Kurse bröckeln wieder

von Lothar Gries

Stand: 11.12.2008, 20:05 Uhr

Nach dem Kursanstieg der vergangenen Tage geben die Märkte heute wieder etwas nach. Grund sind die schlechten Wirtschaftsmeldungen aus den USA und die Unsicherheit über die Finanzspritze für die US-Autobauer. Die düsteren Prognosen der hiesigen Konjunkturinstitute werden dagegen ignoriert.

Der Dax beendet den Abendhandel bei äußerst schwachen Umsätzen mit einem leichten Minus von 29 Punkten, gut einem halben Prozent, bei 4761. Bereits im elektronischen Handel ging der Dax erstmals seit drei Tagen wieder leicht um 0,8 Prozent zurück auf 4767. Für das Minus verantwortlich waren vor allem die Titel von SAP und Daimler. Kräftig zulegen konnten dagegen K+S und Münchener Rück.

Auch die US-Börsen geben bis zum Handelsschluss in Frankfurt leicht nach. Händler nannten als Grund die andauernde Ungewissheit über das Rettungspaket für die Autokonzerne GM, Ford und Chrysler. Nach der Zustimmung durch das Repräsentantenhaus muss der Gesetzentwurf nun vor den Senat. Dort könnte er von den dominierenden Republikanern abgelehnt werden.

Zudem hat auch der unerwartet starke Anstieg der Arbeitslosenzahl in den USA die Anleger verunsichert. Auch in Deutschland geht die Wirtschaft schwierigen Zeiten entgegen. Das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung befürchtet, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland im kommenden Jahr um 2,2 Prozent einbricht. Die Rezession werde bis ins Jahr 2010 reichen, so die Prognose der Forscher.

Krugman greift Steinbrück an
Der frisch gebackene Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman wirft Finanzminister Peer Steinbrück vor, er richte mit seiner Absage an schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme eine "beachtliche Menge Schaden an". Die Weltwirtschaft befinde sich in einem Furcht einflößenden Sturzflug, der überall sichtbar sei. Und Steinbrück lehne staatliche Ausgabenprogramme strikt ab, so Krugman. In dieser schwierigen Wirtschaftslage sei ein koordiniertes Vorgehen notwendig. "Aber man bekommt keine Koordinierung hin, wenn die Verantwortlichen in Europas größter Volkswirtschaft nicht mitmachen", kritisierte Krugman. Er warf der deutschen Regierung Dummheit vor.

Solarwerte in Sippenhaft
Kräftig bergab ging es dagegen im TecDax. Dort hält die von dem Solarhersteller Q-Cells ausgelöste Schockwelle unerändert an. Während die Papiere dieser Firma um 17,85 Prozent einbrechen, müssen auch die Aktien der anderen Solarunternehmen überdurchschnittliche Verluste hinnehmen. Auch Manz und der Windradhersteller Nordex büßen bis zu neun Prozent ein. Dadurch fällt der gesamte TecDax um mehr als drei Prozent.

Dagegen verliert der MDax nur 1,7 Prozent. Der Sdax legt gar um 1,13 Prozent zu, dank vor allem der gewaltigen Erholung des Verpackungsspezialisten Gerresheimer.

Euro und Ölpreis ziehen an
Als Reaktion auf enttäuschenden US-Konjunkturzahlen ist der Euro weiter gestiegen: Er übersprang die Marke von 1,337 Dollar und kletterte auf den höchsten Stand seit Ende Oktober.

Zudem hat die Aussicht auf eine Senkung der Fördermengen durch die Opec den Ölpreis in die Höhe getrieben. Nach den Schätzungen der Experten wird die Nachfrage nach Öl im kommenden Jahr nach einem Rückgang 2008 wieder steigen. US-Leichtöl der Sorte WTI notierte daraufhin mit 45,39 Dollar 4,3 Prozent höher als am Vorabend, als der Preis bereits um 3,5 Prozent nach oben geschossen war. Das Barrel (159 Liter) der Sorte Brent verteuerte sich um 5,2 Prozent auf 44,61 Dollar.

Merckle droht mit Insolvenz
Im Tauziehen um die Rettung seines Firmenimperiums pokert der schwäbische Pharma-Unternehmer Adolf Merckle Finanzkreisen zufolge hoch. Der Milliardär habe von seinen etwa 30 Banken bis Freitag die Zusicherung gefordert, ein Kreditpaket auf Grundlage seines erweiterten Angebots auszuhandeln, sagten mehrere mit der Situation vertraute Personen zu Reuters. "Wenn nicht, könnte er seine Beteiligungsgesellschaft VEM in die Insolvenz schicken", sagte ein Banker am Donnerstag. In der Vermögensverwaltung hält er Teile seines Besitzes, unter anderem ein größeres Paket am Baustoffkonzern HeidelbergCement. Bei einer Insolvenz müssten die Banken wohl auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. HeidelbergCement verlieren mehr als acht Prozent.

Daimler peilt bei Kamaz zehn Prozent an
Der Aufsichtsrat des Stuttgarter Konzerns will sich bereits heute abend mit dem geplanten Einstieg bei dem russischen Lkw-Hersteller Kamaz befassen.Beim Bundeskartellamt hatte Daimler bereits Anfang Dezember einen Antrag für eine Beteiligung an Kamaz eingereicht.

Zudem wurde heute bekannt, dass Daimler auch in seinem Stuttgarter Stammwwerk Kurzarbeit für 10 000 der 18 000 Mitarbeiter starken Belegschaft anmelden muss. Die Produktion der neuen Mercedes E-Klasse müsse gedrosselt werden, hieß es. Die Daimler-Aktie, heute lange größter Verlierer im Dax, notiert am Ende gut drei Prozent niedriger.

Siemens vor Einigung mit SEC?
Die Siemens-Aktie kann ihre Gewinne nicht halten und fällt um mehr als ein Prozent. Siemens will sich laut der "Süddeutschen Zeitung" noch in diesem Jahr mit der US-Börsenaufsicht SEC und den amerikanischen Justizbehörden über ein Strafmaß im Korruptionsskandal einigen. Auch die Gespräche mit deutschen Behörden stünden offenbar vor dem Abschluss, meldet das Blatt weiter. Der Aufsichtsrat halte sich für eine Sondersitzung noch vor Weihnachten bereit. Für Strafzahlungen an die SEC und die deutsche Justiz hatte der Konzern eine Milliarde Euro zurückgestellt.

Gerresheimer sehr fest
Nach dem Einbruch gestern um über 20 Prozent zeigt sich die Aktie des zukünftigen MDax-Aufsteigers Gerresheimer heute deutlich erholt. Grund sind positive Analystenkommentare. Die Anteile an dem Produzenten von Glas- und Kunststoffverpackungen für die Pharmaindustrie steigen um knapp zehn Prozent. Händler verwiesen auf einige positive Analystenkommentare, die den Trend der Abstufungen der Vortage unterbrächen. Dies begünstige eine erste Gegenreaktion der Papiere.

Sal. Oppenheim hilft Arcandor
Das Bekenntnis des Bankhauses Sal. Oppenheim, an seiner Beteiligung am Einzelhandels- und Touristikkonzern Arcandor mindestens fünf Jahre festhalten zu wollen, stütz die Aktie des MDax-Konzerns. "Auch die Mitarbeiter sollen wissen, dass wir als Familienunternehmen zum Konzern stehen und keine Deal-Maker sind", sagte der neue Arcandor-Aufsichtsratschef Friedrich Carl Janssen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Sal. Oppenheim war im Oktober durch eine Kapitalerhöhung und Aktienzukäufe zum neuen Arcandor-Hauptaktionär mit 29 Prozent der Anteile aufgestiegen. Die Arcandor-Aktie gewinnt fünf Prozent.

Meilensteinzahlung für Morphosys
Der Antikörper-Spezialist wartet erneut mit einer positiven Unternehmensmeldung auf: Morphosys hat bei der Entwicklung von Antikörpern für den Kooperationspartner Centocor Fortschritte erzielt. Centocor, ein Tochterunternehmen des amerikanischen Pharmakonzerns Johnson & Johnson, hat einen ersten Patienten in einer klinischen Phase-2-Studie mit einem HuCAL-basierten Antikörper behandelt. Die im TecDax notierte Gesellschaft erhält dafür so genannte Meilensteinzahlungen. Die Morphosys-Aktie verliert dennoch 4,5 Prozent.

Versatel - mit Schulden aus der Krise?
Der Telekomanbieter Versatel übernimmt einen weiteren Kabelnetz-Betreiber. Zur Übernahme der MediaHome gründet Versatel ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Frankfurter Corfina AG. Im ersten Schritt zahlen die Düsseldorfer 13 Millionen Euro. Analyst Joeri Sels von der DZ Bank sprach in einer ersten Reaktion zwar von einer überzeugenden industriellen Logik. Allerdings "halten wir die Strategie, sich durch weitere Zukäufe eine noch höhere Verschuldung aufzubürden, vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Verschuldungsrelationen und der abkühlenden Konjunktur für gewagt", gab er zu bedenken. Die Versatel-Aktie verliert zwei Prozent.

Escada nicht in Mode
Die Aktien von Escada können sich im Tagesverlauf berappeln, nachdem sie am Vormittag mit einem Abschlag von neun Prozent größter SDax-Verlierer waren. Die Analysten von Credit Suisse nahmen die Bewertung der Escada-Aktien mit "Underperform" und einem Kursziel von 2,94 Euro auf. Sie rechnen mit Verlusten für 2008/2009. Deswegen seien die Escada-Aktien in Bezug auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis "unattraktiv".

Envio entgiftet Südkorea
Der im Prime Standard notierte Umweltdienstleister Envio hat vom südkoreanischen Energieversorger KEPCO einen ersten Großauftrag zur Entsorgung von 1.000 PCB-haltigen Transformatoren erhalten. Die Aktie legt um drei Prozent zu.

Tagestermine am Dienstag, 11. Dezember

Unternehmen:
Lufthansa: Verkehrszahlen November
Aurubis: Q4-Zahlen, 7 Uhr
VDMA: Jahres-Pk, 10 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Erzeugerpreise, November, 14:30 Uhr


Sonstiges:
Großbritannien: May sagt Parlamentsvotum über Brexit ab und will nachverhandeln