Krise, Kapitel 987

Detlev Landmesser

Stand: 17.11.2008, 20:10 Uhr

Wer Aktien verkauft, hat mit der weltweit um sich greifenden Rezession jederzeit ein gutes Argument dafür. Die Optimisten zogen zum Wochenstart erst einmal den Kürzeren.

Der L-Dax beendete den Tag 2,1 Prozent tiefer bei 4.620,37 Punkten. Auch die amerikanischen Börsen starteten schwach in die Woche, schaffte es aber zeitweise ins Plus. Vom Weltfinanzgipfel am Wochenende gingen nach Ansicht von Experten keine Impulse aus. "Es gab eine Menge netter Worte, aber keine signifikante, konkrete Aktion, auf die die Märkte schauen könnten", sagte ein Marktteilnehmer.

Die aktuellen Daten zur amerikanischen Industrieproduktion stabilisierten den Markt nur vorübergehend. Mit einem Plus von 1,3 Prozent legte die Industrieproduktion im Oktober stärker zu als erwartet. Volkswirte hatten nur mit einem leichten Wachstum von 0,2 Prozent gerechnet. Die Kapazitätsauslastung blieb mit 76,4 Prozent etwas hinter den Erwartungen zurück.

Der "Empire State Index" brachte dagegen keine Entlastung. Die Industrietätigkeit im Bundesstaat New York fiel im November auf ein Rekordtief. Der entsprechende Index ging von minus 24,62 im Oktober auf minus 25,43 Punkte zurück. Das ist der niedrigste Wert seit Umfragebeginn 2001. Analysten hatten aber mit einem noch stärkeren Rückgang auf minus 26,10 Punkte gerechnet. Die Daten der New Yorker Fed gelten als zuverlässiger Indikator für die landesweite Entwicklung der Industrie.

Citigroup entlässt tausende Banker

Dass in der Bankenbranche eine beispiellose Entlassungswelle rollt, belegte am Montag die Citigroup. Die mittlerweile nur noch zweitgrößte US-Bank will sich kurzfristig von bis zu 52.000 weiteren Mitarbeitern weltweit trennen. Die Zahl der Stellen solle "in naher Zukunft" auf 300.000 sinken. Ende 2007 hatte die Citigroup 375.000 Mitarbeiter, Ende September waren es noch 352.000. Mit dem Abbau der Belegschaft um 20 Prozent solle auch eine Kürzung der Ausgaben um 20 Prozent einhergehen, erklärte die Großbank.

Förderwettlauf in der Autobranche?
Lange Zeit konnten sich die Autoaktien - bis auf VW - gegen den schwachen Trend stemmen. "Nachdem der designierte US-Präsident Barack Obama angedeutet hat, die Unterstützung für die US-Autobauer auszuweiten, hoffen einige Leute auf Ähnliches von der Bundesregierung", sagte ein Marktbeobachter unter Hinweis auf das Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Management des unter Druck geratenen Autobauers Opel in Berlin. Die Bundesregierung spielt allerdings auf Zeit. Die Regierung wolle bis Weihnachten über eine mögliche Bürgschaft für die deutsche GM-Tochter entscheiden, sagte Merkel am Abend. Noch sei offen, ob dieser Schritt notwendig sei.

Die BMW-Aktie profitierte von einer positiven Einstufung von Merrill Lynch. Die Analysten nahmen den Dax-Titel auf die Empfehlungsliste "Europe 1".

Conti-Aktie spielt VW
Der mit Abstand stärkste Branchenvertreter war die Aktie des Autozulieferers Continental, die ihre Aufwärtsbewegung vom Freitag fortsetzte. "Da herrscht weiterhin ein Short Squeeze", sagte ein Händler. "Viele hatten gezweifelt, dass Schaeffler die Conti-Übernahme stemmen kann und Conti-Papiere leer verkauft." Nun müssten sie sich mit den Papieren wieder eindecken, um sie an die Verleiher zurückgeben.

Infineon bald am Staatstropf?
Die Infineon-Aktie hielt sich sich nur vorübergehend besser als der Dax. Infineons Speicherchip-Tochter Qimonda verhandele mit dem Freistaat Sachsen über mögliche Staatshilfen, berichtete die "Financial Times Deutschland". Außerdem hat der US-Chiphersteller Micron Technology mit Infineon offenbar eine Übernahmeoption für Qimonda ausgehandelt, meldete die "Wirtschaftswoche".

Fantasie entweicht aus Börsenaktie
Über sieben Prozent verlor der Dax-Titel Deutsche Börse. Laut dem "Spiegel" ist die Zerschlagung des Konzerns vorerst vom Tisch. Einer der Großaktionäre, der Hedge-Fonds TCI, habe der hessischen Börsenaufsicht in einem Brief mitgeteilt, dass man nie die Abspaltung des Frankfurter Aktienhandels verlangt habe. Weiterhin will der Börsenbetreiber die Abwicklung des Handels von Kreditderivaten anbieten. "Wir glauben, dass sich unsere Konzerntochter Eurex Clearing zu einem zentralen europäischen Clearinghaus für den bisher unregulierten, außerbörslichen Handel schnell ausbauen lässt und dass es dafür auch große Unterstützung gibt", sagte Vorstandschef Reto Francioni dem "Handelsblatt". Damit wolle die Börse ein Sicherheitsnetz für Banken und Anleger knüpfen.

HRE in Suchtgefahr
Die Hypo Real Estate (HRE) rechnet auch im kommenden Jahr mit Verlusten. Auch nach dem Auslaufen der bisherigen Liquiditätshilfen Ende kommenden Jahres könnte der schwer angeschlagene Immobilienfinanzierer nach eigenen Angaben auf staatliche Hilfe angewiesen sein. "Abhängig von der Situation der HRE und der Märkte kann es notwendig sein, dass die HRE längere staatliche Unterstützungsmaßnahmen benötigt", heißt es in dem am Montag veröffentlichten Quartalsbericht.

Ackermann ändert seine Meinung
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann will eine Teilnahme am Banken-Rettungspaket der Bundesregierung nicht mehr um jeden Preis ausschließen. "Wir erhalten nach wie vor relativ günstig Fremdkapital. Allerdings werden wir sorgfältig beobachten müssen, ob sich aus der staatlichen Hilfe aufgrund verschiedener Lösungsansätze in einzelnen Ländern nicht am Ende doch Wettbewerbsnachteile ergeben", sagte Ackermann der "NZZ". Der Top-Banker rechnet nun damit, dass die Finanzkrise noch zwei bis drei Jahre dauern kann.

UBS markiert Rekordtief
Zwei Faktoren drückten die Aktie der UBS in Zürich vorübergehend auf ein neues historisches Tief von 13,51 Schweizer Franken. Neben den unerfreulichen Meldungen über die Ermittlungen der US-Behörden wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung machten auch Insiderverkäufe verschiedener Führungsmitglieder der Aktie der größten Schweizer Bank zu schaffen.

BASF hat Ciba im Sack
Der BASF sind bis zum Ende der Nachfrist der Übernahmeofferte 80,62 Prozent des Ciba-Kapitals angedient worden, teilte der weltgrößte Chemiekonzern mit. Darüber hinaus habe man außerbörslich Ciba-Aktien gekauft. BASF hält daher insgesamt 94,55 Prozent an dem Schweizer Konzern.

HeidelCement unter VW-Druck
Das ist Börse: Der irre Höhenflug der VW-Aktie im Oktober ist paradoxerweise für den Kursrutsch der Aktie von HeidelbergCement von fast 22 Prozent verantwortlich. Laut Medienberichten hat der rund 86-prozentige Großaktionär Adolf Merckle mit Wetten auf sinkende Kurse der Volkswagen-Stammaktie bis zu eine Milliarde Euro verloren. Es herrsche die Sorge, dass Merckle Aktien des MDax-Konzerns abstoßen könnte, um die Fehlspekulationen zu finanzieren, sagte ein Marktteilnehmer.

Analysten strafen United Internet
Die Aktie von United Internet litt mit einem Minus von 12,3 Prozent auf 5,26 Euro erneut. Gleich drei Analysehäuser straften am Montag den TecDax-Titel mit niedrigeren Kurszielen ab. Die Citigroup nahm ihr Kursziel von 18 auf 11 Euro zurück. Die Credit Suisse sieht den Wert nur noch bei 7,50, nach 9,00 Euro. Die UBS reduzierte das Ziel von 17,50 auf 16,00 Euro. Allerdings erscheinen die genannten Kurse angesichts des gedrückten Kursniveaus immer noch ziemlich optimistisch.

Repower-Fantasie neu entfacht
Die Repower-Aktie gehörte zu den stärksten TecDax-Titeln. Der indische Windturbinenhersteller Suzlon will ein weiteres Aktienpaket an dem Hamburger Windanlagenbauer vom zweiten Großaktionär Martifer später als zuletzt geplant übernehmen. "Das war ursprünglich für Mai geplant. Wir hatten es auf Dezember beschleunigt, halten uns jetzt aber an den ursprünglichen Zeitplan", sagte Suzlon-Chef Tulsi Tanti laut Reuters. Den Anstieg der Repower-Aktie begründeten Marktbeobachter damit, dass es damit wahrscheinlicher werde, dass Suzlon bis dahin die Finanzierung sichern und die Transaktion erfolgreich abschließen könne. Zuletzt hatte es wiederholt Gerüchte gegeben, dass die Übernahme scheitert.

Erneute Gewinnwarnung von Arques
Am Abend senkte Arques Industries erneut seine Prognose für 2008. Das Beteiligungsunternehmen erwartet nun vor und nach Steuern deutliche Verluste. Im dritten Quartal habe Arques die Beteiligung am Automobilzulieferer Eurostyle um 51 Millionen wertberichtigen müssen, teilte das SDax-Unternehmen ad hoc mit. Daher erwarte der Konzern bei einem Jahresumsatz von über fünf Milliarden Euro nur noch ein operatives Ergebnis (Ebitda) von mindestens 100 Millionen Euro. Erst im August hatte Arques seine Ebitda-Prognose von zuvor 275 auf 200 Millionen Euro gesenkt.

VTG weiter zuversichlich
Der Kessel- und Güterwaggonvermieter VTG hat in den ersten neun Monaten seinen Umsatz um zwölf Prozent auf 450,7 Millionen Euro verbessert. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) kletterte um 18,9 Prozent auf 116,9 Millionen Euro. Außerdem bestätigte das SDax-Unternehmen seine Prognose für das laufende Jahr.

Immobilienaktien stürzen weiter
Für Immobilientitel begann auch die neue Woche tiefrot. Am heftigsten erwischte es die im SDax notierten Aktien von Vivacon, Colonia Real Estate und Alstria Office. Die Anleger sorgen sich um die weiteren Aussichten für die Branche. In der herrschenden Rezession sind erhöhte Leerstände und Druck auf die Immobilienpreise zu erwarten.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat