Luft nach oben wird dünner

von Notker Blechner

Stand: 26.11.2010, 20:02 Uhr

Die harte Realität der europäischen Schuldenkrise hat die Anleger zum Wochenschluss wieder eingeholt. Nach Irland könnte auch Portugal unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen, wird befürchtet. Finanzwerte rissen den Dax nach unten. Letztlich fielen die Verluste aber recht glimpflich aus.

Kommt sie oder kommt sie nicht, die Jahresend-Rally? Experten sind gespalten. Nach Ansicht von NordLB-Aktienstratege Tobias Basse nutzen die Anleger jeden kleinen Rücksetzer, um in den Markt einzusteigen. Die Analysten der Landesbank Berlin dagegen glauben nicht an einen Jahresendspurt, trauen dem Dax aber immerhin noch einen Test der psychologisch wichtigen Marke von 7.000 Punkten zu.

Dax in der Seitwärtsphase

In der abgelaufenen Börsenwoche stagnierte der Dax auf seinem hohen Niveau. Anleger erlebten ein Wechselbad der Gefühle. Am Montag kletterte das Börsenbarometer im Tagesverlauf erstmals seit zweieinhalb Jahren über 6.900 Zähler geklettert, bevor es wieder runterging. Nach einer Kurserholung am Mittwoch und Donnerstag gab es zum Wochenschluss erneut einen Dämpfer. Der Dax verlor zeitweise 1,5 Prozent und musste um die Marke von 6.800 Punkten kämpfen. Im Sog der Wall Street konnte sich der deutsche Leitindex bis zum Abend wieder aufrappeln. Der Dax schloss im Xetra-Handel 0,45 Prozent tiefer bei 6.849 Punkten. Im späten Parketthandel ging es etwas weiter nach unten. Der L-Dax schloss bei 6.841 Zählern. Der deutsche Aktienmarkt hielt sich damit deutlich besser als andere europäische Börsen. Zum Vergleich: der spanische Leitindex Ibex 35 sackte um 1,8 Prozent ab.

Die US-Börsen verbuchten ebenfalls prozentual größere Kursverluste als der Dax. Der Dow Jones gab 0,8 Prozent nach. Allerdings hielten sich viele Anleger zurück, denn wegen des Thanksgiving-Wochenendes war der Handel um drei Stunden verkürzt. Viele Marktteilnehmer fehlten. Stattdessen tummelten sich viele Kinder auf dem New Yorker Börsenparkett. An der Wall Street war "Kindertag".

Braucht Portugal Hilfe?
Die europäische Schuldenkrise bremste die Aktienmärkte zum Wochenschluss. Als neuer Brandherd gilt Portugal. An den Märkten wurde darüber spekuliert, dass das Mittelmeer-Land nach Irland ebenfalls unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen muss. Laut einem Zeitungsbericht drängen eine Mehrheit der Euro-Länder und die Europäische Zentralbank Portugal, europäische Finanzhilfen anzunehmen. Das wurde heftigst dementiert. Für etwas Erleichterung sorgte die Zustimmung des portugiesischen Parlaments zum Sparhaushalt des kommenden Jahres.

Und Spanien?
Doch die Sorgen bleiben groß. "Die Frage ist, wie es weiter geht und ob uns am Ende doch ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone droht", meinte ein Händler. Selbst Spanien wird als Kandidat für den Rettungsschirm schon gehandelt. Die Politik müsse alles tun, damit Spanien nicht in den Sog der Schuldenkrise gerate, mahnte Volkswirt Martin Hüfner von Assénagon in der "Börse im Ersten". Schlimmstenfalls müsse der europäische Rettungsschirm weiter ausgeweitet werden. Die Risikoaufschläge für spanische, portugiesische und irische Staatsanleihen legten weiter zu. Leidtragender war der Euro. Die europäische Gemeinschaftswährung rutschte zeitweise auf unter 1,32 Dollar. Seit Montag hat der Euro fast vier Cent verloren.

Säbelrasseln in Korea
Die wachsenden Spannungen im Korea-Konflikt trübten ebenfalls die Stimmung an der Börse. "Dieser ungelöste Konflikt sorgt immer für Nervosität", sagte ein Händler. Nahe der Grenze von Nord- und Südkorea seien am Freitag erneut Artillerie-Geschosse abgefeuert worden, hieß es. Am Wochenende findet ein Seemanöver Südkoreas mit den USA statt.

Lichtblick aus den USA
Einzig der verheißungsvolle Start in das Weihnachtsgeschäft in den USA machte den Anlegern Hoffnung. Am "Black Friday", dem Tag nach dem Erntedankfest in den USA, bildeten sich lange Schlangen in den Läden. Die Einzelhandelsbranche rechnet mit einem Umsatzplus von 2,3 Prozent im November und Dezember. Das wäre die beste Saison seit drei Jahren.

ThyssenKrupp ganz oben
Auf der Dax-Kaufliste der Anleger standen defensive konjunkturunabhängige Werte und Titel, die zuletzt schon gut gelaufen sind. Dazu zählten die Papiere von ThyssenKrupp, die sich um fast zwei Prozent verteuerten. Außerdem gab es zwei positive Analysten-Einstufungen für den Stahlkonzern. Neben ThyssenKrupp legten Fresenius und die Tochter Fresenius Medical um über ein Prozent zu.

Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
20,10
Differenz relativ
-1,37%

Infineon hochgelobt
Die Aktien von Infineon profitierten ebenfalls von positiven Analysten-Stimmen. Sie gewannen rund ein Prozent. Die Experten der DZ Bank bestätigten ihre Kaufempfehlung für Infineon und hoben den fairen Wert für die Aktien von sieben auf acht Euro an.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,54
Differenz relativ
+1,60%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,60
Differenz relativ
+1,29%

Schlechter Tag für Finanzwerte
Unter Druck standen europaweit Bankenwerte wegen der Furcht vor einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise. Die Aktien spanischer Banken wie zum Beispiel Banco Santander stürzten um fast vier Prozent ab. Die Aktien der Deutschen Bank gaben 1,7 Prozent nach und waren damit Schlusslicht im Dax, die Papiere der Commerzbank büßten 1,2 Prozent ein.

Deutsche Bank am Ziel
Dabei hatte die Deutsche Bank eigentlich Grund zum Jubeln. Wie im Laufe des Vormittags bekannt wurde, hat sich der Branchenprimus die Mehrheit an der Postbank gesichert. Mindestens 70 Prozent der freien Postbank-Aktionäre nahmen das Übernahmeangebot an und gaben der Deutschen Bank ihre Aktien. Damit kann Vorstandschef Josef Ackermann die Postbank nun wie geplant noch 2010 in die Bilanz nehmen und spart durch die zügige Übernahme 1,7 Milliarden Euro.

BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
85,77
Differenz relativ
+0,53%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
154,38
Differenz relativ
+1,23%

Autoaktien auf der Verliererspur
Unter den größten Dax-Verlierern befanden sich auch Autowerte. BMW und Daimler verloren rund ein Prozent. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen. Schließlich haben in diesem Jahr die Aktien von BMW 86 Prozent zugelegt.

Merck-Aktie auf Berg- und Talfahrt
Hoch und runter ging es mit der Merck-Aktie. Am Ende schloss sie fast unverändert. Der Pharma- und Chemiekonzern muss auf dem weltweit größten Pharmamarkt USA weiter auf die Zulassung seines Hoffnungsträgers Cladribin warten. Die Gesundheitsbehörde FDA verlängerte die Prüfzeit für die Tablette als Therapie zur Behandlung von Multipler Sklerose um drei Monate. Das drückte die Aktie erst ins Minus, dann ins Plus, wieder ins Minus und schließlich doch noch in die grüne Zone. Analysten waren sich nicht ganz einig, wie die Nachricht zu werten ist.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
23,25
Differenz relativ
-0,09%

Winter bremst Lufthansa
Schnee und Streik setzten der Lufthansa am Freitag zu. Der Wintereinbruch in Deutschland sowie ein Pilotenstreik der Tochter Eurowings führten zu mehreren Flugausfällen. Die Kranich-Aktie gab fast zwei Prozent nach und gehörte zu den Top-Verlierern im Dax.

Analysten beflügeln Sky
Im MDax war erneut die Aktie von Sky Deutschland Spitzenreiter. Die Kurserholung nach dem jüngsten Einbruch setzte sich fort. Die Analysten von Morgan Stanley stuften die Papiere des Bezahlsenders von "Equal-weight" auf "Overweight" hoch und verdoppelten das Kursziel auf drei Euro. Es gebe Anzeichen für einen Aufwärtstrend bei den Abonnenten-Zahlen, hieß es in einer Studie. Außerdem gab es eine wichtige Personalie: Neuer Finanzchef des Pay-TV-Senders wird ab Februar Aufsichtsratsmitglied Steven Tomsi.

Tui treibt Börsengang von Hapag-Lloyd voran
Knapp fünf Prozent konnten die Aktien der Tui zulegen. Laut Insiderquellen bereitet der Touristik-Konzern offenbar den Börsengang der Reederei Hapag-Lloyd mit Hochdruck vor. In Kürze will die Tui Banken mandatieren, die eine Börsenplatzierung in die Wege leiten sollen. Als Termin wird ein Börsengang für April 2011 angepeilt. Die Tui hält noch 43 Prozent an der Reederei.

HHLA findet Partner in China
Die Aktien des Hamburger Hafenbetreibers HHLA hielten sich ebenfalls tapfer im Plus. Ein Händler verwies auf einen Bericht, wonach die Hansestadt Hamburg die chinesische Großreederei Cosco stärker an den Hamburger Hafen binden will. Dazu sei Cosco eine Beteiligung an einem Terminal im Hafen in Aussicht gestellt worden. Angeblich sollen Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus und Cosco-Chef Wie Jiafu eine umfangreiche Kooperation vereinbart haben.

Frankreich will Springer-Offerte kippen
Dagegen droht dem Medienhaus Axel Springer ein Rückschlag in Frankreich. Laut Insidern will die französische Börsenaufsicht AMF die Übernahme des Onlineportals Seloger.com blockieren. Springer will das Immobilienportal für mehr als eine halbe Milliarde Euro schlucken und bietet 34 Euro je Aktie. Die Springer-Titel gehörten mit einem Abschlag von 1,6 Prozent zu den größten MDax-Verlierern.

Winter-Gewinner Delticom
Im SDax schwangen sich im Laufe des Tages die Aktien des Internet-Reifenhändlers Delticom an die Spitze. Die Papiere schnellten um rund sechs Prozent nach oben und näherten sich ihrem Allzeithoch von 58 Euro. Wegen der sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach Winterreifen hob das Unternehmen am Freitagnachmittag erneut seine Jahresprognose an. Delticom stellt nun ein Umsatzwachstum von über 20 Prozent in Aussicht. Bisher war lediglich ein Plus von 15 Prozent angepeilt. Die Ebit-Marge soll um zehn Prozent nach oben klettern - statt wie bisher geplant um neun Prozent. Delticom-Finanzvorstand Frank Schuhardt führte die derzeitige starke Nachfrage zum Teil auf die neue Winterreifen-Pflicht zurück.

Anleger machen Kasse bei KWS
Aus dem SDax meldete sich am Freitag noch KWS Saat mit Zahlen. Der Saatgut-Hersteller konnte im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2010/11 den Umsatz dank der guten Nachfrage nach Wintergetreidesorten um neun Prozent auf 71 Millionen Euro steigern. Der übliche Verlust im Sommerquartal fiel geringer aus als vor Jahresfrist. Das Gros der Geschäfte wird aber erst später gemacht, wenn die Aussaat für das Frühjahr ansteht. Die Anleger nutzten die Zahlen zu Gewinnmitnahmen, schließlich hat die Aktie seit Mitte Oktober rund 15 Prozent zugelegt.

Kurs-Comeback von Conergy
Im TecDax ragte die Aktie von Conergy mit einem Kursplus von rund 18 Prozent heraus. Das Solarunternehmen könnte laut einem Pressebericht in Kürze von seinen Gläubigern kontrolliert werden. Angeblich werden die Kreditgeber ihre Kredite in Aktien tauschen, eine Pleite wolle niemand riskieren. Ein Händler verwies aber darauf, dass dadurch große Mengen an neuen Aktien auf den Markt kommen würden, was den Anteil der Aktionäre weiter verwässere. Das löst normalerweise Kursverluste aus. Aus Sicht des Börsianers dürfte die positive Kursentwicklung daher "Zockern" geschuldet sein.

Deutsche Bank drückt Nordex und Q-Cells
Andere Titel der erneuerbaren Energien litten unter einer pessimistischen Studie der Deutschen Bank. Wegen der gestiegenen Regulierungssorgen sei mit kurzfristig vorsichtigeren Erwartungen der Unternehmen aus dem Photovoltaik-Bereich und Gewinnwarnungen der Windkraftanlagen-Ausrüster zu rechnen, warnte der zuständige Experte. Daher habe er seine Kursziele für die Branchentitel um rund 20 Prozent gesenkt. Besonders schlecht weg in der Studie kamen Nordex und Q-Cells. Sie waren denn auch die größten TecDax-Verlierer.

IKB bleibt in den roten Zahlen
Aus der dritten Reihe meldete sich die angeschlagene Mittelstandsbank IKB mit Zahlen. Diese waren weiter rot. In den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres 2010/11 machte die vom Finanzinvestor Lone Star übernommene Bank einen Nettoverlust von 233 Millionen Euro. Das ist fast halb so viel wie im Vorjahreszeitraum. Die Anleger hatten sich mehr versprochen. Die Aktie gab drei Prozent nach. Trotz des Verlustes soll die IKB weiter verkauft werden. Lone Star hält die Bank inzwischen für saniert und sucht nach einem Käufer.

Leica-Kameras wieder begehrt
Dagegen hat der Kamerahersteller Leica den Sprung zurück in die schwarzen Zahlen geschafft. Das Unternehmen aus Solm verdiente in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres 2010/11 unterm Strich fast zehn Millionen Euro - nach einem Verlust von rund 8,5 Millionen Euro ein Jahr zuvor. Der Umsatz verdoppelte sich auf 110,8 Millionen Euro. Vor allem die digitale Kameraserie und die Laserentfernungsmesser von Leica seien gefragt. Für den Rest des Jahres rechnet der Kamera-Hersteller mit einer weiter positiven Entwicklung. Dank Rekordbestellungen nach der Fotomesse Photokina in Köln seien die Auftragsbücher gut gefüllt.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

Unternehmen:
Lonza Group: Kapitalmarkttag
Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklimindex 9/18, 10:00 Uhr
USA: CFNA-Index 8/18, 14:30 Uhr

Sonstiges:
Japan/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen