Konjunkturhoffnung neu erwacht

Detlev Landmesser

Stand: 29.04.2009, 20:28 Uhr

"Schlimmer geht's nimmer", dachten die Anleger am Mittwoch mit Blick auf die Konjunktur - und kauften gerade deswegen. Der Dax machte seine Vortagesverluste wieder wett. Am Abend beflügelte die Fed die New Yorker Börsen.

Der L-Dax ging bei 4.707,22 Punkten aus dem Abendhandel. Kurz darauf bestätigte die amerikanische Notenbank wie erwartet ihre Leitzinsspanne von 0,0 bis 0,25 Prozent. Wichtiger war, dass die Fed in ihrem Begleitkommentar von ersten Anzeichen für eine Stabilisierung der Konjunktur sprach. Zwar sei die Wirtschaft noch weiter geschrumpft, das Tempo habe aber nachgelassen, teilten die Geldpolitiker mit.

Die Wall Street baute daraufhin ihre Tagesgewinne weiter aus. Schließlich war genau dieses Szenario bereits nach der heute vorgelegten Erstschätzung zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal gespielt worden. Mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 6,1 Prozent brach das BIP zwar noch stärker ein als von Volkswirten erwartet. Erfolgreich filterten die Marktteilnehmer aber ein positives Detail aus den Daten: So stiegen die Verbraucherausgaben unerwartet um 2,2 Prozent.

Zwar belegt der dritte Rückgang des BIP in Folge, wie tief Amerika in der Rezession steckt. Ulrich Wortberg von der Helaba sah darin aber "keine allzu große Überraschung". Die Marktteilnehmer richteten ihr Augenmerk vielmehr auf die Stimmungsindikatoren, die darauf schließen ließen, dass sich die Konjunktur im Verlauf der nächsten Monate stabilisiert.

Sechs US-Banken mit Kapitalbedarf?

Unterdessen wirft die nächste Woche anstehende Veröffentlichung der Banken-Stresstests in den USA weiter ihre Schatten voraus. Mindestens sechs der 19 größten Banken Amerikas brauchen frisches Kapital, will die Nachrichtenagentur Bloomberg erfahren haben. Als Kandidaten für eine weitere Kapitalspritze gelten bisher die Bank of America und die Citigroup.

Lufthansa legt überraschend Zahlen vor
Einen Tag früher als erwartet veröffentlichte die Lufthansa am Nachmittag ihre Quartalszahlen, die den Erholungskurs des Dax-Titels noch verstärkten. Der operative Verlust fiel mit 44 Millionen Euro nur halb so hoch aus wie erwartet. Der Umsatz schmolz von 5,6 auf 5,0 Milliarden Euro zusammen. Erneut bekräftigte die Lufthansa das Ziel, im Gesamtjahr ein "deutlich positives operatives Ergebnis" zu erzielen.

Siemens-Aktie gewinnt 8,2 Prozent
Bester Dax-Titel war das Index-Schwergewicht Siemens. Der Technologiekonzern hat im abgelaufenen Quartal zwar weniger umgesetzt und verdient, schnitt aber besser ab als von Analysten erwartet. Auch dass Siemens die Jahresgewinnprognose nach unten korrigierte, war allgemein erwartet worden.

Allianz-Ergebnis durchgewunken
Auch die vorläufigen Quartalszahlen der Allianz, die der Finanzkonzern anlässlich seiner Hauptversammlung veröffentlichte, kamen gut an. Der Umsatz stieg demnach leicht auf 27,7 Milliarden Euro, das operative Ergebnis brach, auch unter der Last der Dresdner Bank, um 40 Prozent ein. Die Kritik der Aktionärsvertreter am gescheiterten Abenteuer mit der Großbank hielt die Anleger heute nicht vom Kaufen ab.

Bayer und SAP in Ungnade
Unverkennbar enttäuscht zeigten sich die Anleger von den Quartalsausweisen des Pharma- und Chemieriesen Bayer und des Softwarekonzerns SAP. Beide meldeten deutliche Rückgänge bei Umsatz und Ergebnis. Dass Bayer bald bessere Zeiten erwartet, half der Aktie nicht. Sie notierte mit einem Minus von 3,3 Prozent am Dax-Ende.

Vossloh krisenresistent
Acht Prozent gewann die Vossloh-Aktie im MDax. Der Bahntechnikkonzern hat das erste Quartal mit mehr Umsatz und Gewinn beendet. Zudem bekräftigte Vossloh seine Jahresziele eines Umsatzes von knapp 1,3 Milliarden und eines Gewinns von 86 Millionen Euro.

Conti blickt nach vorn
Auch die Conti-Aktie legte erheblich zu, obwohl der Autozulieferer im ersten Quartal einen herben Rückschlag hinnehmen musste. Der Umsatz brach um ein Drittel auf 4,3 Milliarden Euro ein, das Ergebnis vor Zinsen und Steuern betrug minus 165 Millionen Euro. Immerhin rechnet Continental mit einer deutlichen Belebung des Geschäfts.

Stühlerücken bei Medigene
Am späten Nachmittag rutschte die Medigene-Aktie ins Minus. Überraschend gab das Biotech-Unternehmen einen Wachwechsel bekannt: Mitgründer Peter Heinrich habe sein Amt als Vorstandschef mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Über die Gründe sei Stillschweigen vereinbart worden, sagte eine Sprecherin des TecDax-Unternehmens. Heinrichs Nachfolger ist das Vorstandsmitglied Frank Mathias.

Conergy-Aktie kräftig erholt
Mit einem Kurssprung von 28,8 Prozent reagierte die Conergy-Aktie auf zuversichtliche Aussagen des Vorstandschefs Dieter Ammer. Der defizitäre Solarkonzern setzt seine Hoffnungen auf eine Markterholung in absehbarer Zeit. "Alle Konjunkturpakete, die derzeit verabschiedet werden, haben eine Öko-Komponente", sagte Ammer der Nachrichtenagentur Reuters.

Interseroh rutscht in Verlustzone
Die Aktionäre von Interseroh müssen sich auf eine Verlust-Phase einstellen. Der Vorstand rechne "mit einem negativen Ergebnis in oberer einstelliger Millionenhöhe", teilte der Rohstoff- und Recyclingkonzern mit. Hauptgrund dafür sei der niedrige Absatz an den Stahlschrottmärkten. Genaue Zahlen will das zum Berliner Entsorgungskonzern Alba gehörende Unternehmen Anfang Mai vorlegen.

Hawesko verkauft weniger Wein
Auch der Hamburger Weinhändler Hawesko spürt die Krise. In den ersten drei Monaten sei der Umsatz um rund zehn Prozent zurückgegangen, erklärte der Vorstandsvorsitzende Alexander Margaritoff. "Feten, Bankette und Großveranstaltungen passen einfach nicht in die heutige Krisenlandschaft", sagte der Manager.

HepaHope erlöst mehr als erhofft
Eigentlich ist HepaHope ein "kleiner Fisch", doch da das kalifornische Biotech-Unternehmen der erste Börsengang in Deutschland seit Juni 2008 ist, findet der Kandidat viel Beachtung. Das Zeichnungsangebot habe einen Bruttoerlös von 12,6 Millionen Dollar (9,5 Millionen Euro) erbracht, und damit mehr als die ursprünglich angestrebten mindestens acht Millionen Dollar, teilte HepaHope am Mittwoch mit. Morgen soll das Papier in Frankfurt erstmals gehandelt werden.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr