Krise bald verdaut?

Detlev Landmesser

Stand: 14.11.2007, 20:37 Uhr

Wie viel Krise ist schon in den Kursen drin? Diese Frage beschäftigte die Weltbörsen zur Wochenmitte. Von den Banken gab es weitere Details, die den Markt beruhigten.

An der Wall Street waren die Börsianer aber bis zum Abend unschlüssig, ob sich die Kursgewinne vom Dienstag halten lassen. Die Standardwerte legten weiter zu, während die Tech-Titel der Nasdaq wieder leicht abgaben.

Der L-Dax robbte sich im späten Geschäft wieder über die 7.800er-Marke und schloss bei 7.801,99 Punkten.

Eine Personalie rundete den Nachrichtenfluss zur US-Kreditkrise ab. Nach Medienberichten soll die Investmentbank Merrill Lynch bald vom derzeitigen Chef der New York Stock Exchange, John Thain, geführt werden. Daraufhin gewann die Merrill-Aktie rund fünf Prozent. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein hatte am Dienstagabend erklärt, er erwarte keine weiteren spürbaren Kosten in Verbindung mit der Kreditkrise. Bear Stearns räumte zwar ein, wegen der Krise im vierten Quartal einen Verlust zu erwarten, weil das Institut Abschreibungen von 1,2 Milliarden Dollar vornehmen müsse. Die Investmentbank beteuerte jedoch, damit sei das Schlimmste vorüber. Die britische HSBC rechnet dagegen trotz der Krisenbelastungen mit einem höheren Quartalsgewinn. Das beflügelte auch deutsche Banktitel wie die Hypo Real Estate oder die Deutsche Bank.

"Man hofft, dass jetzt die Karten auf dem Tisch liegen und dass es keine größeren negativen Überraschungen mehr geben wird", fasste ein Händler die Stimmung zusammen. Die allgemeine Tendenz wurde auch von erfreulichen Daten zu den Einzelhandelsumsätzen und zur Preisentwicklung in den USA gestützt.

Neue Sympathie für Infineon

Zeitweise hatte die Infineon-Aktie ganz vorn im Dax gelegen. Dabei ist der Verlust des Halbleiterkonzerns im vergangenen Quartal höher ausgefallen als von Analysten erwartet. Die Ergebnisse der gebeutelten Speicherchip-Tochter Qimonda zogen den Konzern tiefer in die Verlustzone. Der Jahresfehlbetrag stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 368 Millionen Euro von zuvor 268 Millionen Euro.

Trotzdem legte die Aktie um bis zu acht Prozent zu. Laut Händlern hat der Markt die schlechten Ergebnisse bereits mit den Kursverlusten der vergangenen Wochen eingepreist - daher gehe es nun nach oben.

RWE bremst den Dax
RWE besetzte mit einem kräftigen Minus von sechs Prozent das andere Dax-Ende. Händler monierten, dass das Nettoergebnis rund 100 Millionen Euro hinter den Schätzungen zurückgeblieben sei. Wichtiger war aber die Verschiebung des Börsengangs der Tochter American Water. "Damit rücken die Zahlen in den Hintergrund - eine Verschiebung des IPO stößt dem Markt sauer auf", sagte ein Börsianer.

SEB liegäugelt mit IKB
Im MDax gab es ein wahres Zahlenfeuerwerk, das die Kurse in die Höhe trieb. Da ging die Nachricht ein wenig unter, dass die schwedische SEB ein Auge auf die angeschlagene Mittelstandsbank IKB geworfen hat. Sie erwäge den Kauf eines Anteils an der IKB, sagte SEB-Chefin Annika Falkengren der Zeitung "Dagens Industri". Die IKB-Aktie legte vorübergehend über vier Prozent zu.

In dem Nebenwerte-Index fiel allerdings Arques mit einem Kursplus von sieben Prozent deutlich stärker auf, was Händler als technische Erholung nach dem Schwächeanfall der vergangenen Tage interpretierten.

KlöCo besser als befürchtet
Bei Klöckner & Co beflügelte die Quartalsbilanz. Die war nicht so schlimm, wie Analysten befürchtet hatten. Die Ertragskraft sei stärker als nach der jüngsten Gewinnwarnung gedacht, sagte ein Börsianer. Etwa beim Umsatz habe der Stahl- und Metallhändler die Markterwartungen übertroffen. Auch der Ausblick auf der gesenkten Basis sei bestätigt worden, hob er hervor.

Salzgitter verbessert Ausblick
Salzgitter gehörte ebenfalls zu den stärksten MDax-Titeln. Händler sprachen von gemischten Zahlen mit positiven Aspekten. "Der Umsatz hat die Schätzungen deutlich übertroffen, dafür lag der Vorsteuergewinn nur im Rahmen der Erwartungen und somit sind die Margen leicht unter den Prognosen", sagte ein Börsianer. Für das Gesamtjahr erwarte der Stahl- und Röhrenhersteller nun einen Vorsteuergewinn von 1,2 Milliarden Euro. Das liege zwar über dem alten Ziel, aber leicht unter den Marktschätzungen.

Hochtief verdient dank Leighton bestens
Zu den Favoriten gehörte auch die Aktie von Hochtief. Der Baukonzern hat zur Freude der Aktionäre im dritten Quartal deutlich mehr verdient - vor allem wegen der guten Entwicklung der australischen Tochter Leighton. Deutschlands größter Baukonzern steigerte das Ergebnis vor Steuern (Ebt) auf 161,3 Millionen Euro. Die durchschnittliche Analystenprognose hatte gerade mal bei 133,4 Millionen Euro gelegen.

Auch Lanxess hat mit seiner Drittquartalsbilanz besser als erwartet abgeschnitten. Das Papier lag zeitweise fünf Prozent im Plus.

Gagfah verfehlt Erwartungen
Nicht überzeugt waren die Analysten von der Gagfah-Zwischenbilanz. Der Wohnimmobilienkonzern hat im dritten Quartal das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf 115,2 Millionen Euro nach 102,4 Millionen Euro gesteigert. Analysten hatten im Schnitt mit 136 Millionen Euro gerechnet. Die Aktie erholte sich dennoch von ihren jüngsten Verlusten.

AWD rückt von Prognose ab
Die AWD-Aktie musste ihre anfänglichen Gewinne wieder abgeben. Experten zeigten sich enttäuscht vom Neunmonatsumsatz und -Ebit. "Das Jahresziel, ein Umsatzplus von zehn Prozent zu erreichen, wird damit unrealistischer. AWD müsste hierzu im Schlussquartal einen Umsatz von 237 Millionen Euro erzielen", sagte ein Analyst. Auch wenn das vierte Quartal traditionell sehr stark sei, habe der Finanzdienstleister nie ein solch hohes Umsatzwachstum erreicht. In einer Telefonkonferenz bestätigte AWD-Chef Carsten Maschmeyer dies indirekt: "Wir wollen zum jetzigen Zeitpunkt keine konkrete Prognose mehr geben", sagte der Manager.

Schöne Überraschung von Stada
Die Stada-Aktie drehte auch ins Minus. Dabei überraschte der Generikahersteller mit seinem Zahlenwerk zum dritten Quartal leicht positiv. Was die Börse enttäuscht haben könnte: Die Jahresziele wurden zwar bestätigt, blieben aber sehr vage formuliert.

Freenet-Spekulation neu angeheizt
Am Nachmittag wurde der TecDax noch einmal neu sortiert: United Internet und Freenet sprangen kräftig an, nachdem die beiden Unternehmen sowie Drillisch konkrete Gespräche über eine "strategische Partnerschaft" gemeldet hatten. Eine Zerschlagung von Freenet und eine Übernahme der Teile durch die beiden Interessenten rückt damit offenbar näher.

Solarreigen: Ersol, Q-Cells u.a.
Zuvor hatten vor allem die Solarunternehmen im Rampenlicht gestanden. Ersol und Q-Cells gaben Einblick in ihre Bücher. Ersol fiel durch, die Aktie tauchte fast fünf Prozent abwärts. Händler führten die Kursreaktion auf eine weniger euphorische Prognose für 2007 und 2008 zurück. Die Zahlen seien indessen nicht schlecht ausgefallen - ein so gutes Bild wie beim Konkurrenten Q-Cells biete sich allerdings nicht. Börsianern gefiel bei Q-Cells vor allem die angehobene Umsatzprognose für 2008 und 2009. Mit zeitweise über zwölf Prozent Kursplus lieferte sich die Aktie ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Solon. Die UBS hat nach den gestern vorgelegten Zahlen von Solon ihr Kursziel auf 84 von 60 Euro erhöht. Die Aktie von Aleo Solar war ebenfalls gut aufgelegt. Der Solarmodulehersteller hat seinen Umsatz in den ersten neun Monaten verdoppelt.

Die Conergy-Aktie verringerte im Verlauf ihren Tagesverlust. Der frühere Gea-Großaktionär Otto Happel hat die Kaufoption auf weitere Anteile an dem Solarunternehmen gezogen. Happel habe seinen Anteil von unter drei auf 25,14 Prozent aufgestockt, teilte Conergy mit.

Bauboom treibt Bauer
Im SDax gehörte die Bauer-Aktie zu den stärksten Titeln. Der weltweite Bauboom sorgte für einen kräftigen Gewinnschub im dritten Quartal. Das Ergebnis nach Steuern schnellte um 130 Prozent in die Höhe auf 39 Millionen Euro - und das bei einem vergleichsweise kleinen Umsatzplus von 22 Prozent auf 891 Millionen Euro.

Thielert dreht ins Minus
Die leidgeprüften Aktionäre von Thielert hatten dagegen wenig Freude. Erst reagierte der Titel mit deutlichen Gewinnen auf die Neunmonatszahlen des Flugzeugmotorenherstellers. Bei einem um 57 Prozent auf 63 Millionen Euro erhöhten Umsatz kletterte das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) binnen Jahresfrist um 39 Prozent auf 12,7 Millionen Euro. Händler bemängelten aber den Ausblick, und der SDax-Titel rutschte deutlich ab. "Auch wenn wir uns in einem schwieriger werdenden Umfeld bewegen, sind unsere Umsatzziele für 2007 noch zu schaffen", hatte Unternehmenschef Frank Thielert erklärt.

GfK solide
Deutlich aufwärts ging es für die GfK-Aktie. Das Marktforschungsunternehmen hat im dritten Quartal seinen Umsatz um sieben Prozent gesteigert. In gleichem Maße legte das operative Ergebnis zu - auf 39 Millionen Euro. Die Jahresprognose wurde bestätigt.

HCI verdient etwas weniger
Die Aktie von HCI Capital reagierte positiv auf die Neunmonatszahlen. Dabei hat der Der Hamburger Fondsanbieter in den ersten neun Monaten einen leichten Gewinnrückgang verzeichnet. Der Überschuss verringerte sich von Januar bis September um 0,3 Prozent auf 27,2 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) sank um gut 16 Prozent auf 28,5 Millionen. Im Vorjahreszeitraum war allerdings das Betriebsergebnis auch wegen Erträgen aus dem Zwischenhandel mit Schiffen besonders hoch ausgefallen.

Verbio haussiert
Außerhalb der Indizes fiel die Aktie von Verbio auf, die um bis zu 44 Prozent in die Höhe schoss. Zu dem Zahlenwerk des Unternehmens kamen Spekulationen, aus den Regierungsfraktionen gebe es Bestrebungen, die Beimischquote für Biokraftstoffe zu erhöhen. In den ersten neun Monaten setzte Verbio 307,1 Millionen Euro um. Das Betriebsergebnis vor Sondereinflüssen lag bei 6,8 Millionen, was einer Ebit-Marge von 2,2 Prozent entspricht. Auch die Aktie des Wettbewerbers Biopetrol haussierte mit einem Plus von bis zu 38,6 Prozent.

Rücker meldet Rekordgewinn
Dank wachsender Nachfrage aus der Autobranche hat der Ingenieurdienstleister Rücker seinen Umsatz in den ersten neun Monaten 2007 um 2,8 Prozent auf 124,4 Millionen Euro gesteigert. Im Geschäftsfeld Luftfahrt brach der Umsatz allerdings um gut 40 Prozent auf 23 Millionen Euro ein. Rücker begründete dies mit Projektverzögerungen. Der Überschuss kletterte um 18,5 Prozent auf den Rekordwert von 2,5 Millionen Euro.

Mifa-Zahlen helfen der Aktie
Die zuletzt gebeutelte Mifa-Aktie zeigte sich kräftig erholt. Die Mitteldeutsche Fahrradwerke AG meldete für die ersten neun Monate 2007 ein Umsatzplus von 34,7 Prozent auf 93,1 Millionen Euro. Bei 758.000 abgesetzten Fahrrädern verbuchte Mifa einen Neunmonatsüberschuss von 1,24 Millionen Euro, der um 28,5 Prozent über dem Vorjahresniveau lag.

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