Kurserholung wird holpriger

Stand: 17.07.2012, 20:11 Uhr

Wie in Deutschland das Wetter, so ist es auch an der Börse: wechselhaft. Nach anfänglichen Gewinnen kam der Dax ziemlich ins Straucheln. Schuld war Fed-Chef Ben Bernanke, weil er keine weitere geldpolitische Lockerung ankündigte. An der Wall Street sorgte "Helikopter-Ben" für eine Berg- und Talfahrt.

QE3- dieses Kürzel elektrisiert derzeit die Anleger. Es steht für das dritte Anleihekaufprogramm, das die US-Notenbank bald ankündigen könnte - das hoffen zumindest einige Anleger. Am Dienstag wurden ihre Hoffnungen (vorerst) nicht erfüllt. US-Notenbankchef Ben Bernanke betonte zwar die Handlungsbereitschaft, konkrete Maßnahmen ließ er aber offen. "Die Fed schaut sich eine ganze Reihe möglicher Instrumente an, um die Konjunktur zu stimulieren, sollte ein weiterer Stimulus nötig sein", sagte Bernanke.

Die Fed wird also wahrscheinlich noch ein bisschen warten, bis Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur ergriffen werden. Dies könnte aber schon bald der Fall sein. Der Fed-Chef prophezeite für das zweite Halbjahr eine Abschwächung des Wachstums. Anfang 2013 könne gar eine "leichte Rezession" drohen.

Späte Erholung an der Wall Street
Zunächst sorgten die Äußerungen Bernankes für Ernüchterung. Der Dax gab einen Großteil seiner Gewinne ab - und rettete sich mit einem Plus von knapp 0,2 Prozent aus dem Xetra-Handel. Die Wall Street schlitterte ins Minus. Im Laufe des Abends drehte sich aber wieder die Stimmung. Der Dow stieg um 0,7 Prozent. Offenbar interpretierten Anleger Bernanke nun doch positiv und werteten es als gutes Zeichen, dass die Fed jederzeit eingreife, wenn sich die wirtschaftliche Situation verdüstere. Die späte Erholung an den US-Börsen trieb die Kurse deutscher Aktien im Späthandel an. Der L-Dax schloss bei 6.610 Punkten.

Goldman und Coca-Cola überraschen
Etwas Auftrieb gaben auch die Quartalszahlen mehrerer US-Giganten. So verdiente die US-Investmentbank Goldman Sachs mehr als erwartet. Zwar schrumpfte der Gewinn um elf Prozent auf 962 Millionen Dollar, Börsianer hatten aber einen noch größeren Einbruch befürchtet. Auch Coca-Cola schnitt besser ab als vorhergesagt. Der Brausekonzern schaffte einen Gewinn von 1,22 Dollar je Aktie. Dank Preiserhöhungen erhöhte sich der Umsatz um drei Prozent auf 13 Milliarden Dollar.

Robuste US-Konjunkturdaten
Kaum neue Impulse lieferten die US-Konjunkturdaten. Die Verbraucherpreise stagnierten im Vergleich zum Vormonat. Die Kernrate legte um 0,2 Prozent zu - wie von Analysten vorhergesagt. Die Industrieproduktion stieg derweil etwas stärker als erwartet - um 0,4 Prozent. Volkswirte hatten nur mit einem Anstieg von 0,3 Prozent gerechnet. Die Kapazitätsauslastung erhöhte sich leicht von revidiert 78,7 Prozent auf 78,9 Prozent. Volkswirte hatten ein Niveau von 79,2 Zählern vorausgesagt.

ZEW-Index fällt erneut
Mit gemischten Gefühlen nahmen Börsianer den ZEW-Index auf. Er fiel zwar den dritten Monat in Folge, trübte sich aber mit minus 19,6 Punkte weniger stark ein als befürchtet. Die Prognosen lagen bei minus 20,0 Zählern. Postbank-Analyst Heinrich Bayer sah "nach den Abstürzen der vergangenen zwei Monate zum ersten Mal Stabilisierungsansätze".

Spanien muss weniger zahlen
Gute Nachrichten kamen aus Spanien: Das Land nahm am Dienstag neue Schulden auf und begab Titel im Volumen von insgesamt knapp 3,7 Milliarden Euro. Einjährige Papiere gingen dabei für 3,92 Prozent weg, 18-monatige Papiere für 4,24 Prozent. Dies sind deutlich geringere Zinsen als zuletzt. Die Auktion war zudem stark überzeichnet, Spanien scheint sich auf den Finanzmärkten etwas Respekt zurückgewonnen zu haben.

Sizilien droht Pleite
Schlechte Nachrichten gab es dagegen aus Italien. Ministerpräsident Mario Monti warnte vor einer möglichen Pleite Siziliens. Die autonome Region gilt als Armenhaus des Euro-Lands. Größtes Problem Siziliens ist laut Kritikern der aufgeblähte Verwaltungsapparat.

Fremder Kursdünger für K+S
Als Dax-Spitzenreiter ging K+S aus dem Handel. Die Aktien gewannen knapp 1,6 Prozent. Sie profitierten von guten Quartalszahlen des Konkurrenten Mosaic. Der Düngemittelhersteller stellte eine Verdopplung der Dividende in Aussicht.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
147,82
Differenz relativ
+1,36%
BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
73,76
Differenz relativ
+1,70%

Deutscher Automarkt läuft wieder
Positiv behaupten konnten sich Autowerte wie VW und BMW. Der deutsche Automarkt hat sich im Juni von seinem Einbruch im Mai erholt. Die Zahl der Neuzulassungen stieg im Vergleich zum Vorjahresmonat um drei Prozent. In der EU ließ dagegen die Lust auf neue Autos weiter nach, die Absatzzahlen sanken den neunten Monat in Folge. Trotzdem scheine der Abwärtsdruck für den Moment ein wenig abgenommen zu haben, der Markt befinde sich in einer Stagnationsphase, meinte Analyst Tim Schuldt von Equinet.

Stellenabbau bei RWE...
Der neue RWE-Chef hat gleich zu seinem Amtsantritt mit einem massiven Sparprogramm für Furore gesorgt. Angeblich 2.000 Jobs sollen gestrichen werden, heißt es aus Konzernkreisen. Die Gewerkschaft Verdi spricht sogar von bis zu 5.000 Stellen, die in Deutschland gestrichen werden sollen. Die RWE-Aktie schloss leicht im Minus.

...und Metro
Auch Metro plant einen umfangreichen Stellenabbau. Der Handelskonzern will bis 2015 weltweit rund 900 Stellen streichen. Diese Ankündigungen schoben zunächst die Metro-Aktien kräftig an. Am Ende blieb noch ein Plus von 0,1 Prozent.

Vossloh erklimmt MDax-Spitze
Größter MDax-Gewinner war Vossloh mit einem Plus von knapp drei Prozent. Offenbar profitierten die Aktien weiter von der Fantasie nach der Aufstockung der Anteile durch Großaktionär Heinz-Hermann-Thiele. Der Knorr-Bremse-Eigner hat am Montag seine Anteile auf über 20 Prozent erhöht. Er nähert sich der Sperrminorität von 25 Prozent.

Deutz schraubt Ziel zurück
Nach einer Gewinnwarnung machte die Aktie von Deutz eine Berg- und Talfahrt. Am Ende des Tages schloss der Titel rund ein Prozent tiefer. Am Morgen hatte die Firma mitgeteilt, dass sich Nachfrage und Auftragseingang im zweiten Quartal abgeschwächt hätten. Die bisherigen Ziele für 2012 seien daher nicht mehr erreichbar. Bisher hatte Deutz damit gerechnet, bei Umsatz und Ebit-Marge das Vorjahresniveau zu erreichen. Ganz überraschend kam die Prognossenkung von Deutz nicht.

Nordex: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
7,95
Differenz relativ
-17,01%

Nordex im Aufwind
Im TecDax eroberte Nordex den Spitzenplatz. Die Aktien zogen um fast vier Prozent an. Der Windanlagenbauer hat einen Großauftrag in der Oberpfalz erhalten. Nordex liefert fünf Turbinen mit einer Leistung von je 2,4 Megawatt.

Zhongde verbrennt wenig Müll, aber viel Geld
Der chinesische Müllverbrennungskonzern Zhongde Waste hat nach wochenlanger Verzögerung nun endlich seine Jahreszahlen veröffentlicht. Wegen der "Verzögerung bei der Fertigstellung von Müllverbrennungsanlagen" machte die Firma einen Nettoverlust von 10,7 Millionen Euro - bei einem Jahresumsatz von gerade mal 32,4 Millionen Euro. Die Aktie verlor rund zwei Prozent.

Dresdner Factoring stockt Prognose auf
Die Dresdner Factoring hat im ersten Halbjahr ihr operatives Ergebnis nahezu verdoppelt auf 1,1 Millionen Euro. Angesichts der guten Entwicklung hob das Dresdner Unternehmen die Jahresprognose an. Statt 1,7 Millionen Euro wird nun ein Gewinn von 1,9 Millionen Euro erwartet. Die Aktie schloss vier Prozent höher. Seit Jahresbeginn hat sie gut 50 Prozent zugelegt.

Alcatel senkt Jahresprognose
Der Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent hat dagegen seine Jahresprognose einkassiert. Nach dem Verlust im ersten Quartal würden auch im zweiten Quartal rote Zahlen geschrieben, warnte der französische Konzern. Die Aktie brach um 15 Prozent ein - und zog auch Nokia mit nach unten. Die Papiere des finnischen Handyherstellers und Telekomausrüsters fielen um sechs Prozent.

Johnson& Johnson stagniert
Der US-Pharmakonzern schraubte ebenfalls seine Jahresprognose zurück. Wegen der anhaltenden Dollar-Stärke stellt Johnson & Johnson nun nur noch einen Gewinn von 5,00 bis 5,07 Dollar je Aktie in Aussicht. Im zweiten Quartal stagnierte der Umsatz des Pharmakonzerns. Der Gewinn je Aktie stieg auf 1,30 Dollar und lag ein Cent höher als erwartet. Die Aktien gaben leicht nach.

Batman und Barbie retten Mattel
Gute Zahlen verkündete der Spielwaren-Hersteller Mattel. Dank Einsparungen und einer großen Nachfrage nach Batman-Figuren und den Barbie-Puppen verdiente der Konzern ein Fünftel mehr, nämlich rund 96 Millionen Dollar. Die Aktien schossen um rund zehn Prozent nach oben.

HSBC-Topbanker gibt auf
In Großbritannien erschüttert derweil nach der Libor-Zinsmanipulation ein weiterer Skandal die Bankenbranche. Die Großbank HSBC steht im Verdacht, Geldwäsche ermöglicht und die Finanzierung von Terrorismus begünstigt zu haben. Nach massiven Vorwürfen des US-Senats trat am Abend Topmanager David Bagley, Chefaufseher für die Einhaltung der Unternehmenskultur (Compliance) zurück. Die HSBC-Aktien schlossen ein Prozent tiefer.

Eine Frau steuert jetzt Yahoo
Der US-Internetkonzern Yahoo hat eine neue Vorstandschefin. Marissa Mayer übernimmt ab heute die Aufgaben von Interimschef Ross Levinsohn. Die im siebten Monat schwangere Mayer war zuvor bei Google beschäftigt und hatte dort an der Entwicklung der Suchmaschine mitgearbeitet. Sie ist bereits der dritte CEO bei Yahoo in diesem Jahr, nachdem im Mai Scott Thompson zurückgetreten war. Nach US-Börsenschluss veröffentlicht Yahoo seine Quartalszahlen.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr