waren erwartet worden. "Der Arbeitsmarkt zeigt sich weiterhin robust. Die zuletzt gesunkenen Zinserwartungen dürften tendenziell wieder verstärkt werden", kommentierte Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen.

Am Freitag folgt der große Arbeitsmarktbericht für den November, der weiteren Aufschluss geben soll. Mehr als die bereits von den meisten ohnehin erwartete Zinserhöhung geht es derzeit an der Wall Street darum, ob es im Gefolge zu einer ganzen Kette von Zinserhöhungen kommen wird, oder nur einer moderat restriktiveren Geldpolitik. Am Abend wird deshalb der Blick auf das Beige Book, den Konjunkturausblick der Fed, gerichtet sein.

Janet Yellen

Janet Yellen. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Auf einer Veranstaltung in Washington hat Yellen in einer Rede bereits deutliche Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende Zinserhöhung gegeben, ohne aber einen konkreten Termin zu nennen. Sie sprach davon, dass die Zinswende ein positives Zeichen der wirtschaftlichen Stärke der USA sei. Die Fed entscheidet am 16. Dezember über die Leitzinsen. An der New Yorker Börse reagiert der Leitindex Dow Jones kaum und steht derzeit leicht mit 0,2 Prozent im Minus.

Euro im Rückwärtsgang

Die Gemeinschaftswährung befindet sich schon lange im Spannungsfeld der unterschiedlichen geldpolitischen Szenarien der beiden führenden Notenbanken. Sie leidet unter der Aussicht auf einen Dollar, der durch höhere Zinsen immer attraktiver wird. Der Euro rutschte nach dem gestrigen Zwischenhoch wieder unter die Marke von 1,06 Dollar und bleibt damit auf niedrigem Niveau zum Dollar.

Die schwächer als erwartet ausgefallene Inflationsrate in der Eurozone hat laut Händlern den Eurokurs heute zusätzlich belastet. Die Verbraucherpreise sind im November um 0,1 Prozent zum Vormonat gestiegen. Erwartet hatten Ökonomen hingegen einen Anstieg der Jahresrate auf 0,2 Prozent. Die Kerninflationsrate sank auf 0,9 Prozent. "Der von der EZB bislang erwartete deutliche Anstieg der Kernteuerungsrate auf durchschnittlich 1,4 Prozent im kommenden Jahr ist mit den heutigen Daten noch unwahrscheinlicher geworden", kommentierte die Commerzbank die Zahlen.

Auch Öl gibt nach

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Der Kampf gegen die niedrige Teuerung wird für die EZB nicht leicht werden, denn vor allem niedrige Ölpreise drücken markant auf die Teuerungsraten. Und Besserrung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Der Preis für die Nordseesorte Brent fiel heute weiter um rund drei Prozent, ebenso wie die Notierungen für die US-Sorte WTI. Auslöser für den Kursrutsch ist der überraschende Anstieg der US-Lagerbestände an Rohöl. "Die neuen Daten zeigen wieder einmal, dass es in den USA ein Überangebot an Öl gibt", erklärte ein Händler. Schon seit Juni vorigen Jahres gehen Experten von einer weltweiten Ölschwemme aus. Die Preise sind seitdem um rund 60 Prozent gefallen.

Kein guter Tag für K+S

Unter den Einzelwerten war K+S mit einem Abschlag von 4,76 Prozent auf 24,59 Euro größter Dax-Verlierer. Die Investmentbank HSBC hat ihre Kaufempfehlung einkassiert und empfiehlt den Wert nur noch zu halten. Gleichzeitig senkte sie ihr Kursziel von 26,50 auf 25 Euro. Die jüngste Kursrally von K+S sei nicht gerechtfertigt. Der Anstieg sei vor allem auf Übernahmespekulationen zurückzuführen. Der Kalimarkt durchlebe harte Zeiten und das dürfte auch für den Großteil des nächsten Jahres so bleiben, hieß es.

Wie bestellt, äußerte sich dann am Nachmittag noch der kanadische Konkurrent Potash. Das Unternehmen erklärte, dass die Gerüchte über ein Übernahmeangebot für K+S nur Gerede sei. Potash' Position bleibe unverändert. Die Kanadier hatten zuletzt ihr Angebot für K+S, das immerhin bei 41 Euro je Aktie gelegen hatte, Anfang Oktober zurückgezogen. Seitdem waren jedoch immer wieder Gerüchte aufgekommen, es würde einen zweiten Anlauf geben.

Deutsche Börse kann auf mehr Geschäft hoffen

Im Gegenzug ging das Papier des Frankfurter Börsenbetreibers als Tagesbester durchs Ziel. Wie der europäische Finanzmarktregulierer ESMA mitteilte, müssen Banken ab dem 21. Juni 2016 ihre Devisengeschäfte untereinander über Clearingshäuser abwickeln. Die Deutsche Börse betreibt mit dem Clearinghaus EurexOTC Clear eines der größten Häuser dieser Art und kann daher auf mehr Geschäft hoffen. Größte Konkurrenten in Europa sind die Londoner LCH.Clearnet und ICE Clear Europe.

VW kommt nicht aus den Schlagzeilen

Im Dax ist derweil die zuletzt erstaunlich starke Erholung der VW-Aktie heute zumindest vorläufig zu Ende gegangen. VW-Vorzüge, die zwischenzeitlich sogar am Dax-Ende lagen, verloren 2,46 Prozent. Grund für die schlechte Entwicklung war die Meldung, dass der Konzern unter fallenden Absätzen leidet. Der Absatz der Wolfsburger in den USA brach im Oktober trotz hoher Rabatte um 24,7 Prozent auf 23.882 Autos ein.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Auch sonst gibt es schlechte Nachrichten für den Konzern. Die Ratingagentur S&P hat die Kreditwürdigkeit von VW abgestuft. Die Note sinkt von "A-" auf "BBB+". Die Geschäftsaussichten für VW hätten sich eingetrübt, das Image der Marke sei schlechter geworden.

RWE besonders volatil

Die RWE-Aktie zeigte sich heute besonders volatil und schwankte in der Spitze zwischen plus 4,4 und minus 4,5 Prozent. Zum Handelsschluss ging das Papier bei 12,47 Euro aus dem Markt, ein Tagesverlust von 1,77 Prozent. Die Marktteilnehmer sind sich im Gegensatz zu gestern heute offensichtlich nicht mehr so einig, wie sie die am Vortag bekannt gegebene Aufspaltung des Konzerns bewerten sollen.

RWE-Chef Peter Terium bekam heute von Aktionärsschützern Rückendeckung. "Das ist eine intelligente Lösung", sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler. Er verwies darauf, dass sich RWE mit seiner neuen Gesellschaft Geldquellen erschließe, die der "alten" RWE mehr und mehr verschlossen sind.

RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Auch die US-Investmentbank Goldman Sachs bewertet die Abspaltung positiv und bleibt bei ihrer Kaufempfehlung. Die vielen Probleme des Konzerns wie die niedrigen Strompreise lösten sich durch Auftrennung in zwei Teile nicht auf, erklärte hingegen DZ-Bank-Analyst Werner Eisenmann.

Siemens bestätigt den Ausblick

Siemens: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Siemens hat seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2015/16 bekräftigt. Trotz konjunktureller Eintrübung werde der Umsatz organisch leicht wachsen, hieß es in dem am Mittwoch veröffentlichtem Geschäftsbericht. "Wir erwarten, dass alle industriellen Geschäfte zum organischen Wachstum der Umsatzerlöse beitragen werden", hieß es. Nur die Sparte 'Prozessindustrietechnik und Antriebe" leide unter einem schwachen Auftragsbestand, hieß es weiter. Dafür soll die Bahntechnik ein Wachstumstreiber sein. Firmenchef Joe Kaeser verdiente übrigens im vergangenen Geschäftsjahr 6,5 Millionen Euro, etwas mehr als die 6,2 Millionen Euro im Zeitraum ein Jahr zuvor. Die Siemens-Aktie reagierte kaum und schloss bei 95,89 Euro um 1,08 Prozent schwächer.

Lufthansa Tarifpartner gehen aufeinander zu

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Bei der streikgeplagten Lufthansa wollen Unternehmen und Gewerkschaften ihre Zusammenarbeit verbessern. Das ist ein Ergebnis des sogenannten Jobgipfels, zu dem die Parteien am Mittwoch in Frankfurt zusammengekommen waren. Tarifliche Diskussionen sollen künftig außerhalb der Öffentlichkeit und "im vertrauensvollen Rahmen" von Tarifgesprächen geführt werden, wie es in einer am Abend verbreiteten gemeinsamen Erklärung von Lufthansa und den Gewerkschaften Ufo, Vereinigung Cockpit und Verdi hieß. Details zu dem Zusammentreffen gab es nicht - auch nicht, ob es Fortschritte bei den strittigen Themen gab.

Aurubis im MDax gefragt

Das Papier der Kupferschmelze gehörte zu den größten Gewinnern im MDax. Goldman-Sachs-Analyst Eugen King wertete eine tags zuvor angekündigte Verringerung der Kupferproduktion durch die zehn größten chinesischen Schmelzer positiv für den Konzern. Geringere Schmelzkapazitäten dürften 2016 zu einem leichten Anstieg der Schmelz- und Raffinierlöhne führen, schrieb King in einer Studie und belässt das Papier auf der "Conviction-Buy-Liste" der Investmentbank. Das MDax-Unternehmen erhält für das Aufschmelzen von Konzentrat und Schrott Geld von Minen und Altmetallverwertern.

Wirecard nimmt sich viel vor

Der Zahlungsabwickler Wirecard will sein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im kommenden Jahr auf 280 bis 300 Millionen Euro verbessern. Darin seien noch keine potenziellen zusätzlichen Erträge enthalten, die aus der Übernahme von Visa Europe durch Visa Inc. zu erwarten seien. Im laufenden Jahr rechnet das TecDax-Mitglied für das Ebitda mit einem Wert von 223 bis 232 Millionen Euro.

Edag-Debüt ist gelungen

Der Ingenieurdienstleister für die Automobilindustrie Edag ist heute an die Börse gegangen. Die Papiere wurden im streng regulierten Prime Standard gehandelt. Der Ausgabepreis lag mit 19 Euro am unteren Ende der Preisspanne, die von 19 bis 24 Euro gereicht hatte. Der erste Kurs betrug 19,55 Euro, am Schluss stand das Papier bei 21,25 Euro. Der komplette Emissionserlös geht an den Großaktionär Aton.

Facebook-Aktien kommt auf den Markt

Facebook-Chef Mark Zuckerberg wird sehr großzügig. Der Gründer will 99 Prozent seiner Facebook-Aktien in die Stiftung "Chan Zuckerberg Initiative" geben, an der auch sein Ehefrau Priscilla Chan beteiligt ist. In einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC kündigte Zuckerberg an, dass in den kommenden drei Jahren jeweils Aktien im Wert von maximal einer Milliarde Euro verkauft werden sollen.

Yahoo wird flexibel

Der Internet-Konzern Yahoo prüft einen Verkauf seine Kerngeschäfts, berichtet das "Wall Street Journal". Mit einem solchen Schritt käme der Konzern Forderungen von Aktionären nach. Bisher will Yahoo seinen Anteil an der chinesischen Handelsplattform Alibaba verkaufen und den Erlös an seine Aktionäre ausschütten. Doch es ist unklar, ob der Plan steuerfrei umgesetzt werden kann. Der Bericht kommt sehr gut an der Börse an.

Cabela`s will sich selbst verkaufen

Ein möglicher Verkauf des Händlers für Jagd- und Angelbedarf treibt die Aktie an der New York Stock Exchange derzeit um 1,5 Prozent nach oben. Das Unternehmen hatte zuletzt seine Ziele über mehrere Quartale verpasst und sich nun selbst zum Verkauf gestellt. Ein genauer Termin wurde nicht genannt, es würden zudem auch andere Optionen geprüft. Hinter der Entscheidung steht der Finanzinvestor Elliot, der zu den größten Eignern gehört.

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Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr