Kontrollierte EZB-Offensive enttäuscht Investoren

Stand: 08.12.2011, 20:11 Uhr

Wie so oft haben die Anleger mehr erwartet: Die EZB senkt den Leitzins, öffnet den Sicherheitsrahmen für Offenmarktgeschäfte und kauft weiter Staatsanleihen - es reicht nicht. Der größte Wunsch bleibt unerfüllt und der Dax taucht ab.

Der deutsche Leitindex schloss mit einem Abschlag von zwei Prozent bei 5874,44 Punkten. Wie in den vergangenen Wochen bewegte sich der Markt in einer breiten Handelsspanne von rund 200 Punkten - die Nervosität der Anleger angesichts der Schuldenkrise ist ungebrochen. Der Late Dax büßte 2,4 Prozent auf 5.867,55 Punkte ein.

Zum Handelsschluss in Europa notierte der Dow Jones mit minus 1,3 Prozent bei 12.041,12 Zählern. Der EuroStoxx 50 fiel um 2,4 Prozent. In Paris rutschte der CAC 40 um 2,5 Prozent ab. Der britische FTSE 100 hielt sich mit 1,1 Prozent im Minus etwas besser.

EZB-Präsident Mario Draghi unternahm nicht genügend, um die Wunschliste der Investoren zu erfüllen: Zwar senkte die EZB den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf ein Prozent. Außerdem kündigte er weitere Notfallhilfen für das angeschlagene Bankensystem an. Draghi gab bekannt, dass der Sicherheitenrahmen für Offenmarktgeschäfte weiter gelockert wird und Refinanzierungsgeschäfte über einen extrem langen Zeitraum von 36 Monaten durchgeführt werden.

"Praktisch bodenlos"
Den Investoren missfiel indes, dass Draghi mitteilte, es gebe "keine zusätzlichen massiven Anleihekäufe". Danach sackte der Dax tief unter die 6.000 Punkte. Außerdem wies Draghi darauf hin, dass das Ankaufprogramm von Staatsanleihen nicht unendlich sei.

"Was die Anleger verschnupft, ist, dass die EZB die Hoffnungen auf eine aktivere Rolle bei den Staatsanleihenkäufen gedämpft hat. Da hatten einige offenbar auf stärkere Signale gesetzt", kommentierte Rainer Sartoris, Volkswirt bei HSBC Trinkaus.

Einer seiner Kollegen nutzte die Gelegenheit für eine dramatische Formulierung: "Eine Menge Leute - Aktien-, Anleihen- und Devisen-Anleger - hatten auf die EZB gezählt", ließ Brian Dolan, Chef-Stratege von Forex.com, wissen. "Die EZB hat dem Markt praktisch den Boden unter den Füßen weggezogen", lautete seine Einschätzung.

Vorweihnachtszeit ist Gipfelzeit
Für einen Spannungsbogen ist aber auch weiterhin gesorgt: Am Abend startet in Brüssel der zweitägige EU-Gipfel zur Krise im Euroraum. Frankreich und Deutschland wollen strengere Regeln zur Kontrolle der Haushaltsdisziplin durchsetzen, dürften jedoch auf Widerstand treffen.

Dort solle das verlorene Vertrauen internationaler Investorenkreise zurückgewonnen werden, beschreibt IG-Market-Fachmann Gregor Kuhn die Ziele des Treffens. Marktteilnehmer hoffen darauf, dass auf dem EU-Gipfel, der auch am Freitag noch andauert, durchschlagende Maßnahmen beschlossen werden, um der Schuldenkrise Herr zu werden. Bundeskanzlerin Angel Merkel (CDU) warnte unterdessen vor überzogenen Erwartungen.

Jetzt doch lieber in Verteidigungsposition
Die Dax-Gewinnerliste wurde immer dünner: Die als defensiv angesehenen Aktien von Fresenius, Merck und Fresenius Medical Care belegten die ersten drei Plätze im deutschen Leitindex.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,25
Differenz relativ
+3,40%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,22
Differenz relativ
+3,09%

Commerzbank verliert fast zweistellig
Die Titel der Commerzbank brachen um fast zehn Prozent und waren damit mit Abstand größter Verlierer im Dax. Auch europaweit hielten die Papiere die rote Laterne unter den Bankwerten. Händler hatten zunächst keine Erklärung für
den Kursrutsch. "Die Commerzbank-Aktie ist derzeit eben immer der Hund, der geprügelt wird", lautete eine anschauliche Einschätzung eines Marktteilnehmers. Die Ratingagentur Standard & Poor's hatte angekündigt, die Bonitätsnoten von Deutscher Bank, Commerzbank und zahlreichen weiteren europäischen Banken zu überprüfen. Deutsche Bank verloren mehr als vier Prozent.

Münchener Rück: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
186,55
Differenz relativ
+1,00%

Münchener Rück bestätigt Ausblick...
... geholfen hat es heute nichts: Die Aktie fiel nach frühen Aufschlägen wie die meisten zurück in die Verlustzone. Die Gesellschaft schätzt die Schäden aus der Flutkatastrophe in Thailand auf rund 500 Millionen Euro vor Steuern. Trotz dieser Belastung wurde der Ausblick für das laufende Jahr bestätigt. Danach will die Münchener Rück weiterhin ein positives Konzernergebnis erwirtschaften, die Dividende soll stabil bei 6,25 Euro belieben. Gleichzeitig erhöhen die Analysten der UBS ihre Empfehlung für die Aktie von "Halten" auf "Kaufen".

Henkel VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
104,25
Differenz relativ
+0,19%

Henkel muss büßen
Die französische Wettbewerbsbehörde hat Henkel wegen des Vorwurfs von Preisabsprachen eine Geldbuße von 92,3 Millionen Euro aufgebrummt. Die Behörde wirft Henkel und anderen Branchenriesen verbotene Preisabsprachen im Zeitraum zwischen 1997 und 2004 vor. Henkel will gegen die Entscheidung klagen. Der Ausblick für das laufenden Jahr sowie die Finanzziele 2012 blieben von der Entscheidung unberührt, teilte das Unternehmen mit. Die Aktie hält sich etwas besser als der Markt.

Bertrandt-Aktie unbeliebt
Die im SDax notierten Titel des Autozulieferers gaben nach. Dabei hat Bertrandt im abgelaufenen Geschäftsjahr 2010/11 vom globalen Autoboom profitiert. Der Umsatz stieg um 34 Prozent auf 576 Millionen Euro und das Betriebsergebnis um 37 Prozent auf gut 60 Millionen Euro. Die Dividende wird von 1,20 auf 1,70 Euro erhöht. An Bertrandt ist Porsche mit gut einem Viertel beteiligt.

Carl Zeiss Meditec stemmt sich gegen Negativtrend
Die Aktie des Medizintechnikunternehmens schloss mit einem Plus von mehr als einem Prozent. Der Umsatz stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr um zwölf Prozent auf 758 Millionen Euro und lag damit über den Erwartungen der Analysten. Das Ebit legte auf 103,6 nach zuvor 86,7 Millionen Euro zu. Carl Zeiss will eine Dividende von 30 Cents zahlen. Im Ausblick blieb das Management jedoch vorsichtig.

Verkauft Nokia seine Unternehmenstochter?
Der angeschlagene Handy-Weltmarktführer Nokia erwägt laut einem Pressebericht den Verkauf seiner britischen Luxushandy-Tochter Vertu. Dadurch könnte Nokia mehr als 500 Millionen Euro einnehmen, berichtet die "Financial Times" am Donnerstag und beruft sich auf Insider.

Tesco: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
2,63
Differenz relativ
-0,98%
Ceconomy ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
6,53
Differenz relativ
-2,68%

Schwere Zeiten für Tesco
Der britische Einzelhandelsriese Tesco bleibt am britischen Heimatmarkt unter Druck. Die Erlöse gingen im vierten Quartal in Folge um 0,9 Prozent zurück. Das Unternehmen leidet dabei vor allem unter der Zurückhaltung der Verbraucher als Folge des von der Regierung eingeschlagenen Sparkurs. In Großbritannien erwirtschaftet Tesco zwei Drittel des Umsatzes. Auch der deutsche Handelsriese Metro hatte zuletzt über schwächere Geschäfte berichtet, die Aktie liegt im Dax weit hinten.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"