Kräftige Kurswende

Detlev Landmesser

Stand: 29.07.2008, 20:31 Uhr

Am Dienstag waren die meisten Marktteilnehmer der Ansicht, die Folgen der Finanzkrise einschließlich einer schwachen Konjunktur seien bereits in den Kursen enthalten. Folglich ging es wieder aufwärts.

Die US-Börsen holten bis zum Abend einen Großteil ihrer Vortagesverluste wieder auf. Nachdem um 16:00 Uhr die Daten des Forschungsinstituts Conference Board zum US-Verbrauchervertrauen veröffentlicht worden waren, hatte der Dax sein Tagesminus egalisiert und war deutlich ins Plus gedreht. Der L-Dax schloss 1,7 Prozent höher bei 6.430,17 Punkten. Entgegen den Markterwartungen hatte sich der Verbrauchervertrauensindex für Juli von 51,0 auf 51,9 Punkte erholt.

Der US-Ölpreis leistete Unterstützung und fiel um etwa 2,50 Dollar auf derzeit 122,20 Dollar pro Barrel. Die kräftige Dollar-Erholung habe den Ölpreis nach unten gedrückt, sagten Händler.

Dass die Immobilienpreise in den 20 größten Ballungsgebieten der USA im Mai im zum siebzehnten Mal zurückgingen, störte nur wenige. Der so genannte Case-Shiller-Hauspreisindex fiel gegenüber April um 15,8 Prozent auf 168,54 Punkte.

Selbst die Notmaßnahmen von Merrill Lynch wurden von den Marktteilnehmern ins Positive gewendet. Die zu den größten Opfern der Finanzkrise zählende Investmentbank will sich mit einem Doppelschlag retten. Neben dem Notverkauf problematischer Wertpapiere plant Merrill Lynch eine riesige Kapitalerhöhung über 8,5 Milliarden Dollar. Wichtig dabei ist, dass Merrills inzwischen größter Aktionär, Singapurs Staatsfonds Temasek, seine Teilnahme zugesagt hat.

Die Technologietitel profitierten von den Quartalszahlen von Amgen. Der weltgrößte Biotechnologiekonzern hat nach einem überraschend gut verlaufenen zweiten Quartal seine Jahresprognosen angehoben.

Lufthansa trotzt widrigem Umfeld

Mit dem Xetra-Schluss legte die Lufthansa überraschend ihre Halbjahreszahlen vor. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen hält die größte deutsche Fluggesellschaft an ihrer Prognose für das Gesamtjahr fest. Das operative Ergebnis stieg im ersten Halbjahr um 45 Prozent auf 705 Millionen Euro und lag damit im Rahmen der Erwartungen von Analysten, die im Schnitt ein Ergebnis von 707 Millionen Euro erwartet hatten. Der Umsatz stieg deutlich auf 12,1 Milliarden Euro von 10,1 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum.

SAP für Ausblick gefeiert
Mit weitem Abstand führte die SAP-Aktie die Gewinnerliste im Dax an. Der weltgrößte Hersteller von Unternehmenssoftware hat im zweiten Quartal seinen Umsatz um 21 Prozent auf 2,06 Milliarden Euro und das Betriebsergebnis um zwei Prozent auf 593 Millionen Euro verbessert. Für den weiteren Jahresverlauf ist SAP optimistisch. Die Walldorfer rechnen damit, eher am oberen Rand der Erwartungen abzuschließen.

Fast drei Prozent gewann die Aktie von ThyssenKrupp. Die Stahltitel profitierten von den guten Zahlen von US Steel, sagten Händler. Der größte amerikanische Stahlkonzern hat die Gewinn- und Umsatzerwartungen mit seinem Quartalsbericht deutlich übertroffen,

Siemens bringt SEN unter
Siemens hat nach zwei Jahren Partnersuche eine Lösung für seine Telefonanlagensparte SEN gefunden. Der Technologiekonzern gibt die Mehrheit an den US-Finanzinvestor The Gores Group ab. Siemens und Gores gründen eine Gemeinschaftsfirma, an der der Münchener Konzern noch 49 Prozent halten wird, teilte Siemens mit. Die operative Führung liege bei den Amerikanern, die ihre Töchter Enterasys und SER Solutions einbringen. Beide Partner geben der gemeinsamen Tochter noch eine Geldspritze von jeweils 175 Millionen Euro. Siemens werde SEN zudem schuldenfrei übergeben, was im laufenden Quartal einen "erheblichen finanziellen Einfluss" auf die Konzernbilanz haben werde. Siemens-Finanzchef Joe Kaeser schloss nicht aus, dass der Verlust aus der Transaktion im hohen dreistelligen Millionenbereich liegen könnte.

Pfleiderer kürzt Jahresprognose
Nach Schluss des Parketthandels tat es Pfleiderer mehreren seiner MDax-Kollegen nach und kappte seine Jahresprognose. Die für 2008 gesteckten Ziele beim Umsatz von zwei Milliarden Euro und bei der Ebitda-Marge von 15 Prozent dürften um fünf bis 15 Prozent unterschritten werden, teilte der Bau- und Möbelzulieferer mit. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen werde aber das Niveau des Vorjahres übertreffen. Im ersten Halbjahr steigerte Pfleiderer den Umsatz um 3,5 Prozent auf 917 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank von 70 auf 55 Millionen Euro. Steigende Rohstoffpreise und eingeschränkte Spielräume für Preiserhöhungen hätten das Ergebnis belastet, teilte das Unternehmen weiter mit.

Krones wächst zweistellig
Auch die Quartalszahlen der anderen MDax-Konzerne lösten am Dienstag keine Begeisterung aus. Die Aktie von Krones verlor trotz einer sehr ordentlichen Halbjahresbilanz 6,5 Prozent. Der Hersteller von Getränkeabfüllanlagen hatte "nur" im Rahmen der Erwartungen abgeschnitten. Der Umsatz kletterte um 14 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro und der Gewinn um 31,1 Prozent auf 62,4 Millionen Euro.

Symrise vorsichtiger
Ebenso stark verlor die Symrise-Aktie. Der Duft- und Aromenhersteller hat im zweiten Quartal sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 51,2 Millionen Euro im Vorjahr auf 53,6 Millionen Euro verbessert. Der Umsatz wuchs von 330 auf 338 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr rechnet das MDax-Mitglied nun nur noch mit einem währungsbereinigten Plus beim Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) von sechs Prozent. Bislang lag das Ziel bei plus zehn Prozent.

Sorgen um Celesio-Zahlen
Die Aktie des Pharmagroßhändlers Celesio setzte ebenfalls ihren Abwärtstrend fort. "Die Befürchtungen hier drehen sich darum, wie schlecht das zweite Quartal ausgefallen sein könnte", sagte ein Analyst.

Auch die Aktie des Generikaherstellers Stada stand nach zaghaften Erholungsansätzen nach dem gestrigen Absturz weiter unter Druck. Der MDax-Titel verlor 3,1 Prozent auf 33,00 Euro und notierte damit so niedrig wie seit zwei Jahren nicht mehr.

IDS Scheer wächst gemächlich
Die IDS-Aktie sprang dagegen um über acht Prozent nach oben. Der IT-Dienstleister hat im zweiten Quartal einen leichten Umsatzanstieg um knapp drei Prozent auf 102,1 Millionen Euro verbucht. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) schrumpfte von 10,0 auf 7,7 Millionen Euro. Die Zahlen zum lägen "alles in allem leicht über den Erwartungen", sagte ein Marktbeobachter.

Leichter Gegenwind für Pfeiffer Vacuum
Pfeiffer Vacuum hat im zweiten Quartal einen leichten Umsatzanstieg um 5,6 Prozent auf 95,8 Millionen Euro verbuchen können. Das Betriebsergebnis legte um 5,4 Prozent auf 24,8 Millionen Euro zu. Der Auftragseingang ging von 55,2 Millionen Euro vor einem Jahr auf 48,7 Millionen Euro zurück. Damit enttäuschte der Vakuumpumpen-Hersteller die Analysten. Immerhin bestätigte das Unternehmen seine Gesamtjahresprognosen.

Morphosys hat Erfolg
Das Biotech-Unternehmen Morphosys hat im ersten Halbjahr seinen Gewinn deutlich nach oben geschraubt. Unter dem Strich blieben 6,3 Millionen Euro hängen nach 2,0 Millionen Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der Umsatz verbesserte sich von 28,6 auf 33,3 Millionen Euro.

Singulus heruntergestuft
Die Aktie des Spezialmaschinenbauers Singulus litt unter einer Verkaufsempfehlung von Cheuvreux. Die Analysten hatten eine Verkaufsempfehlung mit einem Kursziel von 3,50 Euro ausgesprochen.

DAB Bank enttäuscht
Die Direktbank DAB hat ihre Gewinnprognose für dieses Jahr gesenkt. "Da sich eine Erholung der Märkte bisher noch nicht abzeichnet, gehen wir auch für das Gesamtjahr von einem Ergebnis aus, das sich um das Niveau des Vorjahresergebnisses bewegt", sagte Vorstandsmitglied Alexander von Uslar. Im vergangenen Jahr hatte das Vorsteuerergebnis bei gut 45 Millionen Euro gelegen. Bisher hatte die DAB für 2008 mindestens 55 Millionen Euro angepeilt.

Sartorius beklagt schlechte Sicht
Die Sartorius-Vorzugsaktie verlor 8,8 Prozent. Der Laborausrüster wird in diesem Jahr nicht so gut abschneiden wie bisher gedacht. "Eine präzise quantitative Prognose ist aufgrund der aktuellen Unsicherheiten hinsichtlich des US-amerikanischen Biotechnologiemarktes sowie des konjunkturellen Umfelds derzeit nicht möglich", hieß es. Im ersten Halbjahr verbuchte das Unternehmen jeweils einen leichten Rückgang bei Umsatz, Auftragseingang und operativem Ergebnis.

Silicon Sensor erhöht Prognose
Der Spezialmikrochip-Hersteller Silicon Sensor war dagegen gefragt. Das Unternehmen rechnet trotz eines Gewinnrückgangs im ersten Halbjahr im Gesamtjahr mit einem höheren Umsatz als bisher in Aussicht gestellt.

Schwarzes Gold beflügelt BP
Europas zweitgrößter Ölkonzern BP hat trotz einer stagnierenden Förderung im zweiten Quartal deutlich mehr verdient als im Vorjahr. Der Nettogewinn stieg von 7,4 auf 9,5 Milliarden Dollar.

Durchsuchungen bei Wirecard-Kontrahent
Die Staatsanwaltschaft München hat Geschäfts- und Privaträume von Verantwortlichen der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) durchsuchen lassen. "Wir führen ein Ermittlungsverfahren wegen Insiderhandels und Marktmanipulation gegen Verantwortliche der SdK", sagte der Münchner Oberstaatsanwalt Anton Winkler zu dpa-AFX. Betroffen sei unter anderem der ehemalige Vizechef der Aktionärsvereinigung, Markus Straub.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat