Kollektives Aufatmen an der Börse

Detlev Landmesser

Stand: 14.01.2008, 20:29 Uhr

Richtig erleichtert reagierten die Anleger dies- und jenseits des Atlantiks auf die Quartalszahlen wichtiger Konzerne. In Deutschland machte vor allem SAP Furore.

Der L-Dax schloss immerhin 0,5 Prozent höher bei 7.727,61 Punkten. An der Wall Street lagen die Kurse bis zum Abend komfortabel im Plus, was nicht zuletzt dem Dow-Schwergewicht IBM zu verdanken war. Nach vorläufigen Zahlen steigerte "Big Blue" den Gewinn im vierten Quartal um 24 Prozent auf 2,80 Dollar je Aktie. Der Umsatz kletterte um zehn Prozent auf 28,9 Milliarden Dollar. Beide Werte übertrafen die Analystenschätzungen deutlich.

Neue Meldungen von der Krisenfront gab es allerdings auch: Die Aktie von Sears Holding brach in New York zeitweise um mehr als zehn Prozent ein. Der US-Einzelhandelsriese hatte erklärt, die Umsätze seien während der Weihnachtszeit wegen des starken Wettbewerbs und der Hypothekenkrise um 3,5 Prozent zurückgegangen.

Auch um die Citigroup rankten sich neue Spekulationen. Die größte US-Bank könnte bis zu 24 Milliarden Dollar abschreiben und 20.000 Mitarbeiter entlassen, berichtete der Wirtschaftssender CNBC. Die Citigroup werde dies morgen bei der Vorlage ihrer Quartalsbilanz ankündigen. Bisher waren Analysten von einem Abschreibungsbedarf von etwa 19 Milliarden Dollar ausgegangen.

SAP behält Wachstumskurs bei

Wie so oft, preschte SAP am Nachmittag überraschend mit seinen vorläufigen Quartalszahlen hervor. Die Aktie schnellte daraufhin um bis zu sechs Prozent nach oben. Händler zeigten sich erfreut über die Entwicklung der Lizenzumsätze, die im vierten Quartal um 14 Prozent auf 1,41 Milliarden Euro zulegten. Analysten waren im Schnitt von 1,37 Milliarden Euro ausgegangen. Den Gesamtumsatz steigerte SAP um zehn Prozent auf 3,25 Milliarden Euro. Im Gesamtjahr verbuchte SAP einen Lizenzumsatz von 3,4 (2006: 3,0) Milliarden Euro und einen Gesamtumsatz von 10,3 (9,4) Milliarden Euro. Die operative Marge verringerte sich auf 26,5 (27,3) Prozent, was SAP mit Investitionen in das Mittelstandsgeschäft begründete. Sie lag damit aber im Rahmen der Erwartungen.

Deutsche Börse für Umzug gelobt
Noch besser schnitt in der Xetra-Schlussauktion Aktie der Deutschen Börse ab und eroberte den Spitzenplatz im Dax zurück. Die Analysten der Credit Suisse erhöhten das Kursziel von 140 auf 155 Euro, das Rating lautet jetzt "Outperform". Da mit der Verlagerung von Büros vom Frankfurter Stadtteil Hausen ins benachbarte Eschborn massiv Gewerbesteuern gespart werden, setzten auch andere Analysehäuser am Montag ihre Kursziele für den Frankfurter Börsenbetreiber herauf.

Infineon für VW-Auftrag gefeiert
Die Infineon-Aktie gewann 2,5 Prozent. Der Halbleiterhersteller hat Volkswagen als Großkunden für einen neuen Mikrochip gewonnen. Der Autobauer werde den erst jüngst entwickelten Mikrocontroller ab 2009 in Fahrzeugen auf Basis der Golf-Plattform einsetzen, teilte Infineon mit. Infineon beliefert bislang Volkswagen vorwiegend mit Halbleitern zur Motorsteuerung. Der neue Auftrag sei der erste im Bereich Fahrzeuginnenraum bei den Wolfsburgern.

Merck verliert an Gunst
Schwächster Dax-Titel war die Merck KGaA. Goldman Sachs hat die Aktie des Pharma- und Spezialchemiekonzerns von seiner "Buy"-List genommen und bewertet die Titel nunmehr mit "Neutral". Auch das Kursziel nahmen die Analysten von 107 auf 101 Euro herunter.

Autokonzerne machen gut Wetter
Die meisten Autowerte reihten sich in die Gewinnerliste ein. Auf der US-Automesse in Detroit äußerten sich die deutschen Autokonzerne zuversichtlich für ihr Geschäft. Volkswagen lieferte 2007 weltweit 6,2 Millionen Autos aus, ein Plus von acht Prozent und ein neuer Absatzrekord. Bis 2018 will der Konzern den Absatz auf dem wichtigen US-Markt verdreifachen.

Auch Daimler rechnet mit einem weiteren Absatzrekord. Konzernchef Dieter Zetsche sagte in Detroit, Daimler habe in den USA seinen 14. Verkaufsrekord in Folge erzielt. Mindestens so viele Autos wie 2007 will auch BMW in diesem Jahr in den USA verkaufen. Der Münchener Autobauer verbuchte 2007 ebenfalls einen Absatzrekord, mit 1,5 Millionen verkauften Pkw weltweit.

Neue Umstrukturierungsfantasie bei Tui
Tui plant offenbar einen radikalen Umbau: Vorstandschef Michael Frenzel will nach Informationen der "Financial Times Deutschland" die Schifffahrtstochter Hapag-Lloyd als eigenständige Aktiengesellschaft auflösen und den Konzernsitz von Hannover komplett an den bisherigen Hapag-Lloyd-Sitz Hamburg verlegen.

BASF keine AG mehr
Die BASF AG ist Geschichte: Seit Montag firmiert der weltgrößte Chemiekonzern offiziell als Europäische Gesellschaft. Nach einer knapp einjährigen Umwandlungsphase wurde die BASF SE (Societas Europaea) in das Handelsregister eingetragen, teilte der weltgrößte Chemiekonzern mit. Aus Deutschland haben vor BASF unter anderem die Allianz und Fresenius zur SE umfirmiert.

Spekulationen um IVG
Im MDax gewann die IVG-Aktie fast sieben Prozent. Händler verwiesen auf Gerüchte, das US-Immobilienunternehmen CB Richard Ellis wolle für IVG bieten. Ein anderer Börsianer verwies auf eine Vermutung als Antrieb, wonach die UBS die Titel mit "Buy" bewertet und ein Kursziel von 42 Euro berechnet habe.

Pfleiderer schasst Finanzchef
Die Pfleiderer-Aktie fiel im Parketthandel wieder etwas zurück. Nach dem Xetra-Schluss meldete der Holzverarbeiter ohne Angabe von Gründen, sich mit sofortiger Wirkung von seinem Finanzvorstand Derrick Noe getrennt zu haben. Ein Nachfolger stehe noch nicht fest.

54,2 Millionen Gäste für Fraport
Der Flughafenbetreiber Fraport hat 2007 an seinem Heimatflughafen Frankfurt 54,2 Millionen Fluggäste abgefertigt. Das waren 2,5 Prozent mehr als im Jahr 2006. Fraport hatte zuvor mit einem Zuwachs von zwei Prozent gerechnet. An allen sechs Fraport-Flughäfen weltweit erhöhte sich das Fluggastaufkommen um 5,5 Prozent auf 75,6 Millionen Passagiere.

Swiss Life legt AWD-Angebot vor
Der Schweizer Versicherer Swiss Life hat sein Angebot für den Finanzdienstleister AWD veröffentlicht. Demnach bietet der Konzern wie bereits bekannt 30 Euro je AWD-Aktie. Die Annahmefrist startet heute und endet am 22. Februar. Auch die MLP-Aktie profitierte von den Spekulationen um eine Konsolidierung der Branche.

Solarworld über Plan
Zuversichtliche Daten kamen von der Solarbranche. Der Bundesverband Solarwirtschaft erwartet, dass der Markt 2008 zweistellig wächst und setzt dabei besonders auf den Export. Nach Angaben des Verbands steigerten die deutschen Hersteller ihren Umsatz 2007 um 23 Prozent auf 5,5 Milliarden Euro.

Der Deutsche Branchenprimus Solarworld legte am Nachmittag nach: Sein Unternehmen habe die Geschäftsziele für 2007 übertroffen, sagte Solarword-Chef Frank Asbeck der Nachrichtenagentur Reuters. Zuvor hatte sich der wie erwartet von der Mehrheit an der schwedischen Tochter Gällivare (GPV) getrennt. 65 Prozent der Anteile seien an die schwedische Borevind AB verkauft worden. Beim Börsengang von GPV ivoraussichtlich im zweiten Halbjahr 2008, bei dem Solarworld weitere Anteile verkaufen will, hält Asbeck einen dreistelligen Millionenerlös für möglich.

UI-Sperrminorität setzt Versatel-Aktie zu
Nach dem Scheitern der Übernahmeverhandlungen mit Freenet nimmt United Internet nun den Netzbetreiber Versatel verstärkt ins Visier. Zwei Monate nach dem Einstieg bei Versatel stockte die Nummer zwei im deutschen DSL-Markt ihre Beteiligung um fünf Prozent auf eine Sperrminorität von 25 Prozent auf. Eine weitere Erhöhung behält sich United Internet vor. Die Versatel-Aktie verlor über 13 Prozent; Marktteilnehmer zeigten sich enttäuscht, dass UI den Anteil günstiger bekommen hatte als gedacht.

Befreiungsschlag für Vivacon
Über 16 Prozent gewann die Aktie von Vivacon im SDax. Die Kölner Immobilienfirma hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn verbucht. Das SDax-Unternehmen teilte mit, nach ersten Berechnungen werde der Konzerngewinn zwischen 54 und 58 Millionen Euro liegen. 2006 hatte Vivacon noch 46 Millionen Euro Gewinn verbucht. Für 2008 kündigte der Vorstand einen weiteren Anstieg auf über 60 Millionen Euro an.

CropEnergies wächst kräftig
Der Bioethanolhersteller CropEnergies hat in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres sein Ergebnis deutlich verbessert. Der Umsatz kletterte um fast 30 Prozent auf 125,7 Millionen Euro, das operative Ergebnis erhöhte sich um 34 Prozent auf 17,4 Millionen Euro. Die operative Marge verbesserte sich leicht auf 13,8 Prozent. Im gesamten Geschäftsjahr 2007/08 will CropEnergies den Umsatz auf 175 Millionen Euro steigern.

Systaic haussiert
Der Solarkonzern Systaic hat im vergangenen Jahr Umsatz und operatives Ergebnis kräftig erhöht. Der Erlös stieg um 26,2 Millionen auf 30,7 Millionen Euro, das operative Ergebnis soll trotz hoher Ausgaben für den Börsengang auf drei Millionen Euro klettern. Für 2008 erhöhte der Konzern seine Umsatzprognose auf 225 Millionen Euro. Wegen der erfolgreichen Geschäftsentwicklung will Systaic im Laufe des Jahres in den Geregelten Markt wechseln. Die Aktie reagierte auf die hervorragende Bilanz mit einem Kurssprung von bis zu 29,3 Prozent.

Utimaco meldet Rekordumsatz
Nach Vorlage vorläufiger Zahlen zum abgelaufenen Quartal setzten bei der Aktie von Utimaco Safeware Gewinnmitnahmen ein, nachdem der Titel sich in den vergangenen Wochen kräftig erholt hatte. Der Umsatz im zweiten Geschäftsquartal (bis Ende Dezember) sei um rund 23 Prozent auf einen Rekordwert von etwa 18,5 Millionen Euro gestiegen, teilte der Hersteller von Datensicherheitslösungen mit. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) werde etwa 6,0 Millionen Euro nach 5,3 Millionen vor Jahresfrist erreichen.

Ceotronics wächst zweistellig
Auch Ceotronics meldete einen Rekordumsatz. Mit 10,57 Millionen Euro sei der Umsatz im ersten Geschäftshalbjahr um 13,3 Prozent gestiegen, teilte der Anbieter von mobilen Funknetzen mit. Der Halbjahresgewinn habe um 36 Prozent auf 974.000 Euro zugelegt. Für dasGeschäftsjahr 2007/08 stellte CeoTronics einen Umsatz von rund 21 Millionen Euro und einen Jahresüberschuss von rund 1,7 Millionen Euro in Aussicht.

Helma auf historischem Tief
Die Aktie von Helma Eigenheimbau driftete ohne neue Nachrichten vorübergehend erstmals unter die Marke von 5,00 Euro. Im Dezember hatte der Finanzvorstand des Fertighausanbieters seinen Hut genommen und Unternehmensgründer Karl-Heinz Maerzke als Alleinvorstand dessen Aufgaben übernommen.

November AG kräftig erholt
Die angeschlagene November AG fiel dagegen erneut durch zweistellige Kursgewinne auf, ohne dass es greifbare Neuigkeiten gegeben hätte. Im Dezember hatte das Biotech-Unternehmen abermals Insolvenz angemeldet, nachdem ein vorheriges Insolvenzverfahren im vergangenen Mai aufgehoben werden konnte.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"