Kursgewinne ohne Fundament

Detlev Landmesser

Stand: 07.11.2008, 20:31 Uhr

Auch durch die übelsten Neuigkeiten ließen sich die Aktienmärkte am Freitag nicht aus der Ruhe bringen. Der Grund: Die Kurse waren an den beiden Vortagen sozusagen "auf Vorrat" gefallen.

Zwar konnte die zwischenzeitlich wiedereroberte Marke von 5.000 Dax-Punkten nicht gehalten werden, doch ging der L-Dax mit einem formidablen Plus von 4,3 Prozent auf 4.942,92 Punkte ins Wochenende.

Offenbar waren die neuesten Hiobsbotschaften mit den Kurseinbrüchen der vergangenen beiden Tage bereits in den Kursen "eingepreist".

Dabei bewiesen die beiden siechen US-Autogiganten General Motors und Ford, dass es noch schlimmer als schlimm geht. GM meldete am Nachmittag einen Quartalsverlust von 2,5 Milliarden Dollar oder 4,45 Dollar je Aktie, was noch schlechter war als Analysten erwartet hatten. Der Umsatz brach um 13,3 Prozent auf 37,9 Milliarden Dollar ein. Bei Ford war der Umsatzeinbruch mit 22 Prozent auf 31,1 Milliarden Dollar noch gravierender. Der zweitgrößte US-Autobauer erlitt im dritten Quartal ein operatives Minus nach Steuern von fast drei Milliarden Dollar. Der bereits massive Stellenabbau soll nun nochmals verschärft werden, kündigte Ford an.

Zehnter Rückgang am US-Arbeitsmarkt

Auch die um 14:30 Uhr veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten für den Oktober waren noch düsterer als in den offiziell kursierenden Schätzungen befürchtet. Die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft ging mit minus 240.000 zum Vormonat deutlich stärker als erwartet zurück. Volkswirte hatten mit einem Rückgang um 200.000 Stellen gerechnet. Das war der zehnte Monat in Folge, in dem die Beschäftigung in den USA sank. Darüber hinaus wurde der Beschäftigungsabbau für die Vormonate September und August drastisch höher als bislang ausgewiesen. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich im Oktober von 6,1 auf 6,5 Prozent. Das ist der höchste Stand seit März 1994.

Erschreckend war auch der Rückgang der deutschen Industrieproduktion im September. Diese ging gegenüber dem August um 3,8 Prozent zurück. Das war der größte Rückgang seit der Wiedervereinigung.

Dass den Deutschen der Sinn zuletzt nicht nach Aktien stand, belegt auch das aktuelle Aktienbarometer, das die Fondsgesellschaft Cominvest vierteljährlich erhebt. Das Stimmungsbarometer brach um zwölf Zähler auf 84 Punkte ein.

MüRü-Aktie überraschend robust
Einer der stärksten Dax-Titel war die Aktie der Münchener Rück. Dabei spürt der Rückversicherer den Gegenwind durch die Finanzkrise: Im dritten Quartal lag der Gewinn gerade einmal bei zwölf Millionen Euro nach 1,2 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Damit schnitt der Konzern noch schwächer als erwartet ab. Auch die Gesamtjahresprognose kassierte die MüRü. Derzeit sei keine belastbare Vorhersage mehr möglich, sagte Finanzvorstand Jörg Schneider. Immerhin soll die Dividende für 2008 unverändert bei 5,50 Euro je Aktie liegen.

Trotz Gewinnwarnung zeige der Konzern Zeichen der Stärke, schrieben die Analysten der LBBW: "Der Buchwert je Aktie war stabil im dritten Quartal, die Dividende bleibt auf Vorjahresniveau und das Aktienrückkaufprogramm wird fortgesetzt."

Ansonsten standen Finanztitel wie die der Deutschen Bank und Commerzbank unter Druck.

Porsche von VW-Aktienkurs beflügelt
Die Aktie von Porsche fuhr nach Vorlage der Geschäftszahlen Achterbahn. Zum Xetra-Schluss notierte das Papier aber 8,2 Prozent höher. Dank der Beteiligung an Volkswagen lag der Vorsteuergewinn des im Juli abgelaufenen Geschäftsjahres 2007/08 mit 8,57 Milliarden Euro erstmals über dem Umsatz. Die VW-Beteiligung trug allein mit mit 6,83 Milliarden Euro zum Ergebnis bei. "Der Ausblick ist zwar verhalten, aber das war so erwartet worden", sagte ein Händler. Über die Sonderdividende von 2,00 Euro zeigten sich Marktteilnehmer etwas enttäuscht.

Deutz muss sparen
Der Motorenbauer Deutz hat im dritten Quartal rote Zahlen geschrieben. Der Verlust im fortgeführten Geschäft lag bei 2,3 Millionen Euro nach einem Gewinn von neun Millionen Euro vor Jahresfrist. Der Umsatz schrumpfte von 383 auf 354,8 Millionen Euro. Wegen der schwachen Entwicklung will das SDax-Mitglied nun ein Sparprogramm auflegen. Außerdem hält es Deutz für möglich, dass die Gesamtjahresprognosen nicht erreicht werden.

DBAG hart getroffen
Die Deutsche Beteiligungs AG rechnet im Gesamtjahr 2008 mit einem Verlust von 50 Millionen Euro. Der Grund dafür sind Abwertungen auf Beteiligungen. Diese hätten allerdings keine Auswirkungen auf die nach wie vor hohe Liquidität des Konzerns in Höhe von rund 105 Millionen Euro, teilte das SDax-Unternehmen mit.

Es gibt auch Krisen-Profiteure
Der beiden Online-Broker Comdirect und Sino konnten ihre Orderzahlen im Oktober wegen der Turbulenzen an den Kapitalmärkten kräftig steigern. Bei Comdirect lag der Zuwachs gegenüber dem September bei 47 Prozent, bei Sino bei knapp 40 Prozent.

Funkwerk wird ein bisschen vorsichtiger
Der Telekommunikationstechnik-Hersteller Funkwerk hat im dritten Quartal seinen Umsatz um 7,6 Prozent auf 71,9 Millionen Euro verbessert. Das operative Ergebnis des Vorjahres konnte allerdings nicht erreicht werden. Es sank von 2,3 auf 1,3 Millionen Euro. Das Unternehmen rechnet damit, die Gesamtjahresziele "nahezu" zu erreichen.

Umwelt-Aktien doch wieder gefragt
Die Aktien von Unternehmen erneuerbarer Energien fanden sich am Freitag zu Abwechslung mal wieder auf der Sonnenseite des Marktes wieder. "Erneut zeigt sich, dass die Schwankungsbreite bei den Solarunternehmen und Windkraftanlagen-Bauern sehr hoch ist", kommentierte ein Marktbeobachter. Die Übertreibungen vom Vortag würden wieder etwas nach oben korrigiert.

Von einigen kleineren Solar-Werten gab es Quartalsberichte. Solar-Fabrik hat in den ersten neun Monaten den Umsatz um 54 Prozent auf 158,7 Millionen Euro gesteigert. Das Ebit stieg von minus 1,2 auf plus 3,8 Millionen Euro. Centrosolar hat im selben Zeitraum beim Umsatz um 57 Prozent auf 242,7 Millionen Euro zugelegt. Das Ebitda sprang sogar um 71,7 Prozent auf 19,1 Millionen Euro.

Beim Biogasanlagenbauer Schmack Biogas hat sich im dritten Quartal das operative Ergebnis im Vorjahresvergleich sogar noch verschlechtert. Der Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei 5,4 nach zuvor 3,7 Millionen Euro. Der Umsatz brach von 30,4 auf 17,1 Millionen Euro ein. Immerhin rechnet das Unternehmen mit einem Aufschwung im kommenden Jahr.

SAF-Holland im Krisensog
Der nordbayrische Lkw-Zulieferer SAF-Holland mit Hauptsitz in Luxemburg hat wieder einmal seine Prognose für 2008 zurückgeschraubt. Der Umsatz soll nur noch 820 anstatt 850 Millionen Euro betragen. Die bereinigte Umsatzrendite soll bei rund sechs Prozent liegen. Zuletzt hatte SAF-Holland 7,4 Prozent angepeilt. Außerdem soll noch stärker gespart werden.

Cewe Color ebenfalls betroffen
Auch Cewe Color musste zum Abschluss des dritten Quartals seine Umsatz- und Ertragserwartung herunterfahren. Der Umsatz dürfte 2008 bei 415 bis 420 Millionen Euro liegen, teilte der Fotodienstleister am Freitagabend mit. Bislang war Cewe von 426 Millionen Euro ausgegangen. Beim Ergebnis vor Steuern und Restrukturierung werde nun mit 20 bis 25 Millionen Euro bestenfalls das Vorjahresniveau angepeilt. Bisher lag die Zielmarke bei 31 Millionen Euro. Im dritten Quartal schrumpfte der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,7 Prozent auf 117 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Steuern ging von 21,9 auf 15,0 Millionen Euro zurück.

PVA Tepla auf strammen Wachstumskurs
Der Spezialmaschinenbauer PVA Tepla hat nach drei Quartalen seinen Umsatz kräftig um 55 Prozent auf 120,8 Millionen Euro in die Höhe geschraubt. Das Ebit expandierte sogar um 92 Prozent auf 9,7 Millionen Euro.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)