Kräftige Kurserholung vor dem Schicksalstag

Stand: 28.06.2011, 20:02 Uhr

Die Hoffnung auf eine Zustimmung des griechischen Parlaments für das Sparpaket hat am Dienstag die Börsen beflügelt. Der Dax beendete seine viertägige Talfahrt und legte kräftig zu. Nur der trübe Ausblick von Siemens verhinderte noch eine stärkere Kurserholung.

Die Optimisten sind zurückgekehrt: Am Markt setzt sich die Zuversicht durch, dass Griechenland nun doch (vorerst) nicht in die Pleite schlittert und das Parlament das drakonische Sparpaket durchwinkt - trotz aller Straßenproteste. Noch am Montag hatte die Furcht vor einem Scheitern des Sparpakets und einer Pleite Griechenlands die Kurse gedrückt. Nach einigem Auf und Ab kletterte der Dax bis Xetra-Schluss um fast ein Prozent nach oben auf 7.170 Punkte. Im späten Parketthandel ging es nochmals 13 Pünktchen weiter nach oben - im Sog der stärkeren Wall Street. Dow und Nasdaq stiegen um über ein Prozent. Auch an den US-Börsen sorgte die Hoffnung auf eine Abwendung der Griechenland-Pleite für steigende Kurse.

Am Mittwoch entscheidet sich das (vorläufige) Schicksal Griechenlands. Für den frühen Nachmittag soll das Parlament über das Milliardenschwere Sparpaket abstimmen. Gibt es grünes Licht, können weitere Milliardenhilfen fließen. Andernfalls wäre das Land bis Mitte Juli zahlungsunfähig. Dessen ungeachtet setzen am Mittwoch die Gewerkschaften ihren Streik fort. Die am Abend zur neuen IWF-Chefin gewählte Französin Christine Lagarde rief die Griechen vor der entscheidenden Abstimmung zur Einigkeit auf. Sie forderte die griechische Opposition auf, sich in nationaler Einheit mit der derzeit regierenden Partei zusammenzuschließen.

Banken einigen sich auf Griechen-Hilfe

Indes rückt eine Beteiligung privater Gläubiger zur Lösung der griechischen Schuldenkrise in greifbare Nähe. Angeblich haben sich die deutschen Banken in der Debatte um Griechen-Hilfen geeinigt. Laut Finanzkreisen hätten sich Vertreter der Bankenverbände auf das französische Modell zur Lösung der Schuldenkrise verständigt. Die französischen Großbanken haben angeblich angeboten, den Großteil ihrer Hellas-Staatsanleihen in neue Bonds mit 30 Jahren Laufzeit zu tauschen.

China hat der Eurozone derweil weitere Unterstützung angeboten. "Wenn Europa Schwierigkeiten hat, strecken wir die helfende Hand aus", sagte der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao nach den ersten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in Berlin. China werde, wenn nötig, Staatsanleihen von Euro-Staaten in angemessener Menge kaufen.

Trichet deutet Zinserhöhung an
Der Euro kletterte auf bis fast 1,44 Dollar. Aussagen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet stützten die Gemeinschaftswährung. Der Franzose bekräftigte in einer Rede in Amsterdam, die Inflationsentwicklungen der Eurozone mit erhöhter Wachsamkeit zu verfolgen. Diese Formulierung signalisiert eine baldige Leitzins-Anhebung. "Es läuft alles auf einen weiteren Zinsschritt der EZB im Juli hinaus", meinte Gothaer-Volkswirt Frank Augstein.

Konsumklima in Deutschland gut, in USA schlecht

Als weitere Stütze für den Euro erwiesen sich neue Konjunkturdaten aus Deutschland. Trotz Schuldenkrise ist die Kauflaune der deutschen Verbraucher im Juli überraschend gestiegen. Das GfK-Konsumklimabarometer kletterte von 5,6 auf 5,7 Punkte. Fachleute hatten mit einem Rückgang des Barometers gerechnet. Das trieb die Konsumwerte an. Henkel legte über ein Prozent zu, die Aktien von Hugo Boss rund 1,6 Prozent.

Dagegen hat sich das Konsumklima in den USA deutlich eingetrübt. Der Index für das Verbrauchervertrauen sank von 61,7 Punkten im Mai auf 58,5 Zähler im Juni. Analysten hatten mit einem geringeren Rückgang gerechnet. Die Stimmung der Verbraucher ist enorm wichtig für die US-Wirtschaft. Die Konsumausgaben machen rund zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaftsleistung aus.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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10,23
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Banktitel erholen sich
Die Aussicht auf eine Rettung Griechenlands trieb europaweit die Kurse der Banken an. Die Commerzbank war mit einem Plus von 4,5 Prozent Dax-Spitzenreiter. Die Aktien der Deutschen Bank stiegen um 2,5 Prozent. Sie erholten sich von ihren starken gestrigen Kursverlusten. Händler hielten die Kursbewegungen von gestern und heute für übertrieben.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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142,22
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Autoaktien geben Vollgas
Ebenfalls heiß begehrt waren am Dienstag die Autowerte. VW stiegen um fast vier Prozent, Daimler und BMW um über zwei Prozent. Daimler gab am Mittag bekannt, in China seine Produktion auszubauen und zwei Milliarden Euro zu investieren. Ab 2013 werden die Schwaben gemeinsam mit Beijing Automotive (BAIC) schrittweise drei Kompaktwagen der Marke Mercedes montieren. Anlässlich des Staatsbesuchs von Chinas Ministerpräsident Wen unterzeichneten Daimler und Partner BAIC einen Rahmenvertrag.

Adidas: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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186,35
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-1,27%

Adidas in Top-Form
Lange Zeit führte die Adidas-Aktie die Gewinner-Liste an. Mit 53,78 Euro schloss der Titel knapp unter seinem Anfang Mai erreichten Rekordhoch. Der Sportartikelhersteller profitierte von überraschend guten Zahlen des US-Konkurrenten Nike. Dieser steigerte Umsatz und Gewinn zweistellig um 14 Prozent, die Nike-Aktien gewannen rund zehn Prozent.

Siemens sieht Gegenwind
Für Ernüchterung sorgte lediglich der Industriekonzern Siemens mit seinem Zwischenbericht zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2010/11. "Der Rückenwind der Krisenerholung ist nun wohl vorbei", erklärte Finanzchef Joe Kaeser am Dienstag. Künftig seien wieder stärkere Anstrengungen nötig, um weiter zuzulegen. Zwar habe es im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahrszeitraum noch deutliche Zuwächse gegeben, aber gegenüber dem Vorquartal seien die Raten niedriger. Die Aktie verlor über zwei Prozent und war Dax-Schlusslicht.

Optische Täuschung bei MAN
Mit Kursverlusten von fast zwei Prozent schloss die MAN-Aktie an zweitletzter Dax-Stelle. Tatsächlich war aber die Aktie im Plus. Nach der gestrigen Hauptversammlung wurde die Aktie mit einem Dividendenabschlag von 2,00 Euro gehandelt.

China fliegt auf Airbus-Flugzeuge
Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao hat bei seinem Besuch in Berlin Milliardenaufträge für die deutsche Wirtschaft mitgebracht. So wurde im Kanzleramt ein Großauftrag Chinas für über 88 Airbus-Flugzeuge des Typs A 320 unterzeichnet. Das beflügelte die Aktien von EADS. Sie stiegen um rund zwei Prozent und zählten zu den größten MDax-Gewinnern.

Springer-Aktie unter Druck
MDax-Schlusslicht waren die Axel-Springer-Aktien mit einem Minus von zwei Prozent. Sie sanken auf den tiefsten Stand seit Oktober 2010. Seit Jahresbeginn haben die Medientitel rund 20 Prozent an Wert eingebüßt. Laut einem Händler werde das Werbegeschäft im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum schwächer ausfallen. Am Mittwoch präsentiert der Springer-Finanzvorstand das Unternehmen auf einer Konferenz in London.

Fuchs macht Aktien billiger
Der Schmierstoff-Hersteller Fuchs Petrolub will seine Aktien optisch günstiger machen. Am Donnerstag soll ein Aktiensoplitt im Verhältnis eins zu drei erfolgen. Die Haupotversammlung hatte denb Splitt Mitte Mai beschlossen. Derzeit notieren die Aktien bei über 100 Euro.

Lenovo macht Medion-Aktionären Übernahmeangebot
Der Computer-Riese Lenovo hat am Dienstag ein offizielles Übernahmeangebot für Medion vorgelegt. Die Chinesen bieten wie gehabt 13 Euro je Aktie. Die Offerte läuft bis zum 1. August. Medion-Gründer Gerd Brachmann hat bereits zugesagt, einen Großteil seiner Anteile an Lenovo zu verkaufen. Insgesamt hält Brachmann 55 Prozent an Medion. Die Übernahme ruft auch Hedgefonds auf den Plan. Der US-Finanzinvestor Paul Singer von Elliott Asset Management hat sich mit sechs Prozent am Elektronikgroßhändler beteiligt.

Roth & Rau wird schweizerisch
Der Schweizer Solarkonzern Mayer Burger hat weitere Anteile am deutschen Wettbewerber Roth & Rau erworben. Nach dem Ende der weiteren Annahmefrist halte man nun 81,89 Prozent an Roth & Rau, teilte Meyer Burger mit. Erst vergangene Woche hatte die Firma die Mehrheit an dem TecDax-Unternehmen erworben. Nun dürfte Roth & Rau aus dem TecDax fallen. Als Aufstiegskandidat gilt Xing.

SHW verschiebt Börsengang
Der Autozulieferer SHW hat unterdessen seinen Börsengang um eine Woche verschoben - wegen der Griechenland-Krise. Die Zeichnungsfrist wurde bis zum 56. Juli verlängert. An der Preisspanne von 26 bis 29 Euro und am geplanten Volumen des IPO von bis zu fünf Millionen Aktien ändert sich nichts. Eigentlich sollten die SHW-Aktien am Donnerstag im Frankfurter Prime Standard notiert werden.

TomTom in der Sackgasse
Der Navigationsgerätehersteller TomTom hat wegen schwacher Geschäfte in den USA seine Jahresprognose zum zweiten Mal binnen drei Monaten gesenkt. Für 2011 erwartet die Firma nun einen Umsatz von 1,23 bis 1,29 Milliarden Euro, der Gewinn pro Aktie soll bei 0,30 Euro je Aktie liegen. Der Navi-Geräte-Hersteller kämpft mit der zunehmenden Konkurrenz von Smartphone-Anbietern. An der Börse brach die Tomtom-Aktie um rund 22 Prozent ein.

Microsoft setzt auf die Wolke
Der weltgrößte Software-Konzern schwebt derweil auf einer Wolke. Microsoft bietet künftig sein Office-Paket auch als Cloud-Dienst an. Mit dem Vorstoß in die Internet-Wolke erwidert Microsoft den Angriff von Google. Der Internet-Suchmaschinengigant hatte vor kurzem das Programmpaket Google-Apps angekündigt. Die Microsoft-Aktie stieg um über zwei Prozent.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 17. Juli

Unternehmen:
VW: Absatzzahlen Juni
Hella: vorläufige Zahlen Gj. 2017/18, 07:00 Uhr
DieboldNixdorf: Q4-Zahlen
CropEnergies: Hauptversammlung in Mannheim, ab 10:00 Uhr
Tomtom: Q2-Zahlen, 07:30 Uhr
Yara: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Rio Tinto: Q2 Operation Report
Goldman Sachs: Q2-Zahlen, 13:30 Uhr
Alstom: HV in Paris zum Zusammenschluss der Bahngeschäfte von Alstom und Siemens, 14:00 Uhr
Johnson & Johnson: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr
Telekom Austria: Q2 Trading Update, 18:00 Uhr
America Movil: Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
T-Mobile US: Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
EU: EZB-Wochenausweis, 15:00 Uhr
USA: Industrieproduktion im Juni, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Acea: Pkw-Neuzulassungen in Europa im Juni, 08:00 Uhr