Märkte im Würgegriff von AIG und Fed

Angela Göpfert

Stand: 16.09.2008, 20:20 Uhr

Die drohende Insolvenz des Wall-Street-Riesen AIG hätte das Zeug, die gesamte Finanzbranche zur Kernschmelze zu bringen. Dennoch kann der Dax seine Verluste im späten Parketthandel weiter verringern. Dabei war der negative Zinsentscheid der Fed allerdings noch gar nicht berücksichtigt.

Um 20 Uhr ging der Dax mit einem Minus von rund einem Prozent bei einem Stand von 5.982 Punkten aus dem Parketthandel. Eine Viertelstunde später kam dann aber die Meldung, die US-Notenbank Fed werde den Leitzins nicht senken. Marktbeobachter hatten nach den jüngsten Verwerfungen an den Finanzmärkten mit einer Senkung des Leitzinses um mindestens 25 Basispunkte gerechnet.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte, der zuvor noch 0,2 Prozent im Plus notiert hatte, drehte daraufhin ins Minus und rutschte um über ein Prozent ab. Der Euro fiel zeitweise unter die Marke von 1,41 US-Dollar.

Berg- und Talfahrt wegen AIG
Dabei hatte am Nachmittag noch ein Bericht des US-Fernsehsenders CNBC kurzfristig für Erleichterung an den Börsen gesorgt. Demnach ist die US-Regierung bereit, zur Rettung des US-Versicherers AIG staatliche Gelder bereit zu stellen. Bei den Diskussionen lägen Regierungsmittel auf dem Tisch, sagten Wall-Street-Insider dem Fernsehsender am Dienstag.

Doch kurz darauf dementierte ein Regierungssprecher derartige Gerüchte. Die US-Regierung stehe weiterhin zur Äußerung des Finanzministers Henry Paulson, wonach keine Regierungsgelder eingesetzt werden sollen. Tatsächlich wäre eine solche staatliche Rettungsaktion eine erneute Kehrtwende in der Politik der US-Regierung: Diese hatte erst am Wochenende der Investmentbank Lehman Brothers die dringend benötigte Kapitalspritze verweigert und auf die Selbstheilungskräfte des Marktes gewettet.

Nur noch einen Tag Zeit?
Fakt ist aber auch: Der angeschlagene US-Versicherungsriese AIG benötigt dringend frisches Kapital. Nach der Bonitäts-Herabstufung durch die drei großen Ratingagenturen S&P, Moody's und Fitch, ist AIGs Suche nach Kapitalgebern allerdings deutlich erschwert. Und dabei drängt auch noch die Zeit: In einem Medieninterview sagte David Paterson, Gouverneur des US-Bundesstaats New York, AIG habe "einen Tag", um seine Probleme zu lösen.

Eine Insolvenz von AIG hätte zudem dramatische Folgen für die Finanzmärkte: "Wenn AIG zusammenbricht, dann wird es richtig schlimm. Dagegen waren Lehman und Bear Stearns gar nichts", sagte ein Händler. Tatsächlich spielt AIG für die gesamte Geldbranche eine wichtige Rolle bei der Risikoabsicherung. Insofern ist ein mögliches Eingreifen der US-Regierung oder Fed in letzter Minute auch nach dem Dementi nicht völlig von der Hand zu weisen.

MüRü an AIG-Teilen interessiert ...
Unterdessen zeigt die Münchener Rück Interesse an Geschäftsbereichen des angeschlagenen US-Versicherungsriesen. "Grundsätzlich sind viele Bereiche für uns interessant. Entscheidend ist, ob es in unsere Strategie passt und ob der Preis stimmt", sagte Münchener-Rück-Chef Nikolaus von Bomhard dem "Handelsblatt" (Mittwochsausgabe) laut Vorabbericht.

... und Barclays an Lehman-Teilen
Ein kleiner Teil von Lehman kann wohl doch noch gerettet werden: Die drittgrößte britische Bank Barclays übernimmt offenbar wichtige US-Geschäftsteile der zusammengebrochenen Investmentbank Lehman Brothers. Bei den Verkaufsverhandlungen stehe eine Einigung kurz bevor, hieß es in übereinstimmenden Medienberichten. Ein Verkauf könnte das Kerngeschäft im Investmentbanking am Leben halten.

Banken trauen einander nicht
Derweil häufen sich an anderer Stelle die Krisensignale. So ist der Dollar-Geldmarkt ist inzwischen so gut wie ausgetrocknet. Laut der British Bankers Association verdoppelte sich der Übernachtzins für US-Dollar auf 6,44 Prozent. Das ist der höchste Stand seit 2001 - und somit ein echtes Warnsignal. Die Vertrauenskrise unter den Banken hat einen neuen Höhepunkt erreicht.

Notenbanken pumpen Geld in den Markt
Vor diesem Hintergrund müssen die Notenbanken dem Markt immer größere Liquiditätsspritzen verpassen. Allein die Fed stellte 50 Milliarden Dollar zusätzlich zur Verfügung. Und die Europäische Zentralbank (EZB) pumpte am Dienstag 70 Milliarden Euro in den Markt - mehr als doppelt so viel wie am Montag, als der Zusammenbruch von Lehman Brothers die Finanzwelt erschütterte.

Commerzbank leidet doppelt
Die AIG-Ängste schlagen sich erwartungsgemäß vor allem bei den Finanztiteln nieder: An der Spitze der Verliererliste im Dax tummeln sich erneut die üblichen Verdächtigen: Deutsche Postbank, Commerzbank, Hypo Real Estate, Deutsche Bank und Allianz. Die Commerzbank leidet dabei erneut stärker als die übrigen Bankenwerte und verliert rund zwölf Prozent. Zeitweise gab sie bis zu 18 Prozent ab und sackte damit auf den tiefsten Stand seit August 2004.

Denn die Commerzbank hatte sich mit der Übernahme der Dresdner Bank auch deren Investmentbanking-Sparte Dresdner Kleinwort ins Boot geholt. Diese ist laut Händleraussagen besonders stark auf strukturierte Immobilienkredite ausgerichtet und soll auch bei AIG investiert gewesen sein.

Neue Schockwellen?
Doch nicht nur hierzulande, europaweit werden Finanztitel in die Mangel genommen: In der Schweiz fallen UBS-Aktien um fast 25 Prozent auf ein neues Rekordtief von 15,18 Schweizer Franken. Der Druck auf die Aktie war vorübergehend so groß, dass es zu einer automatischen Handelsunterbrechung kam. Größere Kursverluste musste auch die Aktie der britischen Hypothekenbank HBOS einstecken, bei der es ebenfalls zweistellige Prozentverluste gab.

"Die eigentlichen Schockwellen stehen uns noch bevor, wenn alle ihre Bestände nach offenen Lehman-Kontrakten durchforstet haben, die nun nicht mehr bedient werden", warnte ein Marktteilnehmer.

Goldman Sachs enttäuscht
Für Verstimmung sorgten auch die von der US-Investmentbank Goldman Sachs vorgelegten Zahlen für das dritte Quartal. Der Gewinn war um 71 Prozent auf 845 Millionen Dollar gefallen. Die Einnahmen halbierten sich auf 6,04 Milliarden Dollar. Damit enttäuschte Goldman Sachs die Erwartungen der Analysten, die dem Geldhaus mehr zugetraut hatten. Immerhin kam Goldman bislang im Gegensatz zu seinen Rivalen einigermaßen unbehelligt durch die Finanzkrise.

An der Wall Street sorgte auch Dell für schlechte Stimmung. Der weltweit zweitgrößte PC-Hersteller hat erneut vor einer weltweiten Abschwächung der Nachfrage im IT-Bereich gewarnt. Dell-Aktien stürzten um neun Prozent ab und zogen viele andere Technologiewerte mit in die Tiefe.

Porsche hat VW unter Kontrolle
Im Dax kann dagegen die VW-Aktie gegen den Trend über neun Prozent zulegen und ist damit unangefochtener Dax-Spitzenreiter. Der Sportwagenhersteller Porsche hat seinen Anteil am größten europäischen Autohersteller Volkswagen auf 35,14 Prozent aufgestockt. Damit erlangt Porsche faktisch die Kontrolle über den Wolfsburger Konzern. Dieser Schritt sichert Porsche eine dauerhafte Mehrheit auf der VW-Hauptversammlung.

"Das Ziel bleibt weiterhin, unseren Anteil an Volkswagen auf über 50 Prozent zu erhöhen. Der heutige Schritt ist ein weiterer Meilenstein auf diesem Weg", sagte der Porsche-Vorstandsvorsitzende Wendelin Wiedeking. Die weitere Erhöhung soll in den nächsten Monaten erfolgen.

Bayer und SAP auf Gewinnerseite
Deutlich geringer fällt das Kursplus mit 0,7 Prozent bei Bayer aus. Händler verwiesen auf erneute Spekulationen, der US-Pharmakonzern Pfizer könnte Interesse an Bayer haben. Bayer wollte sich zu dem Gerücht nicht äußern. Nach einer Hochstufung durch die Analysten der Credit Suisse behaupteten sich zudem die Aktien des Softwarekonzerns SAP mit 3,8 Prozent im Plus.

Dreier-Bündnis zur Rettung von Alitalia?
Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi hat sich Kreisen zufolge für eine Allianz der angeschlagenen Alitalia mit Lufthansa und Air France-KLM ausgesprochen. Derzeit verhandeln die Gewerkschaften mit der Investorengruppe CIA über eine Rettung von Alitalia. Die Rettung der Airline war ein zentrales Wahlversprechen Berlusconis. Am Montag hatte er die Lufthansa als besten Partner für die "neue Alitalia" bezeichnet.

Markt glaubt Arcandor nicht
Laut einem Magazinbericht befürchten Experten eine existenzgefährdende finanzielle Schieflage bei Arcandor. Derartige "entbehren jeder Grundlage", betonte zwar ein Sprecher. "Wir sehen keinerlei Bedarf für eine Kapitalerhöhung. Das Unternehmen ist solide finanziert." Der Markt wollte diesen Beteuerungen offenbar nicht so recht glauben: Im MDax fallen Arcandor-Aktien bis zum Xetra-Schluss um über 14 Prozent.

SGL Carbon begehrt
Im schwachen Marktumfeld tun sich dagegen Aktien von SGL Carbon mit einem Kursplus von rund drei Prozent hervor. Der schwäbische Maschinenbauer Voith hat seine Beteiligung aufgestockt auf 5,12 Prozent. Damit ist das Familienunternehmen neuer größter Einzelaktionär bei dem Wiesbadener Grafitspezialisten nach der Landesbank Baden-Württemberg. Ein Sprecher der Voith AG betonte, dass es sich um eine reine Finanzbeteiligung handele. Der Anteil an SGL passe gut in das Beteiligungsportfolio der Gesellschaft.

Freenet von Lehman-Pleite nicht tangiert
Im TecDax standen Erneuerbare-Energien-Werte unter Druck. Centrotherm fielen um 17,4 Prozent auf 33,06 Euro zurück. Solon gaben 7,4 Prozent auf 33,62 Euro nach. Nordex fielen um 7,2 Prozent auf 20,11 Euro.

Freenet-Papiere büßen über fünf Prozent ein. Am Markt waren Befürchtungen laut geworden, durch die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers geriete auch Freenets Debitel-Übernahme in Gefahr. Der norddeutsche Mobilfunk- und DSL-Anbieter hatte im Zuge des Kaufs auch ein Debitel von mehreren Banken gewährtes Darlehen über gut 1,1 Milliarden Euro übernommen. Zu dem Konsortium gehört unter anderem Lehman Brothers. Doch eine Unternehmenssprecherin betonte, die Lehman-Pleite "hat keinerlei Auswirkungen auf uns".

Tagestermine am Donnerstag, 22. November

Unternehmen:
RemyCointreau: Halbjahreszahlen, 7.30 Uhr
Jost Werke: Neun-Monats-Zahlen
Siemens Healthineers: Geschäftsbericht.

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise 10/18, 00:30 Uhr
EU: Acea, Nutzfahrzeugzulasssungen 10/18, 8:00 Uhr
EU: EZB-Sitzungsprotokoll v. 25.10.2018
EU: Verbrauchervertrauen 11/18 (vorab), 16:00 Uhr.

Sonstiges:
USA: Feiertag (Thanksgiving), Börse geschlossen.