Märkte unter Strom

von Detlev Landmesser

Stand: 14.11.2008, 20:32 Uhr

So etwas wie einen geruhsamen Handelstag scheinen die Börsen nicht mehr zu kennen. Zeitweise gewann der Dax fast fünf Prozent, bei gewaltigen Schwankungen einzelner Titel. Die Wall Street präsentierte sich ebenfalls nervös.

Der L-Dax schloss bei 4.721,46 Punkten, ein Plus von 1,9 Prozent. Vorübergehend gerieten die US-Märkte nach ihrem fulminanten Schlussspurt des Vortages unter starken Druck, konnten ihr Tagesminus bis zum Abend aber wieder etwas eindämmen.

Auslöser der Gewinnmitnahmen waren vor allem schwache Einzelhandelsdaten. Im Oktober gingen die US-Einzelhandelsumsätze um 2,8 Prozent zurück. Volkswirte hatten mit einem Umsatzschwund von 2,0 Prozent gerechnet.

Dagegen konnte das Michigan Sentiment, das wichtigste Stimmungsbarometer der US-Konsumenten, positiv überraschen. Der Wert der ersten November-Umfrage lag bei 57,9 nach 57,6 Punkten, was deutlich über der Markterwartung von 56,7 Punkten lag. Die Experten der Helaba erklärten dies mit den amerikanischen Konjunkturpaketen sowie dem politischen Wechsel in den USA. Da aber den US-Konsumenten vor allem wegen der schwierigen Arbeitsmarktsituation schlechte Zeiten bevorstünden, sei eine echte Trendwende zweifelhaft.

Die Aktie von Freddie Mac rutschte in New York um weitere acht Prozent ab. Der US-Immobilienfinanzierer meldete für das dritte Quartal einen gewaltigen Verlust von 25,3 Milliarden Dollar. Da die US-Regierung vor rund zwei Monaten die Kontrolle bei Freddie Mac übernommen hatte, forderte der Konzern am Freitag beim Staat 13,8 Milliarden Dollar ein. Damit soll das Riesen-Loch in der Bilanz gestopft werden.

Conti-Aktionäre feiern

Spektakuläre Kursgewinne verbuchte die Conti-Aktie. Der Dax-Titel sprang um bis zu 53,3 Prozent nach oben. Der Familienkonzern Schaeffler, der den Autozulieferer übernehmen möchte, reichte die Unterlagen zur kartellrechtlichen Prüfung am Freitag bei der EU-Wettbewerbsbehörde ein. Binnen fünf Wochen soll die Conti-Übernahme abgeschlossen sein, berichtete Schaeffler. Da in den vergangenen Wochen immer wieder Gerüchte aufgekommen waren, dass die Übernahme scheitern könnte, seien "die Leute erleichtert, dass alles seinen Gang geht", sagte ein Händler.

Nokia revidiert Handy-Prognose
Die Nokia-Aktie stürzte erstmals seit vier Jahren wieder unter die Marke von zehn Euro. Der weltgrößte Handy-Hersteller rechnet für 2009 mit einem Absatzrückgang. Auch für das vierte Quartal dürften die Handyverkäufe niedriger ausfallen als bislang erwartet, teilte der finnische Konzern am frühen Nachmittag mit. Man rechne nun mit einem branchenweiten Absatz von 330 Millionen Geräten.

Neues von der Autokrise
Der Nachrichtenfluss aus der Autowelt war auch am Freitag ernüchternd. Der Autoabsatz in Europa ist nach Angaben des Herstellerverbandes ACEA im Oktober um 14,5 Prozent auf 1,13 Millionen Fahrzeuge gefallen. VW verbuchte ein Minus von 6,9 Prozent, BMW 10,3 und Daimler von 17,2 Prozent.

Zudem gingen Gerüchte über einen milliardenschweren Finanzbedarf der deutschen General-Motors-Tochter Opel um. Nach Informationen der dpa aus Branchenkreisen hat Opel in den Verhandlungen mit den Ländern und der Bundesregierung um eine Staatsbürgschaft mitgeteilt, im nächsten Jahr etwa eine Milliarde Euro an Liquiditätshilfen zu benötigen.

Daimler schließt unterdessen Kurzarbeit nicht mehr aus. Man müsse die Produktion der gesunkenen Nachfrage ständig anpassen, sagte Vorstandschef Dieter Zetsche der "Bild"-Zeitung. Arbeitszeitverkürzungen könnten ein weiterer Schritt sein.

Hochtief widersetzt sich der Rezession
Am frühen Nachmittag sprang die Hochtief-Aktie nach erfreulichen Neunmonatsergebnissen an. Der größte deutsche Baukonzern geht mit prall gefüllten Auftragsbüchern in die befürchtete Weltrezession. Der Konzern hob sogar die Prognose für die Bestellungen im Gesamtjahr an. Hochtief erwartet nun einen Auftragseingang und -bestand nicht mehr auf, sondern über dem hohen Vorjahresniveau." Im dritten Quartal kletterte der Umsatz auf 4,9 (4,3) Milliarden Euro. Der Vorsteuergewinn ging auf 123,1 (161,3) Millionen Euro zurück. Hochtief übertraf damit jedoch jeweils die Erwartungen der Analysten.

Stahltitel im MDax uneinheitlich
Der im MDax notierte Stahlkonzern Salzgitter hat in den ersten neun Monaten Umsatz und Gewinn deutlich erhöht. Die Erlöse legten um 29 Prozent auf 9,64 Milliarden Euro zu, der Nettogewinn stieg um mehr als 15 Prozent auf 689 Millionen Euro. Die Aktie von Klöckner & Co. konnte ihren Tagesgewinn nicht halten. Der Stahlhändler hat in den ersten neun Monaten seinen Umsatz um zwölf und sein operatives Ergebnis um 89 Prozent gesteigert. Der Umsatz erreichte 5,4 Milliarden Euro, das Ebitda 481 Millionen Euro. KlöCo zeigte sich grundsätzlich zuversichtlich, die Jahresziele zu erreichen, allerdings nur wenn die Stahlpreise bis in das erste Quartal 2009 nicht noch weiter zurückgehen.

Tui-Gewinn schrumpft
Die Tui-Aktie ging 3,7 Prozent tiefer ins Wochenende. Der Touristik- und Schiffahrtskonzern hat mit einem Konzernergebnis von 448 Millionen Euro im dritten Quartal einen leichten Rückgang verbucht. Tui verwies auf die Kosten der Integration der britischen First Choice, den schwachen Kurs des britischen Pfunds und einen Gewinnrückgang in der Containerschifffahrt. Der Umsatz erhöhte sich dank der Einbeziehung von First Choice um rund 17 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro.

Bauer zuversichtlich
Der Spezialtiefbaukonzern Bauer bekräftigte seine im Sommer erhöhte Jahresprognose. Der Umsatz soll 2009 etwa 1,4 Milliarden Euro erreichen, der Nettogewinn gut 100 Millionen Euro. In den ersten neun Monaten legte der Nettogewinn um 74 Prozent auf 67,8 Millionen Euro zu, der Umsatz stieg um ein Viertel auf 1,1 Milliarden Euro. Von der Finanzkrise seien die laufenden Geschäfte kaum betroffen, teilte Bauer mit. Der MDax-Titel konnte seine hohen Anfangsgewinne aber nicht halten.

Hamburger Hafen wächst zweistellig
Die Aktie der HHLA gewann rund vier Prozent. Die Hamburger Hafen und Logistik AG rechnet weiterhin damit, das Jahr mit einem zweistelligen Umsatzwachstum und einem Ergebnis in Höhe von bis zu 350 Millionen Euro zu beenden. Der Konzern hat die vergangenen neun Monate mit einem Plus bei Umsatz und Ergebnis beendet. Das Ebit wuchs um fast ein Drittel auf 289 Millionen Euro, der Umsatz stieg um 15,4 Prozent auf 1,01 Milliarden Euro. Der Ausblick auf 2009 sei aber wegen der "tiefgreifenden Krise" mit "großer Unsicherheit" behaftet.

EADS-Jahresprognose noch nicht gesichert
Ähnlich gut schnitt die EADS-Aktie ab. Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern erreichte in den ersten neun Monaten dieses Jahres einen Umsatz von 29,4 Milliarden Euro, das Ebit betrug zwei Milliarden Euro. EADS zeigte sich zuversichtlich, die bisherige Jahresprognose eines Ebit von 1,8 Milliarden Euro zu übertreffen, allerdings stellten "ungelöste" Probleme beim Militärtransporter A400 ein Risiko für diese Prognose dar.

Solar wieder en vogue
Im TecDax legten Solaraktien nach Bilanzen von SMA Solar und Solarworld teils sehr kräftig zu. SMA und Solarworld bestätigten beide ihre vorläufigen Zahlen. Bei SMA stützte auch eine Hochstufung durch die Analysten von Goldman Sachs.

Conergy trifft auf Skepsis
Am frühen Nachmittag zerrte die Conergy-Aktie den TecDax nach unten: Der Solartitel brach nach Bekanntgabe von Details zur Kapitalerhöhung um bis zu 31,2 Prozent ein. Der angeschlagene Solarkonzern will bei einem Bezugspreis von 1,10 Euro bis zu 399,3 Millionen Euro einsammeln. Die Altaktionäre können die Aktien im Verhältnis 1 zu 10 beziehen. Marktteilnehmer monierten den hohen Verwässerungseffekt der Kapitalmaßnahme. Inklusive der 363 Millionen neuen Aktionen sei Conergy beim aktuellen Börsenkurs fast so viel wert wie Solarworld, sagte ein Händler. "Ich wüsste nicht, wodurch das zu rechtfertigen sein könnte."

United Internet senkt Jahresprognose
Die Aktie von United Internet (UI) büßte 8,7 Prozent ein. Wegen Wertverlusten seiner Beteiligungen - gemeint ist vor allem Freenet - wies UI für das dritte Quartal einen Verlust von 104 Millionen Euro aus. Der Umsatz stieg leicht auf 407 Millionen Euro. Wegen der Schwäche auf den Werbemärkten senkte United Internet die Jahresprognose.

Freenet vermeldet Positives
Die United-Internet-Beteiligung Freenet berichtete indessen über steigende Umsätze, Erträge und Kundenzahlen. Das Ebitda verdoppelte sich nach Angaben des TecDax-Konzerns auf 133,5 Millionen Euro, der Umsatz stieg dank der Debitel-Übernahme von 400 Millionen auf 1,08 Milliarden Euro. Zum geplanten Verkauf der defizitären DSL-Sparte hieß es, der Prozess laufe weiter.

Bechtle kann überzeugen
Die Bechtle-Aktie gewann 4,8 Prozent. Der IT-Händler hat im dritten Quartal sowohl Umsatz als auch Gewinn weiter gesteigert. Die Erlöse stiegen minimal auf 345 Millionen Euro, der Vorsteuergewinn legte um 4,2 Prozent auf 17,9 Millionen Euro zu. Obwohl sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtert haben, bestätigte Bechtle die Jahresgewinnprognose von 60 Millionen Euro.

Koenig & Bauer druckt rote Zahlen
Die Aktie von Koenig & Bauer gab 1,4 Prozent ab. Der Druckmaschinenhersteller rechnet nach einem Gewinneinbruch in den ersten neun Monaten nun mit einem hohen Verlust im Gesamtjahr. Das Vorsteuerergebnis werde "im höheren zweistelligen Millionenbereich" negativ sein. Der Umsatz werde 2008 nur 1,5 Milliarden Euro nach 1,7 Milliarden Euro im Vorjahr betragen. Bereits in den ersten neun Monaten war der Umsatz mit 1,08 Milliarden Euro rückläufig.

Homag auf dem Rückzug
Auch der Maschinenbauer Homag berichtete über rückläufige Geschäfte. Im dritten Quartal ging der Umsatz von 221 Millionen Euro vor einem Jahr auf nun 211 Millionen Euro zurück, der Gewinn rutschte von 20,9 auf 17 Millionen Euro. Auch beim Auftragseingang verbuchte das SDax-Unternehmen Rückgänge.

Riesenverlust bei Colonia Real Estate
Die Aktie von Colonia Real Estate setzte nach einem vorübergehenden Aufbäumen ihren Abwärtstrend fort. Der Immobilienkonzern hat das dritte Quartal mit einem Verlust von 49,8 Millionen Euro abgeschlossen. Colonia Real Estate senkte die Jahresprognose und erwartet nun ein negatives Konzernergebnis von 55 bis 60 Millionen Euro.

Allgeier gut im Geschäft
Nach Xetra-Schluss meldete die Beteiligungsgesellschaft Allgeier erfreuliche Geschäftszuwächse. In den ersten neun Monaten 2008 wuchs der Umsatz um 29 Prozent auf 121,1 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (Ebita) vor Sonderposten gab das Unternehmen mit 6,4 Millionen an, ein Zuwachs von 51 Prozent.

Tagestermine am Dienstag, 18. Dezember

Unternehmen:
FedEx: Q2-Zahlen
Navistar: Q4-Zahlen
Micron Technology: Q1-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklima 12/18, 10:00 Uhr
USA: Baubeginne und Genehmigungen 11/18, 14:30 Uhr