Märkte fürchten Zerfall der Eurozone

Stand: 23.07.2012, 20:00 Uhr

Nachdem die Anleger in der vergangenen Woche die Schuldenkrise weitgehend verdrängt hatten und der Dax um 1,5 Prozent zugelegen konnte, schlägt die Sorge um die südlichen Eurostaaten zu Wochenbeginn mit voller Wucht zurück. Dabei neigen die Anleger - wie immer - zu Übertreibungen.

Der Dax erleidet mit minus 3,18 Prozent bei 6.419 Punkten den kräftigsten Tagesverlust seit dem ersten Juni. Zeitweise rauschte der deutsche Leitindex sogar um fast vier Prozent in die Tiefe auf 6.371 Punkte. Der Euro rutschte erstmals seit zwei Jahren wieder unter die Marke von 1,21 Dollar, klettert am Abend aber wieder über diese Marke.

Die Mailänder Börse verliert 2,8 Prozent. Der spanische Leitindex Ibex macht dagegen sein zeitweiliges Minus von 5,5 Prozent größtenteils wieder wett und schließt 1,1 Prozent niedriger. Die Kurse an der Börse in Athen fallen dagegen um über sieben Prozent.

Für einen Beginn von Panikstimmung sorgte am Nachmittag die Ankündigung Spaniens und Italiens Leerverkäufe von Finanzwerten zu verbieten. Daraufhin weiteten die wichtigsten Indizes ihre Verluste massiv aus.

Spanien muss unter Rettungsschirm
Italiens Börsenaufsichtsbehörde verbot Leerverkäufe von Finanzwerten bis zum Freitag und Spanien verbot sie in allen Papieren für die kommenden drei Monate. Leerverkäufe sind Verkäufe von Wertpapieren, die der Verkäufer noch nicht besitzt. Dieser spekuliert darauf, dass die Kurse sinken, bis die Wertpapiere an die Käufer geliefert werden müssen, und er sie sich dann billiger beschaffen kann.

Aus Spanien verlautete zudem, dass möglicherweise auch die Region Murcia Hilfen der Regierung in Madrid beantragen. Anleger gehen davon aus, dass damit eine Flucht des gesamten Landes unter einen internationalen Rettungsschirm wahrscheinlicher wird.

Chefanalyst Folker Hellmeyer von der Landesbank Bremen sagte zu den zeitweiligen Verboten: "Fakt ist, dass aggressive Spekulationen die Märkte immer wieder stark unter Druck bringen." Doch darüber hinaus sieht er, wie auch sein Kollege Frank Geilfuß vom Bankhaus Löbbecke & Co, die Talfahrt in der aufgeflammten Eurokrise begründet. Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Eurozone habe sich "dramatisch zugespitzt", sagte Hellmeyer und setzte daher die Börsenampel auf rot.

Seine Bank habe das Risiko des Scheiterns der Eurozone zuletzt auf 20 Prozent beziffert. "Nach den jüngsten Entwicklungen liegt dieses Risiko jenseits der 40-Prozent-Marke mit zunehmender Tendenz."

Auch an der Wall Street sorgt die Krisenstimmung in Europa für Verluste. Der Dow Jones-Index der amerikanischen Standardwerte büßt zeitweise 1,7 Prozent ein. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der US-Leitindex bei 12.689 Punkten, ein Minus von gut einem Prozent.

Keine weiteren Hilfen
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist einem Zeitungsbericht zufolge nicht bereit, Griechenland nochmals Finanzhilfen zu gewähren. Da Athen aber wohl weitere Darlehen von bis zu 50 Milliarden Euro benötige, werde ein Bankrott des südeuropäischen Landes immer wahrscheinlicher

Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben aber keine Informationen darüber, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) weitere Griechenland-Hilfen ablehnt.

McDonald's auf Diät
Ungünstige Wechselkurse und die schwächelnde Weltwirtschaft haben McDonald's einen Dämpfer verpasst. Der Umsatz der erfolgsverwöhnten Fastfood-Kette stagnierte im zweiten Quartal bei 6,9 Milliarden Dollar (5,7 Mrd Euro). Der Gewinn schrumpfte sogar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4 Prozent auf unterm Strich 1,3 Milliarden Dollar. "Das Geschäft ist herausfordernder geworden", stellte Firmenchef Don Thompson am Montag fest. Die Aktie verliert.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,50
Differenz relativ
+2,76%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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10,32
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+1,02%

Finanzwerte schmieren ab
Besonders betroffen von den aufgeflammten Ängsten um einen Zusammenbruch der Eurozone sind die Finanzwerte, allen voran die Commerzbank. Die Aktie stürzt um über sechs Prozent ab und ist damit der schwächste Wert im Dax. Die Deutsche Bank muss zudem laut einem "Handelsblatt"-Bericht mindestens 300 Millionen Dollar Rückstellungen bilden. Grund sind mögliche Schadensersatzforderungen wegen der Manipulation des Libor-Zinssatzes.

Fresenius expandiert in den USA
Der Gesundheitskonzern Fresenius schluckt für 1,1 Milliarden Dollar die US-Medizintechnikfirma Fenwal und prüft zudem weiter einen zweiten Anlauf zur Übernahme von Rhön-Klinikum. Fresenius habe beide Übernahmen seit Monaten parallel geplant, sagte Konzernchef Ulf Schneider am Montag in einer Telefonkonferenz mit Analysten. "Fresenius hat genügend finanziellen Spielraum für beide Transaktionen." Dem allgemeinen Abwärtstrend an den Börsen kann sich die Fresenius-Aktie heute nicht entziehen.

Solarworld macht doch noch Freude
Die Aktien des Solarunternehmens Solarworld machen an der Börse zeitweise einen Freudensprung von gut 11 Prozent und sind am Ende des Tages mit 3,6 Prozent dennoch der größte Kursgewinner im TecDax. Das Unternehmen hat Kreditvereinbarungen über 375 Millionen Euro neu verhandelt. Zuvor hatte es Spekulationen über eine denkbare Überschuldung des Unternehmens die Runde gemacht.

Leoni: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
37,02
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+3,41%

Leoni wird vorsichtiger
Abwärts geht es dagegen mit der Aktie von Leoni. Der Autozulieferer hat sich in einem Interview vorsichtig zur Ergebnisentwicklung geäußert. "Für 2012 erwarten wir Rekordwerte bei Umsatz und Ergebnis", bekräftigte Unternehmenschef Klaus Probst frühere Aussagen. "Unser operatives Ergebnis wird demnach zwischen 230 und 280 Millionen Euro liegen." Analysten rechnen nach Berechnungen von dpa-AFX aber bisher mit einem Wert von 275 Millionen Euro.

Rücker mit Kauffantasie
Um gut 18 Prozent nach oben geht es mit der Aktie des Ingenieurdienstleisters Rücker. Die Firma soll offenbar übernommen werden. Das Unternehmen teilte mit, dass die Aton GmbH ein Kaufangebot für alle Rücker-Aktien in Höhe von 16 Euro je Papier unterbreiten will. Mehrheitsaktionär Wolfgang Rücker will sich dabei von allen Anteilen trennen.

Sky sackt ab
Die Aktien von Sky Deutschland haben ihre Verluste sukzessive ausgebaut und zuletzt mehr als neun Prozent verloren. Damit sind sie der schwächste Wert im MDax. Fundamentale Gründe gibt es wohl nicht. Im Gegenteil: der Konzernchef habe zuletzt die Ziele für das zweite Quartal bestätigt. Ein Börsianer machte charttechnische Gründe für den Ausverkauf verantwortlich. Die Aktie sei unter die 50-Tage-Linie gefallen und das könnte weitere Verkäufe ausgelöst haben.

Villeroy & Boch enttäuscht
Bergab geht es auch mit der Aktie von Villeroy & Boch. Der saarländische Keramikwarenhersteller hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz nur um 0,8 Prozent auf 363 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern kletterte um 1,3 Millionen auf 11,9 Millionen Euro.

Philips weicht der Krise aus
Einen Freudensprung macht dagegen die Aktie von Philips. Der niederländische Elektronikkonzern hat im zweiten Quartal seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr von 5,2 auf 5,9 Milliarden Euro verbessert. Das Ebitda stieg von 371 auf 450 Millionen Euro. Der Konzern profitierte von guten Geschäften mit Medizintechnik, LED-Lampen und Unterhaltungselektronik in den Schwellenländern.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"