Lethargische Stimmung am Aktienmarkt

Notker Blechner

Stand: 25.01.2011, 20:01 Uhr

Weder der Rekordgewinn von Siemens noch gute US-Konjunkturdaten konnten am Dienstag die Anleger vom Hocker reißen. Der Dax verfiel in Lethargie und schloss nahezu unverändert. Industrie-Aktien waren gefragt, Bankenwerte standen unter Druck. Im Blickpunkt stand die erste Irland-Anleihe des Euro-Rettungsfonds. Sie stieß auf reißenden Absatz.

Die Euphorie über den guten Start der Berichtssaison ist vorerst verflogen, die Anleger sind wieder vorsichtiger geworden. Die Ungewissheit ist groß. "Keiner weiß so recht, wo an den Aktienmärkten derzeit der Zug hinfährt", meinte ein Händler. Dementsprechend schleppend ging es an der Börse zu, der Dax trat auf der Stelle und beendete den Xetra-Handel um 0,12 Prozent tiefer bei 7.059 Punkten. Im späten Parketthandel ging es wieder leicht nach oben. Der L-Dax konnte fünf Pünktchen gutmachen und schloss knapp im Plus bei 7.064 Zählern.

Der erhoffte Rückenwind aus den USA blieb aus. Die US-Börsen eröffneten im Minus und weiteten bis zum Abend ihre Kursverluste aus. Nach der Kursrally in den vergangenen Wochen hätten einige Börsianer Kasse gemacht, meinte ein Händler. Um den Aufwärtstrend weiter anzuheizen, müssten die Unternehmen schon astronomisch gute Zahlen vorlegen, erklärte ein anderer Marktteilnehmer.

Gemischte US-Quartalszahlen

Das bekam beispielsweise 3M zu spüren. Obwohl der Postit-Hersteller den Umsatz im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf 26,7 Milliarden Dollar und den Gewinn um 28 Prozent auf 4,1 Milliarden Dollar steigerte, fiel die Aktie. Die Papiere von American Express gaben ebenfalls stark nach. Zwar konnte der Kreditkarten-Hersteller seine Einnahmen steigern. Die Unsicherheit über die Auswirkungen der Regulierungseingriffe lastete aber auf den Aktien. Für Ernüchterung sorgte der Pharmahersteller Johnson & Johnson mit seiner Bilanz. Wegen kostspieliger Rückruf-Aktionen schrumpfte der Überschuss um 12 Prozent auf 1,9 Milliarden Dollar. Auch der Umsatz war rückläufig.

US-Verbraucher deutlich optimistischer
Nicht einmal gute Konjunkturdaten aus den USA konnten das Blatt wenden. Überraschend deutlich hellte sich das Konsumklima in den USA auf. Der Verbrauchervertrauens-Index stieg von 53,3 Punkten im Dezember auf 60,6 Zähler im Januar. Das ist der höchste Stand seit Mai 2010. Analysten hatten nur mit einem kleinen Anstieg auf 54,3 Punkten gerechnet. Die Konsumenten sind die Achillesferse der amerikanischen Wirtschaft. Der private Konsum macht in den USA rund zwei Drittel zur Wirtschaftsleistung aus.

Noch prächtiger scheint die Verbraucherstimmung in Deutschland. Der von der Gesellschaft für Konsumforschung veröffentlichte monatliche Konsumklimaindex kletterte auf 5,7 Punkte geklettert und damit den höchsten Stand seit Oktober 2007. Die GfK sagte, die Binnennachfrage entwickle sich zu einem zunehmend wichtigeren Faktor für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

Irland-Anleihe heiß begehrt
Auch aus Europa kamen gute Nachrichten. Der Euro-Rettungsfonds EFSF hat seine erste Irland-Anleihe erfolgreich platziert und fünf Milliarden Euro bei institutionellen Investoren eingesammelt. Die Anleihe war heiß begehrt. Gebote mit einem Volumen von 43 Milliarden Euro seien eingegangen. "Das große Vertrauen der Investoren zeigt, dass all jene falsch liegen, die gesagt haben, dass der Euro in fünf Jahren nicht mehr existiert", jubelte Fonds-Chef Klaus Regling. Zudem brachte Spanien am Dienstag seine drei- und sechsmonatigen Staatsanleihen sicher unter. Die Emissionen waren jeweils um das Fünffache überzeichnet. Der Euro stieg auf über 1,36 Dollar.

Das gute Bild trübte Großbritannien. Dort schrumpfte die Wirtschaft im vierten Quartal überraschend um 0,5 Prozent. Schuld war der strenge Winter, der zeitweise die Insel lähmte. Experten hatten mit einem Wachstum von 0,5 Prozent gerechnet.

Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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17,23
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+1,92%

Infineon im Sog von TI
Größter Dax-Gewinner war der Chiphersteller Infineon mit einem Plus von fast fünf Prozent - dank fremder Hilfe. Der amerikanische Konkurrent Texas Instruments schaffte es, seinen Gewinn um fast 44 Prozent auf 942 Millionen Dollar zu verbessern und den Umsatz auf 3,53 Milliarden Dollar zu erhöhen. Die Prognosen der Analysten wurden übertroffen. Texas Instruments profitierte von einer starken Nachfrage für Chips in Tablet-PCs. Da ließren sich die Anleger auch nicht die Stimmung von STMicro verderben. Der niederländische Halbleiterkonzern gab einen enttäuschenden Ausblick auf das laufende Quartal. Im abgelaufenen Quartal erwirtschaftete STMicro einen Gewinn von 219 Millionen Dollar - nach einem Verlust im Vorjahreszeitraum.

MAN ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
90,25
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-0,06%

MAN gibt Vollgas
Konjunktursensible Industrieaktien, die zuletzt Federn lassen mussten, wurden wiederentdeckt. Die Aktie des Lkw-Herstellers MAN stieg um fast vier Prozent. Eine "Kauf"-Empfehlung der DZ-Bank beflügelte die Titel. Die Analysten erwarten, dass nach der Rally von Auto-Aktien im vergangenen Jahr Investoren 2011 auf Papiere von Nutzfahrzeughersteller setzen. Die Papiere von Daimler und BMW stiegen um rund 1,5Prozent, nur VW tanzte aus der Reihe und notierte über ein Prozent tiefer.

Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
61,83
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+1,33%
BASF: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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DuPont macht BASF und Bayer froh
Gute Zahlen von DuPont beflügelten die Aktien von Bayer und BASF. Der Chemiegigant hat im vierten Quartal 376 Millionen Dollar verdient - deutlich mehr als Analysten erwartet hatten. Außerdem hob DuPont die Gewinnprognose für 2011 an.

Siemens voll auf Kurs
Die starken Quartalszahlen von Siemens konnten die Anleger nicht elektrisieren. Die Aktie schloss knapp im Minus. Das Unternehmen hatte vor kurzem schon auf gute Zahlen für das Quartal hingedeutet, die Überraschung war daher begrenzt, meinte ein Börsianer. Siemens hat das erste Quartal des Geschäftsjahres 2010/11 mit einem Rekordgewinn von 1,79 Milliarden Euro abgeschlossen. Der Umsatz weitete sich auf 19,5 Milliarden Euro aus - getragen der regen Nachfrage für Kraftwerke, Antriebstechnik und Züge. Siemens übertraf die Analystenprognosen deutlich. "Wir sind voll auf Kurs, unsere für 2011 gesteckten Ziele zu erreichen", sagte Siemens-Chef Peter Löscher. Auf der Hauptversammlung wurde er denn auch mit Lob überschüttet. Eine Aktionärsschützerin bewertete die deutliche Erhöhung der Dividende und die Zahlung eines Bonus an alle Mitarbeiter als "richtiges Zeichen".

Lanxess-Manager läuft zu Merck über
Eine Personalie bewegte heftig die Kurse von Merck und Lanxess. Wie am Nachmittag bekannt wurde, wechselt der Finanzvorstand von Lanxess, Matthias Zachert, zu Merck. Dort wird er Nachfolger von Michael Becker als Geschäftsleitungs-Mitglied für Finanzen (CFO). Zachert ist bei Analysten und Investoren hoch angesehen. Die Aktien von Merck sausten um 2,5 Prozent nach oben, die Papiere von Lanxess büßten um über Prozent ein. Merck bestätigte den Manager-Wechsel.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,21
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+0,74%

Bankaktien auf der Verkaufsliste
Die großen Verlierer des Tages waren die Finanztitel. Die Aktien der Commerzbank waren mit einem Minus von über zwei Prozent Schlusslicht, die Titel der Deutschen Bank notierten 1,5 Prozent schwächer. notieren etwa zwei Prozent schwächer. Laut Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research seien Befürchtungen wieder aufgekommen, dass die Unstimmigkeit zwischen den Regierungen den Einsatz des Euro-Rettungsschirm EFSF behindere. Zudem stieß die härtere Gangart der spanischen Regierung bei den Eigenkapitalregeln von schwachen Banken auf negatives Echo.

Verwirrung um Murdoch-Äußerung
James Murdoch, Sohn des Veteranen Robert Murdoch, sorgte mit einer Äußerung auf einer Internet-Konferenz in München für heftige Kursbewegungen bei Sky Deutschland. "Ich denke, seit gestern verdienen wir tatsächlich ein wenig Geld", sagte er. Damit meinte er das Engagement von Murdoch bei Sky, das sich auszahle. Denn der Kurs von Sky ist über den durchschnittlichen Preis gestiegen, den News Corp. für seine Anteile ausgegeben hat. Anleger glaubten irrtümlich, Murdoch hätte mit seinem Satz gemeint, dass Sky Deutschland bald Gewinne mache. Die Aktien von Sky sprangen zunächst um acht Prozent nach oben, schlossen dann aber nur noch mit einem Plus von 1,5 Prozent.

Fraport hat ein Herz für Aktionäre
Eine Berg- und Talfahrt legten die Aktien vom Fraport hin. Am Ende schlossen sie zwei Prozent höher. Der Jahresüberschuss fiel wegen der Auflösung einer Steuer-Rückstellung deutlich höher als erwartet aus. Davon profitieren die Aktionäre. Ihnen winkt eine um zehn Cent höhere Dividende von 1,25 Euro je Aktie. Händler verwiesen außerdem auf positive Analystenkommentare der WestLB und der japanischen Bank Nomura.

Vossloh herabgestuft
Größter Verlierer im MDax war die Aktie von Vossloh. Sie gab um vier Prozent nach. Die DZ Bank senkte in einer Studie ihre Einstufung für Aktien des MDax-Konzerns auf "Sell" von zuvor "Buy". Den fairen Wert von Vossloh sieht der zuständige Analyst nun bei 84 Euro - nach bislang 95 Euro.

Optische Täuschung bei Wincor
Die Papiere der Beteiligungsgesellschaft DBAG legten knapp ein Prozent zu. Die Firma hatte am Morgen angekündigt, dass sie an ihre Aktionäre eine Dividende von 1,40 Euro ausschütten wolle - 40 Cent mehr als vergangenes Jahr. Für Wincor-Nixdorf-Aktionäre war bereits Zahltag. Sie erhalten 1,7 Euro je Aktie. Der Dividendenabschlag sorgte dafür, dass die Aktien um über drei Prozent verloren. Rechnet man die Dividende heraus, schlossen die Wincor-Titel nur leicht tiefer.

Adva wird neuentdeckt
Im TecDax war Favoriten-Rotation angesagt. Gefragt waren besonders die Werte, die sich zuletzt schwach entwickelt hatten. Adva-Aktien stiegen um sieben Prozent, nachdem sie an den letzten fünf Handelstagen 14 Prozent an Wert eingebüßt hatten.

Cancom besser als erwartet
Die Aktien von Cancom gewannen mehr als fünf Prozent, nachdem der Cloud-Computing-Spezialist gestern Abend vorläufige Jahreszahlen bekannt gegeben hatte. Bei einem Umsatzplus von 29,7 Prozent auf 548 Millionen Euro stieg das Betriebsergebnis nach Cancom-Angaben um 87,1 Prozent auf 13,1 Millionen Euro.

Gemischte europäische Bilanzen
Aus Österreich meldete der Leiterplattenproduzent AT&S seine Drittquartalsbilanz. Die Firma erhöhte ihren Nettogewinn leicht auf 10,5 Millionen Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr einen Umsatz bis zu einer halben Milliarde Euro. Die Aktie gab um vier Prozent nach.

Dagegen kamen die Zahlen von Ericsson gut an der Börse an. Die Aktien legten über zwei Prozent zu. Der schwedische Netzwerkausrüster hat im ersten Quartal von der günstigen Wirtschaftsentwicklung profitiert und bei Umsatz und Gewinn die Prognosen geschlagen. Die Firma meldete am Morgen einen "Kerngewinn" von 8,4 Milliarden Kronen, der Umsatz erreichte 59,5 Milliarden Kronen. Für die laufende Restrukturierung wurden 1,7 Milliarden Kronen fällig, teilte Ericsson weiter mit.

Zahl der Aktionäre weiter gesunken
Für die meisten Deutschen freilich bleiben Aktien und Aktienfonds ein rotes Tuch. Im zweiten Halbjahr kehrten fast eine halbe Million Privatanlegern der Börse den Rücken. Die Zahl der Anleger, die direkt oder indirekt in Aktien investiert sind, sank auf knapp unter 8,2 Millionen. Das sind so wenige wie zuletzt 1999. Auch die Fondsgesellschaft Fidelity klagte über Abflüsse aus Aktienfonds, die von Zuflüssen in Schwellenländer-Fonds nicht kompensiert werden konnten. "Die Eurokrise hat Privatanleger nachhaltig verunsichert und zu Umschichtungen geführt", sagte Fidelity-Manager Christian Wrede.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat