Kursgewinne am Abend

Detlev Landmesser

Stand: 30.07.2007, 20:24 Uhr

Am Abend setzte sich dann doch der Erholungswille durch. Im späten Geschäft schaffte es der Dax sogar wieder über 7.500 Punkte. Ob er sich dort halten kann, wird in New York entschieden.

Zur Stunde sind die großen Indizes an der Wall Street auf Gewinnkurs eingeschwenkt, nachdem sie in den ersten Handelsstunden mehrmals das Vorzeichen gewechselt hatten. Der L-Dax hatte die hochnervöse Sitzung 0,7 Prozent höher bei 7.509,79 Punkten beendet.

Furcht vor Finanzierungsproblemen

Der tiefere Grund für die Kursturbulenzen sind Befürchtungen, dass die Immobilienkrise in den USA über höhere Risikozuschläge im Anleihenbereich zu einer Liquiditätsklemme führen könnte.

Ein Risikozuschlag ist der Zinsaufschlag, den ein Unternehmen für seine Anleihen gegenüber der Verzinsung von Staatsanleihen zahlen muss. Diese so genannten Spreads haben sich zuletzt stark ausgeweitet, nachdem es am US-Kreditmarkt Schwierigkeiten gegeben hatte, Anleihen zur Finanzierung von Unternehmenszukäufen weiterzuverkaufen. Höhere Spreads bedeuten für die Banken, dass sie sich weniger günstig refinanzieren können, womit ihre Zinsmargen unter Druck geraten. Gleichzeitig werden fremdfinanzierte Übernahmen kostspieliger als bisher. Die Zeiten des billigen Geldes sind also vorerst vorbei.

IKB schockt die Börse
Einen verheerenden Einbruch erlebte die im MDax notierte IKB Deutsche Industriebank. Das Papier verlor zeitweise ein Viertel seines Wertes. Das lag vor allem an der Begründung für die Gewinnwarnung: Wegen der Hypothekenkrise in den USA werde man im Geschäftsjahr 2007/08 das Gewinnziel von 280 Millionen Euro nicht erreichen, teilte die Mittelstandsbank mit. Das sei "ein Schock", sagte ein Händler. "Das Thema Immobilienkrise ist nun auch in Deutschland angekommen." Zugleich meldete der Konzern, dass Vorstandssprecher Stefan Ortseifen zurückgetreten sei, sein Nachfolger werde das KfW-Vorstandsmitglied Günther Bräunig.

Alle Banken im Dax standen daraufhin unter Druck. Die Commerzbank erklärte ebenfalls, von der US-Hypothekenkrise betroffen zu sein. Sie bezifferte die aus heutiger Sicht entstehenden Belastungen für das operative Ergebnis auf 80 Millionen Euro in diesem Jahr. Insgesamt sei die Commerzbank-Gruppe mit 1,2 Milliarden Euro auf dem amerikanischen Subprime-Markt investiert. Der Sprecher betonte, dass die Bank trotzdem an den Prognosen für das Gesamtjahr festhalte.

Postbank kann nicht überzeugen
Die Postbank ist zwar nicht direkt von der Hypothekenkrise betroffen, konnte aber mit ihrem guten Ergebnis die Markterwartungen nicht erfüllen. Die Bank hat im zweiten Quartal trotz des harten Wettbewerbs den Überschuss von 142 Millionen Euro im Vorjahr auf 151 Millionen Euro gesteigert. Analysten hatten allerdings mit einem leicht höheren Plus von 154 Millionen gerechnet.

Linde obenauf
Unangefochten an der Dax-Spitze notierte die Linde-Aktie mit einem Plus von 5,4 Prozent. Der Industriegaspezialist hat im ersten Halbjahr deutlich mehr verdient und bekräftigt, im restlichen Jahr 2007 Umsatz als auch Ertrag weiter steigern zu wollen.

Henkel wirft ein Auge auf ICI-Sparte
Henkel Vorzüge verteuerten sich um 3,5 Prozent. Der Konsumgüterkonzern will die Klebstoffaktivitäten des britischen Chemiekonzerns ICI übernehmen. Voraussetzung sei allerdings, dass der niederländische Akzo-Nobel-Konzern mit seinem Übernahmeangebot für den britischen Konkurrenten erfolgreich sei, teilte Henkel mit. ICI lehnt die aktuelle Offerte von Akzo Nobel (650 Pence je Aktie) bisher jedoch ab.

Geht der Infineon-Finanzchef?
Infineon-Papiere verloren ein halbes Prozent. Nach knapp einem Vierteljahr im Amt will der Aufsichtsrat den Finanzchef Rüdiger Günther offenbar entlassen. Der Aufsichtsrat habe dem Manager erklärt, dass das Unternehmen nicht länger auf seine Arbeit zurückgreifen wolle, und ihn aufgefordert, Infineon zu verlassen, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person am Montag zu Reuters.

Deutsche Bank mag SGL
Im MDax gehörte der Index-Liebling SGL Group einmal mehr zu den stärksten Gewinnern. Die Deutsche Bank hatte zuvor das Kursziel auf 37 Euro angehoben.

Gerücht drückt Fraport
Die Aktie von Fraport geriet gegen Mittag deutlich unter Druck. Nach Händlerangaben kursierten vage Gerüchte um eine Gewinnwarnung des Flughafenbetreibers. "Es kommt zwar von mehreren Seiten, ich halte aber nicht viel davon", kommentierte ein Börsianer die Spekulationen. Bald darauf folgte das Dementi: "Die Gerüchte sind gegenstandslos, wir planen keine Gewinnwarnung", sagte ein Fraport-Sprecher auf Anfrage, worauf sich der MDax-Titel wieder etwas erholte.

Hopp eilt GPC zu Hilfe
Deutlich erholt präsentierte sich die Aktie von GPC Biotech im TecDax. Der SAP-Gründer und Biotech-Investor Dietmar Hopp hat seine Beteiligung an dem schwer geprüften Biotechunternehmen von zuletzt 10,13 auf 14,5 Prozent aufgestockt. Er stehe zudem bereit, falls GPC eine weitere Kapitalerhöhung benötige, wird Hopp im "Spiegel" zitiert. Hektisch wurde es noch einmal am Nachmittag, als das Unternehmen meldete, den Antrag auf auf Schnellzulassung seines Krebsmittels Orplatna in den USA zurückzuziehen. GPC werde nun, wie von einem Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde FDA empfohlen, die Analyse der endgültigen Überlebensdaten aus der Zulassungsstudie mit dem in Deutschland als Satraplatin bezeichneten Mittel abwarten. Diese Daten dürften innerhalb der nächsten sechs Monate vorliegen. Wenn sie positiv seien, wolle GPC die Zulassung so schnell wie möglich wieder bei der FDA beantragen.

Morphosys kommt schlecht an
Der Branchen- und Indexkollege Morphosys stand dagegen mit zeitweise mehr als acht Prozent Minus am Indexende. Der Konzern hat im ersten Halbjahr zwar seinen Umsatz um acht Prozent auf 28,6 Millionen Euro gesteigert, der Gewinn ging jedoch um rund die Hälfte auf zwei Millionen Euro zurück. Das Unternehmen verwies auf hohe Forschungskosten. Zugleich sagte Finanzvorstand Dave Lemus, Morphosys werde im laufenden Jahr voraussichtlich nicht das obere Ende seiner Gewinn-Prognosespanne erreichen.

Auch Solarworld Krisenopfer?
Mit einer vielleicht etwas kuriosen Begründung geriet vorübergehend auch die Solarworld-Aktie unter Druck. Nach Ansicht von Händlern könnte die Krise auf dem US-Immobilienmarkt auch auf den Solarzellenhersteller ausstrahlen. "Wenn die Neubaubeginne zurückgehen, fehlen Solarworld die Kunden in den USA, die die Solarzellen auf ihre Häuser bauen", sagte ein Börsianer.

Zerschlagungsfantasie bei Freenet...
Zu den stärkeren TecDax-Titeln gehörte Freenet. Am Wochenende hatte United Internet Interesse dem DSL-Geschäft des Wettbewerbers signalisiert. "Falls das DSL-Geschäft von Freenet irgendwann tatsächlich zum Verkauf steht, werden wir uns das bestimmt anschauen", hatte UI-Chef Ralph Dommermuth gegenüber "Euro am Sonntag" erklärt.

... und bei Balda
Bei Balda liegt die Situation ähnlich. Die beiden Großaktionäre Guy Wyser-Pratte und der englische Fonds Audley Capital verlangen von Balda, die chinesische Tochterfirma TPK zu verkaufen, berichtet das "Handelsblatt". Hintergrund sei die "extreme" Unterbewertung von Balda. Der SDax-Titel legte daraufhin zeitweise um fast acht Prozent zu.

Gerresheimer wächst kräftig
Der Verpackungshersteller Gerresheimer hat im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres mit 447 Millionen Euro 40 Prozent mehr umgesetzt. Diesen außergewöhnlich hohen Zuwachs verdankt der Börsenneuling der Übernahme des Konkurrenten Wilden AG. Für das gesamte Geschäftsjahr erwartet Gerresheimer einen weiterhin guten Geschäftsverlauf mit einem organischen Umsatzwachstum von acht bis neun Prozent sowie einer Ebitda-Marge von 19 Prozent.

Mensch und Maschine brummt
Die Aktie von Mensch und Maschine stieg um mehr als sechs Prozent. Der Software-Hersteller erzielte im ersten Halbjahr einen Umsatz von 110,1 Millionen Euro (plus 34 Prozent) sowie ein Ebit von 5,83 Millionen Euro (plus 49 Prozent). Dies sei das beste Halbjahresergebnis der Firmengeschichte, teilte MuM mit.

Roth und Rau erhöht Umsatzziel
Noch stärker legte die Aktie von Roth und Rau zu. Das Photovoltaik-Unternehmen hat im ersten Halbjahr nach vorläufigen Berechnungen seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum vervierfacht. Roth und Rau hob daraufhin die Jahresumsatzprognose von 100 auf 135 Millionen an.

Umsatzschub für Leica
Der traditionsreiche Kamerahersteller Leica ist dank seiner neuen Produkte auf Wachstumskurs. Der Erfolg der digitalen Kompaktkamera und der digitalen "Leica M8" habe im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2007/08 für einen Umsatzschub gesorgt, teilte das Unternehmen mit. Der Umsatz erreichte 43,6 Millionen Euro, das sind gut 15 Millionen mehr als im Vorjahresquartal. Der Konzerngewinn kletterte auf 4,17 Millionen Euro. Im ersten Quartal 2006/07 war noch ein Verlust von 503 000 Euro angefallen. Leica hatte nach einem harten Sanierungskurs im abgelaufenen Geschäftsjahr erstmals wieder schwarze Zahlen geschrieben.

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